Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 205 (15.6.1959)
- Date
- 1959-06-15
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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15. Juni 1959. DAS ECHO 5. Briefe Herausgeber Am 29. Mai 1959 ging folgendes Schreiben bei uns ein, welches wir im Origanal wiedergeben: Sehr geehrter Herr Stargardt! Wie "DIE ANDERE ZEITUNG", Hamburg, in ihrer Ausgabe Nr. 17 vom 22 April 1959 berichtet, schrieben Sie am 18. Febr.ds. Jhs. in der von Ihnen herausgegebenen Hcülbmonatszeitschrift “DAS ECHO": "Die deutsche Staaisleitung buhlt um jede Waehlerstimme, sie hat Angst davor, durch ein wirklich hartes und rücksichtsloses Zugreifen in das Nazi-Nest an Popularitaet zu verlieren. Viele deutsche verantwortliche Persoenlichkeiten tragen zwei Gesichter: das eine weist die Nazis zurück, mit dem anderen winkt man den Nazis freundlich zu. Diese wenig charaktervolle Politik muss in das Chaos führen". "DIE ANDERE ZEITUNG" kommentiert dieses Zitat: "Es scheint, dass man von Bolivien aus die Situation in Westdeutschland klarer sieht, als sie in den Zeitungen Westdeutschlands gesehen wird. Oder liegt es daran, dass man in La Paz freier darueber reden kann als in Bonn, Hamburg oder München?" Sehr geehrter Herr Stargardt! Es liegt mir fern, die durch Sie getroffene .Feststellung abzuschwaechen, besonders da ich mit Ihnen bezüglich des zu erwartenden Chaos uebereinstimme, wenn die Politik der Regierungskcalition in Westdeutschland ihre Fortsetzung findet. Doch scheint es mir unerlcresslich auf folgendes hinzuweisen: ein hartes und ruecksichtsloses Zugreifen gegenüber der wiedererstanden Nazi-Pest ist durch die Bonner Regierung allein schon deshalb nicht zu erwarten, da die Triebkraefte dieser Politik, deren Stützen und Funktionsgehilfen, im Grunde genommen /durchsetzt sind mit den .Interpreten eines ."Herrenmenschentums", "Blut-und BodentheOrien", "Neuordnung Europas unter Deutschlands Führung". Aus der Reihe zahlreicher •Namen seien hier lediglich Globke, Bräutigam, Oberlaender, Schroeder zitiert, eine Betrachtung des Staatsmechanismus -zeigt, dass das Aüswaertige Amt, die Justiz, die Führung der Bundeswehr, einst Vollzugsgehi'lfen des Nazi-Unrechtsstaates, heute die ungehinderte Verfolgung ajfter und bekannter Ziele betreiben bezw. begünstigen. Rassenhass und Voelkerhetze sind keinerlei Schranken gesetzt, Eroberungsplaene koennen ungehindert verfolgt werden, alles in allem, die 1945 gescheiterte Machtkombination vermag ihr damals unterbrochenes Wirken fortzusetzen, die damit verbundene Gefaehrdung des Friedens wird im übrigen mit derselben Augumentation betrieben, ncJemlich dem Frieden zu dienen! Friedensliebende und verstaendigungsbereite Menschen und gesellschaftliche Gruppierungen aber sind den gleichen Verfolgungen cfiusgesetzt wie ehedem. Sicher haben Sie noch in Erinnerung — gerade auf diesen Umstand moechte ich Sie hinweisen — dass am 3. Maerz 1959 in Nordrhein-Westfalen u.a. Organisationen das "Friedenskomitee", die "Bewegung für gesofmtdeutsche Verstaendigung", als "verfassungswidrig" und "kommunistenverdaechtigt" aufgeloest und verboten worden waren. Diese Polizeimassnahmen sprechen eine deutliche Sprache und lassen erkennen, -dass nicht allein das Buhlen um die Waehlerstimme, die Praxis der derzeitigen Regierungsmehrheit verkoerpert. Im Grunde genommen winkt man den Nazis also nicht nur freundlich zu, vielmehr ist man bemüht, •das 1945 gewaltsam unterbrochene Wirken der nur negativen Kraefte des deutschen Volkes fc-rtzusetzen. Ich habe meinem Brief deshalb einige Abschriften beigelegt, sie befassen sich mit den Zielsetzungen, dem Streben des "Friedenskomitee der Bundesrepublik" und enthalten dasselbe Material, das ich — gegen die Polizeimassnahmen vom 3.3.59 protestierend —- dem stellv. UNO- Generalsekretaer in Genf zugeleitet habe. Sie finden dabei auch eine Rede des zwischenzeitlich amtsenthobenen Prof. Dr. Hagemann auf die ich nicht besonders hinzuweisen brauche, ihr Inhalt spricht für sich selbst. Schliessen moechte ich meine Zeilen mit einer Erinnerung an Deutschlands unrühmliche Vergangenheit, die im Begriff ist ihre Wiederauferstehung zu feiern: Als sich 1945 die Tore der deutschen Konzentrationslager für gequaelte und geschundene Ueberlebende aller europaeischen Vcdlker oeffneten, begann ein grosses Abschiednehmen der ehemaligen KZ-Haeltlinge, war es doch das Andere Deutschland, das sich waehrend dieser Leidenszeit in Freundschaft mit den Verfolgten aller Laender gefunden hatte. In einer solchen Stunde fragte ein deutscher Haeftling seinen franzoesischen Freund, -welcher deutsche Wesenszug ihn am meisten beeindruckt habe, den er als unvergaengliche Erinnerung mit in seine Heimat nehmen würde. Der Franzose zoegerte mit der Antwort, als muesse er sich diese genau ueberlegen. Waehrend die Deutschen damit rechneten, dass nun die Brutalitcjet als der Wesenszug der Deutschen genannt werden würde, was angesichts des Mordens der SS verstaendlich erschien, antwortete der Franzose : die Heuchelei! Sehr geehrter Herr Stargardt! Bitte denken Sie daran, wenn draussen von Deutschland d.h. dem Westen Deutschlands die Rede ist, die Politik der Bundesregierung im Spiel der Kritik erscheint. Mein Brief, es ist der eines Arbeiters der nicht gewillt ist tatenlos e.r..ei Wiederholung der Vergangenheit gegenübe;/.ustchen, soll mit der Bitte schliessen: helfen S i e mit, dass die Verstaendigung der Voelker an Boden gewinnt! Sie allein kann den Untergang der Menschheit verhindern. Vor der Alternative Krieg oder Frieden stehen wir alle, gleichgültig in welchem Land wir auch leben. Entscheiden wir uns für den Frieden! Betrachten Sie also auch weiterhin alles Geschehen in und um die Bundesrepublik so kritisch wie bisher. Mit freundlichen Grüssen (gez.:) Toni Mcrier. Ubbedissen über Bielefeld 2 Steinstrasse 159, den 25. April 1959. Zu den kompromittierenden Erscheinungen unserer Zivilisation, gehoert das immerwaehrende Aufflackern von Rassismus, von Verfolgungen von Farbigen. ‘n der Demokratie USA ist es heute noch üblich, das “vornehme” Hotels und Restaurants, Fanigen den Eintritt verwehren, ln Schulen und sogen. “Kuilturinstituten” treibt man eifrige Propaganda, für das Recht der Weissen Rasse; Nigger und andere Farbige sind nur “auch” Menschen, die aber nicht vollwertig sind und eigentlich in die Reservation gehören. Nicht nur aus den USA sondern ebenso aus England. (London Notting Hill), ,aus Frankreich u.a. Weltteilen hoert man im zunehmendem Masse in dieser Beziehung Unerfreuliches. Aber alt diese weisse Kulturschande wird tief in den Schatten gestellt, durch die rassiche Diskriminierung der Urbevoeflkerung der Südafrikanischen Union (Union of South Africa) durch der Regierung. In der Südafrikanischen Union leben heute ungefaehr Zweidrittel Neger und ein knappes Drittel Weisse. Die Schwarzen haben sich ausgezeichnet organisiert, sie wur- BLICK IN DIE ZEIT: Die ewige Rassenfrage den militant, haben sich geistig und moralisch sehr entwickelt und bieten eine geschlossene Front gegen die ihnen feindliche Regierung. Das Apartheit-Gesetz konnte nicht verhindern, dass immer mehr Neger sich in den Gross-Staedten ansiedelten; so wuchs z.B. die schwarze Bevoelkerung von Johnnesburg in der Zeit von 2951 bis 1958 um 24 %, auf 576000, wogegen nur 398.000 Weisse in Johnnesburg leben. Eine wissenschaftliche Berechnung sagt aus, dass bereits im Jahre 2000 im Suedafrikanischen Gebiet 17 Millionen Neger weite Strecken der Union besiedeln würden, wogegen das Haeufchen der Weissen auf (maximal) 6 Millionen reduziert sein würde. Mit asozialen, inhumanen Massnahmen versucht nun die Regierung der 'Südafrikanischen Union ihre Urbevoelkerung weitgehendst zu entrechten und peinigen. Die Gesetzgebung ist Zweigeteilt: die eine für den “Herrenmenschen”, die andere für das1 “Schwarze Tier”. Dieser Regierungsdruck auf die Massen erzeugt selbstverstaendlich Gegendruck, Hass flammt gegen Hass, Sabotage und Rebellionen gehoeren heute bereits nicht mehr zu Ausnahmeerscheinungen. Es ist die Mathematik von lxl, das die Weissen Herrscher abtreten müssen, allein fraglich ist nur noch die Form: durch Revolution (also Vertreibung oder durch freiwillige Dimission. ln jedem Falle ist die Kapitulation unvermeidlich. Afrika steht aber auch im Interesse der Arabischen Politik. Von Kairo her und andern arabischen Zentren wird der iRebeKlionsgeist der Schwarzen gegen die Weissen geschürt. Was von den Arabischen Nationen her geschieht, hat wenig mit Altruismus zu tun, es ist vielmehr der Wunsch einen unüberbrückbaren Keil zwischen Orient und Okzident zu treiben. Es ist kein Zeichen von besonderer Intelligenz, und schon garnicht von Humanismus, dass die Regierung der Südafrikanischen Union nicht erkennt, was die Zeitstunde geschlagen hat, und es ist tragisch, dass es heute noch moeglich ist, dass eine Minderheit dauernd einen riesigen Völksteit knechten kann. Weit klüger waere es und lebensverlaengernd für die Administration der Weissen in der Union, wenn man die farbige Intelligenz in Aemter setzen und zu Würden erheben würde. Nicht die Peitsche kann die Zukunft haben, sondern der gütige Menschenverstand, Psychologie und sozialistische Politik. Die Weissen Herren aber sausen in rasender Fahrt in den Abgrund der “Weissen Herrlichkeit”. Künftige Geschichtsforscher werden diese Politik der Weissen gegenüber den Farbigen Voelkern, schlicht und einfach als “Politik des Unverstandes” bezeichnen, Curt Ludwig. ■*s.v