Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 202 (13.5.1959)
- Date
- 1959-05-13
- Page
- [Seite 11] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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13, Mai 1959. “DAS ECHO“ 11. Zentren von Israel 4 t ums ■ ia.1 IBS- T E L A V I V :! Was Tel Aviv von den anderen j Staedten Israels unterscheidet, ist das geradezu amerikanische Tempo des Lebens und des Wachstums. “Tempo” ist hier Parole — allüberall. Als vor genau 50 Jahren der selige Meir Dizengoff mit einigen jüdischen Familien aus Jaffa in die benachbarten Sanddünen hinauszog und eine Siedlung gründete, die aus einer Reihe primitiver Holz- und Lehmhütten bestand, da ahnte er kaum, dass auf diesen Sanddünen die erste rein jüdische Stadt entstehen würde mit dem stolzen Namen der Herzischen Vision: “Tel Aviv” — “Hügel des Frühlings”. Es war wie ein Weck- und Mahnrruf für eine ferne Zukunft. Heute noch ragen die Reste dieser primitiven Holzhütten an der Peripherie der prachtvollen Dizengoffstrasse und heute noch wandeln die Gründer Tel Avivs als lebende Zeugen eines heroischen Pioniertums und bestaunen ihr eingenes Denkmal aus Bronze, das ihnen die dankbaren Nachkommen am Rothschild-Boulevard widmeten. Dieses Wachstum ist auch aus trockenen Zahlen ersichtlich: Im Jahre 1909 waren es kaum 50 Dunam, im Jahre 1948 waren es 25000 Dunam, die diese Stadt umfasste. Heute sind es 51000. Im Jahre 1932 waren es 40000 Einwohner, im Jahre 1948 200 000 und heute reicht die Einwohnerschaft an die halbe Millionen Menschen, die an diesem Gestade des Mittelmeeres ihr Heim aufschlugen. In der gleichen Zeitspanne wuchs das Jahresbudget der Stadtverwaltung von 25 000 Pfund über 5 Millionen im Jahre 1932 bis zu 47 Millionen des letzten Jahres. ln Gegensatz zu Jerusalem spiegelt sich der Alltag dieser Stadt vornehmlich im Strassenbild ab. Die prachtvollen Wohn- und Geschaeftshaeuser und der eben im Bau befindliche Wolkenkratzer weisen keinen eigenartigen Baustil auf. Abseits von Geschichte und Tradition ist es lediglich der brodelnde Atem der Menschenmasse, die dieser Stadt den spezifischen Charakter verleiht. Hier wird der Orient von einer vorwaertsstrebenden neuen Generation vollstaendig verdraengt. Tag und Nacht waeizt sich durch die Hauptstrassen und an den Samstagen auch am Gestade des Meeres eine aus aller Herren Laender durch einige Einwanderungswellen hergespülte Menge. Diese füllt alle Geschaefte, Kioske, Kaffeehaeuser, “Gasos” — und Bücherstaende mit dem heissen Odem eines sprudelnden, beinahe überstürzenden Tempos. Die Ben-Yehuda-, Dizengoff- und Herzl-Strasse mit den prachtvollen Boulevards, luxurioes ausgestatteten Geschaeften, Hotels und Kaffeehaeusern kennzeichen die Meilensteine einer dynamischen Entwicklung. An allen Ecken und Enden wird noch immer weiter gebaut. An der Nordseite von Tel Aviv entstand vor kaum drei Jahren eine neue weit ausgebreitete Bahnhofshalle, von der Gleise nach allen Richtungen des Landes führen. Durch den in unmittelbarer Naehe gelegenen Flughafen in Ludd ist diese Stadt im modernen Blitztempo mit den entferntesten Weltteilen verbunden. ln der Naehe dieses Bahnhofes entstehen ganze Strassenzüge von Neubauten, unter denen das roetliche Massiv des Histadruth-Gebaeudes, das als “Kreml” bezeichnet wird, besonders hervorragt. Auch die groessten Bauten werden auf Sand mit Eisen- und Stahlgerüsten in kaum fünf bis sechs Monaten fertiggestellt. Wo sich noch gestern Sanddünen hinzogen oder kahle Landstrecken vom Geheul der Schakale widerhalten, werden Bauten modernster Struktur aus dem Boden gestampft. 'Lei Aviv ist eine nach : europaeischen Begriffen mittlere Pro- , vinzstadt mit den Allüren einer Gross- : Stadt. Ueber 20 Kinos, mit Kühlanj lagen und modernstem Luxus ausj gestattet, drei erstklassige hebraeische lheater und sechs kleinere Bühnen, ein philharmonisches Orchester, kunsthistorische, archaeologische und anthropologische Museen und eine erkleckliche Zahl von Kulturinstituten zeugen auch vom Wissendrang und künstlerischem Interesse dieser Stadt des Frohsinns und ewigen Hastens. Das im letzten Jahre eroeffnete Mann- Auoitorium mit 3000 Sitzplaetzen für Konzerte und internationale Tagungen, das Haus der Zionistischen Organisation Amerikas sowie die erst in den letzten Monaten eroeffneten Presse- und Schriftstellerheime, die die Namen Sokolow und Tschernichowski tragen, vervollstaendigen das Bild eines kulturellen Aufschwunges. Tel Aviv wurde auch zum Zentrum der Presse und des hebraeischen Verlagswesens. 24 hebraeische und fremdsprachige Tageblaetter und eine Anzahl von Wochen- und Monatsschriften widerspiegeln und formen die oeffentliche Meinung ganz Israels. Schliesslich ist es die seit Staatsgründung bestehende Hochschule für Oekonomie und soziale Wissenschaften und die im Entstehen begriffene Universitaet, die in stolzem Wetteifer mit der Alma Mater Jerusalems Wissen und Lehre auch in der Stadt der Sanddünen vermitteln will. Ist es Wirklichkeit oder Fata Morgana, die das geradezu unheimliche Wachstum und Tempo Tel Avivs charkterisieren? Vor kaum elf Jahren wurde hier in der Museumshalle am Rothschild-Boulevard nach dem Abzug der Englaender der Staat Israel proklamiert. Vor kaum zehn Jahren tagte in einem Kinosaal am Gestade des Meeres die erste jüdische Volksvertretung, die “Knesseth” — und hier hielt der erste Praesident des neugeschaffenen Judenstaates, Cliaim Weizmann, seinen triumphalen Einzug. Wie laengst verklungene Zeiten muten uns diese Ereignisse an. Nur ein rastloses Streben einer ungeduldigen und unbaendigen Generation konnte dieses Wunder vollbringen. Diese Generation der Juden hat in der letzten Zeitepoche in einem blutigen Voelkerringen einen Grossteil seines Bestandes verloren und daher versucht sie hier, die tragische Last der Vergangenheit durch einen schoepferischen Lebenswillen zu überwinden. Man rettete sich aus dem Teufelskessel der Galuthlaender und legte am Gestade des Mittelmeeres die Quadern für künftige Generationen... HAIFA Strotzt Tel Aviv von einem erstaunlichem Tempo eines imaginaeren oder wirklichen Grossstadflebens, so wurde die Hafenstadt Haifa zur wichtigsten Ein- und Ausgangspforte des jungen Staates. Eine typische Stadt der jüdischen Arbeiterschaft, die derselben Leben, Tempo und eigenartige Vehemenz des schoepferischen Willens verleiht. Eine Stadt, in der sich die j gesamte Schwerindustrie des Landes j sowie Schiffahrt und Fremdenverkehr! des jungen Staates konzentrieren. j i Von den drei Teilen Haifas, das! sich terassenfoermig vom Hafen über' die Mittelschicht des Hadar bis zum! gewaltig ausgedehnten Massiv des Karmelberges auftürmt, ist wohl der Hafen und die ihm mit einem Kranz grosser Industriekonzerne umgebende Haifa-Bucht von entscheidender Bedeutung. Hier dehnt sich über die Truemmei der früheren arabischen Siedlungen hinweg eine Reihe von den groessten Industrien und Fabriken Israels wie “Shemen”, "Vulkan”, "Ata", "Nesher” und "Phoenizia”, Erzeugungsstaetten von Zement, Gas, Potasche, Elektrizitaet und Textil. Allem voran sind es die Schiffahrtsgesellschaften, die mit ihrem Weltverkehr dem Haten das eingentliche Gepraege verleihen. Haifa, das als erste Stadt Israels bereits am 22. April des Jahres 1948 sich im heroischen Kampte von der englischen und arabischen Uebermacht betreite, vermochte all die durch den Begreiungskrieg dahmgelegten Betriebe in erstaunlich Kurzer Zeit in Gang zu setzen. Bald nach der Staatsgrünuung erstanden an Stelle der bisherigen Fischerkutter die ersten Israeli-Schiffe, auf denen von Haifa aus die ersten blauweissen Fahnen des jüngsten Staates der Welt hinausflatterten. Kaum elf Jahre sind vergangen, und heute sind es bereits 36 Schiffe mittleren und groesseren Kalibers mit einer ansehnlichen Tonnage von 2UOOOO, die ausser der Kriegsflottille einen Machtfaktor Israels bedeuten. /So wuchsen auch der Export und Import dieses Hafens. Bloss im letzten Monat erreichten sie die Hoehe von 50 000 Tonnen, und an die 50 000 Touristen, Einheimische und Einwanderer passierten im letzten Jahre allein diesen Hafen. Ein aehnliches Wachstum ist auch an den anderen zwei Stadtteilen Haifas zu sehen. Auf Schritt und Tritt sind es neue Bauten, die das Antlitz der Stadt veraendern. Insbesondere ist es der Karmelberg, auf dessen Rücken seit Staatsgründung eine von Feldern und Waeldern umgebene neue Stadt erstand mit Hotels, Villen luxurioesen Geschaeften und Vergnügungsstaetten. Haifa, die klassische Arbeiterstadt Israels mit 50 Vororten und 175 (XX) Einwohnern, verfügt über die unglaubliche Anzahl von 68 Sportplaetzen und 255 Bildungsstaetten, die in allen Stadtteilen eine Brücke schlagen von mühevoller Arbeit zur kulturellen Entfaltung. Diesem synthetischen Streben entspricht auch das rapide Wachsen des noch im Jahre 1912 gegründeten Haifaer Technicons, das nunmher durch Verlegung in ein neu aufgebautes Stadtviertel "Neve Schanan”, mit seinen unzäehligen Hoersaelen, Laboratorien, Maschinenhallen und Versuchsstationen ungeahnte Perspektiven des Wissens und Schaffens für Israel eroeffnen. So wandelt sich zusehends das Antlitz Haifas. Schon ist es ein unterirdischer Tunnel der den Gebirgsrücken überqueren soll und bald wird es eine Bahn geben, die den Hoehenweg von der Hafenstadt bis zum Karmeligebirge erklimmen wird. Doch all dies erstaunliche Aufstreben überstrahlt die berückende Schoenheit dieses aufblühenden Erdenflecks. Eine unendliche Meeresflaeche schmiegt sich harmonisch an eine weit ausholende Gebirgskette. Hüben und drüben erstrahlen an spaeten Abenden Tausende von Lichtern. Waehrend die Hafenstadt menschenleer wird, staut sich eine dichte Menschemenge in der Herzlstrasse, der Hauptverkehrsader des hoeher gelegenen Stadtteiles. Aus den Kinos, Gast- und Vergnügungsstaetten stroemen immer neue Weilen von Menschen aus allerlei Laendern und Sprachgebieten. Alle umschlingt der erneute Lebensdrang eines heimgefundenen Volkes. Nur auf dem Karmelberg eroeffnet sich um diese Nachtstunde ein berauschender Ausblick. Die Hafenstadt scheint in einem Feuermeer der hell beleuchteten, am Anker stehenden Schiff aufzuleuchten. Bis in die entferntesten Gebiete der Haifa-Bucht blinzeln Tausende von elektrischen Laternen und nur die zuckenden Signalstrahlen des Klosters Stella-Mare dringen vom Karmelgebirge ins unendliche Meer hinaus und weisen den Weg zum jüdischen Hafen. Ein Maerchen der Menschen und Landschaft, das im neuen Judenstaat zur Wirklichkeit wurde... JERUSALEM In dieser Stadt stossen Orient und Okzident hart aneinander. Jerusalem, die uralte Metropole Koenig Davids, wurde nach dem Befreiungskriege zur Hauptstadt eines modernen Staates, Sitz der Regierung, des Obersten Gerichtes und der Hebraeischen Universität. So überstroemen die zwei Pole einer uralten Vergangenheit und der moderne Lebensstil Bauart und auch das Tempo der Entwicklung dieser Stadt. Waehrend ganze Stadtteile der alteingesessenen Einwohnerschaft in Mea Shearim, Sichron Moshe oder Nachlath Shewa kaum vom Umsturz und den neuesten Einwanderungswellen erfasst wurden, vervierfachte sieh allein die Bauflaeche und Einwohnerschaft der Bezirke Rehaviah, Talbieh und Katamon. Von Rehaviah, dem Sitz der Sochnuth, des Staatspraesidenten und der obersten Staatslenker, wurde im letzten Jahrzehnt durch die grandios angelegte Gebirgsstrasse, die den Namen des deutschen Juden Arthur Ruppin traegt, eine Art Brücke geschlagen zu den Villenvierteln am Rande Jerusalems. Hierdurch weitet sich das Stadtgebiet bis zu den jüdischen Bergen, die nunmehr eine Ein- und Ausgangspforte der neu erstehenden Hauptstadt Jerusalem bilden. An dieser Strasse entlang erstreckt sich auch kilometerweit ein Musterpark für Staatsempfaenge unter freiem Himmel und rund herum schossen jetzt aus der kahlen Wüstenei machtvolle Steinbauten hervor, die als Sitz verschiedenartiger Regierungsaemter ein einheitliches Bild eines ganzen Stadtteils darstellen und unter dem Namen “Kirya” an eine alte Tradition anknüpfen. Tiefe Wunden schlug der Befreiungskrieg und die Belagerung dieser Stadt des ewigen Kriegsgetümmels seit Urzeiten. Noch ragt hier hart an der Grenze der Altstadt das Gerippe des hart umkaempften. Notre Dame”- Kllosters und des bereits sagenhaften "Mandelbaumtores” und allmaehiich vermodert die einst mit Stolz und Erwartung aufgerichtete Universitaet und die “Hadassah" am Skopusberg. So musste der machtvolle Lebenswille einer siegreichen Generation sich nach der Westflanke der Stadt kehren. Die bisher wüsten judaeischen Berge bezeichnen seit Jahr und Tag Tempo und ganz neue Entwickungsmoeglichkeiten Jerusalems. Hier ersteht eine wahrhafte Universitaetsstadt “Giwath Kam", deren 21 hochragende Lehraeuser, Laboratorien, Planetarium, Forschungsinstitute und Studentenheime buchstaeblich aus den Ge_ birgsfdlsen herausgehauen wurden Ein kupperlartiger Tempel und ein prachtvolles Stadion, das für 20 000 Zuhoerer Raum bieten soll, umrahmen die noch immer in steter Entwicklung befindliche Stadt der Lehre und Forschung. Nur die in den Felsenschluchten eines Universitaetsgebaeudes verborgenen sieben Pergamentrollen aus dem Toten Meer verbinden das Heutige mit dem Uralten. Vielleicht sind es die geheimnisvollen Flutwellen aus diesen Felsschluchten, die den schoepferischen Geist eines erneuerten Volkes wachhalten und dieser ganzen Universitaetsstadt mit den 4000 Studenten und Lehrern historischen Sinn wie einst der Lehrstaette von Javneh verleihen. Mit dem prachtvoll hochragenden Herzlberg und dem Heldenfriedhof in der Mitte, dem Regierungsviertel der “Kirya” von der Ostseite und dem im Bau begriffenen monumentalen Spi. taelern der Hadassah von der Westseite ersteht bereits in unseren Tagen ein neues Jerusalem.