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Das Echo · 1959-04-15 · 201 (15.4.1959) · p. [Seite 8]

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Journal
Das Echo
Volume
9 (1958-1959)
Issue
201 (15.4.1959)
Date
1959-04-15
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German
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DAS ECHO” 15. April 1959. Zum bevorstehenden Pessach-Fest: jlUxtv letatav Der Seder ist für mich immer ein Problem; Infolge gewisser Erziehungsmaengel bin ich nicht qualifiziert, einer Seder Feier als Pater Familias zu praesidieren, Einladungen zu diesem Fest arten bei vielen Gastgebern allzu sehr in Prüfungen aus. ln der alten Zeit gab es noch eine dritte AloegHchkeit; der ungeladene Gast in der Judengasse der Altstadt. Es gab keine buntere, froehlichere Art, die Seder-Nacht zu verbringen, als dort wo unbekannte und ungeladene Gaeste immer von Herzen willkommen waren. Ich weis nicht, wie oft ich zum Seder in der Altstadt gegangen bin. Aber die Iezte Seder-Nacht, 1947, steht klar in meiner Erinnerung in schwarz und weiss, in den bunten Farben des Holzschnittes einer altmodischen Hagaddah. Die Strasse, welche innerhalb der Stadtmauer vom Jaffa-Tor zum Juden, vierte} führte, war menschenleer. Die Festgrüsse welche ich mit den jüdischen Polizisten austauschte die den Weg bewachten klangen wie die Rufe der Waechter, die einst auf den Türmen standen Die Judengasse lag oede im blauen Licht des Vollmondes. Alle Laeden waren verschlossen, die kleinen Parterrefenster dunkel, die Türen versperrt. Aber die Fenster der Obergeschosse strahlten. Beten, Singen. Glaeserklingen übertoenten fast das Geraeusch meiner Schritte. Man haette sich einsam, ausgeschlossen, Vorkommen koennen. Aber das war nicht so; Hinter jedem dieser erOeuchtetn Vierecke feierten Menschen, denen der einsameFremde an diesem Abend einen freudig begrüssten, geehren Gast bedeutete. Es handelte sich nur darum, die richtige Haustür zu finden, die zu einer dieser festlich erleuchteten Stuben führte. Das war in Jerusalems Altstadt keineswegs leicht. Waehrend wird in Seitengassen suchten, vergeblich an geschlossene Türen klopften, über dunkle Hoefe stolperten, wurde uns verstaendlich, warum jener Pessachabend im Neuen Testament in einem “oberen Raum” abgehalten wurde. In einem Hause der Altstadt Jerusalems koennen auch Verfolgte im Oberstock feiern. Sie waeren laengst über eine Hintertreppe verschwunden gewesen, bevor die Haescher über Hoefe, Stiegen und Galerien zu ihnen gefunden haetten. Endlich fanden wir ein helles Fenster zu ebener Erde und hatten nur zwei Hoefe zu kreuzen, um an dem Seder einer kurdischen Judenfamilie teilzunehmen. Der groesste Teil der gewoelbten Stube war erhoeht. Wir hatten die Schuhe abzulegen bevor wir uns um die grosse Sederschüssei niederkauern durften, die nun ein bunter Flickenteppich verhüllte Der Grossvater in schwarzer Filzmütze und weisser Kopfbinde praesidierte. Er iäess uns roten Wein, Nüsse. Datteln und ungesaeuertes Brot reichen, bevor er sich den Fragen der Enkel wieder zuwandte. Wir waren gerade zur Stunde jenes “Frag mich was” gekommen in welcher der Praesident des Festmahls alle einschlaegigen Fragen der Versammlung zu beantworten hat. Die gewohnte Art der gereichten Mazzoth, pfannkuchendick weich, biegsam und ausserordentlich wohlschmekkend, gab uns Gelegenheit zu einer Frage. Die Juden von Ninive, so erfuhren wir, bereiten noch heute ihr - Seder Von THEODOR F. MEYSELS ungesaeuertes Brot selbst, genau so wie es einst in der Wüste bereitet wurde Sie vertraue den neumodischen Maschinen nicht. “Diese Mazzoth sind aus Mehl gebacken, das das Reinste vom Reinen ist. Sie sind bewacht worden vom Kneten bis zur Tafel. Und weil alles, was zum Sedermahj gehoert, vor Verunreinigung bewahrt werden muss, heisst diese Nacht auch - die Behütete. Es mag Leute geben, die es anders erklaeren, aber so ist es”, sprach der Patriarch und strich wohlgefaellig seinen Spitzbart. Ein breiter Goldring, der an seinem kleinen Finger funkelte, gab uns Gelegenheit zu einer bewundernden Bemerkung. “Ja, wisst Ihr denn nicht”, wurde uns erwidert, “dass an diesem Abend jeder Familienvater einen Goldring tragen muss? Es ist überliefert, dass der Allmaechtige dem Moses eine goldene Krone schenkte. Moses aber die Krone in kleine Stücke brach und als Ringe an die Familienvaeter verteilte, ein Zeichen, dass jeder jüdische Vater Koenig in seinem Haus ist. Eigenetlich sollte ich den Ring jeden Sabbath tragen, heute aber ist es Gebot. Und weil ich ein armer Mann bin, kaufe ich mir jedes Jahr zu Pessach einen Ring und verkaufe ihn nachher wieder”. Sprach’s und sang den Segensspruch über den zweiten Becher des Abends. Wir rüsteten uns zum Gehen und wurden beschieden, nicht bei den Jemeniten einzutreten “denn” sagte der Mann aus Ninive, “Jerusalem liegt in der Mitte der Welt, und vom oberen Ende kommen die Juden von Ninive und vom unteren Ende die Juden von Jemen, die sich betrinken, bevor sie zuende gebetet haben”. In dem beklemenden Gefühl, ausserhalb der Welt geboren zu sein, aber fest entschlossen, die lustigen Jemeniten zu finden, verabschiedeten wir uns. Wir fanden die Yemeniten aber nicht, sondern stolperten endlich in den weiten, mondhellen “Deutschen Hof”, heute ein Ruinenviertel, in das man vom Zionsdach hineinschaut, einst umgeben von bizarren Haeusern mit Loggien und Arkaden, mit Aussentreppen und Vorplaetzen. Hier war Jerusalem zum Prag Gustav Meyrinks gewandelt. Wir blickten in die Welt des Rabbi Loew, als wir in einen Raum schauten, wo drei weissgekleidete Greise in maechtigen Folianten lasen, auf die eine altmodische OeHampe aus blankem Messing ihren goldenen Schimmer warf. “Wenn Ihr eine gescheite Frage habt, dürft Ihr fragen gehn”, bedeutete uns ein Passant. Froh des Wissens um die “Behütete Nacht”, besuchten wir die Alten, welche offenbar den Pessach Brain- Trust des Deutschen Hofes darstellten. "Warum heisst diese Nacht die Behütete Nacht?” wiederholte der Praesident unsere * Frage, “Weil in dieser Nacht die boesen Geister keine Macht über den Menschen habenf, erklaerte der rechte Beisitzer “... aber nur wenn die Menschen in Frieden leben”, fügte der Finke hinzu, “Jerusalem wurde zerstoert, weil am üpferfeste Unfrieden und Blutvergiessen in der Stadt herrschten”. Schüchtern brachten wir die kurdi- ■* sehe Erklaerung vor, wurden aber * unseres Irrtums überführt. “Es ist klar”, beschied der Praesident, “dass , diese Nacht die “Behütete” heisst, weil wir in ihr vor den boesen Gewalten behütet sind. Es ist die einzige Nacht, in der wir nicht das volle Nachtgebet zu sprechen haben, mit dem wir uns sonst dem Schutz des Allmaechtigen empfehlen”. Wir dankten respektvoll und gingen in eine Stube hinüber, durch deren Fenster ein Rundtanz froehliche Schatten auf den Platz warf. Hier war die Festtafel zur Seite gerückt Weis. sbaerte aus Littauen Hessen Kaftanschoesse und Seitenlocken um die Wette fliegen. Ein staemmiger Polizist, der ein gesticktes Kaeppchen zur Uniform trug, ging aussen um den Kreis herum. Wenn einem der Alten das Drehen zu viel geworden war, nahm er ihn beim Kragen und bugsierte ihn zur sicheren Fensterbank. Ein riesiges Deppeibett in der Ecke füllte sich mit rotbackigen Kindern, die im Nachthemd hereingesch'lichen kamen, um die tanzenden Grosspapas mit blanken Augen zu bewundern. Endlich verschaffte sich der Urgrossvater Gehoer und beschied zur Tafel, “...denn, sagte er, “wir haben noch zwei Glaeser zu beten”. So Hessen wir uns froehlich nieder und sangen das Lied “Von eins bis dreizehn”. Wir tranken ein Glas und sangen das Lied von Zicklein, den Sang von der Vergaenglichkeit alles Irdischen. Wir hatten die Hagaddah pünktlich beendet, und tranken gerade den letzten Becher, als die Turmuhren des Christenviertels Afitternacht schlugen. Wir waren davon überzeugt, dass die froehlichen Yemeniten noch nicht so weit waren. Nach einigen Irrfahrten kletterten wir zu einer besonders geraeuschvollen Stube hinauf. Wieder waren es keine Yemeniten, sondern Juden aus Tripolis, die hier den ersten Seder im Gelobten Land jubelnd begingen. Der Vorbeter hatte es schwer sich durchzusetzen. Als es den traditionellen Wunsch aeusserte “Naschstes Jahr in Jerusalem”, unterbrach ihn ein junger Riese mit dem Freunderuf: “Wir sind ja schon da!” Die Tafelrunde nahm seine Worte als Text eines improvisierten Freudensanges auf, den der Ruf “Eviva Pessach” schloss. “Eviva Pessach!” brüllte der Riese und schlug mit beiden Faeusten auf den Tisch, der darauhin alle Viere von sich streckte. Da einige Gaeste bereits unter dem Tisch lagen, kam die Wirkung einem kleinen Erdbeben gleich. Wir beschlossen, uns vor den Aufraeumungsarbeiten zu empfehlen. “Hundertzwanzig Seder, so wie dieser!” gaben uns die neuen Freunde auf den Weg. Manchen unter ihnen war kein naechster Seder beschieden. Der Raum ihres Liebesmahles war eine dachlose Ruine in der naechsten Seder- Nacht. DR. GERHARD KANN INTERNIST — ELECTROCARDIOGRAPHIE Consultorio: Dr. Lidio Arce Loayza 460, von 5 1/2 — 7 1/2 nachmittags. w^wwwww Abonnements - Einladung ♦ Fast alle unsere Leserfreunde sind Abonnenten + Falls Sie noch kein ECHO-ABONO haben, bitten wir Sie, untenstehenden Kupon, cruszufuellen und uns baldigst einzusenden. 4- Nur das ECHO-ABONO garantiert fuer zuverlaessige Lieferung Verlag ‘"DAS ECHO” Casi 11a 2217 La Paz Hierdurch abonniere ich die Halbmonatsschrift DAS ECHO zum Preise von ■ Bs. 13-200 fuer La Paz Bs. 14.400 (Interior ) (Nichtgewuenschtes bitte streichen) Dieser Preis bezieht sich fuer 24 Lieferungen einschl. Porto. Name: . Casilla: ... Ort: .

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