Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 198 (28.2.1959)
- Date
- 1959-02-28
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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28. Februar 1959 ‘ DAS ECHO11 3. ♦ Die F r a n en von Ravensbrück Der Pressedienst der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands schrieb: 27 pdlnische Frauen, die die Hoelle von Ravensbrück überlebten, sind in ktiesen Tagen «ach den Vereinigten Staaten geflogen worden, wo sie' als Gaeste und auf Kosten der “Hiroshima-Friedensgeseflschaft" aerztlich behandelt werden. Den trrrmittelbaren Anlass zu dieser grossarfigen Bekundung menschlicher Solidaritaet hatte eine Artikelserie in der Wochenzeitung “Saturday Evenimg Post” über die an polnischen Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück durchgeführten .IebensgefaChrücben Experimente gegeben. Nur wenige Frauen und Maedchen überstanden die ihnen von deutschen Aerzten und Aerztinnen zugefügten ’Leiden. Der Chefredakteur der "Saturday Evenrng Post” war vor vielen Monaten eigens nach Warschau gekommen, um mit den Ueberlebenden der Hoelle von Ravensbrück zu sprechen. Sein Bericht darüber wurde von Millionen Amerikanern gelesen, der Aufruf der Zeitung zur aktiven Hilfeleistung hatte grossen Erfolg. Vielleicht wird es amerikanischen Aerzten nun gelingen, an diesen Frauen und Mädchen wieder zu heilen, was ihnen von deutschen Aerzten frevelhaft angetan worden ist. Diese amerikanische Initiative muss' uns Deutsche beschaemen. Es waere die Pflicht amtlicher deutscher Stellen und der vielen charitativen Organisationen gewesen, sich um diese polnischen Fr.auen zu kümmern und ihnen zu helfen. Dies koenne nicht geschehen, meinte seinerzeit auf eine Anfrage eines sozialdemokratischen Abgeordneten der Staatssekretaer im Finanzministerium, Hartmann, weil zwischen Warschau und Bonn keine diplomatischen Beziehungen bestünden. Das war eine eiskalte und zynische Ant- Fortsetzung seite 5. Die Entwicklung in Deutschland ueberrascht uns nicht], sie war fuer alle die vorauszusehen, die Deutschland Dennen, die Zusammenhaenge beobachteten, und daraus ihre politisch en Schlüsse zogen. Als unabhaengiges Gemeinschaftsblatt hat “Das Echot' die Pflicht, seine Leser sachlich zu informieren, und darüber hinaus -— wo es erwünscht ist — auch zu beraten. Einige unserer Freunde tragen sich mit dem Gedanken, in Kürzte nach Deutschland rückzukehren. Wir befürchten, dass diese Rückkehr, dieses Leben in Deutschland, für manche der Rückkehrer zu Enttäuschungen führen wird, ein Leid was vermeidbar, wenn die Rückkehrwilligen rechtzeitig gewarnt sind, und einen wohlgemeinten Rat befolgen. Nicht von einer eventuellen Kriegsgefahr wollen wir reden, sondern von Dingen, die insbesondere den jüdischen Menschen angehen. Unsere Leser wissen aus dter Presse und durch Radiomeldungen, dass in letzter Zeit sich unerhoerte antisemitische Vorkommnisse in Deutschland abgespielt haben, die die Bundesregierung veranlassten, ein Gesetz zu verabschieden, um antisemitische Exzesse meeglichst zu dezimieren. Noch bemerkenswerter bleibt die Tatsache, dass die deutsche Justiz sich in einer Krise befindet, da in letzter Zeit gegen Nazis und Antisemiten Urteile gefaellt wurden, die gelinde gesagt, einen Skandal bedeuten. Es besteht zur Zeit fast ein Defaitismus dbr deutschen Justiz gegen nationalistische Rowdys, und damit eine Vertrauenskrise gegenüber der deutschen Rechtssprechung. Es erscheint immer klarer, dass hohe Richteraemter von ehern, aktiven Nazis besetzt sind (genau so, wie andei re einflussreiche Verwaltungspositionen). Dieser Zustand wirkt beaenin Deutschland stigend auf alle Elemente, die eine Erstarkung der deutschen Demokratie erhofften. Aus der Fülle peinlicher Geschehnisse, wollen wir ein Beispiel aufzeigen. Oberstaatsanwalt Dr. Schweinsburger wurde kürzlich wiegen wüster antisemitischer Beschimpfungen verhaftet und vom Dienst suspendiert. Zu diesem Vorfall brachte die Zeitschrift “Die Tat“ (Interessenorgan der Hinterbliebenen und Opfer des NS-Regi* 1ntes) dokumentarisches Material gegen den Oberstaatsanwalt. Das Blatt berichtet, dass Schweinsburger im Jahre 1942 die Ermordung von 75 Juden gedeckt habe, in seiner damaligen Eigenschaft als Kriegsgerichtsrat. “Die Tat’’ berichtet hierüber u.a.: Daraus ist zu erstehen, dass der damalige Kriegsgerichtsrat in einem vom 1. Oktober 1942 datierten, in Faksimiüe wiedergegebenen Geheimschreiben an den Oberstkriegsgerichtsrat der 1. Panzer-Armete erklaerte, “dass er sich als Nationalsozialist und Richter gleich verantwortlich fühle, und die vom kommandierenden General geltend gemachte Rechtsauftasung unter keinen Umstaenden teilen koenne, wobei es sich um die Auffassung handelte, dass die Erschiessung von 75 jüdischen Maennem, Frauen und Kindern einen mehrfachen Mord darstelle”. Dieser Mann mit derart barbarisenen Ansichten konnte bislang in .Deutschland führender Repraesentant d er deutschen Justiz sein. Doch diese wohlfundierte Meldung der “Tat” fand wenig Beachtung, denn Oberstaatsanwalt Dr. Otto Schweinsburger konnte sich sehr bald wieder vollster Freiheit erfreuen. Gegen die ihn erhöbenen Anschuldigungen wurde einfach mitgeteilt, “dass infolge von Ver- I jaehrung weder ein strafrechtliches; noch ein Dienststrafverfahren 'eingeleitet werden koenne”. Dieser “Fall Schweinsburger” erhellt die moralische und politische Situation in Deutschland. Straffreiheit oder laecherlioh milde Strafen gegen Antisemiten, gegen nazistische Jucicnnicerder erzeugen ein immer gefaebrlicheres nationalistisches Klima in Deutschland. Die wenigen Maenner in Deutschland, die wahre. Demokraten sind, werden immer mehr zu Schemen; M.aenner, die in Nazispruchkammern wirkten, sind heute in grossen Teilen des deutschen Volkes geaechtet — Nazis aber, entschleiern immer unverhüllter ihre animalische Fratze und gehen langsam zur Aktion über. Unsern Lesern moechten wir dringend Worte ans Herz legen, die kürzlich ERICH LUETH aeusserte. Lueth, der verdienstvolle Vorkaempfer der Bewegung “Frieden mit Israel”, einer der Maenner, die Wesentliches für die Wiedergutmachung an Juden taten, der Pionier d'er christlich-jüdischen Zusammenarbeit, sagte zu den Juden in Deutschland; IN UNSERER MUTTE LEBT DER ANTISEMITISMUS UND WENN MICH DIE |UDEN FRAGEN WUERDEN, SO WUERDE ICH IHNEN RATEN AUS DEUTSCHLAND AUS¬ ZUWANDERN. Es wird einst dte Zeit kommen, wo nieder Juden in Dieu(schland friedlich Vi erden leben koernen. Anzeichen sind bereits dafür vorhanden. Die deutsche Jugend ist, im Ganzen gesehen moralisch gesund und kaum nazistisch infiziert. Aber sehr viele der Aielteren und der Alten, die Maenner, die heute etwas in Deutschland zu sagen haben, sind mit grosser Vorsicht zu geniessen. Eine Rückwanderung nach Deutschland in jetziger Zeit bleibt ein Risiko, wovor wir pflichtgemäßes warnen moechten. e 1 k a s . - Konzentration "Arroganz der DM” Einem Artikel der franzoesischen Wochenzeitung “aux ecoutes” entnehmen wir folgenden Ausschnitt: “Nach einer offiziellen Note der Downing Street ist die grosse Operation der Konvertierung von fransoesischen und britischen Experten in absoluter Uebereinstimmung hinter den Kulissen der stürmischen Sitzung der OEEC vorbereitet worden, ln der Erklaerung der Downing Street heisst es: 'Tm Gegensatz zu anderen Vermutungen haben wir niemals aufgehoert, in aller Freundschaft mit Frankreich zusammenzuarbeiten. Die Drohungen eines Bruches zwischen unseren beiden Laendern sind frei erfunden ...” Wir wollen auch gar nicht die alten Streitpunkten, die schon morgen nicht mehr gelten, wieder ans Tageslicht zerren. Denn dieselbe britische Note besagt, dass es leicht sein werde, in Zukunft einen Kompromiss zwi-' sehen dem Gemeinsamen Markt und der Freihandelszone zu finden und schreibt: “ln naher Zakunft werden sich Frankreich und England für solidarisch erklaeren, weil beide Laender vor der gleichen Gefahr stehen. Die ausgesprochene Macht der Bundesrepublik wird ihre Schuldner und ihre Glaeubiger einander naeherbringen”. Es ist wahr, dass es einigen unserer deutschen Kollegen an Diskreetion mangelt. Die einen sprechen vom ••Erhard-Plan”, der den Marshall- Plan ersetzt. Die anderen nennen die DM übertrieben den “europaeischen Dollar” Das Verschwinden der Europaeischen Zahlungsunion hat die Tatsache aufgedeckt, dass es Auch wieder die Bundesrepublik ist, die die Gründung des kleinen Europas finanziert. “Die Arroganz der DM kann genau so gefaehrlich werden wie die der ehemaligen Luftwaffe...” sagen die Londoner. Und sie haben nicht Unrecht t”. Kapital ln unserer Zeit wird die Politik durch die Wirtschaft gemacht. Die Wirtschaftsmacht ist nicht nur ein sozialer Faktor fuer Arbeitsbeschaffung und grosse Leistungen zu Gunsten der Staatskassen, sondern auch das Element welches kapitalistische Regierungen in ihren Projekten und Ausfuehrungen politischer Massnahmen, im Vorrang berueckslchtigen muessen. Die Konzerne, die Trust — und Mammut — Unternehmen, konnten mancher Gewerkschaft das Rueckgrat brechen, manches sozialistische Programm wurde aufgehoben, und manche politische Aktion wurde durchgefuehrt — in dem Sinne, wie es die Verwaltungspraesidenten oder Generaldirektoren wuenschten. Die Ballung von Wirtschaftsmacht, behindert Staatspraesidenten zum grossen Teil in der Durchfuehrung sozialistischer Reformen. Sehr viele nraechtige Politiker wurden durch das Grosskapital korrumpiert, andere muessen, ob sie wollen oder nicht, nach der Pfeife der allmaechtigen Grossindustrieflen tanzen. LInter diesem Gesichtspunkt berunruhigt die industrielle Entwicklung in Westdeutschland, die immer mehr .an oekonomischer Potenz und gleichzeitig an politischer Macht gewinnt. Wenn wir die grossen deutschen Wirtschaftszeitungen lesen, so glauben wir nicht, dass erst ein Dutzend an fahren vergangen ist, nach der “Entflechtung deutscher Kapitalmassen”. ln Deutschland sind wieder die Konzerne hochentwickelt. Es gibt heute wieder gigantische Unternehmungen in Chemie, in Stahl und in anderen Wirtschaftszweigen, die gewaltige Imperien darstellen, und eine bedeutende Macht repraesentieren. Ein ganz besonders typisches Beispiel neuer Kapitalsbildungen in I Deutschland, ist der Fall "Friedr. Krupp'’. Der heutige Besitzer der Krupp-Werke, Alfried Krupp, wurde s.zt. als “Kriegsverbrecher" eingestuft und verurteilt; der gewaltige Kruppsche Besitz sollte entflochten werden. Krupp wurde bereits 1953 aus dem Kriegsverbrecher-Gefaengnis in Landsberg entlassen, unter der Bedingung, dass er innerhalb von fuenf Jahren seine riesigen Kohle-lind Stahl-Betriebe verkauft. Die Zeit ist nun um, und Herr von Krupp von Bohlen und Haibach hat mit Recht die amerikanische Forderung nicht ernst genommen, und daher auch nicht seine immensen Werte dezimiert. Nicht nur das. Der Stahl-Magnat Alfried Krupp hat seine Unternehmungen weiter in das Gigantische entwickelt und seine Ajbeit damit gegroent, dass er jetzt seine “Rheihausen AG”, nun mit der gewaltigen “Rochumer Vereins AG.” verschmolzen ' hat. Herr Krupp wurde damals in Nuernburg angeklagt und verurteilt, dass er Arbeiter zu Sklaven missbrauchte und auf das schamloseste in besetzten Laendern gepluendert hat. Dieses ehrenruehrige Urteil hat ihm nichts geschadet, vielleicht sogar gemietet, denn im heutigen Deutschland ist ein Nazi-Brief eher eine Empfehlung, als eine Behinderung in der Karriere An Beispielen fehlt es nicht. Aber der Fall “Krupp” ist nicht nur interessant und beunruhigend von deutscher Sicht her, sondern vielleicht noch mehr, von nordamerikanisTcher. Die US-Regierung hat gegen die Erweiterung des Ruhr-Imperium der Firma Krupp nicht im Geringsten protestiert, ebensowenig wie sie je ein wirkliches Interesse an einer Entflechtung der deutsche Schwerindustrie bewies. Washington hat nichts dazu getan dem Mann, der alles dazu beitrug, um den Sieg von Hitler zu gewaehrleisten, irgendwelche Hindernisse zu bereiten. Die Gruende hierfuer duerften nicht allzu schwer zu finden sein. An dem Milliarden-Gesehaeft des Hauses Krupp sind wahrscheinlich bedeutende und einflussreiche nordamerikanische Gesehaefts'leute beteiligt, die sicher einen gewissen Druck in Washington ausueben, damit Kriegsverbrecher Krupp weiterhin seine wirtschaftliche und politische Machtstellung pusb.auen kann. An diesem Einzelbeispiel “Krupp” wird es klar, dass das Weltkapital keine Skupel kennt, wenn es darum geht, Gewinne und Macht zu erhoehen. Und wenn das Friedensgeschaeft nicht mehr lukrativ ist. dann muss eben das Kriegsgescliaeft fuer fette Gewinne sorgen. Die kapitalistischen Truste wirken nicht nur innenpolitisch fortschrittshemmend, indem sie Heeren von Arbeitern ihr Diktat aufzwingen, sonder sie bringen auch weltpolitische Konflikte und auch einen Krieg in gefaehrliche Naehe i Ob Krupp, ob Du Pont — das Grosskapital wuenscht zu verdienen und (jedes!) Mittel ist ihnen recht, lim neue Milliarden zu gewinnen. Die bewegenden Hintermaenner von westlichen Regierungen sind die internationalen Grosskapitalistenauf ihr Spiel, sollten die Voelker mehr achten. Curt Ludwig