Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 197 (18.2.1959)
- Date
- 1959-02-18
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Februar 1959. DAS ECHO Israelische Reformgemeinde Zu den Hohen Feiertagen des Jahres 1958 fanden zum ersten Male i in Jerusalem oeffentiiche reformierte ■ Gottesdienste statt Was das in der . heiligen Stadt Israels bedeutet, kann | nur derjenige ermessen, der sich ins j üedaechtnis ruft, dass schon die Ankündigung des Baues einer reformierten Haus-Synagoge im Rahmen einer wissenschaftlichen Institution, des Hebrew- Union College, des amerikanischen Reform-Rabbiner-Seminars, zu oeffentlichen Demonstrationen der extremen Orthodoxie geführt hat. ln Israel, vor allem aber in Jerusalem, herrscht in den Kreisen der Orthodoxie die Meinung, dass es nur eine Form jüdischer Religion geben ►•Jioenne, naemlich die streng orthodoxe. 'Diese Kreise bevorzugen es, wenn nicht orthodoxe Juden sich klar als antireligioes oder nicht religioes bezeichnen, sie wollen eine andere Form religioesen Ausdrucks nicht dulden. Auch das Oberrabbinat Israels steht auf diesem Standpunkt und verweigert liberaelen Rabbinern oder gar Reformrabbinern jegliche Anerkennung. Andererseits ist es heute so, dass im Weltjudentum neben der orthodoxen Richtung seit langem die konservative und die liberale Richtung anerkannt ist, und vor .allem in Amerika stellt das Reform-Judentum in allen seinen Spielarten einen wesentlichen Faktor im jüdisch-religioesen Leben dar. War das liberale Judentum vor Jahrzehnten noch vorwiegend ausgesprochen antizionistisch, so spielen heute im Welt-Zionismus gerade Reformrrabiner eine führende Rolle, und so konnte es nicht ausbleiben, dass das religioes-progressive Judentum .seine Wirkungs - Ansprüche auch in Israel ankündigt. Wenn Israel nicht nur ein kleiner Staat im Mittleren Osten sein soll, sondern ein geistiges Zentrum des Weltjudentums, dann muss es Raum bieten für alle Richtungen im zeitgenoessischen Judentum. Die progressiv-religioesen Kreise des Auslandes waren sich ferner darüber im klaren, dass die Initiative zur Bildung von nicht orthodoxen religioesen Gemeinden in Israel von den Israelis selbst ausgehen müsse, und dass die Formen des religioesen Ausdruckes in Israel naturgemass anders sind als in der Diaspora. Es ist z. B. ein Grundprinzip des liberalen Gottesdienstes, der Landessprache in der Liturgie Raum zu gewaehren, so dass wir deutsche, englische und fr.anzoesische Gebetbücher haben. In Israel aber bedeutet gerade dieses Prinzip, dass die Gebetssprache ausschliesslich hebraeisch ist. Die Reformgemeinden in Amerika haben früher u. a. ihre woechentlichen Hauptgottesdienste am Sonntag abgehalten, um den Gemeindemitgliedern die Beteiligung zu ermoeglichen. ln Israel, wo der Schabbath der offizielle Ruhetag ist. kommt das natürlich nicht 'in Frage. Vor allem aber sind die durchschnittlichen Kenntnisse der Bibel und des Judentums gerade in der israelischen Jugend weit hoeher als dies in den Laendern der 'Diaspora der Fall Ist, so dass eine ganz andere Aktivierung der Teilnehmer des Gottesdienstes moeglich ist Der jüdische Gottesdienst steht unter einer zweifachen Gefahr, die wir in Israeli zu vermieden hatten. Der orthodoxe Gottesdienst gleitet leicht in mechanische Routine ab, waehrend der liberale Gottesdienst in Gefahr steht, eine aesthetisch ansprechende, musikalisch hochwertige “Darbietung” zu werden, wobei die Gemeinde eigentlich nur noch Publikum ist. AEUSSERE SCHWIERIGKEITEN Mit den bescheidensten Mitteln begann daher bereits im Januar 1958 ein kleiner Kreis von Jerusalemer Intellektuellen, darunter Professoren und von Schalom Ben-Chorin (Jerusalem) Die jüdische ReformgWneinde - Bewegung hat gerade in letzter Zeit ausserordentlich an Boden gewonnen. Nicht nur in New York und anderen nord amerikanischen Staedten, sondern auch in London, Paris u. a. europaeischen jüdischen Zentren entwickeln sich immer neue ReformgJemeinden. Besonders interessant und wichtig 'erscheint uns der Versuch, dabs der Reformgemeinde-Gedanke nun auch nach Israel verpflanzt wurde. Zu den Gründern und aktiven Fdarderem der israelischen Reformgemeinde, gehoert der bekannte Journalist und Publizist Schalom Bn-Chorin (Jerusalem), der sich im folgenden Artikel zur reformierten Neuordnung von Gottesdiensten aeussern wird. Studenten der Hebraeischen Universitaet, einen eigenen Weg gottesdienstlicher Gestaltung zu suchen. Die ersten Freitag-Abend - Gottesdienste fanden noch in einem Privathaus statt, das sich aber bald als zu eng erwies und die Gruppe musste einen .anderen Sa'äl suchen. — Hier bot sich die erste Schwierigkeit, denn die verschiedenen Organisationen in der Hauptstadt, die über oeffentiiche Saele verfügen, fürchteten den Zorn der Orthodoxen und schreckten daher vor einer Vermietung ihrer Raeume zurück1. Endlich gelang es, für die Freitagabende den Schoenen Saal des Beth Hachaluzoth in Jerusalem zu gewinnen, freilich nur für die Freitagabende, und hier finden nun regelmaessig die ersten reformierten Gottesdienste in Jerusalem statt. Parallel hierzu sind auch in Tel Aviv derartige Gottesdienste eingerichtet worden, in Naharia und anderen Orten des Landes sind progressivreligioese Gruppen im Entstehen begriffen. Zu den Hohen Feiertagen aber musste die Jerusalemer Gemeinde, da sie ja auch Morgen-Gottesdienste abhaften wollte, andere Räumlichkeiten suchen; und hier war es nun die progressive Partei ,die freundlicherweise ihr Klubjokal an de Gruppe vermietete, nicht weil diese politische Partei mit der Gruppe als solcher besonders sympathisiert, sondern weil die Progressiven als liberal-demokratische Partei für das Prinzip der Religionsfreiheit in Israel eintritt. GLEICHBERECHTIGUNG DER FRAU Schon aeusserlich bietet der Reform-Gottesdienst in Jerusalem ein ganz .anderes Bild als es in den übrigen Synagogen üblich ist. Maenner und Frauen sitzen zusammen und so ist ganzen Familien die Moeglichkeit geboten, am Gottesdienste gemeinsam teilzunehmen. Erfreulich ist es, dass besonders die Jugend aktiv am Gottesdienst teilnimmf. Alan sieht hier junge Menschen, Soldaten und 'Studenten, die dem Gottesdienst bisher fern standen: auch die tandsmannschafftlichen Unterschiede sind voellig gleichberechtigt. Frauen lesen Gebete und Psalmen vor, eine Dozentin der Hebraeischen Universitaet hat schon mehrmals gepredigt, und Frauen und junge Maedchen werden auch zur Thora aufgerufen. Was waere auch passender, als z. B. den Prophetenabschnitt am ersten Neujahrstage, das Gebet der Hanna, gerade von einer jungen Frau vorlesen zu lassen — und das geschah in Jerusalem. Die Zulassung der Frau zur Thoravrrlesung war in der hebraeischen Presse Gegenstand heftiger Diskussionen, und unzaehlige Leserbriefe — pro und contra — wurden hier in den Zeitungen veroeffentlicht. Für die Zulassung von Frauen, vor allem von jungen Maedchen zur Thoravorlesung, sind drei Gesichtspunkte ausschlaggebend gewesen: 1. gibt es kein ausdrückliches religionsgesetzliches Verbot des Aufrufens der Frau zur Thora. 2. ist die Frau in Israel nicht nur gleichberechtigt, sondern auch gleichverpflichtet. Sie geniesst nicht nur aktives und passives Wahlrecht (Frauen sitzen in der Knesseth als Parlamentarier und eine Frau ist Aussenminister Israel), sondern sie sind auch zum regulaeren Heeresdienst Fortsetzung Seite 8 Bericht unseres Israel-Korrespondenten M. KILAI (Tel Aviv): Der Staatspraesident haelt Ehrenwache Das ploetzliche Hinscheiden Josef Unvergesslich ist mir die Form Sprinzak, Vize-Praesidenten des \ der Trauer von Josef Sprinzak Staates Israel, Praesident des Aktions- Komitees und des israelischen Parlamentes (Knesseth) hat in Israel tiefe Trauer im ganzen Volke ausgeloest und sicherlich auch in der ganzen juedischen Welt. Sprinzak war nicht nur ein guter Jude, sondern auch ein inniger Freund vieler, und insbesondere seiner engen Mitarbeiter. Man sah das an den vielen Hunderten von fuehrenden Menschen Israels, die nach Jerusalem kamen, um Ehrenwache an seinem Grabe zu stehen. Die Ehrenwache der Minister und Praesidiums-Mitglieder war aeusserst eindrucksvoll, bestehend aus den Ministern Naphtali, Rosen, Eshkol, Barzilai, den Vize- Praesidenten der Knesseth Rokach, Nir und Mintz. Und an der Spitze dieser Ehrenwache der Staats-Praesident Ben-Zvi. Sie bildeten die erste Gruppe. Es ist wohl uebilich, dass der Staats-Praesident dem toten Parlaments-Praesidenten die letzte Ehre erweist, aber es ist sicherlich nicht ueblich, dass der Staats-Praesident Ehrenwache haelt. Doch hier in diesem Falle hat man das als selbstverstaendlich angesehen, galt doch die Trauer des Staats-Praesidenten, so wie vieler anderer, nicht nur einem Mitarbeiter, sondern einem guten Freund und Kampfgefaehrten durch viele Jahrzehnte. Beide kamen aus der Arbeiter- Partei, beide waren fuehrende Mitglieder der Histadruth, beide kaempften im Jishuw itn in der Partei gegen die Extremisten, beide gute Humanisten, und beide brachten sie das groesste Opfer, das der Staat forderte: sowohl Staats-Praesident Ben-Zvi wie der verschiedene Sprinzak verloren einen Sohn beim Kampfe um die Unabhaengigkeit des Staates. seinen Sohn. Als im Jahre 1948 die aegvptische Flotte eine Invasion Israels plante, und ein groesseres Schiff in den Tel-Aviver üewaessern gesichtet wurde, das Tel-Aviv bombardieren wollte, waren es zwei der Besten der israelichen Jugend, der Sohn von Professor Sukenik (Bruder des Generals Jadin) und der Sohn Josef Sprinzaks, die den Versuch unternahmen, vom Flugzeug aus das Schiff zu bombardieren. Als sie sahen dass sie das gestellte Ziel nicht erreichen konnten, ^griffen sie zu der bekannten Selbstmord-Taktik, indem sie sich mit dem Flugzeug auf das Schiff stuerzten, das Schiff dadurch ernstlich beschaedigten; zwar konnte das Schiff noch fliehen-, aber .Tel Aviv war vor dem Bombardement "gerettet, und wahrscheinlich sogar die aegyptische Invasion dadurch abgewendet. Zwei der besten Soehne des Volkes bezahlten mit ihrem Leben fuer die Rettung des Volkes und ihres Landes. Die Freunde, die dann im Hause Sprinzak den Kondolenz-Besuch machten, hoerten dort kein lautes Klagen und Weinen lieber den Verlust des Sohnes. Auf einem Schrank stand ein Modell des tragischen Flugzeuges, und sehr oft nahm Sprinzak dieses Modell in die Hand und wischte sich mit dem Taschentuch eine Traene aus seinem Auge. Dieser Sohn Sprinzaks hiess A. D. Sprinzak, nach dem grossen Humanisten und Arbeiter A. D. Gordon, der fuer das ganze Leben und Wirken Sprinzaks eine Richtschnur war. Sprinzak, der ein Mann der sozialen Arbeiter-Partei war, hatte keine Feinde in Israel. Selbst seine politischen Gegner waren seine Freunde. Es ist sicherlich in jedem Lande mit einem Vieil-Parteien-System eine erfreuliche Erscheinung, wenn der Praesident des Parlamentes einstimmig gewaehlt wird, in Israel gab es in den zehn Jahren seit der Gruendung des Staates eine stabile Koalition der progressiven Front, der sich hin und wieder die Allgemeinen Zionisten oder die Agudah anschlossen, sodass die Opposition keine Gelegenheit sah, ans Ruder zukommen. Daher war es fuer die Opposition aus rein taktischen üruenden wichtig, um jeden Preis im Parlament zu opponieren, und sie hat sich auch in diesen *ihn Jahren keine Gelegenheit entgehen Lassen. Umso interessanter ist, dass bei der Wahl des Parlaments-Praesidenten von allen Parteien der Opposition Keine Ausnahme gemacht wurde, sie haben immer fuer Sprinzak gestimmt, und in allen Kadenzen der Knesseth, vom ersten Tag des vorlaeufigen Rates an wurde Sprinzak einstimmig zum Presidenten der Knesseth gewaehlt. Josef Sprinzak hat dem Parlament in Israel, der Knesseth, etwas gegeben, was fuer einen jungen Staat unueberschaetzbar ist, das was er “Kawod Habajith”, die Ehre des Hauses nannte. Er hat auch die Opposition dazu erzogen, die Ehre des israelischen Parlamentes zu achten, und hat auch seine eigene Partei dazu gebracht zu verstehen, dass er als Praesident des Parlamentes’auch die Rechte der Opposition wahrnehmen musste, denn fuer ihn waren innerhalb des Parlamentes das Recht jedes Abgeordneten das hoechste Gebot. Er Hess sich von keinem Abgeordneten und keiner Gruppe terrorisieren, wie er sich auch innerhalb seiner eigenen Partei vor der Gruendung des Staates gegen jede Terror-aehnlichen Massnanmen gegen die Englaender stimmte. Als das israelische PafJement, die Knesseth die schwierige Fortsetzung seite 8