Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 190 (15.10.1958)
- Date
- 1958-10-15
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6. ‘DAS ECHO” 15. Oktober 1958. w u Zu den alljaehrlich wiederkehrenden,, immer herzlich begruessten kulturellen Einrichtungen in La Paz, gehoert das Qastpiel der “Kammerspiele" aus Santiago de Ch'le. Diese “Kammerspiele’’ haben sich zu einem fast absoluten Tourné-Theater entwickelt, welches nur 169r im eigenen Hause spielt und 84% seiner Spielzeit auf Tourné ist. Dieser permanente Reisebetrieb ist fuer die kuenstlerische Form dieses modernen “Gruenen Wagens" nicht immer stimulierend. Einmal macht es dieser Betrieb fast unmoeglich, dass ein auf Jahre hinaus festes Ensemble das artistische Gesicht dieser Buehne praegt, zum andern aber ist die Direktion wirtschaftlich gezwungen, sich Erfolgsstuecke zu sichern. . Direktor Olszewski dachte bei Planung und Durchfuehrung des Repertoire fuer diese Saison wahrscheinlich an das Wort: “Das Leben ist ernst, heiter sei die Kunst!"; nach diesem Gesichtspunkt entwickelte er einem Spielplan, der angefuellt ist von einer durchschnittlichen Unterhaltungsware. Diese direktorale Spekulation auf leichte Unterhaltung und Zerstreuung erfueilte sich trefflich, denn schwache Stuecke brachten eine starke Kasse. Auch der aeussere Erfolg war unbestreitbar, doch sollte Reinhold K. Olszewski an die theaterkundige Weisheit von Blumenthal denken,' der sagte: “Der Beifall ist des Kuenstlers Nahrung, doch ist es auch gelaeufig, dass man Lebensmittel fadseht gar haeufig”. Die “Kammerspiele” stellten uns ein voellig neues Personal (mit der einzigen Ausnahme von Siedhoff) vor, welches bemerkenswerte Talente aufwies, von denne einige sicher eine gute Karriere machen werden. Wir sahen jungen Theaternachwuchs aus Deutschland, der spielfreudig und intelligent ist, aber der noch sehr der formenden Hand eines Spielleiters von Format bedarf. Von den Schauspielern wiesen sich im allgemeinen die Herren als die besseren Koenner aus; aber auch unter den Damen gab es Persoenlichkeiten, die zur Hoffnung berechtigen. stueek, mit einen oft sehr flachen, baert'gen Witz, ohne funkelnden Dialog, immerhin mit einiger Eleganz, wenn auch nicht mit einer solchen, die man gemeiphin als “Wiener Charme" zu bezeichnen pflegt. Der Autor Fritz Eckardt baute ein 3-aktiges Lustpiel, dessen geistige Substanz die Ost und West-Aktualitaet ist. Ausgezeichnet gelang die Typi- I sierung des amerikanischen “Sony I Boy" und des Sowjet-Russen, die ¡einige wirksame politische Pointen lauszusagen hatten; diese Rollen wurden gut charaktersiert durch Harald! Dietl und Gerd Wolfram. Dem Vater dieser amuesanten Knaben spielte Reinh. K. Olszewski, mit hinreissen- : dem Charme, der als Zentralpunkt in einem turbulenten Ehekonflikt, die Buehne souveraen beherrschte. Bramimer pv'hr ein lustiger Ministerialrat,; ueberspitzte jedoch die Exaltation! dieser Rolle - weniger Temperament iwaere hier wirksamer gewesen. 1 ln weiteren Rollen die Damen Alexandra Weitze, Astrid Boner und -Inge Rassard, die mit mehr oder we-! darstellerischem G’ueck ihre Rollen ausfueWten. sical” (wie z.b. "Feuerwerk”). Diese reizenden Hofintrigien um das Leben der Koenigin Anna von England, gespickt mit geistvollen Bonmots und politischer Satire von brennender Aktualitaet, w'ar ein Stueek, welches unterhaltend, sowohl besinnlich ist. Die Spielleitung (Dieter Brammer) sorgte fuer flottes Ensemblespiel. Hervorragend Olszewski (der noch immer der beste Schauspieler seines Theaters ist); ein leuchtender Liebhaber war Harald Dietl, Brammer gut, aber karrikierte etwas zu stark. Als Anna war Inge Rassard von bezaubernder Schoenheit (aber nicht immer von konsequentem Spiel), als die grosse Intrigantin Lady Churchill war Alexandra Weitze recht gut am Platze. Die zahlreichen anderen Rollen waren zufriendenstdllend besetzt. Orchester (d.h. am Fluegel): Guenter Schueler. Buehnenbild: —hier schweigt des Rezensenten Hoeflichkeit V O L P O N E Der literarische und kuenstlerische Glanzpunkt des Kammerspiel-Gastspieles war zweifelsohne die Auffuehrung von “Volpone” von Ben Johnson KENNST DU DIE MILCHSTRASSE?.. Ein verrueckter Titel fuer ein ziemlich verruecktes Stueek. Dieses Werk hat eine interessante Vorgeschichte: Dieses Stueek wurde (in Tuebingen) all» serioeses Schauspiel uraufgefuehrt, und fiel mit Blasen und Trompeten bei der Premiere durch. Nach Jahren wurde dieses Stueek von zwei grossen berliner Komikern entdeckt, als Kabarett-Stuck herausgebracht, mit einem Erfolg, welcher das Stueek lange Zeit auf den Spielplan hielt. Olszewski brachte nun das Stueek in einer seltsamen Kreuzung heraus, als “Kabarettistisches Schauspiel”; ein Paradoxon welches verwirrend ist, und in der dramatischen Literatur kaum zweitmalig vorhanden sein duerfte. Der junge deutsche Dramatiker Karl Wittlinger schuf ein Stueek im Pirandelli - Stil: zw'ei Personen schauspielern durch den Abend in Diskusion ueber die rethorische Frage: Kennen Sie die Milchstrasse? Dieses Stueek spielt in einem Irrenhaus, bietet daher interessantes Milieu und die Moeglichkeit fuer die Gestaltung origineller Typen. Unter der Regie von Joost Siedhoff w'urde das Stueek zu einer netten, anregenden Unterhaltung, besonders durch die glaenzend psychologisch und psychiatrisch gezeichneten Figuren die von Dieter Brammer und Joost Siedhoff, sehr gekonnt interpretiert wurden. Ein mehr originelles, als bedeutendes Stueek, welches blendende Rollen enthaelt und kurzweilige Unterhaltung bietet. RENDEZ VOUS IN WIEN Dieses Stueek haetten wir uns schenken koennen. Ein Konversations- (Eolo Linares) Unser Herausgeber mit Mitgliedern Diese kleine politische Satire, gemixt mit heiteren ehelichen Verwicklungen, gefiel dem Publikum, welches sichtbar belustigt war. EIN GLAS WASSER In den Schublaeden der Dramaturgen liegt zutiefst das Stueek von Scribe “Ein Glas Wasser”. Ein Stueek von guter Anlage, aber von grossen dramaturgischen Schwaechen. Der sehr begabte und aktive Helmut Kaeuter hat sich nun diesem verstaubten Stueek gewidmet, und daraus eine Werk gemacht, welches einen Gewinn fuer das Theater darstellt. Kaeuter hat diesen alten englischen Hermelinpelz meisterhaft entmottet, und sich damit ein Verdienst erworben. Diese Renaissance seines beruehmten Stueckes haette sich der Skribent Agustin Eugenio Scribe sicher nicht traeumen lassen; schade, dass er nicht mehr Nutzniesser fetter Tantienem sein kann... Das Programmheft nannte das Stueek von Scribe-Kaeuter ein “Musical’’. Aber ein Lustspiel wird noch nicht zum “Musical” durch einige Zwischenakt-Chansons (die mehr “Fueller” als Bestandtseil waren). Ein modernes “Musical” ist so etwas wie eine moderne Operette in literarischer Sphaere. Wenn auch das Stueek von Scribe voll uebller Operetten-Dramatrk ist, und Kaeuter es von falschen Operettentoenen (z.T.) reinigte, und dafuer diesem Stueek echten dramatischen Atem gab, Aktualitaet und Modernitaet brillieren lies, wurde es dennoch nicht zu einem echten “Mudes Ensembles der "Kammerspiele" in der (freien, sehr freien) Bearbeitung von Stefan Zweig, der mit Recht dieses Stueek “eine lieblose Komoedie” nannte. Harte, lieblose ■ Figuren von molier-shakespearianischer Kraft und dichterischer Transperenz, spielen eine tragische Komoedie um Gier, um Geld und Lebenslust. Dieses heute an deutschsprachigen Buehnen viel gespielte Stueek wurde durch die “Kammerspiele” hervorragend gebracht, es hatte ganz den heiteren Atem und die tragische Hintergruendigkeit, die ln diesem Werk lebt. Den Volpone spielte Dieter Brammer schlechtweg erstklassig; ein wundervoller Tartueff-Typ, ein saftiger Kerl, schamlos, grosschnauezig und feige. Joost Siedhoff spielte springlebendig die grosse und interessante Rolle des “Mosca”, als den grossen Schelm mit. dem anstaendigem Herzen, sicher so, wie es die Autoren dachten. Ein Kabinettstueck an Darstellungskunst bot Olszewski in der Rolle des alten Wucherer; dieser phantastischgrauenhafte “Corbaccio” wird noch lange in der Erinnerung des Publikums bleiben. Weitere gute Leistungen boten Guenter Schueler (Notar), Harra’ld Dietl (Leone), Gerd Wolfrum (Corvino) und die Damen Inge Rassard (Kurtisane) und Alexandra Weitze (Colombia). Die Spielleitung Olszewski-Brammer gab dem Stueek den Akzent, den es brauchte. Eine saubere, gute Inszenierung. Eine Frage an die Regie: Aus welchem Grunde wurden so viele Worte und Pointen ein Opfer des Rotstiftes? Aus Furcht, dass die Pikanterie verletzen koennte? Man haette voll und ganz den Stefan Zweig bringen sollen, denn diese gestrichenen Pikanteren und Eroticas sind ein substantieller Bestandteil, und wirken sicher nicht “shocking” in dieser Volpone-Welt von Macht und Lust. DREI MANN AUF EINEM PFERD Ein Stueek, welches die anspruchsvolle Artbezeichnung “Lustsped” traegt, mitnichten aber das ist, was man im dramaturgischen Sinne als “Lustspiel” bezeichnet. Von dieser Art “Lustspiele” gehen dreizehn auf ein Dutzend, sie sind leichte, seichte Unterhaltungsware, ohne tiefere Bedeutung. Die bekannte amerikanische Autorenfirma Abbott & Holm konfektionierte einen 5-Akter (von denen 2 Akte zuviel waren). Das sogen. Lustspiel handelt von den Affairen einer jungen Ehe, von Rennbahn-Schiebern und Buchmacher- Philosophie. Dank einer guten Auffuehrung gab es Situationen ueber die man immerhin lachte, (wenn man auch kaum laecheln konnte, eine Stimmung die ein echtes Lustspiel ausloest). Dieser amerikanische “Arnold und Bach” wurde flott gespielt, die Nichtigkeiten wurden so elegant ueberqpielt, dass das Publikum Lust an diesem Spiel empfand. Sehr gut wieder Siedhoff als kleiner Gelegenheitsdichter (Typ: Kleiner Mann was nun?), ganz ausgezeichnet Reinh.K. Olszewski als Rennbahn-Wetter, mit einem diskreten, uebeFwaeltigendem Humor, ebenso sehr gut am Platze und als Typen Dietl und Brammer. Als kesses Maedchen erfreute Inge Rassard. Die Spielfuehrung lag in Haenden der Herren Brammer und Siedhoff. * ❖ Ausser diesen Veranstaltungen waeren zu nennen eine literarische Vorlesung aus dem Werk von dem grossen zeit^enoessischen Schweizer Dichter Friedrich Duerrenmatt, welche leider nur von ca. 40 (!) Personen besucht war; ein bedauerlicher Besuch,, da die gebotenen Leistungen recht erfreulich waren. Das Gastspiel der “Kammerspiele” stand unter dem Management des "Institut Cuiltural Boliviano Aleman”, welches sich ein besonders Verdienst durch die sorgfaeltige Organisation dieser Veranstaltungen erwarb. Am 2. Oktober veranstaltete das 1CBA einen grosszuegig durchgefuahrten Coctail, zu Ehren der Mitglieder des Kammerspiel-Ensemble, der eine gesellschaftliche und geistige Elite vereinte. Bei dieser Gelegenheit wurden “human relations" mit den Kuenstlem gefunden, es wurde in erfreulich offener und herzlicher Form ueber das Plus und Minus des Spielplanes und der kuenstlerischen Leistungen diskutiert, sodass hier Publikum als Kritiker wirken konnte. Bis in die spaeten Abenstunden dehnte sich diese gesellschaftliche Veranstaltung aus, die man im guten Sinne als verbindend und bereichernd bezeichnen darf. Es waere eiqe Unterlassungs- Suende nicht zu betonen, dass bei allen Veranstaltungen administrativ und organisatorisch als hervorragende Kraft, Dr. Guillermo Rivera Elio, der Generalsekretaer des ICBA, wirkte. * * Resume: Das Qlszewski-Ensemble hat wiederum dem theaterliebenden deutsch-sprachigen Sektor von La Paz vidi Freude bereitet. Wenn wir auch nicht immer mit Spielplan und Darstellung voll einverstanden wa^en, ,so haben wir dennoch allen Grund, den “Kammerspielen" fuer ihre Leistungen zu danken. Wir messen diese Leistungen des Olszewski-Theater mit kritischwohlwöllenden Masstaeben, denn wir kennen sehr wohl die immensen Schwierigkeiten, mit denen diese kleine Buehne staendig zu kaempfen hat. / (Fortsetzung Seite 7).