Gross-Berliner C.V.-Post
- Journal
- Gross-Berliner C.V.-Post
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- 1 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Groß-Berliner <£. V.-Post Nachrichtendienst des Verbandes Groß-Berliner Ortsgruppen des C. B. Nummer l Berlin, den 23. Oktober 1925 Erscheint nach Bedarf Auf zur Wahl! Vernunft muß siegen? An unsere Groß-Berliner Zreunüe unö Mitglieüer. Die Reichshauptstadt ist von jeher der Zentralpunkt politischer Kämpfe gewesen. Von Stöckers Zeiten her wissen wir, daß der Judenhaß in Berlin die gefährlichsten Formen angenommen hat, und daß alle Kämpfe mit den vereinigten Judenhassern, auch wenn sie in Ost oder West, in Süd oder Nord ihren Ausgang nahmen, in Berlin zum entscheidenden Austrag gekommen sind. Das ist ja auch zu natürlich, weil Berlin der Sitz der Reichsregierung, Verwaltungsbehörden und des Parlaments ist. Wenn der Ccntral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein Menschenalter hindurch auf der Wacht gewesen ist und Attentate auf Ehre und Leben des deutschen Judentums erfolgreich abgewehrt hat, so ist das in erster Linie der Tatsache zu danken, daß wir stets bemüht gewesen sind, d-i-e Organ4sation in Groß-Berlin mit aufopferungsvoller Hingabe auszubauen. Dieser Ausbau wurde gekrönt durch die Schaffung des Verbandes Groß-Berliner Ortsgruppen, der den Abwehrkampf und die Aufklärungstätigkeit in die feste und übersichtliche Form einer straffen Organisation kleidete. Es wäre Verrat an Deutschtum und Judentum, wollten wir bei dieser Arbeit auf halbem Wege stehenbleiben. Aufklärungs- und Organisationsarbeit kann nur in Zeiten geleistet werden, in denen der Tageskampf nicht alle Kräfte restlos in Anspruch nimmt. Es ist zu hoffen, daß es in den nächsten Wochen möglich sein wird, uns zu sammeln und zu stärken. Auf dem Wege zu diesem Ziel soll uns die heute zum ersten Male erscheinende „G r o ß - B e r l i n e r E. V. - P o ft" behilflich sein. Daß die erste Nummer unserer E. V.-Post einen Tag vor der Stadtverordne t en wa h l in Groß-Berlin erscheint, ist kein Zufall. Wenn es je eine Gelegenheit für die jüdischen Deutschen in Groß- Berlin gibt, dem gewaltigen Ansturm der Völkischen um Wulle und der Deutschsozialen um Kunze einen Damm entgegenzusetzen, dann find es die Stadtverordnetenwahlen. Wir haben einige hervorragende Kommunalpolitiker gebeten, sich über die Bedeutung der Stadtverordneienwahlen zu äußern. Wir müssen uns in 'Anbetracht des zur Verfügung stehenden Raumes damit begnügen, die Warnungs- und Mahnnife zu unterstreichen und hinzuzufügen: würdelos jeder Berliner Jude und jede Berliner Jüdin, die a m S o n n t a g der W a h l u r n e f e r nbleibt und d a d u r ch den Völkischen zu einem Erfolge verhilft. Tagtäglich werden wir in der gegnerischen Presse geschmäht, der jüdische Einfluß mache sich allüberall im Volks- und Wirtschaftsleben schädigend breit. Hier ist wirklich einmal Gelegenheit für die jüdischen Deutschen in Groß-Berlin, von ihrem Staatsbürgerrecht machtpolitisch Gebrauch zu machen. Bei der zu erwartenden schwachen Wahlbeteiligung werden die jüdischen Stimmen, wenn sie restlos abgegeben werden, ins Gewicht fallen. Darum auf zur Wahl! Sorgen wir dafür, daß am 2 5. Oktober in Groß-Berlin die Vernunft siegt undderJudenhah unterliegt. Dr. Bruno Glaferfeld 1. Vorsitzender des Verbandes Groß- Berliner Ortsgruppen. Wir verlangen Gleichberechtigung! Uebennütiger als je erheben die Antisemiten aller Richtungen ihr Haupt. Ganze Stoßtrupps von Hakenkreuzlern in reichlich jugendlichem Alter erscheinen als Störenfriede in den Versammlungen. Harmlose Passanten werden auf den Straßen belästigt, ehrwürdige Bürger verfolgt und geschlagen. Die Polizei hat nach einer Verordnung des Polizeipräsidenten die Verpflichtung, gegen das skandalöse Treiben dieser Horden einzuschreiten und auch mehrmals den aufrichtigen Willen bekundet, gegen den Unfug vorzugehen. Aber noch ehe sie zur Stelle eileit kann, haben die meist dem schulpflichtigen 'Älter Angehörigen die Flucht ergriffen. Ein beschämendes Beispiel für Berliiter und Fremde! Die Reichshauptstadt erlebt eben jetzt, wie wiederholt in großen Zwischenräuinen, eine antisemitische Welle, die der- Siele »«Ml entiiölt BeiEräee mb: Dr. med. Bruno Glaferfeld. Negierungsrat Merten, M. des L. und Stadtverordneter. Oberstudieitdirektorin Bertha Gerhardt. Schriftsteller Dr. Alex. Stein, Reicksbildungsleiter. Rektor Dr. Otto Schulz. Chefredakteur der „Germania" fecnnmm Orth. Dr. med. .Kurt Rosvlle«r-Weitzensee. jenigcn in den Tagen der Stöcker, Ahlwardt, Pückler, Böckler in nichts nachstsht. Auch diese Welle wird sich brechen an dein gesunden Sinn der Berliner Bevölkerung und in der Geschichte unserer Vaterstadt dereinst fortlebcn als eine sehr üble aber vorübergehende Erscheinung. Dazu ist erforderlich, daß alles, was freiheitlich denkt und iitnerlich sich wirklich frei weiß, sich frei mache von jeder Intoleranz, Engherzigkeit und Kleingeistigkeit, vom Klassen- und Rassenhaß, vom konfessioitellen Hader wie von Kastengeist uub Standeshochmut. Der Bürger der deutschen Republik darf sich ilicht begnügen mit der Gleichberechtigung, wie sie in der Verfassung verkündet wird. Wir verlangen eine Gleichberechtigung als eine aus dem tiefsten Herzen allere Volksgenofsen koinrnende Vollsanschauung, dis sich überall auch im gesellschaftlichen Lebeit und Verkehr auswirken muh. Hand in Hand mit den wahrhaft Freien der deutschen Nation wollen wir den Kampf um die Gleichberechtigung führen, anr 25. Oktober für de» Sieg der deutschen Demokratie! M e r t c n , Mitglied des Landtages lind Stadtverordneter. Krauen heraus! Am Sonntag, den 25. Oktober 1925, füllt die Entscheidung über die fstikumt des Berliner Schulwesens. Soll die Berliner Jugend in einer Atmosphäre aufwachsen, — ich rede gar nicht von der Ungeheuerlichkeit des 'Antisemitismus in der Schule, diesem schlimmsten Seelemnorde — wo man bestenfalls durch Schranken der Herkunft, der Konfession, des Standes getrennt mit freundlicher 'Ächtung aneinander vorbeigeht oder in einem brüderlichen Mit- und Füreinander, das keine Schranken kennt unb eine Abschließung überhaupt nicht erträgt? Am Sonntag werden in Wirklichkeit oie Dirrktoren und Lehrer der Berliner Schlticn gewählt und damit oer Gerst bestimmt, der in den einzelneit Schulen herrschen fall. Las sollte nicht jedem Jugendfreund, jedem Vater, besonders aber jeder Mutter ‘i-.'f in der Serie brennen, und da sollte auch nur eine Wählerstinnne verloren geheil? Frauen, hcraus für die neue Schule der rechten Jligendhein'-.t voll Freude, Freiheit unb Frieden? Bertha Gerhardt, Oberstudiendirektorin der städt. Sttidienanstalt.