Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 10 (15.5.1882)
- Date
- 1882-05-15
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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120 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Standpunkt. Wir haben durch Beispiele zu zeigen gesucht, dass die Bezeichnung Keilschrift nicht das Wesen der Schrift bezeichnet, sondern vielmehr, dass bloss äoAMateriale, auf welchem dieselnschriften verfertigt wurden, am meisten zu dieser Art des Schreibens einlud, und also das Meissel den Keil hervorgebracht, wie der P insel die den Chinesen eigenthümliche Schrift, wie der Papyrus den Aegyptern ihre Hieroglyphen erzeugt hat. Wir haben ferner die Behauptung aufgestellt, dass das Entziffern der Inschriften weit mehr Schwierigkeiten bot, als das Erklären derselben, nachdem sie einmal entziffert worden sind. Denn der semitische Charakter der assyrisch-babylonischen Keilinschriften ist ein so in die Augen springender, dass man ihn sofort erkennen muss. Wir werden also in der heutigen Vorlesung, anknüpfend an das hebräische Alphabet die Entzifferung der Keilinschrifteu klar zu machen versuchen. Ich habe Dmen bereits auseinander gesetzt, dass die Entzifferung der persischen Keilinschriften zur Entzifferung der Inschrift n, denen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen, unumgänglich nothwendig war. So wollen wir heute diesen Text anführen: Altpersisch lautete er folgendermassen. Kshayärsa kshäyathiya vazarka shäyathipänäm Däravahus kohäyatiyaha puthra Hakhämanisiya. Xerxes rex magnus, rex regum, Darii regis filius Achseminidis. Assyrisch lautete dieser Text. Hi-si-arsi saru rabu sar sarri habal Dariyavus saruu Ahamannisi Der grosse König. König der Könige. Sohn des Darias, des Sohnes des Achäminiden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir es nicht versäumen eine Erklärung eines Satzes in dem bekannten Gebete Alenu zu geben. Es war mir immer auffallend, warum wir in diesem ebenso sinnreichen als erhebenden Gebete sagen: öTOtt *:zh pnpi n*inrwo^ crma utoki wir aber beugen unser Knie, werfen uns zur Erde und gestehen unsere Ohnmacht ein. \ or dem Könige der Könige aller Könige, dem Heiligen gelobt sei er. Diese gewöhnlicheUebersetzung, wie wir sie fast überall sehen, ist eine falsche, und wir müssten diese Worte so deutsch wiedergeben: Wir aber beugen uns vor dem König der Könige von den Königen. Bs scheint diess ein Pleonasmus zu sein; weiss man aber, dass alle Könige des Morgenlandes. Perser wie Assyrier, Babylonier wie auch Macedonier sich stets Könige der Könige nannten; ja dass selbst der heutige persische König sich sah-in-§ah dh. ebenfalls König der Könige nennt; so wird man es nicht nur begreiflich fihiden, sondern sogar für nothwendig erachten, dass wir Gott als den König über die König/- der Könige anerkennen müssen. Nun zur Sache. Die Hauptschwierigkeiten, die steh der Entzifferung darboten, waren 2: erstens die Homophonie und 2 tens die Allophonie auch Polyphonie genannt. Homophonie vom griehischen Ö\LÖ<; und ^povsto Gleichklang dh. wenn 2 verschiedene Zeichen einen und denselben Laut bezeichnen; Die 2te der Schwierigkeiten die Allooder Polyphonie war eine ungleich grössere und wichtigere Allo-polyphon war jedes Zeichen, das 2, 3, ia oft auch 4 bis 5 verschiedene Laute haben konnte. Ich will es versuchen Ihnen, einen Begriff zu geben, wieso die Polyphonie sich entwickelte. Die Palaeographe nnämlich haben bisher die Aufgabe den Ursprung der Schriften zu erforschen, leichter genommen als sie ist. So dankenswert ihre Bemühungen sind, die Schriftdenkmäler der altenYölker zu erforschen, die Gleichheit undVerwandtschaft benachbarter Schriften nachzuweise und die Veränderungen zu erklären, welche verändertes Schreibmaterial und einseitige Ausbildung der Schriftformen erzeugten, so war es doch gefehlt die gleicheTheorie auf alle Schriften anzuwenden und zu behaupten, dass alle Buchstabenschriften von einem Ursprünge stammen. Die Alphabete biete» Verschiedenheiten in der Bezeichnung der gleichen Laute, über welche man nicht leicht hinweggehen darf; es könnten auch Gründe vorhanden sein, welche wir nicht kennen und wir könnten Gefahr laufen, Erscheinungen für Zufall zu erklären, welche auf einem Verständniss der Zeichenbedeutung beruhen, die nur uns mangelt. Ist es doch auffallend, dass während wir Schriftzeichen bei Völkern niederer Kulturstufen finden, hochgebildete Völker wie die Jnder, welche die Veden schufen, die Griechen, welche die Ibas dichteten und die Nordmänner, welche uns die Edda überlieferten, die Schrift nicht gekannt haben, sollen bis sie ihnen von den Phöniciern überj liefert worden sei! Ist es doch undenkbar, dass während gegen- I wärtig Lesen und Schreibet! die ersten Stufen des Wissens bilden, | ohne welche man die Früchte der allgemeinen Bildung nicht erlangen kann, ohne welche der richtige Gebrauch der Muttersprache nicht erreicht wird, vielweniger die Fortbildung und Ausbildung derselben Jnder und Griechen ihre Sprache ohne Schritt in jener Weise verästelt und ausgebildet haben sollen, welche Gegenstand unserer Bewunderung ist, dass namentlich die Jnder, in der Mitte | zwischen babylonischer und chinesischerCultur gelegen, durch Handel , schon in den ältesten Zeiten mit ihnen verkehrend, durch riesige j Bauwerke, Kenntnisse der Mathematik, durchSculptur Kenntnisse des Zeichnens und der Malerleibe kündend, keine Ahnung von der Schrift j gehabt hatten, bis dieselbe ihnen in verhältnissmässig neuer Zeit durch den Handelsverkehr zugeführt sei. Liegt nicht die Befürchtung nahe, dass man sich durch eine glänzende Theorie verleiten lässt j einseitig und vorurtheilsvoll an die Prüfung alter Denkmäler zu gehen. Ist in der That die Theorie von der Entwickelung des | Schriftgedankens, welche Herr Lenormand in seinem Werke: Essai i sur la propagation de 1' alpha'>et phenicien dans l'ancien monde Paris 1872 und 74) in sehr geistreicher Weise entwarf, indem er annahm, dass die einzelnen Völker unabhängig von einander bis zu eiuer gewissen Stufe des Schriftgedankens fortschrit'en und auf derselben stehen blieben, nämlich die amerikanischen Jägervölker \ bei dem Bilde und dem Symbole, die Mexikaner beim Hehns, die | Chinesen bei der Wortschrift, die Babylonier bei der Sylbenschrift, : die Ägypter bei den Lautzeichen, aus welchen die Phönicier die I Idee des Alphabetes geschöpft haben sollen, ist vielleicht ein bestrickender Trugschluss, der die Augen blendet und Aulass gibt! die Thatsachen zu missachten, welche demselben widersprechen!; Wäre es nicht auch möglich, dass die Schrift bei einem Volke enti stand und zu den übrigenYölkeni übertragen in verschiedener Weise j entwickelt wurde, dass somit auch an verschiedenen Orten die j reine Lautschrift aus der Wortschrift entstand. II. Zur Exegese Von Rabb. S. Hessel in Agram. ' Die Stelle im II. Buche Mos. Cap. 9 Vers 17 ^^TWE ""jT'S? dürfte sich am besten durch: lässt du dich ferner unter- •'»> — | drücken wegen meines Volkes übersetzen lassen, da es dem hebräischen Sprach brauch angemessen ist, dass der Hithpael häufig reflexive Bedeutung hat, so geht aus der Stelle Ezechiel (Cap. 16) du hast dich zertreten lassen in deinem Blute hervor. Briefkasten der Redaction. Egregio Signor Dottore Luzzatto: Vive grazie pei manoscritti, nel numero saguente comincierö pubblicarne qualchecosa. — H. Ig. Münz Kempen. Das mangelhafte wird im Seperatabdruck ersetzt j werden. — Ehrw. Bez. Rabb. Hahn. Biographie wird sobald als j möglich und Ihrem Wunsche entsprechend auf einmal gedruckt 1 werden. — H. Eisig Graeber Przemysl. Bitte mir die Aushängebogen ' der Briefe S. D. L. s. A. zu senden. Sc!uss cer R^daction am (2. Mai. Druck und Verlag von J. Fleischmanrvs Buchhandlung in Belovar. Verantwortlicher Redacteur Dr. M. Grünwald.