Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 8 (15.4.1882)
- Date
- 1882-04-15
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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86 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Zahlen die 7(1) besonders eine Hauptrolle gespielt, wenn auch Shakespeare in einer Fastnachtslaune sie für die Ewigkeit mit dem Epitheton des bösen der Nachwelt aufbewahrt hat; wrol ist die 13 seit Christus in den Geruch des unheimlichen und unglücklichen gekommen: aber systematisch oder sagen wir es rund heraus, in ein Buch gebracht, wurde eine einzelne Zahl, soweit die ''Litemiwrkünde reicht, nie und nimmer, bis auf die Zahl 9, die bis jetzt dem Namen nach sämtlichen Danteforschern bekannt, unseren Ermessen nach bis auf den heutigen Tag unverstanden blieb. Es ist das Buch .. Vita nuova11 eine Verherrlichung der Zahl 9 und zwar mit einer Beharrlichkeit und Consequenz. die wir bei Dante zu finden, durchaus nicht überrascht sein werden. Dante, dieser Dolmetsch der Gedanken und Gefühle seiner Zeit, obwol er sie um Haupteslänge überragte, hat auch in demBuche 1 ritä nuova ein ganz eigenartigesWerk geschaffen, das bis heute ein crux interpretum ist. Und so leicht diese 2 Worte Vita nuova nämlichauch scheinen, so haben sie dennoch zur Abfassung von ganzen Büchern Veranlassung gegeben. Von den ältesten Danteforschern angefangen bis auf die jüngsten hinab, bis auf Witte und Wegele herrscht eine Meinungsverschiedenheit betreff des Sinnes dieser so einfach und schlicht aussehenden Worte, Nach den einen sollte es soviel wie giovanile ..jugendliches Leben" bedeuten, bald wieder neues Leben in dem Sinne eines durch die Liebe verklärten und verjüngten Lebens. Allerding« fielen ja nach der Annahme, dass Dante's Liebe zu Beatrice schon im 10. Jahre entstand, beide Erklärungen in eine zusammen und die Dissonanz löste sich in eine erfreuliche Harmonie auf. Doch so leicht ist die Sache nicht. Da sind italienische Danteforscher, welche der Vita nuova jegliche Realitaet absprechen, und sie in das Gebiet der reinen Phantasie versetzen. Aber auch mit dieser Annahme ist der Titel „Vita nuova" durchaus nicht erklärt und nicht gerechtfertigt, Unserer Ajasicht nach ist Dantes „Vita nuova" durch neues Leben zu übersetzen, in dem Sinne aber, dass Dante, als er in die Geheimnisse der Zahlernrt/mbolik eingeweiht wurde, eine Verherrlichung der Zahl neun im grossen Massstabe schreiben wollte. Welch günstigere Form hätte nun Dante wählen können, als die seiner Zeit so geläufige, wo der Ritter seine Dame als die Vollkommenste der Sterblichen preist. Vielleicht wollte auch Dante, wie wir aus der Vita nuova selbst nachweisen werden, eine Verherrlichung des Christenthum*s schreiben. Durch die verdienstvollen Arbeiten des Berliner Professor's Dieterici in Berlin ist uns die Zahlenmystik, wie sie von den Arabern entwickelt wurde, nunmehr völlig erschlossen, und die Arbeiten des Arztes und Philosophen Ibn Esra geben uns vollends den Schlüssel zum Verständnisse der Zahlensymbolik im Mittelalter. Nach (1) Vgl. meine Ergänzungen <>itrl Berichtigüngeu zu Blockwitz' Aufsatz über die Zahl 7 iu Paul Lindau's Gegenwart Band XVII Nr. 8 (21. Februar 1880) p. 127. diesen gab es geheime Gesellschaften, wo diese Disciplin j gelehrt wurde, die nur den Mitgliedern mitgetheilt wurde. Und in diesen Zeitpunkt fällt unserer Ansicht nach die Abfassung der Vita nuova. So erklärt sich der Titel „Vita nuova" von selbst. Beginnt man nicht, um an Bekanntes zu erinnern, wenn man in den Freimauererorden tritt, ein vneues Leben. u Bedenkt man aber ferner, wie im Italienischen die Ausdrücke für die Begriffe neu und neun sich fast völlig decken (neu heisst nuovo, a, neun nuove) so wird man! erst begreifen^ mit welcher Freude Dante diesen doppelsinnigen Titel gewählt haben muss. um öffentlich und d<,ch nicht für jeden verständlich seine Gedanken über die den Zahlen innewohnende Kraft mitzutheilen. Es ist überhaupt eine höchst interessante Thatsache, dass in sämtlichen indogermanischen Sprachen der Stamm des Wortes neu mit dem von neun zusammenfällt. Dass diess einem Concettisten sehr erwünscht kommen musste,! liegt wol auf der Hand. Warum aber gerade die Zahl 9, wäre nicht die eins oder die drei vorzuziehen? Nun, Dante gibt selbst darauf Antwort, und wir werden ihm! selbst bald das Wort geben. Der Grund ist einfach dei\ j dass die 9 nach Ansicht der Zahlensymboliker die wichtigste Zahl ist; und ist es geradezu merkwürdig, wie I man folgende Stelle Dante's, die das Verständniss sonnenartig erhellt, übersehen konnte. Dante spricht von dem! Tode der Beatrice und fährt dann fort: Und so werde ich zuerst sagen, in welcher Art jene | Zahl [9] bei ihrem Hingange stattgefunden, und dann noch einige Gründe angeben, warum dieselben ihr also freund-! lieh gewesen. Ich sage also folgendes: Nach italienischer Zählung war es in der ersten Stunde des 9. Monatstages, dass ihre herrliche Seele von hinnen gieng, und nach syrischer Zeitrechnung schied sie in 9 Monde des Jahres, indem der 1. Mond Theschrin den Syrern das ist, was uns der October; nach unserer Zeitrechnung endlich starb sie in dem Jahre des Herrn, mit welchem in dem Jahrhundert, worin siederWelt gegeben wurde, die vollkommene Zahl 9 mal erfüllt war. Sie war aber eine Christin des 13. Jhrdts. pasB diess alles nun bei ihr zusammentraf, davon konnte ein Grund dieses sein; da es nach Ptolemäus und dem wahren christlichen Glauben neun bewegliche Himmel gibt [im Gegensatz zu Aristoteles, der nur 8 Sphären annahm] und da diese Himmel nach astrologischer Bestimmung jeder seiner Beschaffenheit gemäss auf die p]rde einwirken, so war jene Zeit ihr freundlich, in dem durch sie angezeigt war, dass bei ihrer Zeugung alle ,9 Himmel vollkommen zusammenstimmten. Diess ist der eine Grund. Aber scharfsinniger erwogen und nach der untrüglichen Wahrheit war diese Zahl sie selbst, ich spreche gleichnissweise und verstehe diess so: Die Zahl 3 ist die Wurzel der neun, weil sie ohne eine andere Zahl durch sich selbst vervielfältigt 9 gibt, wie wir leicht sehen, denn 3 mal 3 ist 9. Wenn demnach die 3 allein für sich der Grund der 9 ist, der