Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 37 (11.9.1879)
- Date
- 1879-09-11
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. V. Jahrgang. Dir talmudische Tradition. (Fortsetzung siehe Nr. 35.) Also tradirte Rab. Dossa, ein schon sehr hochbetagter ^Mann, im Namen des Propheten Haggai drei sich mündlich erhaltenen Satzungen aus der sinaischen Tradition. Die vorerwähnte, die Leviratsehe der Nebenfrau der verehelichter: Tochter betreffend, war schon ein streitiges Problem der Schulen Schama's und Hillel's geworden, und wurde für die Zulässigkeit gedachter Leviratsehe pro et contra disputirt, wie ibiäenr 15) sogar von Rabon Gamliel eine solche Leviratsehe als vollzogen erwähnt wird; Auch hatte, wie Rab. Dossa selbst aussagt, sein scharfsinniger Bruder Jonatan dreihundert gelehrte Beweise für die Permission der gedachten Leviratsehe. Dennoch aber verblieb es nach der mitgetheilten Tradition des Rab. Dossa im Namen Haggais bei dem traditionellen Verbote jener Leviratsehe. Hatte denn aber die Schamaische Schule im Widerspruche mit der sinaischen Tradition, erlaubt die Vollziehung gedachter Leviratsehe? keineswegs! es war beiden Schulen die sinaische Tradition hierüber unbekannt geworden, sie war nämlich in Vergessenheit gekommen; sie suchten sie aber durch Deduction zu restituiren, wurden aber auf dem Wege der darüber Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersftratze Nr. 8. Monn, 11. Septemöer 1879 (5639). gehaltenen Discussionen zu diversen Resultaten geführt. Es fand aber, so lange die sinaische Tradition eine festgegliederte Kette ununterbrochen durch ihre mächtigen Träger von Generation auf Generation überging, gar keine Controverse unter den gelehrten Handhabern der religiösen Gesetze statt. Die nachherigen Controversisten behandelten nur solche Probleme, über welche die gewesene sinaische traditionelle Bestimmung gänzlich in Vergessenheit gekommen war, oder jeder der Converststen das „ipos äixit" festhaltend, von dem, was er von seinem großen Lehrer darüber vernommen, nicht abweichen wollte, oder aber auch solche Institutionen, die an und für sich weder in der schriftlichen noch in der mündlichen Thora geboten, sondern nur (Sejogim) Vorsichtsmaßregeln, um der Uebertretung der gebotenen Satzungen ausweichen zu können 'plfHö) (D,’D3nrnJpn sind, zum Objecte der Discussion machten. Exempli gratia: König David und sein Synhedrium haben, um Jncestum zu verhüten, das Zusammensein zweier Personen verschiedenen Geschlechtes, die ehelich nicht angehören (Tract. Synhed. 21) TUT genannt verboten und Strafe JTTlD HDD darauf gesetzt. Saloinon der Weise und sein Synhedrium haben die Institution der 'paVW, der DVT»n^tM und der rvnyi5 rnw eingeführt (Tract. Sabbath 19 und Tr. Eirubin p. 2). So war auch die erste religiöse Jnseraste: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. iZahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. Mo. 37. Gott allein, der höchsten Gerechtigkeit zuschreiben, so geziemt es sich auch, daß der siegende Theil in erster Linie Gott allein Lob und Dank spende. »Gelobt sei Gott, mein Schöpfer, der meine Hand im Treffen geübt und mich gestärkt im Kriege" sing: König Davids. Dankbarkeit war von jeher die Tugend edler Seelen und wenn von ihr die Rede ist, müssen wir da nicht Anerkennung und Verehrung zollen unserem greisen Landesfürsten, dem Kaiser und König Wilhelm I.? hat ja dieser edle Fürst in allen seinen Kundgebungen, in all' seinen Berichten aus dem besiegten Lande an seine erlauchte Gemahlin, die Kaiserin, — dem Könige David gleichnie Unterlasten, die davongetragenen Siege, den zu Stande gebrachten Frieden dem Beistände Gottes zu verdanken. O Feldherren, o Staatsmänner, ahmet dem nach! Nachdem wir aber in dem Hause Gottes Ihm unsern Dank dargebracht, so geziemt es sich auch, daß die Freude — ein politiscker Redner würde sagen: der Stolz — die bei dieser Gelegenheit unsere Brust erfüllt, nicht darin wurzele, weil uns die Rolle der Sieger zu Theil geworden. „Es rühme sich der Held seiner Stärke nicht"!8) Wir sollen vielmehr unsern Ruhm in dem Bewußtsein allein suchen: „daß wir Sieger und folglich die Gerechten waren". II. Soweit — die Stimme der Vernunft für den siegenden Theil. Aber auch unsere Mitmenschen, die Besiegten, wollen wir nicht ganz ihrem Geschicke überlassen und ihnen im Namen der Humanität wie der Gerechtigkeit folgenden Mahnruf zusenden: Ihr wäret im Unrecht, gestehet es! Schreibet von nun ab auf Eure Fahne anstatt der verführerischen Parloe „PEmpirec'estla paix“ (das Kaiserreich ist der Friede) die Euch die Grenzen des Friedens überschreiten ließ und anstatt aller Rachegedanken, die man Euch zumuthet, die jedoch, so natürlich sie auch sein mögen, Euren Zwecken nicht entsprechen, Euer Wohl nicht fördern, die Parole: „la guerre c’est la paix“. Der überstandene Krieg sei Euch der Frieden. Die überstandene Gefahr soll Euch Ruhe nach Innen wie nach Außen gebracht haben. Lasst uns einander die Bruderhand reichen, auf daß wir nebeneinander ungestört an dem großen Entwicklungswerke, wie es unsern materiellen und geistigen Interessen dienlich ist, fortarbeiten um so unsere Nachkommen für das Ideal der Zukunft, den universellen Frieden vorzubereiten". Friede im ganzen Universum, ewiger Friede, meine Freunde, sind Begriffe, die nicht leere Phantasie geboren. Und wollen wir unserer erhabenen Propheten nicht spotten 8), so müssen wir deren Wort respectiren, es für Offenbarung, für das sie es ausgaben, gelten lassen. Ist aber der Propheten Wort Gottes Wort, so muß auch Möglichkeit geboten sein, daß dasselbe in Erfüllung gehe^. Controverse, die zwischen Josse, Sohn Joesa's und seinem Collegen Jesse, Sohn Jochanen's obwaltete über eine rabbinische Institution genannt (ehagigah f. 16). „Rabbi Elieser sagte, heißt es (Tr. Suka), nie stellte ich meine Ansicht über ein religiöses Problem behauptend auf, wenn ich sie nicht von meinem Lehrer Rabbi Jochanam, Sohn Sackais gehört. Sehr oft treffen wir im Talmud die Redeweise rtep DK) (nw6 L" ixv D*0!hp:. „Ist dies eine Sache sinaischer Tradition, so wollen wir es ohne jeden Protest annehmen, wo es aber nicht der Art ist, so könnten wir wohl dagegen Einwendung machen. Es resultirt aus diesen vorigen Citaten schon, daß die Talmudlehrer weder für noch wider eine Satzung, die als eine sinaisch tradirte anerkannt war, disputirten, weil was göttlich geboten ist, gar nicht in Frage gezogen werden darf. Da ja selbst die rabbinschen Institutionen, worüber disputirt wurde und die eigentlichen Momente der talmudischen Controversen sind, nur tendirten, die sinaische Tradition zu restituiren, zu constatiren und zu sichern vor der Vergessenheit. Es wird im Talmud selbst ausdrücklich bemerkt, was sie selbst, die Talmudlehrer, instituirt haben zum Schutze für die Religion. So heißt es sx gr. DTQ13 DU Dnil l"!*“» (Tract. Sabbath p. 1. Mischn. 4). Große Mühe Da es dem Herausgeber dss. Blattes > auf ärztliches Anrathen dringend geboten! ist, für kurze Zeit jedwede Anstrengung zu! vermeiden, so dürfte der Fall eintreten, daß vorliegende Nummer die letzte vor n"-, T'yan fein durfte, und wir beehren uns daher heute schon, unsern verehrten Abonnenten und Mitarbeitern herzlich zu wünschen. Woritz Aaum. Leitender Artikel. Rede gehalten am 2. Sept. 1879 (Sedantag) im Sethause des Vereins bntr> ^np?n Sonn von G. Rofentheil. Meine Freunde! Wenn das Abhalten von Nationalfesten, wie das heutige, das in allen Gauen des deutschen Vaterlandes gefeiert wird zur Erinnerung an gewaltige Siege, an große Errungenschaften einerseits, an erlittene Niederlagen anderseits in der jüdischen Geschichte nichts Seltenes ist: Denn abgesehen von dem Befreiungsfeste NVD, wobei es uns ja als Pflicht aufgelegt ist, den „Egyptentag" während unserer ganzen Lebenszeit im Gedächtnisse zu behalten DT n# "Dtn ,,-pn W D'HSD flND begehen wir noch andere Feste, so das Chanuka- und Purimfest, wobei besonders hervorgehoben wird WDÜN bv daß diese Tage an die Errettung, an die Siege, die Gott und gewährte erinnern sollen, so liegt es uns um so mehr ob, bei der jeweiligen Wiederkehr solcher ruhmreicher Tage nicht nur den politischen, sondern vielmehr den moralischen Charakter derselben in den Vordergrund treten zu lassen. Und so wollen wir denn den Schwerpunkt des heutigen Tages nach einer Seite hin verlegen, die allerdings kaum in die politische Wagschale fallen, nichtsdestoweniger aber gerechten Anspruch auf unsere volle Würdigung haben durfte indem wir hervorheben: . daß der Sieg des Starken gegen den Schwachen im Kriege uns die siegende Gerechtigkeit gegen die besiegte Ungerechtigkeit zu bedeuten habe. I. Nicht aus Schlachtfeldern, an den Stätten, wo Kraft mit Kraft sich mißt, vielmehr in den Gotteshäusern, in der Gegenwart des allmächtigsten Wesens, dem wir die Attribute: erhaben, gewaltig und furchtbar beilegen KTtfm "TDin dem menschlischer Heldenmuth eitel Nichts, menschlicher Ruhm mehr als vergänglich und menschliche Weisheit wie Thorheit gilt*), werden Siege gefeiert. In dem Hause Gottes nun stellt sich die Ungewißheit der Gewißheit, der siegende Mensch seinem Gotte demuthsvoll gegenüber, er will gleichsam den König der Königes für seine That verantwortlich machen und ihm allein danken, daß die Dinge so gekommen. Und wie denn? Gott für einen Krieg verantwortlich machen? Ja wohl, meine Freunde, weil es das Vernünftigste ist, was wir thun können. In der ganz alten Zeit, in des Menschen Kindheit, als tausend Köpfe noch Einen Sinn hatten, da es noch krine „Parteien" gab und entweder lauter Gutgesinnte oder lauter Corrumpirte waren, da — wenn letzterer Fall eingetreten — erklärte Gott der Herr selbst der Welt den Krieg. Berichtet doch die heilige Schrift von fatalen Epochen, wo die sämmtliche Bevölkerung der Erde von verheerenden Elementen, Wasser und Feuer, weggerafft wurde und spurlos von dem Erdboden verschwand. Und auch da mögen uns die Wege Gottes als leuchtendes Beispiel dienen, nie in Leichtfertigkeit, Ueberstürzung und Aufgeregtheit zu urtheilen, denn prüfend und genau untersuchend lehrt uns die Vorsehung sein. „Ich will hinabsteigen von des Himmelhöhen und sehen, ob Sedom und Amora wirklich das Recht auf's Leben verwirkt"8). „Und der Herr stieg hinab um das hochmüthige Menschengeschlecht an;usehen" ^). „Als Gott sah, daß die menschliche Bosheit überhand nimmt aus Erden, da beschloß er des Menschen Vernichtung" 5). So verfuhr Gott mit den ersten Generationen: gerade, wahr, strenge und gerecht. Bei den spätern Geschlechtern erst, an welchen die traurige Geschichte der Väter nicht nutzlos vorübergegangen sein mochte, weckte die strafende Hand Gottes das Bewußtsein des Guten immer mehr und mehr, das.Menschengeschlecht wurde zahlreich, die Ausdehnung nach Außen führte die Theilung im Gebiete herbei und der Mensch fing an physisch wie sittlich sich zu separiren. Verschieden in Sprache, in Gesinnung und in That war er nun. Es entstanden Differenzen, mit ihnen Parteien, Streit und Krieg. Edle und gemeine Absichten fingen sich zu bekämpfen an. Wer soll da entscheiden? Wem soll die Entscheidung anzuvertrauen sein? Und der „Richter der ganzen Erde"6) mußte da interveniren: die gerechte Partei zu ihrem Stellvertreter auf Erden zu machen, sie mit Macht, Ueberlegenheit wider den Gegner auszurüsten, ihr die Initiative zur Verfechtung der guten Sache und den endlichen Sieg zu verleihen hat die Vorsehung beschlossen. Wenn wir also die Verantwortlichkeit für die höchste Kriegsleitung