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Der israelitische Bote · 1879-08-28 · 35 (28.8.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
35 (28.8.1879)
Date
1879-08-28
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Der Israelitische Bote i Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. v. Jahrgang. Wann, 28. Augull 1879 (5639). Inseraste: Die Petitzeile oder deren Raum ft) Pf. sZahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. Mo. 35. In Zank und Hader arbeitet man zur Zeit sehr viel. So stnden wir in Nummer 34 einer jüdischen Wochenschrift eine Covrespondenz aus Fulda, die einen Artikel der „K. Tages-Post" wiedergiebt, in dem „als Illustration zu dem Geist und Leben, der jetzt die hiesige (dortige) israelitische Gemeinde durchweht" mehrere Thatsache aufgeführt werden, die das Judenthum in der Art und Weise, wie sie ausgethellt werden, lächerlich machen sollen. (Es handelt sich nämlich um eine von orthodoxem Standpunkte aus gebotene Anordnung). Das Blatt bemerkt hierzu: „Wir können es nicht billigen, daß dergleichen in nichtjüdischen Blättern besprochen wird, wo es nur zum Lächerlichmachen des Judenthums dient; die von uns oben gestrichene Nr. 3. der aufgeführten Thatsachen verursacht sogar Rischus. Wir aceeptiren diesen Zusatz, schlagen zurück und — finden d. d. Wiesbaden, 14. August eine Reproduktion eines „Eingesandt" des Rabbiners Dr. Süßkind aus dem „Rh. Kurier" unter dem Titel: Ein frommer Schwindel, das erst recht geeignet ist das Judenthum lächerlich zu machen. Hier geht nun ein Rabbiner hin und macht seine Glaubensgenossen vor der Christenheit lächerlich. Zur Kennzeichnung eines solchen Gebahrens fehlen uns die Worte, sie fehlen uns aber auch zur richtigen Beleuchtung des Blattes, das hingeht und druckt solch herabwürdigendes Machwerk ab und verschafft ihm — wenn auch vielleicht nur eine sehr unbedeutende — Verbreitung, weil es in seinen Kram paßt. Wie sich das mit der obengenannten Anmerkung vereinbaren läßt, ist uns unbegreiflich. Ein Faustschag in's eigene Gesicht ist solches Vergehen, das selbst dann, wenn man die Einwirkung der Hundstage voraussetzen wollte, nicht zu rechtfertigen wäre. Das jüdische Element an den höheren Lehranstalten in Preußen. Im Juli-Heft von Dittes Pädagogium (Leipzig, Klinkhardt) veröffentlicht Gymnasial-Oberlehrer Dr. C. Venediger (Spandau) „Ergebnisse der Statistik der höheren Lehranstalten Preußens", welche derselbe auf Grund von Mittheilungen des officiellen „Centralblattes für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen" bearbeitet hat. Wir entnehmen derselben folgende Daten hinsichtlich der jüdischen Schüler: „Auf den Gymnasien gab es im Sommer-Semester 1878 49827 evangelische, 14414 katholische, 7850 israelitische Schüler und 6 Dissidenten. Auf den Realschulen I. Ordnung in derselben Zeit 22420 evangelische, 3275 katholische, 2391 israelitische Schüler und 11 Dissidenten. Da fällt zunächst die große Zahl der Leitender Artikel. Bonn, im August. Red. Ein berechtigter Gedanke. „Frisch gewaqt, ist halb gewonnen" ist ein altes Sprüchwort, i^"sich mit Recht vielseitig anwenden und benutzen es zutreffend und passend ist, beides Eigenschaften, die eine Wortzusammenstellung, einen Satz stets zu einem Schlagwort, zu einem Sprüchwort machen. Wir erkennen obigen Satz als solches an und handeln darnach, indem wir mit freier Stirn und guten Muths frisch und geraden Wegs auf das Ziel losgehen, das wir uns gesteckt haben, um einigen vielfach ausgesprochenen Zweifeln Ausdruck zu verleihen. Es handelt sich — daß wir den Leser nicht lange im Unklaren lassen — um nicht Geringeres, als um die Frage: „Ist es recht, daß ein amtirender Rabbiner zeichnender Redakteur sei, oder nicht?" Wie bereits bemerkt, beschäftigt sich das große Publikum mit dieser Frage vielfach, und recht und billig ist es daher, daß dieser Gegenstand auch in der Presse, die ja den Wünschen und Ansichten des Volkes Ausdruck verleihen soll, ventilirt werde. Positive Stellung zu der Frage zu nehmen, scheint jedoch weniger angebracht, wenn man erwägt, daß gerade durch Aufführung der Gründe für und gegen, das Leserpublikum im Stand ist, sich ein eigenes Urtheil zu bilden, und besonders dieser Umstand von dem größten Theil der Presse außer Acht gelaffen wird; man versucht vielmehr, dem Leser die Meinung der Redaction in unzweideutiger Weise aufzuoctroyiren, indem man nur die eine Ansicht entwickelt, dem Spruche „audiatur st altera pars" also keine Geltung verschafft. Hören wir zunächst, wie das Publikum sich den Rabbiner denkt. Es stellt sich in ihm und seinen Fähigkeiten zunächst das religiöse Oberhaupt der Gemeinde und als solches den Ueberwacher der religiösen Gebräuche und Institute vor, es sieht in ihm den Hirt seiner Heerde, den Rathgeber, Friedensstifter und Versöhner rc. rc. Nimmt man nun die erstere Stellung in Betracht, so ist es klar, daß der Rabbiner durch seine Fähigkeiten wohl berufen erscheint, Repräsentant der Presse zu sein, doch wollen viele wissen daß dies nicht angehe, weil er als Redakteur an seinem Ansehen und seiner Würde als Rabbiner verliere, da er nicht zwei Herren ganz und voll dienen könne und daß eine solche Doppelstellung der Einzelstellung getheilte Aufmerksamkeit schaffe. (Man verlangt deshalb auf das Energischste von den Vorständen, daß sie darauf halten, daß der angestellte Rabbiner, dem natürlich zu einer materiell sorgenfreien Existenz ein entsprechend hohes Gehalt geboten werden muß, ohne ihre Einwilligung keine Nebenbeschäftigung solcher Art treibe.) Die Stellung des unparteiischen Rathgebers würde, so führt man aus — ob mit Recht oder Unrecht, möge der Leser selbst beurtheilen —, durch die vielen, durch die eine oder andere Tendenz des Blattes heraufbeschworenen Rathschläge illusorisch. Spricht man dann im Weiteren von Friedensstifter und Versöhner, so wird behauptet, daß Streit und Unfriede, der oft, ja sogar sehr oft durch diese Blätter hervorgerufen und gesäet würde, schlecht in Einklang gebracht werden könnten mit dem schönen Beruf eines Friedensstifters. Auch sei ein objektives Urtheil vollständig ausgeschlossen, da die Ansicht des Rabbiners ein Hauptfaktor ver Tendenz des Blattes werde, die Tendenz und die religiösen Ansichten des Kultusbeamten weiterhin aber leicht durch materielle Interessen leichtfertige und schwankende werden könnten. Die Ideale müßten dem krassesten Materialismus weichen, und Brodneid führt oft zur Verleugnung der eignen religiösen Überzeugungen u. Ansichten. Man will jedoch die Rabbiner durchaus nicht aus der Preffe verbannt wiffen, als Mitarbeiter soll er stets willkommen sein. Zum Schluß wird noch darauf hingewiesen, daß es Privatgelehrte und nichtamtirende Rabbiner genug gebe, um tüchtige Redakteure unter ihnen zu finden, und daß in den Ländern, wo das amtirende Rabbinat nicht Redaktion sei, Spaltungen und Parteihaß wenig zu finden seien, z. B. in Oesterreich, in England und Holland. Möge Jeder dies Alles bedenken und als freier Mann ein freies Urtheil sich bilden; wir wollen nur ein Thema berührt haben, das im Volke und vom Volke besprochen wird. Bonn, im August. Die Saison morte, die „Zeit der sauren Gurken" ist da und, wie die Tagblätter, beweisen auch jüdische Wochenschriften diese Thatsache durch Form und Inhalt ihrer Mittheilungen. Aus ihren mehr oder minder großen Spalten grinst uns hohläugig das Gespenst stoffarmer Zeit und schmaler Kost entgegen. In Ermangelung eines Bessern ergehen sie sich in langen und langweiligen Vermuthungen und noch längeren Vergangenheitsrückblicken. Lustig tummeln sie das wild-feurige Rößlein der Zukunftshandlungen, nicht wissend, wo ein solch unheilvoller und verwegener Ritt ins Unendliche enden soll und enden wird, und kommen in diesem Punkte den heutigen politischen Colleginnen so gleich, daß eine Verwechslung nicht zu den Dingen der Unmöglichkeit gehört, oder — und das möchten wir gerade als ein Zeichen der Zeit betrachten — sie suchen den Splitter im Auge des Anderen, ohne den Balken im eigenen zu finden; dabei geht in bewundernswürdiger Einfalt ihre harmlose Logik und Consequenz in die Brüche und sie tragen unter wenig Andacht ihre auf der einen Seite ausgesprochene Ansicht auf der andern frisch, froh, frei zu Grabe. Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Nachdruck verboten. Da wo die Weistritz von reich bewaldeten Höhen herabsällt, liegt in einem anmuthigen Thalkessel der kleine Badeort Charlottenbrunn. An fünf Stellen ließ eine der schlesischen Najaden heilende Quellen aus dem Porphyrfelsen sprudeln. Der Schlesier, namentlich der Breslauer, hatte von Anfang an eine besondere Vorliebe für den kleinen Colonistenort; eine edle schlesische Dame, die Freifrau Charlotte von Seherr-Toß, ließ schon im vorigen Jahrhundert die Hauptquelle in Sandstein fassen und zum Dank dafür wurde der ganze Ort nach ihr benannt. Ein Arzt und Apotheker, der Doktor Beinert, legte jenen merkwürdigen Park an, um den manche große Hauptstadt den Ort beneiden könnte. Sämmtliche europäische Laub- und Nadelhölzer, seltene, namentlich nordamerikanische Gewächse zieren den Karlshain, den der schlesische Philosoph Christian Garbe, der Charlottenbrunn so sehr liebte, freilich noch nicht gekannt hat. Reiche Kaufleute schmückten den Park mit Kunstwerken, und wenn auch nicht den Karlshain, so doch einen Berg in der Nähe desselben, hat einst Friedrich der Große im siebenjährigen Kriege besucht und mit den mächtigen Hohenzollern-Augen hinabgeblickt auf jene Perle in der Krone Preußens, wie der Schlesier halb im Scherz und ganz im Ernst seine Heimath zu nennen liebt, die er selbst ihr erobert. In kleinen, engen, mit wenig Comfort ausgestatteten Häusern müssen sich die Badegäste einrichten, so gut es eben geht, aber Berg, Wald und Wasser sind im Ueberfluß vorhanden und heilsamer noch als die Quellen ist die Luft des Nadelwaldes für die kranke Brust. In der Hochsommerzeit sucht aber auch der Gesunde, oft ziemlich weit herkommend, den kühlen Schatten des kühlen Thales auf, um der quälenden Hitze, dem Lärmen und Treibender großen Dtädte aus einige Wochen zu entgehen. Ein solcher Tag im Hochsommer war es, als die schon ziemlich zahlreiche Brunnengesellschaft sich um die Charlottenquelle drängte; selbst die Gesunden tranken das kohlemaure Wasser tapfer mit, denn was sollte man zwischen sechs und acht Uhr Morgens anders thun? Wie hätten sonst die Damen Gelegenheit gehabt, ihre Morgentoilette zu zeigen, und die Herren ihre Blumensträußchen anzubringen? Auf einer Bank dicht am Brunnenhause saß eine große starke Frau, die durch ihre Erscheinung sowohl, wie durch ihre Toilette jedem Neuankommenden aufsallen mußte. Sie trug ein Kleid von schwerer Seide, dessen breite schwarz und rothe Streifen weithin leuchteten; ein rother Sammthut mit einer köstlichen weißen Feder saß schief auf den dicken schwarzen Flechten. Eine schwere goldene Kette, dreimal um den Hals geschlungen, hing tief auf die Brust hinab und eine ächte Spitzenmantille versuchte es vergeblich, die richtige Lage auf den breiten Schultern zu finden. Die Frau mochte in jüngeren Jahren eine Schönheit gewesen sein, wenn auch eine Schönheit der rohesten Art, man sah es noch an einzelnen Zügen, die freilich durch Hochmuth und Beschränktheit häßlich entstellt wurden. Ihr zur Seite saßen steil aufrecht, jede einen aufgespannten Sonnenschirm über das Haupt ihrer Gebieterin haltend, zwei Kammerjungfern in dunkler Kleidung: „denn warum soll ich nicht zwei Kammerjungfern haben?" pflegte Frau Marie zu sagen, die ihre Carriere als Viehmagd begonnen, als Frau Commerzienräthin geendet hatte und eine der bekanntesten

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