Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 34 (21.8.1879)
- Date
- 1879-08-21
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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neigt wären, zum Christenthum überzutreten, weil sie, wenn auch getauft, doch noch als solche behandelt werden. Dieses kann man durch ein einfältiges Wort, welches ein schlichter Jude an dem einst Bekehrungs- Versuche gemacht wurden äußerte, illustriren; er sagte nämlich: Jude bin ich, taufte ich mich, so hätte ich nichts anderes gewonnen als den grade nicht liebsamen Zusatz „getaufter Jude". Soll ich nun einmal doch Jude bleiben, so ziehe ich es vor, kein getaufter zu sein, und die Bekehrung unterblieb.) Borm, im August. Dem Pester Lloyd entnehmen wir: In Bagdad existirt eine alte jüdische Familie, Namens Sassun, deren Mitglieder sich stets durch große jüdische Gelehrsamkeit und ihren Wohlthätigkeitssinn auszeichneten. Ein Abkömmling dieser Familie, Namens Samuel Sassun, fungirt jetzt eben als Chacham Baschi (Oberrabbiner) in dieser Stadt. Im Jahre 1840 war wieder ein David Sassun (dessen Vater Abraham fungirte ebenfalls als Rabbiner in Bagdad) Vorsteher der dortigen Judengemeinde. Eines Tages beschied ihn der Statthalter, Ibrahim Pascha, zu sich und forderte von ihm eine enorme Summe Geldes als Anlehen vorgestreckt. David, dem nun für sein Geld bangte, erbat sich eine zweitägige Bedenkzeit, die er schlau dazu benützte, um mit seiner Familie und seiner Habe nach Bassorah und von dort nach Bombay zu entfliehen. In dieser Stadt, die jetzt seine zweite Heimath wurde, errichtete er ein Exporthaus für den Verkehr mit dem persischen Meerbusen, wobei er si'ch kolossale Reichthümer erwarb. Er gründete nun in den großen Seestädten Indiens und China's Komptoirs und als er 1864 plötzlich starb, schätzte man sein Vermögen aus drei Millionen Pfund Sterling. Seine Söhne, von denen einer in London wohnt, besitzen schon längst den englischen Adel und haben dieselben jetzt in Bombay dem verstorbenenen Gemahl der Königin Victoria eine kolossale Reiterstatue errichten lasten, die vor einigen Tagen feierlichst enthüllt wurde. Die Söhne David Sassun's (nach englischer Orthographie: Sastoon) sind heute die Rothschilds des Orients. Bon«, 17. August. Am 31. d. M. findet zu Leipzig die Gedenkfeier zweier eng verbundener, und für die deutsche Wissenschaft höchst bedeutenden Männern^ welche große Kämpfer für Wahrheit und für Gewistensfreiheit waren, nämlich Lessing undMendelssohn deren Werth gar ein Mann wie Göthe anerkannt hat, statt. Wer demnach ein Freund der Wahrheit und Gewissensfreiheit ist, wird diesen Gedenktag mit Freuden begrüßen und diesen Männern, deren Ruhm nicht sterben wird, dadurch den gebührenden Tribut zollen. Unsererseits begrüßen wir diese Feier mit den Worten „dem Verdienste seine Krone." Wir müssen jedoch bemerken, das Leipzig nicht vereinzelt mit dieser Feier dasteht, sondern auch mehrere große Städte eine solche Feier in Aussicht genommen haben. Insbesondere hat sich in Frankfurt a. M. ein sogenannter „Mendelssohn-Verein gebildet, aus dessen Statuten wir hier einige Paragraphen folgen lassen: 8 1. Um den wahren Fortschritt innerhalb des Judenthums zu sichern und zu vertreten, hat sich ein Verein gebildet, der es sich zur Aufgabe macht, die jüdische Wissenschaft in Wort und Schrift zu vertreten. § 2. Der Verein führt den Namen „Mendelssohn- Verein" und hat in Frankfurt a. M. seinen Sitz. § 3. Zur Erreichung der im § 1 ausgesprochenen Aufgabe gründet der Verein eine seine Zwecken entsprechenden Bibliothek und eröffnet ein Lesezimmer, in welchem alle wichtige Zeitschriften, die das Judenthum vertreten, aufgelegt werden. Die Bibliothek wird in dem Vereinslokale aufgestellt, woselbst auch die Zeitschriften aufliegen. Monatlich einmal findet ein Vortrag statt, zu dem auch Nichtmitglieder, durch Mitglieder eingeführt, Zutritt haben. Während des Winters sollen mehrere Vorlesungen gehalten werden, die Nichtmitgliedern gegen Entrichtung eines Eintrittsgeldes zugänglich sind. § 5. Der Verein besteht aus: a) Stiftern, d. i. Mitgliedern, welche mindestens 400 Mk. zum Gründungsfond beisteuern; b) ordentlichen Mitgliedern, welche einen jährlichen Beitrag von 10 Mk. entrichten; o) außerordentlichen Mitgliedern, welchen gegen einen jährlichen Beitrag von 5 Mk. der Besuch der Vorträge und Vorlesungen, sowie die Benutzung der Bibliothek und des Lesezimmers gestattet ist; ä) auswärtigen Mitgliedern, welchen gegen einen jährlichen Beitrag von 3 Mk. die Druckschriften des Vereins gratis zugesendet werden. Dieselben haben bei ihrer vorübergehenden Anwesenheit in Frankfurt a. M. das Recht, das Lesezimmer, sowie die Vorträge und Vorlesungen zu besuchen. § 6. Auf Vorschlag des Vorstandes können Männer, welche sich um das Judenthum und seine Wissenschaft Verdienste erworben haben, zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt werden. § 7. Die Einzahlung von 100 Mk. berechtigt zu lebenslänglicher Mitgliedschaft. § 13. Alljährlich findet am 6. Sept., dem Geburtstage Moses Mendelssohns, eine Generalversammlung, und an dessen Todestage, am 4. Januar, eine Gedächtnißfeier statt, bei welcher auch der verstorbenen Mitglieder in entsprechender Weise gedacht wird. Breslau. (Herr L. Guttentag), der frühere Chef eines renommirten Bankhauses in Breslau, der Begründer der jetzt in Berlin und in Breslau florirenden Bankfirma Gebr. Guttentag, feierte vor Kurzem zu Berlin den Tag seiner golden Hochzeit. Der Kaiser hatte ihm an diesem Tage den Kronenorden dritter Klasse verliehen. Die Zahl der Gratulanten war geradezu zahllos, und eine unglaubliche Fülle von Blumen und Geschenken war bei dem seinen Jubeltag feiernden Ehepaar eingegangen. Der Schwiegersohn des Jubelpaares, Geh. Commerzienrath v. Bleichröder, hatte ein überaus werthvolles Service ganz in Gold und Silber für eine große Anzahl von Personen zum Geschenk gemacht. Nachmittags fand zur Feier des Tages in einer Villa, welche Geheimrath Gerson von Bleichröder in Charlottenburg besitzt, ein Diner von 50 Gedecken statt. Abends war der Park der Villa mit tausenden von bunten Lampions illuminirt und in dem Park concertirte eine Militär-Capelle. — Herr L. Guttentag, welcher seit mehreren Jahren in Berlin domicilirt, hat bei Gelegenheit der stattgehabten Feier seiner goldenen Jubel-Hochzeit der hiesigen Synagogen-Gemeinde ein Geschenk von 1000 Mk. übersandt, welche dem Wunsche des Gebers gemäß an eine Anzahl jüdischer armer Familien vertheilt worden sind. — Das Curatorium der Commerzienrath Fränckelschen Siftungen für Personen aller Glaubensbekenntnisse hat in seiner letzten Sitzung den Ankauf von 2 Bauplätzen beschlossen. Die Plätze, inzwischen von der Handelsgesellschaft Bauer-Dabrizius erworben, liegen in der Paulinenstraße (dicht am Matthiasplatz). Auf ihnen werden Wohngebäude mit etwa 40 kleinen Wohnungen errichtet. Die Wohnungen sollen allen an ein anständiges Quartier zu stellenden Anforderungen enteiner Zusammenkunft in Charlottenbrunn zu treffen, zwar bedenklich den Kopf gewiegt und gesagt, das werde Herr Moses Löwenthal nicht thun; er setzte aber eine besondere Ehre darein, dem Professor Borchardt eine Partie verschafft zu haben, sah sich im Geiste schon von einem Haus zum andern gehen und erzählen, was er, Mendel Freund, da für eine Sache ausgerichtet habe, die ihm kein Mensch nachmache, und so versprach er denn sein Möglichstes zu thun. „Schwer wird's halten, sehr schwer, aber was nicht säuert, süßt nicht, ich werd's versuchen", und damit war er denn gen Frankfurt aufgebrochen. Bei Madame Friedchen hatte er verhältnißmäßig leichtes Spiel. Sie fand es in der Ordnung, daß ein Mann wie der Professor Borchardt es nicht machen wollte wie ihre anderen Schwiegersöhne, die in Begleitung eines Vaters oder Onkels nach Frankfurt gekommen waren, Freitag Abend und Sabbath Mittag bei ihnen gegessen und alsdann der betreffenden Tochter den Heirathsantrag so gemacht hatten, daß Sonntag Abend Verlobung gefeiert werden konnte. Sie malte sich aus, wie das Paar sich in Charlottenbrunn kennen lernen werde und wie sie dann jedem Mitgliede der Gemeinde, daß sich am Sonnabend nach der Verlobung zur Gratulation einfinden würde, mit dem mürben Kuchen und dem süßen Wein auch die Erzählung auftischen könne, Hannchens Partie sei nicht geschadchent, sondern eine Liebesheirath, man hätte den Professor ganz zufällig in Charlottenbrunn getroffen. Glaubte es auch Niemand, so klang es doch schön. Schwieriger war es, Moses Löwenthal für einen solchen Plan zu gewinnen. Die Erkundigungen, die er über den Professor eingezogen, hatten zwar ein glänzendes Resultat ergeben und er konnte sich nicht verhehlen, daß er an ihm einen vorzüglichen Schwiegersohn gewinnen würde, dennoch vermochte er sich nicht so leicht zu entschließen, auf einen Vorschlag einzugehen, der zwar nicht gegen das Herkommen verstieß, ihm aber ein unnützer Apparat erschien für eine Angelegenheit, die man mit weniger Aufwand in's Werk setzen konnte. Anscheinend ein äußerer Umstand, der aber von seiner Frau recht schlau arrangirt war, entschied endlich zu Gunsten der Reise. Sein Schwiegersohn Rosenblatt schrieb ihm, seiner Frau sei Charlottenbrunn verordnet, er könne sie aber nur hinbringen und wieder abholen, die Mutter und die Schwestern möchten doch mit ihr dort zusammen treffen und ihr Gesellschaft leisten. „Jetzt ist wenigstens der Sach' ein Mäntelchen umgehängt und die Leut' weisen nicht mit Fingern aus sprechen, die Häuser selbst mit Wasser und Gas ausgestattet sein. Da die Bauten baldigst in Angriff genommen werden, so würden schon am 1. April 1880 sämmtliche Wohnungen beziehbar sein. Das Vermiethen derselben erfolgt an anständige Familien ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zu einem sehr mäßigen Preise von 75 bis 150 Mark. Gemäß den testamentarischen Bestimmungen des Stifters hat sich das Bau-Kapital nur mit 3pCt. zu verzinsen. Von den.aufgesammelten Ueberschüssen erfolgen immer wieder neue Ankäufe. Die Stiftung hat bereits in der Berlinerstraße 2, Uferstraße 1 und Brüderstraße 2 Grundstücke mit zusammen ca. 100 Wohnungen. Bernstadt. Am 5. Juli v. I. brannte das alte israelitische Schulhaus hier ab. An Stelle desselben ist jetzt ein neues, sehr schönes Gebäude errichtet worden, das am 30. Juni dem Vorstand der jüdischen Gemeinde von den Bau-Unternehmern übergeben wurde. Die Ausführung des Baues läßt durchaus nichts zu wünschen übrig, und sprach deshalb auch der Vorstand den Unternehmern seinen besten Dank aus. Am Morgen darauf wurde die Einweihung vollzogen. Die Ausführung des Baues ist der kleinen Gemeinde trotz ihrer Opferwilligkeit fast nur dadurch möglich geworden, daß ihr seitens der städtischen Behörden ein hypothekarisches Darlehen gewährt wurde. Cannstatt, 14. Aug. Heute fand im Gemeindezimmer der hiesigen Synagoge die freiwillige Conferenz der israel. Lehrer Württembergs statt, an der ca. 20 Lehrer theilnahmen. Mehrere Collezen hatten sich schriftlich entschuldigt. Der Vorsitzende, Hr. Lehrer Liebmann in Stuttgart begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten. Stern in Eßlingen, Kassirer des Unterstützungsvereins, erstattete Bericht über die Ausstände. Der Verein unterstützte heuer 10 Wittwen und arme Lehrer mit Gaben von 75—125 Mk., zusammen ca. 1000 Mk. Die Zahl der Mitglieder beträgt 53. Hr. Stern, welcher im April d. I. die Lehrerseminarien in Karlsruhe, Kassel, Münster, Hannover und Würzburg besuchte, verglich nun in einem interessanten Vortrage unsere Lehrerbildung mit der in den besuchten Seminarien und resumirte das Resultat in nachstehenden Thesen: 1) Unsere heimische Ausbildungsweise jüdischer Lehrer und Vorsänger — richtig verbreitet und entsprechend vervollkommnet — ist angemesten den Interessen des Dienstes wie denjenigen der Lehrer. 2) Ehrensache der Letzteren muß es sein, dem Stande die geeigneten Kräfte zuzuführen und deren Entwicklung bis zum Eintritt in's Seminar zu übernehmen. 3) Das Seminar hat seine Zöglinge in den Geist des Judenthums und dessen Quellenschriften einzuführen und so Geschick wie Liebe des Lehrers für Amt und Beruf zu wecken und zu fördern. Für das betreffende Lehramt am Seminar ist die Verwendung einer möglichst vollen Kraft anzustreben. 4) Dem angehenden Lehrer ist Gelegenheit zu geben zur planmäßigen Weiterbildung und ist die Ausnützung derselben vom Staate zu überwachen. 5) Der Lehrerverein mit seinen jährlichen Conferenzen ist ein vorzügliches Mittel der Anregung und Weiterförderung der im Amte befindlichen Lehrer. Ein Artikel aus »Süddeutschland" in Nr. 32 der israelit. Wochenschrift gefährdet die Ehre der israelit. a t uns", sagte Moses zu seiner Frau, die ihm den Brief gebracht hatte. Es hilft freilich nichts, Esther muß auch mitreisen. Es geht nicht, daß wir sie zu Hause lassen." »Esther und Hannchen sind zu sehr verschieden im Alter, da schadet's nichts," bemerkte Friedchen. „Und der Professor ist beinahe ebenso alt wie sie," fügte ihr Gatte hinzu. Lieber hätte ich's gesehen, er wäre hergekommen und wir hättens machen können, wie bei den andern, es ist aber bei der Partie einmal Alles verkehrt." „Sie wird in Charlottenbrunn sich gewiß ebenso apart halten, wie hier," antwortete Friedchen, „sie hindert keine Partie. Nach alter Sitte war, wenn eine Tochter im Löwenthal'schen Hause sich verheirathen sollte, dem Bewerber immer nur die vorgestellt worden, an der gerade die Reihe war; erst wenn er sich erklärt hatte, waren die Schwägerinnen zum Vorschein gekommen und so jedes willkürliche Abweichen von dem vorher festgestellten Programm klüglich vermieden worden, eine Vorsicht, die doppelt nothwendig erschien, da Esther überhaupt nicht zu verheirathen war. -r-M' „