Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 33 (14.8.1879)
- Date
- 1879-08-14
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. V. Jahrgang. Leitender Artikel. Agrarier und Jude». Herr W. Marr. Das Schriftchen: Marr's, „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" (Bern, Rud. Costenoble) allein könnte mich nicht zum Schreiben bewegen, wenn ich nicht schon früher in Schriftstellern, bei denen ich es nicht suchte, Aeußerungen der Abneigung gegen die „Semiten" gefunden hätte, Aeußerungen, die mich zum Aufmerken veranlaßten. Da der Kampf zwischen Freihandel und Schutzzoll, Liberalismus und Reaktion wogte, und jeder Tag neue Anfeindungen wider die Juden brächte, blickten wir besorgt in die Zukunft. Der Sieg der Agrarier hat unsere Vorahnungen bestätigt. Vorstehende Worte, wahrscheinlich aus der Feder des bekannten früheren Löbauer Kreisrichters, Dr..Kolkmann, beweisen, daß auch von andrer Seite der Einfluß des politisch-wirthschaftlichen Streites auf social-religiösem Gebiete richtig erkannt worden. Die Früchte der Agrarier-Siege beginnen in der Presse zu reifen. Die „Urgermanen" erheben sich von ihrem Bärenfell und schwingen die Keule. W. Marr veröffentlichte im März eine Broschüre: «Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" vom nicht confessiw.ellen Standpunkte aus betrachtet." — Der Verfasser hält es für seine Pflicht, die Deutschen aus ihrem Schlafe zu wecken, damit sie erkennen, welche Gefahr sie durch dieJudenemancipation sich geschaffen. Verkennung geschichtlicher Thatsachen und kulturhistorischer Ereignisse, lassen Marr einen Ton anschlagen, wie wenn er als Retter in letzter Stunde erscheint: Sein Hauptfehler ist, daß er der geringen Minderheit den Stempel des Ganzen aufdrückt. Wenn ein Norwege die Schrift liest, möchte er glauben, unter den Juden gäbe es nur Wucherer, Banquiers und Journalisten. Wir citiren einige Stellen: „Es muß auf die Thatsache hingewiesen werden, baß die Juden von Anfang an, wo sie in der Geschichte auftreten, bei allen Völkern ohne Ausnahme verhaßt waren. Nicht der Religion wegen, sondern die generelle Feindschaft gegen J^den hatte andere Gründe: Erstens in der Scheu der Juden vor wirklicher Arbeit. Zweitens in ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Feindschaft gegen alle Nichtjuden. Die erste Behauptung Marr's will ich durch zwei Fragen beleuchten: 1. Ist der Ackerbau, welchen die Juden während ihrer Selbstständigkeit trieben, keine „wirkliche Arbeit?" Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Nachdruck verboten. Der Professor machte eine abwehrende Bewegung. „Liebe Mutter, ich habe dich doch gebeten, dich mit dem Manne nicht weiter einzulassen, du weißt, auf diese Weise verheirathe ich mich nicht." „Und auf andere Weise auch nicht," seufzte die Mutter. „Wenn ich ein Mädchen fände —“ „Du findest aber feine“, fiel ihm die Mutter in die Rede, warum willst du nicht Andere für dich suchen lassen?" „Mendel Freund ist doch aber nicht die geeignete Person dafür." „Mein Sohn, Gott kommt nicht selbst vom Himmel, er sendet seinen Boten", sagte die Matrone. „Wenn er dir das Mädchen, was Mendel Freund mir für dich anträgt, zur Frau bestimmt hat, warum sollte er nicht die geeignete Person dafür sein? Dem Professor kam zwar die Zumuthung, Men¬ Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersftratze Nr. 8. Aonn, 14. August 1878 (5638). 2. Ist der Beruf z. B. eines^Journalisten — zu denen Marr gehört, ein Stand, welcher nach Marr, mit geringen Ausnahmen, nur jüdische Mitglieder hat, keine „wirkliche Arbeit?" Zweitens, für die gesetzlich vorgeschriebene Feindschaft gegen alle Nichtjuden citire ich als Document folgende Passagen aus Luzatto's «Israelitischer Moral-Theologie", deren Studium ich Hrn. Marr empfehle. (Aus) § 35: „Das mosaische Gesetz 1. benimmt den Herren das Recht über Leben und Tod betreffs ihrer kanaasitifchen Sklaven; ja es verurtheilt den Herren zum Tode, so ein von ihm geschlagener Sklave unter den Hieben erliegt. (Exodus XXI, 20), 2. erklärt einen Sklaven frei, der, während er von seinem Herrn geschlagen wurde, ein Auge oder einen Zahn verloren hätte. (Exod. XXI, 26, 27), 3. befiehlt, daß auch die Sklaven am Sabbathe ruhen sollen. (Exodus XXIII, 12), 4. verbietet, vom Fremdling einen Fruchtgenuß für geliehene Gelder zu beziehen. (Deut.XXIII, 20,21). Wir bemerken, daß der fremde Sklave das rnanoipiulu der Römer und uvdoomodov der Griechen trotz seiner Ohnmacht bei den Juden einer durchaus humanen Behandlung sich zu erfreuen hatte, was keineswegs zur Abgabe des historischen Votums, „den Juden ist die Feindschaft gegen alle Nichtjuden gesetzlich vorgeschrieben", berechtigt. Die Talmudisten sagen: 1. daß es nicht gestattet sei, einen Andern zu täuschen, ja nicht einmal einen Goj, (d. i. Nichtisraeliten) z. B. einem irgend einen Gegenstand zu schenken, und ihn glauben machen, daß er einen größeren Werth habe, als es in Wirklichkeit der Fall ist. (Babyl. Talmud. Chull fol. 94), 2. daß, wer einen Goj beraubt, zur Wiederstaitung gehalten sei, und daß es noch vielmehr sündhafter sei, den Goj zu berauben, als den Israeliten, weil der Name Gottes dadurch entweiht wird. (Toßafta Kama Capio), 3. daß der Israelit sündigt und zum Schadenersätze gehalten ist, so er im Maße, im Gewichte oder in der Berechnung einen Nichtisraeliten betrügt, nicht anders, als wenn er es einem Israeliten gemacht hätte. (Lev. XXV, 50. Deut. XXV, 16. Maimonides mit Bezug auf Talmud, Traktat Geneva Cap 7)." Ich konstatire nach den angezogenen Stellen, daß Marr Unwahres berichtet, wenn er sagt: „an ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Feindschaft gegen alle Nichtjuden — einen Fehler, den er nicht beaangen, wenn er del Freund sich als einen göttlichen Boten vorzustellen, etwas komisch vor. Er hütete sich aber wohl, die Mutter durch eine spöttische Bemerkung zu kränken, sondern sagte ausweichend: „Es hat ja für mich noch gar keine Eile mit dem Heirathen, liebe Mutter." „Für dich mag es keine Eile haben, Löb, für mich hat es aber welche", versetzte die alte Frau. Der Sohn wollte ihr in die Rede fallen; sie winkte aber abwehrend und fuhr fort: „Ich weiß schon, was der gelehrte Professor sagen will, ich bin sehr gesund, sehr rüstig und kann noch lange leben. Wenn es Gottes heiliger Wille ist, werde ich leben, aber ich bin siebzig Jahre, das Alter ist dem Menschen gesetzt, was darüber ist, das ist ihm geschenkt. — Mein Sohn, ich möchte, ehe ich sterbe, dich verheirathet sehen." „Mutter, du weist, wie gern ich dir jeden Wunsch erfülle. Aber ich kann doch nicht ein Mädchen heirathen, das ich gar nicht kenne, dessen Namen ich noch nicht einmal weiß." „Narrleben, wer verlangt denn das von dir? Freilich mußt du sie erst sehen. Es ist sogar verboten, daß man sich verlobt, bevor man sich gesehen hat." „Aber ich soll sie kennen lernen in der Absicht, Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. jZahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. Mo. 33 das alte Testament gelesen, mit dessen Kenntniß er sich brüstet. Seite 16 sagt er: „Der Jude hat keine ideale Religion, er hat nur einen G eschäftsv ertra g mit Jehovah und zahlt in Satzungen und Formeln seinem Gott, der ihm dafür ausdrücklich die angenehme Pflicht auferlegte, alles Nichijüdische zu vertilgen." Wir bitten Sie, Herr Marr, noch einmal insiändigst, einige Zeit dem Bibelstudium zu widmen; Ihre mit der Gewissenheit, des delphischen Apollo in die Welt geschleuderten Behauptungen können von der Menge nicht geprüft werden; Sie entweihen den hohen Beruf des Volkerziehers durch Verbreitung von Unwahrheiten. Ihren Auslassungen vom Alterthum habe ich die Glaubwürdigkeit bestritten; Ihren Nachrichten aus der jüngsten Zeit setze ich differirende, nicht minder wichtige Urtheile entgegen. — Seite 24 sagen Sie: „Bis zum Jahre 1848 war der Jude in Deutschland vorwiegend demokratisch gesinnt, oder „that doch so." Ob er nur „so that", davon gibt folgende Nachricht aus den Berliner Märztagen von 1848 Beweis: „Es waren viele Juden unter den Vorkämpfern. Sie fochten an der Seite ihrer christlichen Brüder" für die Deutsche Sache, für die Freiheit des Volkes, gegen die gemeinschaftliche Tyrannei." (G. Schirges, d. Berl. Volksaufst., Hamb. 1848.) Die Lage in Rumänien. Die rumänischen Minister reisen; nicht nur Boeresko sondern auch Bratiano reist. Er geht nach Karlsbad um gleichzeitig vom Berliner Vertrag etwas abzunehmen, so berichtet der Wiener „Israelit/" Wie das neue rumänische Ministerium denkt, wußten wir jetzt schon genau. Auch der neue Minister des Aeußern hat eine Note an die Vertreter im Auslande gerichtet, in welcher es an Judenhaß auch nicht mangelt. Die Mächte haben weder die neue noch die alte Note entgegengenommen. Die neue Note, welche vom 25. Juli datirt und an die Gesandten gerichtet ist, enthält unter anderm Folgendes: „Das rumänische Ministerium hat bereits in der Kammer ein Programm entwickelt, aus welchem zu ersehen ist, daß es die Judenfrage nach dem Willen Europa's (?) lösen will. Das Programm ist ohne Zweideutigkeit. (??) Wir wollen das Prinzip des Art. 44 vom Berliner Vertrag einführen und wird in dem § 7 der rum. Verfassung eingetragen werden, daß die Religion kein Hinderniß zur Erlangung der bürgerlichen und politischen Rechte bilden kann. Jeder Rumäne wird vor dem Gesetze gleich sein, aber mit Vorbehalt der Vortheile, welche gewissen Fremden dnrch besondere Berste zu heirathen," entgegnete der junge Mann. „Dagegen lehnt sich Alles in mir auf. Ich meine, man heirathet sich, wenn man sich kennen und lieben gelernt hat; hier lernt man sich kennen und lieben", — er betonte das letzte Wort mit einer gewissen Bitterkeit — „um sich zu heirathen." „Sind die Ehen bei uns Juden nicht gut und glücklich?" fragte die alte Frau. „Das kann ich nicht leugnen", war die Antwort. „Nun, was willst du also? Warum willst du nicht heirathen, wie deine Vorfahren geheirathet haben?" Mutter vergieb, daß ich es dir sage, aber meine Lebensanschauungen sind doch andere, ich kann nicht thun, wie sie gethan haben." „Ich weiß schon, wie es kommen wird," sagte die alte Frau düster vor sich hinblickend. Was meinst du, Mutter? „Du gehst hier mit keinem aus der Gemeindestlm, kannst also kein Judenmädchen kennen lernen nach deiner Weise." „Ich habe es versucht, liebe Mutter, deinetwegen und weil ich selbst wünschte, ein weibliches Wesen zu finden, dem ich gern und freudig die Hand reichen könnte zum Bunde sür's Leben. Es ist nicht möglich