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Der israelitische Bote · 1879-06-26 · 26 (26.6.1879) · p. [Seite 5]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
26 (26.6.1879)
Date
1879-06-26
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German
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Beilage zu Nr. 26 des Jraelitischen Boten. Leitender Artikel. L. I. Lrvinstei». % von S. Die Männer unseres Glaubens, die in Gegenwart der als Räthe der Monarchen oder als Volksvertreter für ihr Vaterland thätig sinh, nehmen in diesen Blättern oft das Interesse der Leser in Anspruch, weßhalb ihre Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt werden möge, der vor zwei Jahrzehnten ebenfalls eine politische Rolle im preußischen Staate spielte, es ist dies der im Jahre 1865 verstorbene L. I. Levinstein, ein Staatsmann seltener Art. Selten hat wohl ein Mensch wechselvollere Schicksale gehabt. Vom höchsten Wohlstände in tiefste Entbehrung gesunken, dann wieder emporgestiegen zu Reichthum und Ansehen, ein Günstling des Glücks und der Gunst der Mächtigen, mit seinen hohen Gönnern zugleich gestürzt und dennoch wieder von den neuen Günstlingen der Macht gesucht und gehoben, bat Levinstein bis zu den letzten Tagen seines Lebens seine zwar geräuschlose, aber rege Thätigkeit entfaltet. L. I. Levinstein ist geboren zu Märkisch-Friedland 1804 und kam vor etwa 40 Jahren nach Berlin, wo er eine großartige Kattunfabrik (wenn wir nicht irren, unter der Firma Pardow und Philipp) begründete und durch seine eminente Begabung die Aufmerksamkeit des Ministers Maaßen auf sich zog. Die Fabril reüffirte nicht, ungünstige Conjuncturen und verfehlte Speculationen brachten sie in Concurs und zwangen Levinstein, sich einin anderen Erwerb zu suchen. Er wurde Pächter der Bahnhofs-Restauration zu Kohlfurth; wo er mehrere Jahre hindurch mit leidlichem Erfolge wirthschaftete und sich in den Mußestunden mit handelspolitischer Schriftstellerei befaßte. Eine im Jahre 1847 verfaßte Broschüre, in welcher Levinstein den Ausbruch der März-Revolution fast auf Tag und Stunde prophezeit hatte, lenkte im Jahre 1849 die Aufmerksamkeit des Herrn v. Manteuffel auf den Halbyergestenen. Leyinstein zog wieder nach Berlin und stieg von Tag zu Tag in der Gunst des preußischen ^Premiers der seinen Rath hörte und ihn mit verschiedenen geheimen Missionen betraute. Levinstein's Haus wurde bald der Sammelplatz von Diplomaten, Banquiers, Zeitungs-Correspondenten und Bittstellern aller Art. Wohlthätig, gefällig und uneigennützig, bot ev Jißem, der an höherer Stelle ein Anliegen anzubringen hatte, gern die Hand. Die eigenthümliche Stellung, deren er sich erfreute, führte ihm einträgliche Geschäfte zu: er wurde Agent fürstlicher Persönlichkeiten, für welche er großartige Güterkäufe, und Agent der Gebrüder Rothschild deren finanzielle Operationen er vermittelte. (Er war es, der unter Andern» für den Vater des Augustenburgers den Ankauf der mit dänischem Gelde bezahlten Herrschaft Primkenau vermittelte.) Mit der Macht des Ministeriums wuchs auch sein Ansehen und sein Vermögen. Er wurde Besitzer mehrerer Häuser, kaufte das Terrain der Actienbrauerei auf Tivoli und erst im Jahre 1864 die große Caserne in der Commandantenstraße. Heber die Rolle, die er als politischer Agentgespielt, wissen wir nichts Genaueres, doch steht fest, daß man ihn zu solchen diplomatischen Sendungen, zu denen man einer nicht officicllen Persönlichkeit bedurfte, benutzte. Zweimal wurde er in längerer Audienz vom Kaiser der Franzosen und zu wiederholten Malen von verschiedenen deutschen Höfen empfangen. Die ihm von Oesterreich angebotene freiherrliche Würde schlug er aus, wie alle Titel und Orden, die ihm von anderer Seite angetragen wurden. Er hielt es für ein Gebot der Klugheit, den Charakter einer Privatperson zu wahren und Alles abzulehnen, wodurch er die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätte. Die „Aera Hohenzollern" setzte seiner politischen Thätigkeit nur auf kurze Zeit ein Ziel; auch der Fürst von Hohenzollern beehrte ihn mit seinem Vertrauen, und auch in der neuesten Aera wurde er nicht müde, politische Combinationen zu spinnen und den Verkehr mit Staatsmännern zu pflegen. Von seinen Schriften hat das meiste Aufsehen die kleine Broschüre unter dem Titel: Natürliche Finanzwirthschaft und ministerielle Bewirthschaftung erregt, welche vor etwa 20 Jahren erschienen ist. Levinstein war ein streng orthodoxer Jude. Im Privatleben zeigte er sich als ein eigenthümlicher Sonderling, ein wunderliches Gemisch von Charatterstärke und Weichherzigkeit, von Leidenschaftlichkeit und Religiösität. Was ihm aber trotz aller Stimmen der Feindschaft, des Neides und der Mißgunst ein dauerndes Andenken erhalten wird, das ist der Sinn für Wohlthun, den er bis an sein Lebensende bewährt und durch den er Hunderte und aber Hunderte beglückt hat. Zum konfessionellen Religionsunterricht. Es ist ein seltsamer Zug, daß Lehrer des Religionsbekenntniffes, das auf seine Fahne geschrieben, „Liebe deine Feinde", die Religionsstunden benutzen, um Grundgedanken und Einrichtungen einer andern Konfession zu schmähen. Bisher hat in der jüdischen Presie oder in Versammlungen Niemand diesen Uebelstand gerügt, wirkliche Bekenner der Menschenliebe, gleichviel welchen Glaubens verdammen solche Unduldfamkeit. Trotz alledem bleibt dieser Mißstand im Schwünge. Ein jüdischer Lehrer Auerbach (Hildesheim) hat sich veranlaßt gesehen, auf der 23. allgemeinen deutschen Lehrerversammlung zu Braunschweig bei der Diskussion des Antrags. „Der Religionsunterricht darf der Schule nicht entzogen werden" zu sagen: Als Mitglied der deutschen Lehrer-Versammlung nehme ich die Freiheit, das hier behandelte Thema vom jüdischen Standpunkte zu beleuchten. Ich glaube im Namen der übergroßen Mehrheit der jüdischen Lehrer Deutschlands zu sprechen, wenn ich erkläre, daß die jüdifchen Lehrer den Religions-Unterricht nicht aus der Hand geben können. Wir fordern sogar einen streng confessionellen Religions-Unterricht, und zwar nicht blos für uns, sondern auch für jede ändere Religion. Wir fordern jedoch allen Religionen gegenüber vollständige Toleranz. Es widerspricht einer auf Nächstenliebe basirten Religion, wenn man in dem Religions-Unterricht über andere Confesstonen den Stab bricht, ihre Lehren als Irrlehren bezeichnet oder gar mit Verachtung von Angehörigen anderer Religionen spricht und sie befchimpft. Der oberste Grundsatz jedes Religions-Unterrichts sei deshalh Toleranz und zwar zunächst Toleranz gegen Andersgläubige. (Vereinzeltes Bravo.) Das,, vereinzelte Bravo" beweist, wie ein großer Theil christlicher Lehrer über die „Toleranz gegen Andersgläubige" denkt. — Wir wünschen, daß die bezeichnte Rede, welche wir nach dem Auszug politischer Blätter wiedergegeben haben, in ihrem ganzen Umfange veröffentlicht werde. W. Zeitungsnachrichten und AsnespondenM. Deutschland. Zkauteu, 15. Juni. (Unlieb verspätet Red.) Anschließend an meine Mittheilung in Nro. 21 dieses BlatteS, gebe ich Ihnen hiermit Bericht über die am 11. Juni Statt gefundene diamantene Hochzeitsfeier des Maehler'schen Ehepaares' in Dülken. Ist ein solches Fest schon eine große Seltenheit, so gewann es dadurch an Wichtigkeit, daß eS auf denselben Tag fiel, an dem Unser erhabenes Küiserpaar seine goldene Hochzeit feierte, und die israelitische Gemeinde, sowie die Vertretet der Stadt hatten Sorge getragen, daß das Fest in schöner und würdiger Weise begangen wurde. ' Der Vormittag des denkwürdigen Tages war für das Darbringen der Gratulationen bestimmt. Mittag- 12y2 Uhr setzte sich der Festzug in Bewegung, das Jubelpaar fuhr in einem prachtvollen offenen Wagen, begleitet von Herrn Ober-Rabbiner Dr. Horowitz au- Crefeld und den Beigeordneten der Stadt. In der Synagoge, die sehr hübsch mit Guirlanden und Blumen geschmückt war, angelangt, wurden die Psalmen 128 und 150 recitirt und bei geöffnetem tiH'Ipn yn# das Gebet für den Landesherrn vorgetcagen, sodann hetratz Herr Dr. H. die Kanzel und schilderte in beredtenWo'rkerköie Feier des Tages für ganz Deutschland und speciell für die Dülkener Gemeinde, er führte in sehr ansprechender Weise aus, daß diese Feier eine patriotische, eine humane und eine religiöse sei. Nach Beendigung der Rede,*) die mit großem Beifall ausgenommen wurde, zog man zum Festlokal. Um 2 Uhr begann das Festessen, wortin sich ungefähr 120 Personen aller Ständk und Kdnfessionen betheiligten. Es herrschte eine recht heitere Stimmung, die noch durch schöne Toaste, Vorträge' und Lieder gehoben wurde. Der Bürgermeister eröffnete die Reihe der Reden mit einem Glückwunsch auf das diamantene Jubelpaar und einem Hoch auf unser erhabenes Herrscherpaar, worauf die Nationalhymne angestimmt wurde, hierauf folgte der Rabbiner mit einem Toaste auf das diamantene Jubelpaar; in sehr sinnreicher Weise hatte der Redner die diamantene mit der goldenen Hochzeit verschlungen, indem er darlegte, daß der Diamant an Schönheit zunehme, wenn er in Gold gefaßt sei, die diamantene Hochzeit also durch die goldene bedeutend an Werth gewinn?.' Dann trank der Herr Pastor der evangelischen Gemeinde auf das Wohl deS Rabbiners und der von ihm vertretenen Gemeinde und hob mit Genugthuung hervor, daß die Israeliten von je her mit besonderer Liebe an ihr Herrscherhaus gehangen und die Dülkener Gemeinde sich freuen könne, einen so patriotischen Seelsorger zu haben. Der Rabbiner *) Man wünscht allgemein, daß die Rede in Druck erscheine. *) Uebersetzt von Hrn. Dr. Fiebermaun anr dem in London erscheinenden ,Jewish World". Aaron Lyonel v. AoMchild. (Fortsetzung) Es ist noch nicht zu lange her, daß er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Anstrengungen der Englischen und Französischen Regierung unterstützte, um System und Ordnung in die egyptischen Finanzen zu bringen; und in dem Anlagekapital zur Tilgung der Nordamerikanischen Staatsschuld übernahm er auch einen großen Aktienantheil. ES ist eine unwiderlegbare Thatsache, daß seitdem er seinem Vater in der Verwaltung des Londoner Hauses: „Rothschild u. Söhne" gefolgt war, er das Vertrauen jeden Finanzministers der Reihe nach genoß, und sogar Ministerpräsidenten suchten das Licht seiner großen politischen Erfahrung, seines finanziellen Einflusses und seiner finanziellen Kenntnisse, um die Dunkelheit ihrer Schwierigkeiten zu erfüllen, und um sie in den Stand zu setzen, wichtige Unterhandlungen zu einem günstigen Abschluß zu bringen. Wenn in Zukunft ein Greville die Feder ergreifen wird, um eine Erklärung der Politik des 19. Jahrhunderts zu geben und die Angelegenheiten des Geheimen Staatsraths ans Licht zu bringen (welche sonst niemals ans Licht kommen werden) so wird man finden, daß die Stellung des Barons Lyonel de Rothschild in der Leitung der europäischen Staatsangelegenheiten vom bedeutendsten Einfluß gewesen ist und daß er in der Ordnung aller großen internationalen Fragen, welche feit dem Beginn der jetzigen Regierung verhandelt wurden, der mächtige Faktor war. In jüdischen Gemeindeangelegenheiten nahm Baron Lyonel selten einen aktiven Antheil. Er war lange Präsident der Großen Synagoge und einige Zeit hindurch Vorstandsmitglied der United Synagogue, außerdem war er Mitglied des Board of Deputies und des Council of the Anglo yewish Association; aber während seiner letzten Lebensjahre konnte er wegen seines körperlichen Leidens und der großen finanziellen Beschäftignngen und Unternehmungen bei den Berathungen dieser Vereine nicht zugegen sein, unterstützte aber dieselben mit seinem Rathe und seiner Börse, und bei speciellen, aber seltenen Gelegenheiten auch durch seine Mitwirkung, Er legte indeffen den Grundstein zur Central-Synagoge in Great Portland Street, bei welcher Gelegenheit er einige ernstlichen Worte an die versammelten Glaubensgenossen richtete in Betreff der Nothwendigkcit Gotteshäuser als die besten Wächter und Erhalter des Glaubens zu vermehren und zu unterstützen und er gab einen, reichen,»Hritrag zur Errichtung der Barnsbury Synagoge, als die Operationen unserer Brüder in jener Lokalität gar sehr der Unterstützung brauchten. Während der jüngsten Wirren im Osten, legte er sein gewichtiges Wort ein für die Verleihung der civilpolitischen Rechte an die Juden Rumäniens und ais diese Frage an dem Berliner Congreß herankam, war es sein Schreiben, das den versammelten Bevollmächtigten vorgelegt und unterbreitet wurde. Dies war die letzte Erscheinung des sel. Freiherrn auf dem Felde der Politik, und es ist wohl zu beobachten, daß, indem er so seine mächtige Stimme erhob in Sachen der bürgerlichen und religiösen Freiheit diese Episode gleichsam den Schlußstein bildete zu der öffentlichen Laufbahn, die er als Apostcl des goldenen Evangeliums allgemeiner religiöser Toleranz begonnen hatte. ' Während seiner ganzen Lebenszeit appellirte man an ihn niemals vergeblich im Namen jener Prinzipien für deren Durchführung er gemeinschaftlich mit Lord John Russell so unablässig und unermüdet thätig war. Baron Lyonel de Rothschild war der Mittelpunkt aller jener Anstrengungen und Kämpfe zur Erlangung der jüdischen Emancipation, welche mit der Erstürmung und gänzlichen Zerstörung der letzten Ueberreste englischer Unduldsamkeit und englischen Vorurtheils endeten. Sein Vater hatte schon im Jahre 1829 seinen ganzen

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