Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 23 (5.6.1879)
- Date
- 1879-06-05
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.ein, in deine Fußstapfen zu treten, wir werden zu dir hinaufschauen und traurig und wehmüthig, aber auch gestärkt und ermuthigt ausrufen:!"D^2^ pTt "Dt Das Andenken des Frommen gereicht zum Segen! Amen. Der geschichtliche und literaturgeschichtliche Unterricht in der Religionsschule. Von Dr. D. Bar naß, Berlin. (Fortsetzung.) Als der König ihm nun vorhält, er hätte erklären müssen, daß er an den Schöpfer des Himmels und der Erde glaube, weist ihn der Meister ab, weil dies die speculative Religion wäre, die noch mannigfache Zweifel in sich berge, da man erst durch Schlüsse zu ihr gelange. „Und so, fuhr er im Verlause der Unterredung fort, hat auch Moses zu Pharao gesagt, der Gott der Hebräer, d. h. Abraham's, Jsaak's und Jacob's habe ihn gesandt. In Betreff dieses war es eine bei allen Völkern anerkannte Thatsache, daß Gott mit ihnen in Verbindung getreten, sie geleitet und ihnen Wunder erzeigt habe. So fing Gott selbst seine Rede an die Gesammtheit Israels an: „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der ich Dich aus dem Lande Egypten geführt", und nicht: „Ich bin der Schöpfer der Welt und Euer Schöpfer." „So habe denn auch ich, als Du mich um meinen Glauben befragtest, gleich im Anfang geantwortet, was zu glauben ich verpflichtet bin und mit mir die ganze Gemeinde Israels, die sich von der Wahrhaftigkeit jener Offenbarung zuerst durch eigene Anschauung und später durch ununterbrochene Ueberlieferung, welche der eigenen Wahrnehmung gleich - kommt, überzeugt hat.« Also die historische Ueberlieserung und nicht die speculative Forschung sehen wir auch hier als Basis und als gewichtigstes Argument für die Richtigkeit des Gottesgesetzes hingestellt. Einer ähnlichen Ansicht begegnen wir bei Kant, (Kritik der Religion innerhalb der Grenzen der praktischen Vernunft a. m. St.), der die geschichtliche Offenbarung die Grundlage einer jeden religiösen Gemeinschaft nennt. Haben wir nun im Obigen die eminente Bedeutung der Geschichte als Erziehungsmittel in religiöser und pädagogischer Beziehung nachgewiesen, so wird es auch nicht schwer werden, die wissenschaftliche Seite der Frage, die uns hier beschäftigt, zu erörtern. Es ist überhaupt das Wesen der Geschichte, das Werden, Sichentwickeln eines Volkslebens darzustellen, und die Vergangenheit kennen zu lehren, aus dem, was von ihr noch in der Gegenwart Giltigkeit hat; sie zeigt uns individuelles Leben in seiner Entwicklung, seinem Thun und Leiden und in seiner Wechselbeziehung zur Zeit, in der es sich bewegt, und führt uns überhaupt die Zustände und Verhältnisse der Völker nach ihren wichtigsten Beziehungen und bedeutungsvollsten Erscheinungen vor, welche entweder aus dem Culturleben der Völker direkt hervorgegangen oder die Entwicklung derselben wesentlich beeinflußt haben. Insofern nimmt die jüdische Geschichte einen hervorragenden Platz in der Reihe der weltgeschichtlichen Ueberlieferungen ein, da das jüdische Volk den ersten und kräftigsten Anstoß zur Begründung eines von Gesetzen der Vernunft und Sittlichkeit getragenen Culturlebens gegeben hat. Wer demnach die gegenwärtige Geschichte des jüdischen Volkes richtig aufsassen und beurtheilen will, muß nothwendig in die Vergangenheit zurückgreifen, die ihm Kunde davon giebt, auf welche Weise Volk und Religion Gestalt gewonnen haben, welchen Wurzeln und Keimen sie entsprossen sind und welchen Gang ihr Wachsthum allmählich genommen hat. Ein richtiges Bild unserer eigenen Verhältnisse erlangen wir nur im Spiegel, den uns die Geschichte vorhält. Dieses Verständniß wird uns erst erschlossen, indem wir Sprache, Religion und Literatur unseres Stammes kennen lernen. — Während sich nun unsere Väter ihren Wissens- und Forschungsdrang im unaufhörlichen Forschen in den überlieferten Gesetzen befriedigt fanden, gilt es heute, wo der Geist der Jugend in Folge der überaus veränderten Zeit- und Culturverhältnisse auf andere Bahnen gelenkt wird, dieses gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, indem sie lernt an den Beispielen der glorreichen Vergangenheit und ihren staunenswerthen Geistesprodukten sich zu erheben und die Sehnsucht des Herzens mit seinen Wünschen und Hoffnungen in ungeschwächter Kraft zu erhalten; die Einbuße, die die geistige Arbeit unseres Volkes durch die Erlebnisse der Jahrhunderte erfahren, muß durch das Wirken und Fühlen des Herzens ersetzt werden, und an die stelle des unausgesetzten Thorastudiums, das heutzutage zur Unmöglichkeit geworden, will man anders den Forderungen der Zeit gerecht werden, muß das warme Gefühl treuer Hingebung und opferwilliger Begeisterung für die Lehren und Lehrer des Alterthums wachgerufen werden. Fortsetzung folgt. Zeitungsnachrichten und Lonesxmbenzen. Deutschland. Berlin, 23. Mai. Das Mißlingen der russischen Anleiheversuche wird dem Einflüsse Rothschilds zugeschrieben. Schon als zur Zeit des russischen Congreffes eine Deputation der Israelitischen Allianz hier anwesend war, hieß es, Herr v. Rothschild werde sich gewiß dankbar dafür beweisen, daß namentlich auf Anrathen der Westmächte der Congreß die Anerkennung der bisherigen Vasallenstaaten der Türkei der Emancipation der Israeliten untergeordnet habe, und seinen Einfluß verwenden, daß Rußland keine Anleihe erhalte, so lange es nicht den berliner Frieden ausgeführt habe. Man wollte das damals halb scherzhaft behandeln. Thatsächlich aber ist es seitdem so gekommen und hat wenigstens mittelbar auf die Räumung Ostrumeliens eingewirkt. Oesterreich. Groß Kanischa. Kürzlich wurde hier der Pfarrer einer benachbarten katholischen Gemeinde nebst dessen Köchin wegen eines verübten Mordes verhaftet. Ein jüdischer Weinhändler war in diesen Ort gekommen und hatte bei dem Pfarrer um ein Nachtquartier nachgesucht. Dieser gewährte ihm auch ein solches und wies ihn in den Stall. Kurze Zeit nachher kam der Kutscher heim, und dieser wies den Juden aus den Heuboden. Während der Nacht kam der Pfarrer, begleitet von seiner Köchin, in den Stall, und ermordeten den Kutscher, den sie für den Juden hielten. Der Jude, der wie durch ein Wunder der Gefahr entgangen war, (-X^ -w xbl DW *6 mn) machte am anderen Tage Anzeige von dieser Unthat. Frankreich. Paris. Inwieweit die jüdischen Geistlichen den christlichen gleichgestellt sind, bezeugt der Umstand, daß bte Budgetcommission jüngst 200,000 Fr. zur Aufbesserung der Gehälter der Geistlichen und Rabbiner bewilligt hat. Italien. Rom. Bei der Eröffnung der Weltausstellung hat der König von Italien dem Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, der die große Ausstellungsmedaille erhalten hat, Herr M. Rouff, öffentlich die Hand gedrückt und bemerkt: „Ich danke Ihnen, Herr Rouff, daß Sie Italien bei der Pariser Weltausstellung so gut vertreten haben.« England. London Herr Oberrabbiner Dr. A d l e r V'j hat am rvWDty sein 50-jähriges Amts-Jubiläum gefeieiert. ("ID "ü — *'W "D "V)‘ Derselbe wirkt seit 1845 als Chief-Rabbi vom ganzen englischen Reich. Rußland. Petersburg. Es wäre für die Juden Rußlands nicht von geringem Nutzen, wenn endlich einmal das russische Volk über die religiösen Verhältnisse der Juden belehrt würden, so daß bessere Ansichten über dieselben Platz griffen. Dieses hat auch der berühmte Vertheidiger der russischen Juden, Nicolai Schigarin, der Verfasser der Schrift: „Haben die Juden Christenblut nothwendig?« erkannt, indem er jetzt zu diesem Zwecke die „Bibliothek des russischen Orients" herausgiebt. Vermischte». Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Ein humpoletzer Tuchfabrikant hatte die Bewilligung erhalten, für den Kaiser von Qestreich binnen zehn bis zwölf Stunden aus der mehreren Schafen erst abzunehmenden Wolle einen Jagdanzug anzufertigen. Der Fabrikant heißt Emerich Dite. Ueber die am 23. v. Mts. erfolgte Fabrikation wird berichtet: Schlag 6 Uhr Morgens begann man zwölf vorher von den Stadtärzten für vollkommen gesund erklärte Schafe zu scheeren. Um 6 Uhr 8 Minuten war bereits das erforderliche Quantum Wolle den Schafen abgenommen; diese war um 6 Uhr 11 Minuten geschauert, um 6 Uhr 37 Minuten gefärbt, um 6 Uhr 50 Min. ausgespritzt, um 6 Uhr 54 Min. vom Reißwolf, nm 7 Uhr 1 Min. von der Vorreißmaschine, um 7 Uhr 12 Min. von der Pelzmaschine, um 7 Uhr 34 Min. von der Continue, um 8 Uhr von der Spinnmaschine vorbereitet und um 8 Uhr 15 Min. fertiggespult. Nun begann die eigenhändige Arbeit des Fabrikanten. Um 8 Uhr 37 Min. war von ihm die Kette geschweift, um 8 Uhr 43 Min. an den Webstuhl gebäumt, um 9 Uhr 34 Min. aufgebunden, worauf er sich sofort zum Weben anschickte Um 11 Uhr 10 Minuten waren 78/4 Ellen Loden gewebt, um 12 Uhr 3 Min. gewalkt, um 12 Uhr 14 Min. gewaschen, um 12 Uhr 17 Min. gespritzt, um 12 Uhr 31 Min. getrocknet, um 12 Uhr 45 Min. zugeschoren, um 1 Uhr 7 Min. genoppt oder gereinigt, um 1 Uhr 10 Min. gebürstet und um 1 Uhr 15 Min. dekatirt und daher nadelfertig. Dieser binnen 7 Stunden 15 Minuten aus frischgeschorener Wolle hergestellte Stoff wanderte sofort in die Schneiderwerkstätte, wo aus demselben unter Leitung eines Zuschneiders aus einer ersten wiener Werkstätte ein vollständiger Anzug für den Kaiser, bestehend aus einem Rock, einer Weste und einem Beinkleids, bis 5 Uhr Nachmittags fix und fertig hergestellt wurde. Die Fabrikation beanspruchte also elf Stunden. Dieser in 11 Stunden angesertigte Jagdanzug des Kaisers erregt in der That unser Staunen und legt ein ebenso beachtenswerthes Zeugniß ab von der Geschwindigkeit der Fabrikation der Jetztzeit, wie von der ingeniösen Loyalität des humpoletzer Tuchfabrikanten. Eine eigenthümliche Jdeenaffociation jedoch bringt bei uns so eben den genannten Jagdanzug mit einer einmal im Talmud erwähnten Jagd in Verbindung, welche einst ein wohlverdienter Rabbi, Namens R. Chija (etwa um 200 n. d. ü. Z.) unternahm. Der selbe theilte nämlich einmal seinem Collegen R. Chamina, dem Sohne Chamas mit, in welcher originellen Weise er zur Verbreitung der geheiligten Lehre beigetragen hätte. Ich warf, so lautet die Erzählung desselben, Flachssamen in den Boden, flocht aus dem gewonnenen Flachse Netze und begab mich mit denselben auf die Jagd. Mit diesen fing ich Hirsche, speiste mit dem Fleische arme Waisenkinder, bereitete aus den Fellen Pergament zu Bücherrollen, schrieb auf ihnen nieder die 5 Bücher Mosis, begab mich alsdann nach einer Stadt, der es an Kinderlehren gebrach, unterrichtete daselbst 5 Kinder und zwar je eines in einem Buche, unterwies darauf 6 Kinder in den 6 Ordnungen der Mischna und zwar wiederum je eines derselben in je einer Ordnung und sprach dann bei meiner Abreise zu ihnen: Bis ich wieder zu euch zurückkehre, lehre einer den andern das Buch, welches er bei mir gelernt und unterweise einer den andern in der Ordnung der Mischna, in der ich ihn unterwiesen. Auf diese Weise habe ich zur Verbreitung der Lehre beigetragen. (Labs m6zia 85b Kethuboth 103b. Wenn auch der Rabbi zur Erledigung dieses seines Geschäfts weit mehr Zeit brauchte, als der humpoletzer Tuchfabrikant zur Erledigung des seinigen, so ist doch beiden die Originalität des Verfahrens gemeinsam, wobei dem einen die Loyalität gegen den Kaiser, dem andern die besondere Aufmerksamkeit gegen die Kaiserin — nämlich die geheiligte Lehre — trefflich zu Statten kommt. T. Wider die Juden. Es ist ein sonderbares Erbe, das die Inden angetreten, wo und wann Uebelstände gefühlt werden, wird die directe oder indirecte Urheberschaft den Juden zur Last gelegt. Der jüngst entbrannte Kampf zwischen Freihandel und Schutzzoll hat den Vertretern des letzteren Anlaß zu Anfeindungen wider uns gegeben. Wir regislriren dieselben —- ein Wort der Vertheidigung hinzuzufügen ist überflüssig. Freiherr von Thüngen-Roßbach aus Bayern ruft in seinem bekannten Agrarier-Brief des Fürsten Bismarck Schutz wider die „jüdischen Wucherer« an. Abgeordneter Mosle, Bremen, schreibt den Nothstand in Deutschland den Folgen des „semitischen Handels« zu. Ein sächsischer Industrieller sagt in einem Eingesandt der „Deutschen volkswicthschaftlichen Correspondenz" (Nr. 37) „Herrn Laskers Niedergang« betitelt: Nach der „Post« vom 9. d. M. sprach Herr Lasker im Reichstage aus, was wir längst empfinden: das deutsche Volk ist an schlechte Gesetze gar sehr gewöhnt. Wem anders verdanken wir die schlechten Gesetze, als jener, nimmer ruhenden reichstagischen Gesetzfabrik, deren Obermaier und erster Wortführer Herr Lasker ist? Wem anders als dem internationalen Semitenthum, welches eine fremde Nationalität, der wir nur allzu liberal bei uns Heimathsrecht gewährten, an die Spitze des deutschen Volkes zu bringen, unablässig bemüht ist und dabei kein Mittel scheut? Wir erinnern uns der Zeit, wo in unserem engeren Vaterlande den jüdischen Leuten keineswegs gestattet war, ohne weiteres das Bürgerrecht zu erwerben und auszuüben. Und das waren gute Zeiten ... Wahrlich, wir predigen nicht die Judenhetze — kommt sie dennoch, wie wir fürchten, so ist es wenigstens nicht unsere Schuld. W.