Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 23 (5.6.1879)
- Date
- 1879-06-05
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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a£>? ■ z« Nr. 23 des Jraelitischen Boten. Fest-Ge-icht zur Jeier der goldenen Kochzeit Ihrer Majestäten des Kaisers und Königs Wilhelm I. und der Kaiserin und Königin August« am 11. Zinn 1879. Ein Freuden- und Danklird von I. Herzberg. Welch Jnbelrausch durchzieht Germanins Gauen! Welch Freudenfülle jedes Herz bewohnt! Mit dankerfüllten Blicken Alle schauen Dahin, wo Deutschlands Stolz, sein Liebling thront! Dir gilt der Jubelsang, Dir das Entzücken, Dir widmen wir der Andacht Worte heut, O, hohes Jubelpaar, wie hoch beglücken Auch uns die Freuden, die das Glück Dir beut! Der Jahre fünfzig sind nun hingeschwunden An Dir, du ruhmgekröntes Herrscherpaar, Und gold'ne Kränze werden Dir gewunden Von Deiner treuen Unterthanen Schaar! Des Silberkranzes Blättlein sind nun golden, Wie strahlen sie in Hellem, hehrem Schein! Des Segens Engel zierten sie, die holden, Mit Glück und Frieden, ach so voll, so rein! Mit welcher Gnade hat Dich Gott umgeben! Wie hat er sters das Leid von Dir gewandt, Wie schützte er Dein uns so theures Leben, Mit seiner mächt'geu, liebevollen Hand. So fleh'n wir denn: Schau fernerhin hernieder Auf unser theures Jubel-Kaiserpaar, Nimm heute, Herr, die Dank- und Jubellieder In Gnaden hin, die wir Dir bringen dar! Erhör' das heiße Flehen, das wir senden Vor Deinen allgewalt'gen Herrscherthron: O, mögest Du noch manche Jahre schenken TXm Kaiserpaar, für Liebe würd'gen Lohn! In seinem Glücke würdest Du belohnen Auch uns, die wir uns Alle seiner freu'n, Und unter seinem mächt'gen Scepter wohnen, Das stets entsendet uns der Liebe Schein! Gestürzet sind ja jene niedren Schranken, Die Deinem Volke Juda einst gestellt, Des Glaubens Feindschaft, in den Staub sie sanken: Des Glaubens Freiheitssonne uns erhellt. Drum ist der Jubel, der uns heut beseelet Ein zweifacher: — gefallen ist das Joch —! Das Kaiserpaar, das Du in Gnad' erwählet: Es lebe Wilhelm, hoch, Augnsta, hoch! I) Leitender Artikel. Worte gesprochen im Hause und am Grabe des verewigten Herrn Seligwann Moses Frank am 24. April 1879, von Dr. Frank, Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Cöln. (Schluß.) Seine fruchtbare Thätigkeit in den erwähnten Kreisen tritt aber vor den zahllosen Verdiensten zurück, die er sich um die Synagogen-Gemeinde in seiner Eigenschaft als erster Vorsteher derselben erworben hat. Die Blüthe der Gemeinde, die Einheit und der Frieden in der Gemeinde, die Entwickelung ihrer Institutionen und Wohlthätigkeitsanstalten, das Gedeihen des Religionsunterrichts, die segensreiche Entfaltung des Armenwesens, allüberall sehen wir unverwischbare Spuren seines echt jüdischen frommen Sinnes, seines klaren Geistes, seines edlen Herzens. Wie oft gingen nicht die Wogen des Gemeindelebens hoch, wie oft schwebte nicht der Frieden in Gefahr, wenn über die Einführung neuer Cultussormen oder über andere in das Gemeindewesen tief eingreifende Fragen berathen wurde; sein beschwichtigender Sinn, sein vertrauenerweckendes Wesen, seine umstchtsvolle Leitung, seine ihm angeborene Liebe zum Frieden glättete den getrübten Meeresspiegel sder Gemeinde, und wie zu einem 1V, „Friedknsfürsten", blickte jedes Gemeindemitgtied, mochte es der strenggläubigen oder liberalen religiösen Richtung angehören, mit Verehrung und Achtung zu ihm empor. Durch mehr als zwei Jahrzehnte stand er an der Spitze der Gemeinde, und wehklagend rufe ich aus, rwsoh nh ixi wrro “nxtr d*6 ix nnyOTlp ,112XV „wehe der Gemeinde, die ihren Führer verloren, wehe dem Schiffe, das seinen Steuermann verloren". Mit seinen Collegen im Vorstande, mit der löblichen Repräsentanz verkehrte er nicht als Vorsitzender, sondern gleichsam als Beisttzender, er berieth mit ihnen das Wohl der Gemeinde nicht in jenem kalten, trockenen, amtlichen Tone, sondern in freundschaftlicher, warmer, trauter Weise. Aber auch den Beamten der Gemeinde war er ein wohlwollender Freund, ein Schutzengel war er ihnen, der jeden berechtigten und unberechtigten gegen sie gerichteten Angriff durch milde Beurtheilung, durch von seinem edlen Herzen ihm eingegebene Entschuldigungen abzuwehren suchte. O, wie glücklich war er, wenn er irgend Etwas, was der Gemeinde zur Ehre und Auszeichnung gereichte, errungen hatte; von Morgen bis Abend sann er nach, wie ihr Wohl und das ihrer Vereine gefördert werden könne. Man muß sein vor Freude und Wohlwollen strahlendes Auge gesehen haben, wenn er eine Generalversammlung des segensreich wirkenden Frauensvereins leitete; besaß er doch überhaupt etwas Seelenverwandtes mit dem weiblichen Geschlechte; er vereinigte in sich den klaren Geistesblick des Mannes mit dem tief empfindenden Gefühl einer edlen Frauenseele. Was Wunder, daß solch ein Mann auch in der Verwaltung jener Institute saß, die die allgemeine Menschenliebe, Wohlthätigkeit im weitesten Sinne fördern wollen. Er war Vorsitzender der „Philanthropie", er war stellvertretender Vorsitzender des Curatoriums des „Asyls für Kranke und Altersschwache", Ehrenämter, die er nicht der Ehre halber verwaltete, sondern um die angeborene Neigung, die Leiden der Menschen, der Kranken und Armen zu lindern, zu befriedigen. Gehörte er doch auch jenem großen sittlichen Weltbünde an, der sich Gott als den großen Baumeister der Welt der Liebe vorstellt, dem Bunde, der Humanität und Menschenliebe an seiner Stirne trägt, der die Fesseln sprengt, in welchen Egoismus, Eigennutz und Selbstsucht die Menschen gefangen halten, der in jedem Menschen, ohne Rücksicht auf die besondere Form der Gottesverehrung, das rein Menschliche würdigt, ehrt und hochschätzt. Ja, verehrte Trauerschaar! unser theurer Verklärte dachte und sorgte für die Armen, er war ein Vater der Armen. Der Familienvater, der unter Sorgenlast gebeugt war, der Rathlofe, der keinen Ausweg wußte, bei ihm, bei seinem theilnehmenden Herzen fand er ein offenes Ohr und eine offene Hand; seine Freundlichkeit, seine Leutseligkeit, die Geduld, mit der er die klagende Stimme anhörte, war erhebend und trostspendend. Wer nennt alle die Wohlthaten, die er in feiner eigenen Familie und an andern, an Nahen und Fernen verübt; seine Wohlthätigkeit war die echte und rechte 1NO2 und dem Menschenauge entzogen, hat Gott die unzählbaren, edlen Werke gezählt und das Verdienst und den Lohn dafür ihm für das Reich der Verklärung aufgehoben. Hatte ich nun, verehrte Trauerversammlung! nicht Recht, wenn ich Anfangs meiner Klageworte ausrief: 1QX DX IX wehe uns, wenn wir uns all' das Vorhalten, was er uns, der Familie, seinen Mitmenschen, seiner Gemeinde, den Armen gewesen; und mein schwaches Wort konnte doch nur einen Theil dessen, was er gewirkt und geleistet, wiedergeben; denn wir sind noch betäubt unter dem ersten Eindruck des erschütternden Schicksalsschlages und überschauen noch nicht den ganzen Umfang des unersetzlichen Verlustes, aber erleben werden wir es in der Zukunft Tagen, wie groß und edel er war, wie segenbringend und fruchtbar sein Leben gewesen. Und so wie er gelebt, so ist er auch eingezogen in die Ewigkeit; still, sanft ist er in das Jenseits hinübergeschlummert, sein Leben war ohne Streit, und sein Sterben ohne Kampf, und wir stehen an seinem Grabe, um für immer von ihm Abschied zu nehmen. Nehmen wir keinen Abschied von ihm, lassen wir ihn in unserer Mitte fortleben, leben wir sein Leben weiter, d. h. wirken wir in seinem Sinne und seinem Geiste. Was Frau und Kinder, was Anverwandte und Freunde verloren, das können wir nicht ersetzen, aber Gott wird den Balsam des Trostes in die frischen Herzenswunden träufeln; und die Kinder, vor allem die Söhne, werden um die gebeugte Mutter sich scharen und dieser am schwersten heimgesuchten Frau die Schicksalsbürde tragen helfen. Was aber die Gemeinde und ihre Institutionen verloren, das können wir zwar ebenfalls nicht ersetzen, aber bemühen sollen wir uns, streben sollen wir darnach, die Größe des Verlustes zu vermindern. Frieden und Einheit der Gemeinde, das war die Losung seines ganzen Lebens, und Frieden und Einheit der Gemeinde soll das Zeichen sein, in welchem wir ihn verehren, in welchem wir sein Andenken hoch halten wollen. Reichen wir uns über seinem offenen Grabe die Hand und geloben wir und schwören wir, gleich ihm Bruderliebe, Einheit und Frieden in der Gemeinde zu fördern, gleich ihm ein Freund der Armen und Bedrückten zu fein, gleich ihm unser Leben in den Dienst höherer Bestrebungen zu stellen, dann, verehrte Trauerschaar! lebt er fort, er, der gute, edle Menschenfreund, er, der unsterblich ist, hier und dort. Dir aber, theuerer, edler Heimgegangener! rufen wir den letzten Abschiedsgruß zu. O, nimm aus meinem Munde mit in die Heimath der Ewigkeit den für dein aufopferndes Leben und Wirken tausendfach dir gebührenden Dank. Es danken dir deine Gattin und Kinder für die Treue und Liebe, mit der du sie beglückt hast; es danken dir deine Angehörigen, denen du mehr als Verwandter gewesen; es danken dir deine Freunde, die deiner Freundschaft sich rühmten; es danken dir die zahllosen Armen und Hülflosen, die in dir ihren Vater, Ernährer und Helfer erkannten; es danket dir die Synagogen-Gemeinde, deren Ansehen und Ehre du gehoben, deren Blüthe und Entwickelung du gefördert, es danken dir deine Collegen in der Gemeindeverwaltung, die Mitglieder der Repräsentanz, die in dir ihr würdiges Haupt, den bewährten Führer verehrten, und im Namen der Beamten der Gemeinde, nimm, o Edler und Guter! unfern tiefgefühlten Dank für dein freundschaftliches Wohlwollen, dessen du uns gewürdigt; und wenn Hunderte und Tausende Heimgegangener vergessen werden, du bleibst unvergessen; und wenn wir uns dein erinnern, und die Leere, die du zurückläßt, wird uns jeden Tag an dich erinnern, dann wird dein schönes Lebensbild uns zum Sporn