Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 23 (5.6.1879)
- Date
- 1879-06-05
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrhunderte des Fanatismus, des Religionshasses aufgebaut. Jeglicher Zurücksetzung des Glaubens wegen ward ein Ende gesetzt, zu gar wichtigen, hohen Aemtern sind auch dem Bekenner des jüdischen Glaubens die Wege gebahnt. Ja, eine glänzende Vergangenheit ist es, auf welche das erhabene Jubelpaar zurückblicken kann. Dieses ist es auch, was die Herzen Aller mit Freude und Jubel erfüllt, weshalb wir heut Alle gern die Gelegenheit wahrnehmen, diesen uns überwältigenden Ausdruck vor seinen erhabenen Thron niederzulegen. So möge denn der Allmächtige, der bis hierher dem Jubelpaare beigestanden, und Ihm vergönnt, ein halbes Jahrhundert sich mit einander zu freuen, noch viele Jahre des ungetrübtesten Glückes ihm verleihen, auf daß die deutsche Nation noch lange sich seiner erfreue! Zeitungsnachrichten und Horreipondenzen- Deutschland. Bonn. Am 15. v, M. wurde in dem Rothschild'schen Waisenhause in Paris zum ersten Male eine Hochzeit von einem der dort seit 13 Jahren befindlichen Waisenmädchen gefeiert. Die Feier selbst fand in dem dazu geschmackvoll eingerichteten Gebetsaale der Anstalt statt. Ein zahlreiches auserlesenes Publikum wohnte derselben bei, unter Anderem vre Baronin James de Rothschild, (die Stifterin dieses für 100 Kinder beiderlei Geschlechtes eingerichteten Waisenhauses), Herr und Madame Edmond de Rothschild, der Oberrabbiner Isidor, verschiedene Mitglieder des Comites, der Bürgermeister des Bezirks, der in Person die Civiltrauung vollziehen wollte rc. Herr Edmond de Rothschild führte die 20jährige Braut zu dem Trauhimmel zur Vornahme der kirchlichen Trauung, welche von dem Rabbiner Mayer, früherer Director des Waisenhauses, der auch in dieser Eigenschaft vor dreizehn Jahren die Braut als Kind in der Anstalt ausgenommen hatte, vollzogen wurde. Nach Beendigung der Feier wurde den Eingeladenen Erfrischungen gereicht und durch ein Diner und Ball, ebenfalls in den Sälen der Anstalt, der festliche Tag beschlossen. Alle Kosten des Festes, so auch die Ausstattung der Braut, wurde von der Baronin James de Rothschild bestritten. Bonn. Das «Frankfurter Journal" berichtet folgende Begebenheit: Die Verhandlungen des Rügegerichts, welche im großen Ganzen durch ihre Monotonie wenig Interesse gewähren, wurden heute durch einen eigenthümlichen Fall unterbrochen. Ein Bäckermeister in Langenselbold hatte für seine Glaubensgenossen die sog. Matzen zu backen. Nach dem jüdischen Ritus muß das Mehl für diese Osterkuchen in einer eigens dazu gereinigten Mühle gemahlen werden. Der Bäcker besaß nun das Vertrauen in hohem Grade, denn Jedermann war fest überzeugt, daß bei ihm Alles den Ritualien entsprechend angefertigt werde. Ein anderer Bäcker, welcher ebenfalls Matzen fabricirt und seinen Laden auch auf dem Judenmarkt hat, behauptet nun von der Waare des Concurrenten, sie sei nicht „jomteftig", denn das Mehl hierzu sei in der großen Hauser Mühle gemahlen worden und der Langenselbolder Bäcker verlor in Folge dessen seine ganze Kundschaft, was für ihn gleichbedeutend war mit dem Verluste von 3000 M., da er für diese Summe jährlich Matzen absetzte. Bald erfuhr er, von welcher Seite das Gerücht ausgegangen war, und stellte Strafantrag gegen den Urheber desselben, welcher ihn so hoch in IV. Der Zquberspiegel. Brich doch mit diesem Lumpen sogleich Er machte Dir einen Schelmenstreich; Wie kannst Du mit ihm leben? Ich mochte mich weiter nicht bemühen. Ich Hab' ihm verzieh'», Aber nicht vergeben. Goethe. Der andere Tag sah den Gräuel der Verwüstung. Die Juden fanden sich zwar gekränkt, aber sie dankten Gott, mit zerbrochnen Scheiben davon gekommen zu sein. Die christlichen Einwohner in ihrer Mehrheit, beklagten diese Auftritte und machten sich selbst Vorwürfe, ihnen nicht früher gesteuert zu haben. Der Stadtschreiber ward todt in seinem Bette am andern Morgen gesunden. Man sagte, ein Schlag habe ihn in Folge großer Aufregung getroffen. Andere sagten, er habe sich, eine Untersuchung fürchtend, selbst vergiftet. Diese ward auch alsbald eingeleitet. Den Juden selbst war es nicht sehr um Bestrafung der Frevler zu thun, in welcher ihnen nur aufs neue Feinde erwachsen wären. Dazumal vielen noch schlimmere Frevel ungestraft vor. Die Obrigkeit hatte das Ansehen verloren und oft auch den Muth nicht, mit der Schärfe des Gesetzes einzugreifen. Der Glaser machte den Schaseinem Interesse geschädigt hatte. Mittlerweile stellte sich jedoch heraus, daß das Mehl wirklich in der Hauser Mühle gemahlen worden ist, mithin wohl der Verdacht, die Matzen seien nicht jomteftig, nahe lag. Um die Frage genau entscheiden zu können, läßt der Gerichtshof verschiedene Rabbiner vernehmen und es wurde deshalb neuer Termin angesetzt. Der Advokat Herr Dr. jur. Fritz Meyer zu Frankfurt a. M. läßt nun, als Anwalt des Klägers, demselben Blatte folgende Berichtigung zugehen: «In dem Morgenblatte Nr. 105 Ihres Blattes vom 17. April findet sich ein Bericht vom 15. April über einen vor dem Rügegericht stattgehabten Proceß zwischen einem isr. Bäcker zu Langenselbold und einem hiesigen, betreffend die Zubereitung der jüdischen Osterkuchen, welcher nicht nur den Hergang in einer ganz unrichtigen Weise wiedergiebt, sondern auch eine Reihe von Behauptungen aufstellt, welche den Credit des Langenselbolder Bäckers gefährden und von denen in der Verhandlung auch nicht das Mindeste vorgekommen ist. Neben zahlreichen anderen Unrichtigkeiten heißt es nämlich in dem gedachten Referate gegen den Schluß, es habe sich in der Verhandlung yerausgestellt, daß die Osterkuchen des Langenselbolder Bäckers in der Hauser Mühle gemahlen seien und mithin sei der Verdacht entstanden, daß das Gebäck nicht den Ritualvorschriften entspräche, während in Wahrheit die Klage selbst darauf gestützt war, daß das Mehl in der Hauser Mühle gemahlen sei und in der ganzen Verhandlung von keiner Seite ein Verdacht ausgesprochen worden ist, daß die Osterkuchen des Langenselbolder Bäckers in der That nicht den Ritualvorschriften entsprochen hätten, um so weniger, als derselbe sich im Besitz eines die vollkommene Nitualität bestätigenden Rabbinats- Attestes befindet. Mit Rücksicht darauf, daß der unrichtige Bericht Ihres Referenten in weiten Kreisen betheiligter Israeliten Mißstimmung hervorgerufen hat, ersuche ich Sie auf Grund des Preßgesetzes um Aufnahme der vorstehenden Berichtigung. Bonn, 23. Mai. Die Judenfrage in Rumänien wird in ein neues Stadium treten. Man will nur jenen Juden die rumänische Staatsbürgerschaft zuerkennen, welche sich niemals unter fremden Schutz gestellt und schon früher der Militärauslosung unterzogen haben. Dadurch werden viele Juden von der rumänischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen, denn Soldaten wollen sie nie werden. W. L. Z. (Wir bezweifeln letzteres. Red.) Bonn. Die „Schlesische Presse" berichtet aus Gleiwitz: Eine Jüdin, Frau Singer, feiert am 11. Juni ihren 111. Geburtstag. Dieselbe ist noch sehr rüstig und beabsichtigt eigenhändig einen Glückwunsch an das erlauchte Kaiserpaar zur goldenen Hochzeit zu schreiben. Von ihren 15 Kindern leben nur noch 4; sie war 48 Jahre verheirathet und nachdem sie jetzt bereits 37 Jahre Wittwe, — denkt sie dennoch an Hochzeit. Bonn. Das Weekblad voor Israeliten in Amsterdam schreibt, Herr Oberrabbiner Dr. Astruc in Brüssel beabsichtigt sein Amt niederzulegen. Als Grund davon wird die Vermuthung ausgesprochen, daß derselbe zu viel Widerspruch gegen seine Cultus-Reformpläne bei seinen Glaubensgenossen gefunden. Bonn, 3. Juni. yOr.-Corr.) Auf dem jüdischen Friedhofe in Filehne wurde jüngst eine Leiche aus Mexiko beerdigt. Vor etwa 40 Jahren wanderten nämlich die Gebrüder Braun nach Amerika aus und siedelten sich in Mexiko an. Im Dez. 1877 starb einer von ihnen und der Bruder ließ die Leiche nach Filehne i den wieder gut und die desfallstgen Kosten achteten die Juden nicht. Den Schreck und den Verdruß nahm man als Zugaben. Erst, als Alles wieder in's alte Geleis zurückgekommen war, an einem der nächstfolgenden Tage fiel es dem Parnoß ein, nach dem Pokal für den Rabbiner zu sehen, der seinen Besuch zum Beruhigen seiner Parochianen und zum Beschwichtigen der Gemüther auf einem der nächsten Sabbathe angesagt hatte. Es fiel ihm zu seinem Schrecken ein, daß er ihn in der Eile auf ein Behälterlein gestellt, sicher jedoch, ihn sogleich dort wieder zu finden. Wie erschrak er aber, als dies nicht der Fall war, und der Becher sich nirgends finden wollte. In das Hinterzimmer kam Niemand, als seine eigenen Leute, auf deren Treue er Häuser zu bauen sich getraute. Er sann nach; es wollte sich keine Spur zeigen. Er öffnete die Thüre, um in seine Wohnung im Vorderhaus zu gehen und seine Frau und Kinder zu fragen, ob sie nicht etwa den Pokal wo andershin gestellt? Da ging gerade Schabbeshans an ihm vorüber; er schlug die Augen unter und huschte grüßend vorbei. Schon einige Tage wollte Sternheimer bemerkt haben, daß jener nicht mehr heiter, daß er verlegen beim Anblicken werde und allemal den Blick zu Boden senkte. Er sann und sann darüber nach. Da fiel ihm ein, daß ihm Strauß gebringen, weil der Verstorbene vor seinem Tode den Wunsch geäußert hatte, in heimathlicher Erde neben seinen Elteru zu ruhen. Der Leichentransport erforderte für den Landweg durch Mexiko, wo derselbe von 60 bewaffneten Männern geleitet wurde, 10 Monate. Die Gesammtkosten des Begräbnisses belaufen sich aus 36,000 Mk. Von hier aus sind auch schon öfterer Leichen nach dem Auslande befördert worden. Wie uns mitgetheilt worden, wurde vor Kurzem auch aus Godesberg eine Leiche nach Arnheim (Holland) transportirt. Die Kosten beliefen sich inclusive 300 M. für die Godesberger Hülfsbedürftigen, auf mehrere 1000 M. Herr Abraham Meyer, ein sehr wohlhabender Güterhändler hatte den Leichen-Transport übernommen und in höchst eigner Person ausgeführt. Bonn. In Folge der in Nc. 21 und 22 unseres Blattes gebrachte Notiz von Dr. Schreiber gegen Herrn Dr. Phillipson, bringt Herr Dr. Phillipson Nachstehendes in seiner Zeitung: Bonn, 25. Mai. Dr. Schreiber in Bonn scheint noch nicht genug daran zu haben, mit den Herren Mayer und Baum in Streit zu leben. Neuerdings hat er wiederholt diese Zeitung und deren Redacteur angegriffen. Wir bekennen aber offen, daß wir sowohl vor der Begabung, als vor dem Wissen und dem Charakter dieses Mannes nicht eine solche Achtung haben, um uns mit ihm in irgend eine Polemik einzulassen. Dies verhindert uns auch, seine, uns in drei Exemplaren zugesandte Einweihungspredigt zu kritisiren. Denn da wir dieselbe für ebenso geisteswie herzensarm und geschmacklos bezeichnen müßten, könnte dieses Urtheil als aus Antipathie hervorgegangen angesehen werden. Was Herr Schreiber in einer Anmerkung gegen unsere Person vorbringt, sowohl was das Festessen, als was die Rabbinerwahl in Breslau betrifft, haben wir für unwahr erklärt. Köln, 30. Mai. (Or.-Corresp.) Am ersten Tag fand in der hiesigen Separat-Gemeinde die Einweihung der neu erbauten Synagoge ohne besondere Feierlichkeit durch den Herrn Rabbiner Dr. Plato statt. Das neue einfache Gotteshaus ist in 3 Monaten erbaut worden und entspricht dem Bedürfnisse der kleinen Gemeinde vollständig. — Es verdient, erwähnt zu werden, daß ein durchaus friedliches Verhältniß zwischen derselben und der Hauptgemeinde besteht, was nicht zum kleinsten Theile auf Rechnung des verewigten Herrn S. M. Frank zu setzen ist. Der Nachfolger desselben im Amte, Herr Jacob de Jonge, leitet nunmehr mit ebenso großer Kenntniß und Einsicht in die Verhältnisse. als Entschiedenheit und Gesinnungstüchtigkeit die Gemeinde-Verwaltung, und leben wir der Hoffnung, daß es demselben gelingen werde, manches Begonnene seiner Vollendung entgegen zu führen. Eine Revision der Synagogen-Ordnung ist bereits im Werke, Friedhofs- und andere Angelegenheiten sehen ihrer Erledigung entgegen. Große und schwere Verluste an Ehrenmännern, die unsere Gemeinde leider in den letzten Jahren erlitten, mahnen, rüstig zu wirken, so lange es noch Tag ist. — Dem Andenken des verstorbenen Freiherrn A. von Oppenheim wird eine Votivtafel gewidmet, die in der Synagoge angebracht werden soll. Ebenso wird zum Andenken an den vor Kurzem verstorbenen Gemeinde- Präses Herrn S. M. Frank in dem Gemeindehaus (Sitzungssaal) das Portrait desselben neben dem des früheren Rabbiners Herrn Dr. Schwarz angebracht werden. Köln, 1. Juni. Soeben kehre ich von einem schmerzlichen Gange nach dem Friedhofe in Deutz zusagt, wie er Schabbeshans in jener Nacht im Hofe allein getroffen, und wie ihm dies verdächtig vorgekommen sei. Auch andern, besonders Altinger, war dies nicht just vorgekommen, wie sie sich ausdrückten. Dies alles zusammengenommen, reifte den Verdacht in ihm, daß Schabbeshans der Dieb des Pokals sei, und daß er in seiner Einfalt sich damit zu bereichern glaubte und daher, die allgemeine Verwirrung benützend und alle Gänge und Schlösser im Hause kennend, in dem nächtlichen Wirrwarr sich des Bechers, ungesehen von allen, bemächtigt habe. Je mehr er darüber nachdachte, destomehr gestaltete sich sein Verdacht zur Ueberzeugung. Aber was nun anfangen! ihn zu Rede stellen? er wird es gewiß läugnen und dann rasch das Kleinod m’8 Wasser werfen oder sonst wie vernichten. Anzeige bei Gericht machen und Haussuchung veranlassen? Das wollte er wieder nicht; er wollte ihn doch nicht in Schand und Strafe bringen, auch nicht Aufsehen erregen. Er hatte sich in seinem Zimmer zurück begeben und sich in den Lehnsessel geworfen, um über den Fall nachzudenken. Auf einmal überflog sein Gesicht ein Lächeln; er stand auf, ging hinaus in den Hoff wo Schabbeshans im nahen Stall das Pferd fütterte.