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Der israelitische Bote · 1879-05-22 · 21/22 (22.5.1879) · p. [Seite 6]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
21/22 (22.5.1879)
Date
1879-05-22
Page
[Seite 6] (sequence 6)
Language
German
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Der geschichtliche und literaturgeschichtliche Unterricht in der Religionsschule. Von Dr. D. Bar naß, Berlin. (Siehe Nr. 19 unter Bonn.) Es ist für einen Pädagogen keine leichte Aufgabe, durch eine richtige Verkeilung des Lehrmaterials den Unterricht zu einem erfolgreichen und ersprießlichen zu machen. Wenn er sich den jedenfalls auch pädagogisch sehr berechtigten Grundsatz diride et impera zu eigen macht, geräth er leicht in die Versuchungdem Extrem zu viel Rechnung zu tragen und an Stelle des Zuviel ein Zuwenig in der Behandlung der zu bewältigenden Materien zu setzen. Die richtige Mitte zu finden, ist auch hier nur dem Kennerblick eines erfahrenen, mit den Anlagen und Bedürfnissen der Jugend vertrauten und umsichtigen Schulmannes gegeben. Anders verhält es sich jedoch gegenüber dem Religionsunterricht; hier ist uns eine sestnormirte Regulative durch die Bibel selbst bereits zum Theil gegeben, welche uns die erforderliche Direction über den Stoff für den religiösen Unterricht ertheilt hat. Da trägt sie uns auf der einen Seite auf, mit den Kindern uns vom Gotteswort zu unterhalten, „wenn wir im Hause sitzen, auf dem Wege gehen, wenn wir uns niederlegen, und wenn wir ausstehen." Im Gegensatz zur profan wissenschaftlichen Ausbildung, welche ausschließlich in's Reffort der Schule gehört, theilen sich in die religiöse Erziehung in gleicher Weise Haus und Schule, welchen beiden Hand in Hand mit einander die hohe Aufgabe zufällt, dafür Sorge zu tragen, vaß die Lehren der angestammten Religion bei der Jugend nicht bloß dauernder Besitz des Geistes, sondern daß dieselben Fleisch und Blut werden und ihre lebendige Triebkraft für Herz und Gemüth mit allen ihren Gefühlen und Empfindungen für's gesammte Leben bewahren. Andrerseits aber giebt die Schrift uns die weise Lehre an die Hand mSH -pT7 ^22, Gottes Wegen auf allen Gebieten des Wissens nachzugehen und die uns von Gott verliehenen geistigen Fähigkeiten darin zu üben, sein erhabenes, unerforschliches Wirken zu erkennen und zu bewundern. Anknüpfend an die biblischen Worte: „Und du sollst sie einschärfen deinen Kindern", bemerken unsere Weisen, *) es sei Pflicht eines jeden Vaters, seinem Sohne die bestmögliche geistige Ausbildung persönlich angedeihen zu lassen, und wenn sein persönliches Wißen nicht ausreicht, ihn der Leitung eines bewährten und gesetzeskundigen Lehrers zu übergeben.**) Das Erste, was er drm Kinde einzuprägen hat, heißt es dort, ist npr> r6np ntnio rro ub rm rrnn das unbedingte Festhalten an dem Glauben vom göttlichen Ursprung und der Unverbrüchlichkeit der Thora; nur auf dieser Grundlage sei eine gedeihliche religiöse Erziehung möglich. Aber auch eine ganz besondere Methode zeichnet die Bibel für diese Jugenderziehung vor. Bei Gelegenheit des Peßachgebotes heißt es nämlich: „Und es wird sein, wenn Eure Söhne zu Euch sagen werden, was soll Euch dieser Dienst, dann sollt Ihr sagen, ein Peßachopfer ist es für den Ewigen."***) Und ferner: „Und Du sollst erzählen Deinem Sohne an diesem Tage wie folgt: um deswillen hat der Ewige mir gethan, als ich auszog aus Egypten."****) An die Geschichte unseres Volkes soll die religiöse Belehrung anknüpfen und hieran das Herz unserer Jugend *) Kiddisch. 29b. Maim. Talm. Thora c. 1. 1. **) Maim. das. § 6. ***) Exod. 12. 26 u. 27. ****) Exod. 13. 8 u. ähnlich das. v. 14. Anstatt zu verlieren die ganze Mühl' Wär's doch besser zu zahlen doppelt so viel. — O theurer Rebbe, sei mir noch einmal gnädig Und mach' mir den Graf und die Gräfin lebendig! Gern, sagt der Rebbe, möcht' ich es machen besser — Doch 's ist schon zu spät, der Tod zückt' schon das Messer. Da würft sich der Müllner zur Erde voll Schmerzen Und klagt und weint mit zerrissenem Herzen. Hülfe — Rebbe, Hülfe, habt Mitleid mit mir, Und weiset dem Todesengel die Thür! Er soll weggehn! befehlt es ihm herbe, Wo nicht, so bleib' ich hier liegen, und sterbe. Während der Müllner so heulte und rief, Lag schon der Rebbe in Gedanken tief. Und plötzlich aufspringt er: Ich thu Geist verspüren, Schah still — Jechiel, ich will es probiren! Doch kostet dies Werk hundert fünfzig Maxen, Leg' sie nieder mein Sohn und mach' keine Faxen. Das ist die Zahl, die dein Name beträgt, Nach seinen Buchstaben richtig ausgelegt. Zahl' es geschwind, eh' die Zeit vergeht, Noch Eine Minute, so wird es zu spät. Der Müllner zählt auf das ganze Geld, Daß auch nicht daran Ein Heller fehlt. Der Rebbe beschwört jetzt Himmel und Erden, Lärmt und tobt mit wilden Gebärden. sich heranbilden, an den leuchtenden Beispielen, die uns unsere Ahnen durch ihr gottgefälliges Leben hinterlassen haben. Und in Aer That, eine wohl zu beherzigende und pädagogisch gerechtfertigte Lehre ist in diesem Hinweis für uns enthalten. Es ist das Verdienst der modernen Pädagogik, erkannt zu haben, daß der Unterricht durch Anschauung ergiebiger und wirksamer werden muß, insofern das Gemüth des Kindes vom leeren, abstracten Begriff zum concreten, anschaulichen Bilde geleitet, und der bloße, inhaltslose Gedanke zur klaren, vollen Vorstellung gestaltet wird. Dieser Geschichtsunterricht, wie er uns von der Bibel für die Jugendbildung empfohlen wird, bildet gewissermaßen die Veranschaulichung dessen, was etwa im eigentlichen Religionsunterricht abstract vorgetragen wird, und ist so in gewissem Sinne das nothwendige Surrogat zu einer jeden religiösen und moralischen Erziehung. Wenn dem Kinde das große Buch der Geschichte in ihren hervorstechendsten Zügen entrollt wird, wenn ihm das Tableau unserer nationalen Heroen vor Augen gestellt wird, dann erst kann es, wenn es anders ein offenes Auge und empfängliches Herz für sittliche Größen hat, mit vollem Verständniß an die Erlernung und Beobachtung der religiösen Vorschriften herantreten. Mit Recht und pädagogischem Tact weist an jenen Stellen die Bibel den jüdischen Vater also darauf hin, das Kind zunächst an religiöses Handeln zu gewöhnen nach dem Vorbilde jener Männer, die uns von der Geschichte vorgeführt werden. Religiöses Handeln aber ist es, was unsere Religion im Gegensatz zu andern Religionen unbedingt fordert; die Spekulation und das Forschen ist hier nicht Zweck unseres Daseins, sondern Mittel zum Zweck eines bewußten, überzeugungsvollen religiösen Lebenswandels. Das yöDOl wir wollen üben und verstehen, das unsere Väter am Sinai angesichts der göttlichen Offenbarung gelobten, es soll auch für uns zu allen Zeiten seine Bedeutung bewahren und uns verpflichten, unsere Aufgabe darin zu suchen, durch die geheiligte religiöse That allein zur Erkenntniß des göttlichen Wortes zu gelangen und nur unter dieser Voraussetzung an die Veredlung unseres Geistes zu gehen. Daß die geschichtliche Erkenntniß als erstes Postulat für die religiöse Erziehung gelte, finden wir auch nach unserem Dafürhalten in der Mischnah angedeutet. Während dieselbe nämlich an jener bekannten Stelle in Aboth sagt, 2DN p, K"]pD^ kann sie damit nicht fordern, der Knabe solle in seinem fünften Lebensjahre an das Studium der gesammten Bibel herantreten; denn einmal wird ihm das Verständniß des größten Theils der darin enthaltenen gesetzlichen Vorschriften vollständig abgehen; sodann aber ist ja eine Erklärung der letzteren ohne Zuhilfenahme der mündlichen Lehre theilweise unmöglich, und das Studium der mündlichen Lehre ist ja erst für die folgende Altersstufe im zehnten Lebensjahre angeordnet. Es kann also hier unter *np£ nur der geschichtliche Theil der Bibel verstanden sein, das dem kindlichen Gemüth zugänglicher ist und gewiß seinen wohlthuenden Eindruck auf dasselbe nicht verfehlen wird. Diese unsere Ansicht, daß nämlich die Geschichte die beste Erzieherin des religiösen Lebens sei und die sicherste Grundlage einer religiösen Erkenntniß bilde, finden wir auch im Buche Cusari bestätigt.*) Als der König nämlich den Israelitischen Meister nach seinem Glaubensbekenntniß fragte, heißt es dort, so antwortete dieser: „Wir glauben an den Gott Abraham's, Jsak's und Jakob's, der die Israeliten aus Egypten geführt mit Zeichen und Wundern und Versuchungen, sie in der Wüste gespeist, ihnen das Land *) Vgl. Cassel Cusari 1, 11—26. Den Müllner holte vor Angst schier der Teufel, Doch war er noch immer in quälendem Zweifel, Ob wirklich der Tod dem Zauber werd' weichen, Gewiß, ach dacht' er, bleiben Beide, Leichen, Denn freilich, wie soll ein Müllner von Refidim So eisern glauben, wie wahre Chaffidim. Jetzt hüpft der Rebbe: Ich kämpfe, ich ringe, Ich habe glücklich erwischt seine scharfe Klinge — Adalbert und Thekla — ich Hab' sie gerettet, Und dem Todesengel die Hände gekettet. — Horch auf, horch auf. Du Sprößling der Peie, Ich habe eingehaucht zwei Seelen neue! Enteile geschwind in Dein Dorf Refidim, Es soll'n es erfahren all' meine Chasstdim. Der Müllner rennt aus dem Zimmer heraus Und jagt wie der Wind in's Dorf nach Haus. Noch immer könnt' er an's Wunder nicht glauben, Bis er's nicht gesehen mit eigenen Augen. — Und wie er sich nähert das Dorf zu erreichen, Bedünkt ihm Etwas als gar schlimmes Zeichen. Er sieht sein Weib und die Kinder von Weitem Und denkt sich, das Unglück nahte bei Zeiten. Der Graf und die Gräfin sind Todte geblieben Und die Erben, die haben mein Weib vertrieben. Er nahte dem Weibe mit Aechzen und Klagen Das schwere Unglück, durch mich muß du's tragen: Canaan in Besitz gegeben, nachdem er sie unter grr., Wundern durch das Meer und durch den Jordan geführt u. s. w." Fortsetzung folgt. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. Seit langer Zeit wird von der Bochumer Synagogen-Gemeinde eine Orgel billig angeboten; der Gegenstand scheint nicht mehr recht zu ziehen. Bonn. Dem „Berliner Tageblatt" wird aus dem ostpreußischen Städtchen Bischofswerder berichtet: Die Einförmigkeit des Lebens in unserm kleinen Ort wurde vor Kurzem durch ein seltenes Fest in angenehmster Weise unterbrochen. Es waren nämlich gerade fünfzig Jahre, daß sich hier der Kaufmann, Herr Friedländer niedergelassen und seither im Laufe der Zeiten zu einem unserer angesehensten und beliebtesten und vielleicht zum bestsituirten Bürger aufgeschwungen hat. Eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten, der sich der evangelische Prediger und der israelitische Geistliche angeschloffen, begrüßten den überraschten Jubilar in feierlicher Weise. Der Herr Bürgermeister hielt die erste Ansprache an seinen langjährigen Collegen im Rathe der Stadt und nach einer zweiten Rede seitens des Herrn Pfarrers Schadebrodt wurde demselben ein reich aus gestattetes Diplom überreicht, das ihn in Anbetracht seiner Dienste um das Gemeinwesen zum Stadtältesten ernannte. Zahlreiche Privatgratulationen aus allen Kreisen der Bevölkerung folgten diesem offieiellen Akte. Von einem Festdiner und anderweiten Festivitäten mußte aus Rücksicht auf die durch eine sonst glücklich überstandene Krankheit noch immer etwas angegriffene Gesundheit des Jubilars Abstand genommen werden. Man hätte übrigens am liebsten Hrn. Friedländer zum Ehrenbürger ernannt, allein die Finanzlage der Stadt gebot eine andere Form der Auszeichnung, da man sich durch jene des größten Steuerzahlers beraubt hätte. Posen. Die vor einigen Tagen anstehende Strafverhandtung wider die Anstifter der Kalischer Judenhetze ist vertagt worden. W. Jnowrazlaw. Wie vor kurzer Zeit berichtet, hat die hiesige jüdische Gemeinde ihren Tempeldiener B. Sinai, der ihr 40 Jahre treu und gewissenhaft gedient, penstonirt. Leider hat der Greis sich der Ruhe und wohlverdienten Pension nur 3 Wochen zu erfreuen gehabt. Nach viertägiger Krankheit raffte ihn der Tod in seinem 71. Lebensjahre hinweg. Das ausnehmend große Leichengefolge bei der Beerdigung des S. giebt beredtes Zeugniß von der Achtung, welche der Verewigte bei der hiesigen Bevölkerung genossen hat. Briefkasten der Redaetion. Jul. Ja.... in B. (Rußland) Zeitungen und Correspondenzkarte kamen zurück. Wir bitten um genaue Adresse. Gesandte Artikel nicht alle verwendbar. Zur Sache selbst wäre es am zweckmäßigsten, wenn Sie dortige politische Blätter zu der Aufnahme veranlassen könnten. Die Broschüre von Professor Cholson wird dem Dy P1XN die Augen öffn n, wenn Raum, werden wir noch darauf zurückkommen. Veranlassen Sie die dortigen reichen Juden, recht viele dieser Broschüren za kaufen und dieselbe dann dem russischen Kaiser und seinen Beamten bis zum Polizisten herab zur Einsicht einzuschicken. Ich Unsel'ger selbst Hab den Zadik*) gebeten, Er soll den Graf und die Gräfin tödten. Nun sind die Folgen nicht ausgeblieben, Die bösen Erben haben Euch vertrieben! Was Erben? Wer tödten? Bist Du von Sinnen, Was vertrieben? ich bin noch nicht von hinnen. Was schwagst Du, Jechiel — Du bist doch kein Schaf, Die Mütze herunter, dort geht ja der Graf. Was konnte Deinen Kops so verwirren, Wir gehen doch nur ein bischen spazieren. Jetzt endlich ward es dem Müllner klar, Was für seltenes Wunder geschehen da war. Er lief am Sabbath sofort in die Nachbarsstadt, Um Gott zu loben und zu danken für die That. Und Sabbath Nachts ward ein groß Fest gemacht, Die Vorsteher vom Städtchen haben den Pinkas**) gebracht. Man trank gewaltig, denn die Sache war wahr, Und sie schrieben in den Pinkas mit groß Lepidar,-— Im Jahr achtzehnhundert fünfzig damals und dann, Hat zwei Todte erweckt — der Gruluber Gottesmann. *) Zadik, der Gerechte (Titel des guten Jüd). **) Pinkas, das Buch, worin die Gemeindechronik verzeichnet wird.

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