Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 21/22 (22.5.1879)
- Date
- 1879-05-22
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leitender Artikel. Worte gesprochen im Hause und am Grabe des verewigten Herrn Seligmann Moses Frank am 24. April 1879, von Dr. Frank, Rabbiner der Synagogen Gemeinde Cöln. Im Hause. Ansehnliche Trauer-Versammlung! Indem ich mir Vorbehalte, an der Stätte, wo unser theuerer Verblichene seine letzte Ruhe finden wird, ein ausführliches Bild seines fruchtbaren Lebens zu entrollen, erfülle ich einen mir gegenüber ausgesprochenen Wunsch van Scit?n des löblichen Vorstandes unserer Synagogengemeinde, der seinen hochverehrten Collegen und Vorsitzenden besonders geehrt wissen will, und begleite mit einigen Worten den Auszug unseres theuern Verklärten aus dem Hause der Sterblichkeit nach dem QV>nn rP2, dem Hause des Lebens, der Unsterblichkeit. Ein alter Lehrer in Israel sagte einst zu seinen fünf Schülern: „Gehet hinaus und sehet zu, was wohl das Beste sei, das der Mensch besitzen und sein soll?' Ein Schüler antwortete: i"Q1t2 „ein gutes Auge"; der zweite meinte litt "DH, „ein guter Freund"; der dritte behauptete, n*lt2 das Beste sei „ein guter Nachbar"; nein, glaubte der vierte, Allem vorzuziehen sei *1^1271 TW nKpPI ,fcer klare Blick in die kommende Zeit", bis endlich der fünfte seine Ansicht aussprach und sagte, 1^5 „ein gutes Herz" sei das Vorzüglichste. Da meinte denn der Lehrer, „gewiß, das gute Herz sei Allem vorzuziehen, denn in ihm ist alles Uebrige enthalten." Hier haben Sie verehrte Versammelte! in wenigen scharfen Umrissen ein Lebensbild des theuern Heimgegangenen. Er hatte zunächst ein „gutes Auge", frei L' von Neid, frei von Mißgunst; das freundlich leuchtende Auge war der Spiegel seiner edlen Seele, auf deren Hintergründe die besten und schönsten Vorsätze und Pläne für das Wohl seiner Mitmenschen gefaßt und entworfen wurden. pu "O 5]TQ’ K1H pv Ittö hlb „Das gute Auge wurde gesegnet, denn es gab von seinem Brode dem Armen. Und dem „guten Auge" gesellte sich die schöne Eigenschaft wahrer Freundschaft zu, er war ein niti "DÜ, „ein guter Freund"; er hegte Freundschaft nicht allein gegen diejenigen, die seit den ersten Jünglingsjahren mit ihm verkehrten, sondern trug auch denen Wohlwollen entgegen, die der Beruf, die Gemeinde-Verwaltung und andere Kreise, in denen er wirkte, ihm näher brachten; Alle stand.n ihm nahe, und als 2112 ptP „guten Nachbar" betrachtete ihn alle Welt; wirkte doch sein Umgang veredelnd und versittlichend auf Nahe und Ferne; vollendete er doch seine irdische Laufbahn verehrt, geliebt, geachtet von Hunderten und Tausenden. Die Offenheit seines Sinnes, die Leutseligkeit seines Entgegenkommens, der Wahrheitsgehalt seiner Worte, seine Milde un'o Sanftmuth zogen Jedermann an und weckten in der Brust seiner Umgebung, seiner Collegen im Amte, der Gemeindemitglicder, der Bürgerschaft Verehrung, Achtung und Dankbarkeit. ü (Aus dem Lemberger Jsr.) Die Wiederbelebung der Todten. (Ein Wunder des Rebben) aus dem russisch-jüdischen Jargon des 'pvjp übertragen von a — Rebbe! ich bin Einer von Euren Chassrdim, Ich bin der Müllner vom Dorfe Refidim. Gepachtet dort halt' ich beim Grafen die Mühl' Hab' Pachtzins gezahlt, nicht besonders viel. Achtzig Rubel jährlich — im Ganzen und gar, So wohn' ich schon dorten das siebente Jahr, Reichthum Hab' ich mir keinen errungen Doch war ich auch nicht zum Borgen gezwungen. Ich führ' mein Haus, das Weib an der Seite Mit Luxus zwar nicht, doch wie andere Leute. Kein Wunder, daß mir kein Reichthum gehört Es hat mir Gott recht viel Kinder bescheen. Im Uebrigen war nicht zu groß der Segen, Das Geschäft blieb klein, dazu wenig Regen. Sei's wie es sei — so muß ich doch sagen, Alles was nöthig hat's -mir getragen. Für Arme sogar konnte ich was sparen Und jährlich mit Gaben zum Rebben fahren. Und jährlich mit Gaben zum Rebben fahren. m 4 *>/ Aber wie zartfühlend, wie tiefempfindend, wie weich er auch war, es litt die andere stärkere Seite des Seelenlebens, die geistige Seite, nicht darunter, denn er war auch ein riK 7181"!, er hatte einen klaren, besonnenen Blick in das Kommende. Keinen übereilten, unbedachten Schritt hat er je gethan; wo Andere mit Eile, mit Ueberstürzung eine ernste Frage ihrer Lösung cntgegenführen wollten, zögerte, wartete, prüfte und überlegte er und führte das Wichtigste, zur Zufriedenheit Aller, seinem Ziele zu. Ueber allen seinen Vorzügen und Vortrefflichkeiten stand aber das mtD 2^, das „gute Herz". Fraget seine gebeugte Gattin, fraget seine Kinder, fraget seine Anverwandten, fraget die Armen, fraget wen ihr wollet, was er für ein Herz hatte; die Sprache ist zu arm, um das tugendreiche, edle Herz zu zeichnen; sein Herz war die Centralsonne, von der aus seine übrigen glänzenden Eigenschaften wie hellleuchtende Strahlen ausgingen; sein Herz war ein sprudelnder Born, aus dem unaufhörlich ein Strom des Segens, der Güte, der Liebe, des Wohlwollens sich ergoß. Ach! das „gute Auge" ist gebrochen, der „gute Freund" ist nicht mehr, der „gute Nachbar" ist dahin, der „klare Blick in die Zukunft" ist getrübt und das „edle, fromme Herz" steht still, und wir schicken uns an, ihn zu geleiten dorthin, von wo keine Rückkehr stattfindet. Ziehe hin, edler Mann! D1^t2Q gehe in Frieden! verlasse die Stätte deines Glückes, wo man dein nie vergessen wird, wo du an der Seite deiner Gattin, umgeben von einer Schaar von Kindern, so gern weiltest. Möge Gott, der dieses Haus deinetwegen gesegnet, auch fernerhin seine schützende Hand über ihm halten und Trost und Erhebung den um dich Klagenden und Trauernden senden. Amen! Am Grabe. IpiO '»in bntt vin l-nu m Wehe, o Held! wehe, o Guter! wehe, o Treuer! Mit diesem Einleitungswort der Trauerreden aus alter Zeit beginne ich heute das Klagewort um einen Tugendstarken, einen Guten und Treuen, um einen Edlen, um den nicht die Familie, nicht die Anverwandten allein trauern, sondern um dessen Heimgang wir Alle, verehrte Trauerschaar! in unserm Innern tief erschüttert sind. Unser S. M. Frank ist nicht mehr, ich sage, unser, denn er gehörte uns Allen an, er wirkte für uns Alle, er fühlte für uns Alle; er war ein Vater, ein Vater in des Wortes weitester Bedeutung. O, verehrte Theilnehmende! verzeihet mir, wenn ich heute, unter der niederbeugenden Bürde mächtig ergreifender Trauergesühle stehend, dann und wann den logischen Weg der Gedanken verlasse: nicht der Geist, sondern das mitverwundete Herz spricht heute in mir: 'UttWl mtSV cs ist mir, es ist euch, es ist uns Allen die Krone vom Ha: pte gefallen. 7D8 >6 D8 >18 "IÜ8 D8 *b >18 „Wehe mir, wenn ich rede, wehe mir, wenn ich nicht rede." Wehe mir, wenn ich rede; ach, es tritt dann die Leere, die Lücke, die unaussüllbare Lücke uns vor den Geist, die sein Heimgang zurückgelassen, je mehr er uns gewesen, desto größer wird der Schmerz um den Verlust, den wir erlitten; wehe aber auch, wenn ich nicht rede; verdient cs denn der theuere Heimgegangene nicht, daß wir bei der letzten Ehre, die wir ihm erweisen, es uns wiederholen und Vorhalten, wie Jetzt Rebbe! schafft Hilfe mir und den Lieben, Der Gras und die Gräfin vom Teufel getrieben, Verlangen an Pachtzins nun doppelt so viel, Sonst jagen sie mich von Pachtung und Mühl'. O Rebbe, Ihr seid ja ein Engel, der wacht, Erbarmt Euch meiner mit Eurer Macht! Entbietet gegen die Frevler den Tod, Damit ich verbleibe bei meinem Brod. Der Graf heißt Adalbert von Baratyn Und Thekla Elementine heißt seine Gattin. Meine Mutter heißt Peie — ich selber Jechiel, Als Gabe liegt da das feinste Mehl von der Mühl. Der Rebbe verzieht den B.ckel wie ein Kater Und glotzt mit den Augen wie ein Kästenbrater, Zerwalkt das Quittel*) schaut her und hin Und dampft aus der Pfeife wie ein Kamin. Schon ballt sich der Rauch und zur selb'gen Stund' Oeffnet der Gottesmann den heil'gen Mund: Horch auf Jechiel mit Ehrfurcht und Schrecken, Ich habe gewußt Dir Gehör zu erwecken, Auch mühten die Väter sich —• durch Befehl Gottes Ist bereits entsendet der Engel des Todes. Adalbert und Thekla, sie sind schon vorbei — •) Qnittel ist das Zettel, woraus die dem Rebben mitgetheilten Datten geschrieben werden. edel er gewirkt, wie tugendhaft er gehandelt, wie milde, wie sanft sein Charakter, wie fruchtbar sein Leben war von den ersten Jünglingsjahren ab bis zu seinem letzten Athemzu;e. Sein ganzes Leben war ein ununterbrochenes Wohlthun, war ein Vorwärtsschreiten von Edlem zu Edlem, war ein Aufwärtssteigen von einer Tugendstnfe zur andern. In der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft, in der Gemeinde, in allen Kreisen, in denen er seine geistigen und sittlichen Kräfte entfaltet, hat er unauslöschliche Spuren seines thawureichen Lebens zurückgelassen. Die Fülle des Stoffes, die sein Leben mir, dem die ergreifende Aufgabe zugefallen, ihm den Nachruf in die Ewigkeit nachzusenden, bietet, vermag ich kaum zu bewältigen. Schon als Jüngling entfaltete der Verblichene die schönen Herzenseigenschaften, die später in .n^en und weiten Kreisen reichen, mannigfaltigen Mgen verbreiteten. Seine Eltern — der Vater, ein fast hundertjähriger Greis, überlebt den Sohn — verehrt er mit jener tiefen, ehrfurchtsvollen Pietät, die einer guten Seele eigen ist. Von dem anfänglich kleinen Verdienst, den sein redliches Streben ihm einbrachte, sonderte er jede Woche einen Theil ab, um damit der braven Mutter, die er über alles hochhielt, einen Beweis der Liebe und Dankbarkeit heimzubringen. Gott segnete dieses sein echt kindliches und pietätsvolles Thun, Goü ließ seine Unternehmungen gelingen, der materielle Gewinn nahm zu, und er gründete ein Familienhaus. Sein Familienleben, sein Verhältniß zu seiner Gattin war ein überaus herzinniges, ein von den tyeuersten Banden der Liebe und Treue geknüpftes. Es sind wohlverdiente Zähren, die die schwergeprüfte Frau daheim um den edeln Gatten, um den treuen Lebensgefährten vergießet; denn er war die Zierde, der Stolz des Hauses, der kostbarste Edelstein in der Familienkrone. Wie hat er als Vater seine Kinder geliebt, für sie gesorgt, wie war er auf ihr Heil und Wohl bedacht! Glicht ein gebietender, strenger Vater, sondern wie ein wohlwollender Freund berieth er mit seinen Kindern reiflich und eingehend ihre Bestimmung, ihren Lebensberuf, ihr Lebensziel; nur ihr Heil und Glück war ihm maßgebend und entscheidend^ Das Familienhaus war für ihn ein Heiligthum, auf dessen Altar er zahllose Liebesopfer darbrachte. Sein Wirken in den engen Räumen des Hauses, wie groß es auch war, ist nur ein kleiner Theil von dem unermüdlichen, erfolgreichen Schaffen, das außerhalb des Hauses seine Lebensthätigkeit zu einer der fruchtbarsten gestaltete. Als Mitglied der Handelskammer und anderer Handel, Industrie und Gewölbe fördernder Institute hat er die ihm angeborene Besonnenheit, die klare Anschauung, das sichere aus Ueberlegung beruhende Urtheil zum Nutzen der zu vertretenden Interessen verwerthet, und seine in letzter Zeit fast einstimmig erfolgte Wiederwahl zur Handelskammer hat es vor aller Welt bekundet, daß die Eötner Bürgerschaft, die Handelswelt ihm volles, unbedingtes Vertrauen entgegenbrachte. Denn er stand als Muster eines Mannes da, der durch Selbstthat, neben dem Beistand Gottes, das aus sich schuf, was er zum Segen seiner Umgebung geworden. (Schluß folgt). Und Du bist von ihrer Habgier frei. Ein Wunder! Ein Wunder! jauchzt auf Jechiel — Ihr Rebbe seid selber der Engel Gawriel! Die Frevler sind hin! o welches Entzücken, Denn ihre Erden werden mich nicht bedrücken! Erben? — Was für Erben? beginnt der Rebbe zu schrei'n. Ja, freilich, die Kinder, die sielen mir ein. Weh' Dir Jechiel, Du bist verloren, Du und die Deinen sind zum Hunger erkoren! Die Kinder, die sind ja ärger als die Alten, Sie werden Deine Habe zerbrechen und spalten, Nicht für's Dreifache lassen sie Dir die Mühl'. O schlecht hast Du gebeten, mein armer Jechiel! O wären lieber die Eltern geblieben am Leben — Doch gescheh'n ist gescheh'n — das Urtheil ist gegeben! * Rebbeleb, hebt an der Müllner zu jammern ,;/v Und die Knieen dem Rebben zu umklammern — M So bin ich erst jetzt in der größten Roth — Sü Verhängt auch über die Jungen den Tod! -I Du Thor, soll ich Erd' und Himmel anböthen? Soll ich Deinetwegen die ganze Welt tobten! Und gesetzt, ich bewirk' es, damit auch die Erben So wie die zwei Alten — plötzlich versterben, So werden die Enkel Dir's machen noch schlimmer— -4 Ich bin vernichtet, o wehe mir Armen! So habt doch Rebbe mit meinen Kindern Erbarmen,