Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 21/22 (22.5.1879)
- Date
- 1879-05-22
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620169-9625151-9624040--164-9624041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Israelitische Abonnement: Vierteljährlich 2 Marl, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, < Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum lOTJf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. v. Jahrgang. Leitender Artikel. Zum Schabnothfcstr. -nv'vn ‘t min Wenn die Natur ringsumher wieder ein erneutes frisches fröhliches Leben zeigt, wenn die buntgefiederten Sänger ihre lieblichen Lieder wieder erschallen lassen, und, fröhlich von Ast zu Ast hüpfend, die Luft mit ihrem Jubelgesang erfüllen, wenn ein köstlicher, farbenreicher Teppich über Feld und Flur ausgebreitet liegt, und die Kinder des Lenzes uns wieder freundlich zunicken, dann nahet uns der schönsten und hehrsten Feste eines, das Schabuothsest. Während so rings umher die Natur ihr Wiedererstehungsfest mit Duft und Farbenpracht, mit Jubel und Sang begeht, feiert Israel das heilige, bedeutungsschwere Fest seiner Weihe als Religionsvolk. Mit Blicken voll Sehnsucht sahen wir, die Tage zählend, im Geiste diesem herrlichen Zeitpunkte entgegen, da vor Jahrtausenden unseren Vätern jenes köstliche Kleinod, die heilige Lehre, zur Wahrung und Hütung, zur Verbreitung und Pflege ist anvertraut worden. Das Schabuothsest führt uns jenes erhabene Ereigniß vor die Seele, da unter Flammen, unter Donner der ewige Bund Gottes mit Israel ist besiegelt worden, ein Ereigniß, das einzig dasteht in der Geschichte aller Zeiten und aller Völker. '>rvn -piDn t-) .nv inD 71!? uv vobti Hörte jemals zuvor oder nachher ein Volk die Stimme Gottes reden mitten aus dem Feuer, wie Israel? Israel war es, das zu Solchem gewürdigt wurde von allen Völkern des Erdballs. Israel ward zum Mustervolke gestempelt, das den anderen Nationen als leuchtendes Vorbild dastehen sollte indem ihm die Aufgabe geworden, jenen köstlichen Schatz, der mit unseren Weisen, neben sechs anderen Dingen schon vor Erschaffung der Welt im Schöpfungsplane des Höchsten gelegen, zum Brennpunkte seines irdischen Schaffens und Strebens zu machen, dessen beglückenden Ideen zu verbreiten, mit seinem Lichte die finsteren, dem Götzendienste anheimgesallenen Geister zu erleuchten, den Samen der wahren, reinen Gotteserkenntniß in die von falschem Wahne erfüllten Herzen zu legen, auf daß der Name des Allmächtigen als einzig anerkannt und er allein verehrt werde. Und dieser großen und schweren Aufgabe ist Israel treu geblieben! Das heilige Wort des Herrn blieb der Brennpunkt all seines Wirkens und Strebens, wenn auch einzelne Momente seines Lebens hier und da einen Schatten in dieser Hinsicht zeigen. Es war ihm ein Warner und Mahner in den Zeiten des Glückes und Wohlergehens, ein Tröster, Hoffnung und Vertrauen und Zuversicht einflößend, in den Tagen des Der Schabbas-Hans oder: Der Zauberspiegel. Da nahm der Cantor Ehrlich das Wort und sprach: Ich stimme dem vollkommen.bei, was Herr Strauß über die beregte Frage im Allgemeinen gesagt hat. Man sollte doch einmal aufhören, das Religionsbekenntniß, namentlich des Juden, im Verhältnisse zu ziehen und zu betonen, wohin dies nicht gehört. Vollends ganz unwürdig scheint es mir, das Wort Jude mit einem verächtlichem Nebengriff zu verbinden. Ein Jude ist nun' ein Bekenner des einzigen Gottes, wie wir Bekenner Christi sind. Ferner meine ich, was Einer glaubt, oder nicht glaubt, das geht einen Andern gar nichts an. Nur was er thut, das fällt unserm Unheil und wenn es, unrecht ist, dem Arm des Gericht anheim. Das ist mein politisches Glaubensbekenntniß und mit ihm, meine ich, könnten alle Confesfionen in sich und nebeneinander bestehen und mit ihm wäre allem Hader und allem Gezänk ein Ende gemacht und Haus und Familie, Staat und Kirche, könnten sich Glück wünschen, ja selbst die deutsche Einheit würde große Förderung dadurch erlangen." Io NN, 22. Mai 1879 (5639). Mo. 21 u. \ Jammers und des Trübsals. Treu hat Israel die ihm anvertraute heilige Lehre durch die blutigsten Jahrhunderte trotz? aller Anfeindungen, trotz aller Drohungen und Bedrückung als ein rfelP nt£H1D npjn als ein kostbares, unveräußerliches Erbgut getragen, weil es ihm zu allen Zeiten ist gewesen ein Spiegel, ein Riegel, ein Siegel. Nur dadurch vermochte es und vermag es auch fernerhin die Lösung der ihm zuertheilten Aufgaben zu fördern, nur dadurch können wir uns die Bezeichnung wahrer, echter Nachkommen unserer Vorfahren am Horeb verdienen. Die Lehre des Herrn sei uns ein Spiegel! Ein Spiegel aiebt uns das getreue, lebenswahre Abbild unseres äußeren Seins. Er stellt uns in unserem wahren Lichte dar, ein Blick in ihn führt uns die äußeren Gebrechen vor das Auge, aber auch die äußeren Vorzüge, mit welchen die Natur uns ausgestattet, auf daß wir diese so viel wie möglich uns zu erhalten, jene nach Möglichkeit zu vermeiden, hinwegzuschaffen vermögen. Und ist nicht das Wort des Herrn ein solcher Spiegel? Zeigt es uns nicht ein getreues Conterfei unseres geistigen Seins? Es führt uns unsere wahre geistige Gestalt vor die Seele, es läßt uns gar deutlich die Gebrechen und Fehler erkennen, mit denen wir behaftet find, und die wir zu vermeiden haben, um unsere erhabene Bestimmung hienieden zu verwirklichen. Es zeigt uns, welcher Art diese Bestimmung ist, durch welche wir vor allen anderen Wesen der Schöpfung sind bevorzugt worden. Es läßt uns die Ueberzeugung gewinnen, ob unser WiHn und Streben der Erreichung des uns von der Gottheit gesteckten Zieles förderlich ist, oder ob wir durch unsere Thorheiten uns immermehr von dem Urquell alles Guten und Wahren entfernen. Es zeigt uns endlich auch, wie wir uns jenes Vorzuges vor allen anderen Wesen der Schöpfung immer würdiger machen, aber auch, wie wir jenen Gebrechen und Schwächen entgegentreten können, um stets an der liebevollen Hand des Allvaters durch das Leben zu wandeln. Schauen wir einmal in jenen göttlichen Spiegel! Dann und wann wird unser Auge wohl ein befriedigendes Bild schauen, manch Schönes wird uns entgegentreten, auf welches wir mit Wohlgefallen, ja mit Entzücken herniederblickcn, denn manch gottgefällige, menschenfreundliche That ziert das Bild. Doch ein solch befriedigendes Bild tritt uns leiderffgar zu selten entgegen. Gar zu oft erblicken wir eine Mißgestalt, durch Fehler, Gebrechen und Schwächen verunstaltet, die uns ein Grauen einflößt und uns vor uns selbst erschrecken läßt. Dies ist aber auch der Grund, weswegen wir den häufigen, forschenden Blick in den Spiegel, dem jegliche Schmeichelei fern ist, scheuen, wen er meist ein zu trauriges Bild uns zeigt. Man möchte ihn darum so gern verarbeiten, umgestalten, um ein freundlicheres Bild von ihm zu gewinnen. Aber ach! Thörichtes Beginnen! Vermögen wir einen in der Weise umzugestalten, nur damit er uns ein lieblicheres Bild darbiete? Wahrlich nicht! So lange er als Spiegel exiftirt, so lange er sein eigenes Wesen nicht eingebüßt, also noch im Stande ist, ein Bild zurückzuwerfen, wird er stets das getreue und wahre Bild des Hineinschauenden zeigen, wir müßten ihn dann trüben, ihn seiner Bestimmung unfähig machen, oder ihn ganz und gar zertrümmern, und dann -- wäre es eben kein Spiegel mehr. — „Ind verhält es sich mit dem Gottesworte nicht ebenso? Würden wir nicht demselben, so wir es umgestalten wollten, um ein uns gefälliges Bild von uns zu erhalten, sein eigenstes Wesen rauben, seinen vom Höchsten ihm eingehauchten Geist nehmen? Würde seine Existenz als Wort Gottes nicht völlig aufhören, würde es seiner, ihm vom Allmächtigen zuertheilten Bestimmung nicht gänzlich unfähig gemacht werden, so wir es trüben, entstellen, oder gar ganz zertrümmern, vernichten, was wir doch müßten, so wir die immer wieder vor unser geistiges Auge tretende Carrikatur zu Nichten machen wollten? — Streben wir darum eifrigst darnach, daß dieser erhabene, göttliche, ewige Spiegel in seiner wahren Gestalt stets ein sreundliches, befriedigendes Bild uns darbiete. — Das Wort des Herrn sei uns ferner ein Riegel! Welche Bestimmung hat der Riegel? Er ist an die Ein- und Ausgangsthüre eines Raumes gelegt, um diese zu schließen, . damit entweder Unberufenen der Zutritt verwehrt werde, oder die in einem solchem Raume Befindlichen vor außenstehenden Widersachern geschützt werden. — Ist nicht das Wort des Herrn ein solcher Riegel, angelegt an die Thüre des Herzens, damit Unberufene, die Sünden, die Gelüste in unsere Herzenskammer nicht einzudringen vermögen, und die darin weilenden Tugenden und frommen Gesinnungen gegen jene Widersacher geschützt bleiben. Aber ach, wie oft schieben wir mit verwegener Hand diesen Riegel zur Seite, verwehren der Sünde den Zutritt zu unserer Herzenskammer nicht und. lassen die Herzensthüre weit, weil offen stehen, daß im Kampfe mit jenen mächtigen Widersachern unsere wenigen Tugenden, unsere frommen Gesinnungen gefährdet werden und so bald aus der Kammer ganz entschlüpfen. Die Tugenden aber, sie kommen leichten Fluges nicht wieder, sind sie einmal entschlüpft; sie wollen sorgfältig bewahrt und behütet, gehegt und gepflegt sein, denn nXtDD nnsi? „hinter der Herzensthüre lauert im Verborgenen die Sünde", in die innere Herzenskammer schlüpfen zu können. Wehe, hat sie den Riegel schon erfaßt, abermals wehe, hat sie die Thüre zum Oeffnen gebracht, dreimal wehe, ist sie in den heiligen Raum gedrungen, den nur Tugend und Frömmigkeit Er hatte aber kaum ausgeredet, als ihm der Stadtfchreiber in's Wort fiel, dem der Bürgermeister entsetzt Beifall nickte und sprach: Wie können Sie als christlicher Lehrer eine solche Sprache führen? Was werden ihre Vorgesetzten zu solchen Grundsätzen sagen? Der Cantor, ein Mann noch aus der alten Schule, welche ihren Schülern humane Grundsätze beibrachten, dabei auch erfahren und lebensklug, fühlte selbst, daß er sich in diesem Kreise in einer Weise ausgesprochen habe, die ihm nachtheilig werden könnte. Er sprach noch einige harmlose begütigende Worte, trank sein Bier aus und ging. Auch Strauß, der wohl fühlte, daß es nicht gerathen sei, trotzdem man 1848 schreibt, sich in einen religiösen Streit im Wirthshaus einzulaffen, wohin die Unterhaltung immer mehr gerathen war, brannte sich eine frische Cigarre an und ging. Nach ihm, aber bedeutsam nicht mit ihm, gingen einige seiner Nachbarn und andere Bürger, auch der Bürgermeister. Nur der Stadtschreiber blieb und mit ihm andere Sitzlinge, mit welchen er häufig die Gläser anstieß. Man trank sich allmählig in eine selige Stimmung hinein, die dem Stadtschreiber keine seltene war und die seine Gesellschaft als die angenehmste und vergnügteste anpries. Auch an dem untern Tische ward es lebendiger. Ein Hoch ward dem Stadtschreiber, der dafür einige Maaß Bier an den Tisch bringen ließ und vom Gein genfritz, der als Kind braver Eltern es aus dem Gymnasium bis zur untersten Klasse gebracht, aber wegen liederlichenWandels gejagt wordenjwar, wurde den Juden ein Pereat! ausgebracht. Auch auf den Schulmeister ward geschimpft, der kein guter Christ sei und den man straks absetzen sollte, wobei der Stadtschreiber lebhaft mit den Augen zwinkerte. In diesem Tone ging es lange forr. Jetzt wuchs auch dem Wirth der Kamm, der seiner Gesellschaft, die was aufgehen ließ und besonders dem Stadtschreiber zu Gefallen redeu wollte. Er schimpfte auf den Schullehrer, der ein rother Demokrat sei und aufdie Juden, die sich jetzt so viel herausnehmen. Was? rief er in seinem Dierbaß, was wird denn das werden, wenn Alles gleich wird. Da hätten wir Christen ja keinen Vorzug mehr! Soll nur jeder bei seinem Glauben bleiben, wie es vordem war. Ja, die alten Juden hielten,ihren Sabbath. Sie tranken ihre Maaß Bier wenn's sein mußte, und am Sonntag kamen sie und fragten, was bin ich schuldig? Da war noch etwas zu verdienen. Aber jetzt geben sie für jedes Glas Bier an ihrem heiligen 'L-abbath den Groschen hin und zahlen aus wie wir Christen. Was wird denn das sein!