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Der israelitische Bote · 1879-05-15 · 20 (15.5.1879) · p. [Seite 3]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
20 (15.5.1879)
Date
1879-05-15
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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:U it ft. welchem sie ihre Steuer entrichtet. Um ihre Macht im Gedächtnisse der Unterthanen frisch zu erhalten, fahren die Rabbis von einer Stadt zur andern, wobei sie ihren materiellen Vortheil wohl zu wahren wissen. Seit einiger Zeit aber wurde ihnen das Landstreichen strenge verboten. Sie haben trotzdem den Kopf nicht verloren und haben zu solchen Mitteln ihre Zuflucht genommen, mit deren Hilfe sie das Gesetz leicht umgehen. So z. B., werden sie als Zeuge bei Processen gefordert, wobei sie jedoch nichts zu zeugen haben, oder werden als Vormünder auserwählt, damit sie nur das Recht haben, aus ihrem Asyl herauszufahren. Das letzte Mittel wurde auch von dem in dieser Gegend gut bekannten Rabbi Jochanze in Anwendung gebracht, damit er bei dieser Gelegenheit seine treuen Unterthanen besuchen könne. So besuchte er die nahe gelegene Stadt Elisabethgrad, wo er eine reiche Ernte hatte und im Verlaufe von acht Tagen mehr als 5000 Rubel sammelte. Curios und charakteristisch genug ist dabei der Fall, daß, als einige von der jüdischen Gemeinde dem Polizeimeister Vorstellungen über solches Taschenspiel machten und dabei ihn baten demselben Einhalt zu thun, ließ er den Rabbi Jochanze dem Scheine nach arretiren, indem er ihm eine Wohnung bei einem seiner Dienstuntergebenen anwies, wonach der Rabbi Jochanze nach einigen Tagen bei seinen rechtgläubigen Chassiden unbestraft seine Taschenspielerei fortsetzte. Bei dieser seiner Rundreise wollte Rabbi Jochanze auch unsere Stadt nicht ohne seinen Segen lassen. Aber gerade hier, wo er am wenigsten Hindernisse fürchtete, stieß er auf einen solchen Stadlbeamten, welcher allen gewichtigen Bitten kein Gehör verlieh, und der Rabbi Jochanze mußte sofort seinen Rückzug antreten. Dennoch waren schon alle Vorbereitungen getroffen und jetzt, damit die Ausgaben gedeckt werden, greifen die Verwalter der Gemeinde unter anderem auch zu folgenden Mitteln: Einem armen Juden, welcher unweit der Stadt wohnt, und in einer Schenke spärlich sein Brod verdient, starb nach langer Krankheit die Frau. Als er sie zur Stadt brachte, um sie hier beerdigen zu laisen, verlangte von ihm die hiesige WHp mnn 125 Rubel Begräbnißgeld, welches auch am Ende entrichtet werden mußte. Stellen sie sich, verehrte Leser, die Lage eines armen Mannes vor, der fast Alles verkaufen muß, um seine todte Frau begraben zu lassen und dabei nicht weiß, was er mit seinen lebenden fünf kleinen Kindern anfangen soll! Entscheiden Sie, was für einen Namen eine solche pH2n pltP'Hp verdient?! Gelsenkirchen, 11. Mai. (Priv.-Mitth.) „In Folge Protestes Seitens Gumpel Block und Genossen hat die Königl. Regierung die im März c. vollzogene Wahl von 3 Repräsentanten und 3 Stellvertretern cassirt und ist eine Neuwahl angeordnet. Der Lehrer Speyer hat in Haigerloch eine Stelle als Lehrer und Cantor angenommen und ist dem Lehrer Kleestadt die Concession zur Ertheilung des Unterrichts an der hiesigen jüdischen Schule nunmehr ertheilt worden. Oesterreich. Wien. Ein hiesiges Blatt schreibt: „Bibelkenner werden wissen, daß es ein religiöses Gebot der alten Juden war, dreimal im Jahre, zum Oster-, Pfingst- und Laubhüttenfeste, mit Weib und Kind nach Jerusalem zu wallfahrten, um dort die Festtage zu verleben. Dieses Gebot wird aber noch heute von den strenggläubigen Israeliten Syriens und Palästinas befolgt, die noch immer an den erwähnten Festen mit ihren Familien nach der heiligen Stadt ziehen. Ja, viele Juden, die nach Palästina einwandern, sibeln sich eigens deßhalb außerhalb Jerusalems an, um dann zu den qenannten Festen nach dieser Stadt wallfahrten zu können. Wie man nun aus Damaskus hört, thun jetzt die dortigen Juden die nöthigen Schritte bei Midhat Pascha, der eben mit dem Projecte einer Bahn Damaskus-Beyrut beschäftigt ist, damit er baldigst auch den Bau der projectirten Bahn Jaffa-Jerusalem in Angriff nehmen lasse, um so den frommen Israeliten Syriens und Palästinas ihre Wallfahrten nach Jerusalem zu erleichtern". Nilolsburg, 10. April. Unsere sonst so ruhige Stadt ist seit gestern Abend in furchtbarster Aufregung durhi eine Blutthat, die in ihren Einzelheiten an die schauderhaftesten Vorfälle dieser Art erinnert. Eine Greisin von 60 Jahren, Namens Krasser, die sich als Clavierlehrerin ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben hatte, bewohnte in der letzten Zeit ein kleines Häuschen mitten in der Judengasse, dem großen Tempel gerade gegenüber. Seit drei Tagen war dieselbe nicht gesehen worden, und dem Fragner, bei welchem sie täglich Einkäufe besorgte, fiel auch auf, daß trotz des strömenden Regens während der zwei Tage das Fenster des Zimmers, das die Matrone bewohnte, geöffnet war. Er machte daher beim Bürgermeister die Anzeige und der Polizei-Commissär Pisk ließ durch einen Schlosser die Wohnungsthür öffnen. Ein schrecklicher Anblick bot sich den Eintretenden. In einem Wasserkubel lag eine Leiche, deren Kopf nur noch am Rumpfe lose aufsaß und bei der Berührung gänzlich abfiel. Sie war in buchstäblicher Weise abgeschlachtet worden: Auf dem Tische des Zimmers fand sich ein Zettel mit den Worten: „Da sie mir vor einem Jahre 1000 fl. nicht borgen wollte, mußte sie dies heute mit dem Tode büßen." Auf der Rückseite standen die ironischen Worte: „An die Polizei! Sie werden den Mörder hier vergeblich finden; sie finden ihn nur auf der Türkenschanze." Mit Blitzesschnelle hatte sich das Gerücht von der schrecklichen Blutthat in der Stadt verbreitet und der Umstand, daß die so gräßlich Ermordete eine Christin, mitten in der Judenstadt am israelitischen Osterfeiertage ermordet worden, verursachte in der niederen Bevölkerung eine Unheil verkündende Aufregung gegen die Juden, weshalb starke Polizei- und Gensdarmerie-Patrouillen die ganze Nacht hindurch diesen Stadttheil durchstreiften". Also berichtet der hier erscheinende „Tagesbote": Spätere Berichte melden, daß der Mörder ein 20jähriger Handlungscommis ohne Stellung, Namens Josef Mattansch sei. Er sei Katholik und habe sich nach der gräßlichen That nach Wien geflüchtet, wo er verhaftet wurde. Der Mörder ist ein geborener Nikolsburger und legte beim Verhör ein vollständiges Geständniß ab. Abermals liefert dieses Factum den Beweis, wie sehr man geneigt, jenes Histörchen von Christenblut aus der Runzelkammer der mittelalterlichen Zeit hervorzuziehen, nur um den Juden etwas anhaben zu können. England. London. Der Energie des Herrn Dr. Friedländer ist es zu verdanken, daß das hier bestehende Jew.-College für Vorbeter, Prediger, Vorleser und Religionslehrer neu organistrt wurde. Die Anstalt besteht aus 2 Klassen; die untere ist 3jährig und zwar für Jünglinge von 16 bis 20 Jahren und bildet gewissermassen eine Fortsetzung der Elementarklaffe. Die Kenntnisse der Candidaten der Unterklasse sollen sich erstrecken: über das Wichtigste aus Geschichte, Religion, die Elemente der hebr. Grammatik, die täglichen Gebete und den Pentateuchs sie müffen dabei die Makrikulationsprüfung für die Londoner Universität bestanden haben. Die Unterrichtsgegenstände dieser Abtheilung bilden außer den Universitätsleckionen Religion, jüd. Geschichte und Literatur, hebr. und chaldäische Grammatik, das Buch Daniel und die Targumim, Geschichte und Uebersetzung der üblichen Gebete, die Prosaten, Raschi und Biur, und vom Talmud Seder I und II, Tocalmusik und Thoravorlesen. Die Oberklasse soll sich hauptsächlich dem hebr. und theologischen Studium hingeben; auch muß die Universität absolvirt werden. Besonders werden Religionsphilosophie, neuere jüd. Geschichte, Talmud, Commentatoren, Vocalmusik und Homiletik traktirt. Auch ist Gelegenheit gegeben, die Schechita zu erlernen. Die Anstalt hat die Aufgabe, Lehrer und Vorbeter, Prediger und Rabbinen auszubilden. Verbunden mit der Anstalt ist eine Präparan- < die, in welcher Knaben im Alter von 13 bis 16 Jahren Aufnahme finden. An Schulgeld ist jährlich 10 L.; zu entrichten. Hoffentlich wird dieses segensreiche In- F stitut blühen und gedeihen zum Wohle der Juden Englands. vD Rußland. Warschau. Einem statistischen Nachweise entnehmen wir folgende Daten: Sämmtliche Städte des Königsreichs Polen hatten im Jahre 1876 zusammen 696,660 polnische und jüdische Einwohner, von welchen auf die jüdische Bevölkerung 402,418 kommen. Demnach überstieg die städtische jüd. Bevölkerung die polnische um 108,174 Seelen. Die jüdische Bevölkerung im Königreich Polen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Bonn. Die „Allg. Ztg. d. Judenthums" schreibt: Die Jnjurienprocesse zwischen den Herren Moritz Baum und Dr. Schreiber haben noch immer ihr Ende nicht erreicht. In diesen Tagen siegte Baum wieder Dr. Schreiber. Letzterer wurde am Zuchtpolizeigericht allhier zu 30 Mk. und den Kosten verurtheilt. Geifenheimer's m Restauration, Bingen am Rhein, hält sich dem reisenden Publikum bestens empfohlen. Salons für größere Gesellschaften und Hochzeiten zur Verfügung. Gleichzeitig empfehle selbstgekelterte, reingehaltene 1!^2Weine. 1724 Referenzen ertheilt Sr. Ehrw. Dr. H. Sänger. Israelitisches Kandels-Institut Md Uenstonat in Brüssel (Belgien) 348—350] Chauffäe d'Etterkeck, dem Thiergarten gegenüber, geleitet von Prof. L. Kahn. Gediegene religiöse und wissenschaftliche Bildung, rasches Erlernen der lebenden Sprachen und Vorbereitung zum einjährigen Freiwilligendienste. Besondere Klassen für vorgerückte Jünglinge und speeielle Einrichtung zur schnellen Erlernung der Französischen Sprache. Beste Referenzen. 2281 Der Neumondstag Sivan in Worms. Kam am Sivan Neumondstage Einst nach Worms, dem hochberühmten, Durch so manche Schauersage, Hin zog mich's zur Synagoge, Sah alsbald die Beter wallen, (Zwölf Uhr schlug es grad vom Thurm) Trauernd in die heil'gen Hallen. Uud als Fremder mußt' ich fragen: „Saget an, was ist geschehen, „Daß dahier am Neumondstage „Weinend All' zu Gott jetzt flehen, „Und durch Fasten sich kasteien. „Daß heut aus beklomm'nen Herzen . „Trauermelodien tönen? „Vor der heil'gen Lad, der Kerzen „Zwölse heute düster brennen?" Kaum halt' ich die Frag' geendet, Als der würd'ge greise Rabbi Zur Eemeinde her sich wendet Und des Tages Feier aufllärt. Trauerlieder heut ertönen, Sprach der Rabbi, so ergriffen, Daß ihm stoffen heiße Thränen Aus den weißen Bart hernieder, Weil vor vielen hundert Jahren (So vermeldet uns die Sage) Eitles Kreuzzugs wilde Schaaren Sch.ccklich hier gehauset haben. Ach, gemordet und beraubet Hat man uns're frommen Väter, Und dabei ganz fest geglaubet, Es geschah' zu Gottes Ehre! Ach, Der Tag der Neumondsfreude Ward ein Tag des bittern Kummers, Denn der Volkswuth, weh' zur Beute Fielen damals zwölf der Besten. Ruhm und Zierde der Gemeinde, Lebten treu sie dem Berufe, Bis der Tod sie da vereinte Uud ein Stein sie alle deckte. Bei dem Bischof dem gar Frommen, Blieben lange sie verborgen, Endlich ist der Tag gekommen, Wo den Martertod sie leiden. Gott sei gnädig ihren Seelen, Ruhe, Friede ihrer Asche! „Mög uns nie ein Jammer quälen, Wie die Ahnen ihn erduldet." Mächtig hatten diese Worte Mir das Innerste erschüttert, Weilte lang noch an dem Orte, Blickt voll Wehmuth auf die Kerzen. Weich gestimmt war ich geschieden Von der Andacht heil'gem Hause. Sucht die Stätte, wo in Frieden Jene edlen Dulder ruhen. Als ihr Denkmal ich gesehen An des Friedhofs inner'm Rande, Thränend mußt ich weiter gehen, Seufzend aus zum Himmel schauen? Soll ich ewig, ewig klagen? Nein, denn all mein Jammern, Klagen Rust die Tobten nicht zurück! Aber fragen will ich, fragen: „Wird die Welt jetzt wieder tilgen „Was in jenen finstern Zeiten „An den Juden man verschuldet! „Werden Christen uns bereiten, „Wie sich's ziemet Frendentage? „Mögen alle Schatten weichen, „Die der Wahn heraufbeschworen! „Möge man die Hand uns reichen „Zu dem großen Bruderbünde! „Möge schwinden, was uns trennet, . „Groll und Rache sei vergessen! „Wer den wahren Gott bekennet, „Kann nur lieben, nimmer hassen!" Reichmannsdorf. S. Maas Lehrer.

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