Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 16 (17.4.1879)
- Date
- 1879-04-17
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einen, widerspricht nicht allein unserer gesetzlichen Vorschrift, sondern hat unliebsame Folgen auch für das häusliche Leben. So manch' wichtiger religiöser Gedenktag wird aus dem Gedächtnisse der Jugend ausgetilgt, da ihm die letzte Erinnerung genommen ist. Auch der Gedenktag der Pietät — die Jahrzeit — wird dadurch in kaum würdiger Weise begangen. Der Abendgottesdienst versammelt da meistens mühsam zusammengeholtes Minjan — oft in Räumen, die zu allem Anderen eher, als zur Stätte des Gebetes geeignet sind. Das eigentliche Hauptpflichtgebet, der Morgengottesdienst am Jahrzeittage, dagegen wird zumeist, selbst von denen ohne Minjan verrichtet, die am Morgen die Grabstätte ihrer Hingeschiedenen aufsuchen. Wie viel würdiger sollte dieser Gang auf den Gottesacker vom Gotteshause aus angetreten werden! Deßhalb wollen wir — da Versuche anderer Art gescheitert sind — einen Verein bilden, der zum Ziele hat: An den Jahrzeittagen seiner Mitglieder Abends und Morgens, sowie an allen Tagen, an welchen Vorlesung aus der Thora stattstndet, Morgens im Gotteshause eine Gebeiversammlung zu veranstalten — Erweiterung und Ausdehnung dieses Zieles bleibt späterer Zeit Vorbehalten. In erster Linie wird beim genügenden Erstarken des Vereins dahin gestrebt werden, auch bei Schiw'a Minjan zu stellen. Zur Erreichung dieses Zweckes soll jedes Mitglied einen kleinen monatlichen Beitrag zahlen. Mit dem Ertrage dieser Beisteuer wird unbemittelten, hier wohnenden, Glaubensgenossen (unter Dis- M" cretion) eine festnormirte Entschädigung für den Zeit- W^verlust gegeben, wenn sie regelmäßig zu den bezeich- Gebetsversammlungen kommen. Etwaige von ü Jahrzeitern dem Cassirer übermittelte Spenden werden an die regelmäßig Erscheinenden vierteljährlich vertheilt. Es wird ein genaues Verzeichniß der von den Mitgliedern des Vereins zu begehenden angefertigt *: und an jedem Freitage den betreffenden Mitgliedern die Jahrzeiten der kommenden Woche angesagt, natürlich auch Sorge getragen, daß die Besucher des Wochengottesdienstes dazu eingeladen werden. Dieser Verein soll den Namen p>*n man ITQn „Verein zur Festigung des Gotteshauses" führen. Berlin. Die bekannte Begründerin der Berliner Volksküchen und verschiedener anderer gemeinnützigen Anstalten und Bestrebungen, Frau Lina Morgenstern, feierte am 14. v. M. mit ihrem Gatten, dem Herrn Theodor Morgenstern, das schöne Fest ihrer silbernen r Hochzeit. Dem Jubelpaare wurden zahlreiche Ovationen zu Theil, die von der Verehrung und Hoch- - schätzung, deren es sich in allen Schichten der Bevölkerung zr erfreuen hat, ein beredtes Zeugniß ablegten. Verschiedene Deputationen erschienen zur Darbringung des Glückwunsches und überreichte eine Deputation des Volksküchenvereines eine prachtvolle Adresse in reichem, geschmackvollen Einbände. Abends fand ein y- Festmahl statt. Verschiedene bekannte Großen, u. A. der griechische Gesandte, Herr v. Ranghabä, Adolf L'Arronge, waren anwesend. Mainz. Ein hiesiger Antiquitäten-Händler besitzt ein Schwert mit hebr. Inschriften. Sowohl die Schneide, als auch der Griff sind von Silber und prachtvoll gearbeitet. Beide sind reich mit Rubinen besetzt. Beide tragen verschiedene Male das Wappen der Stadt Mainz, ein Rad. Auf der einen Seite der Klinge stehtrMDNQkiaiNNVni? (für N2DNNVkl) „Die Flamme des sich wendenden Schwertes" auf der anderen Seite steht NNK '»D'OS hv „auf dem Innern stehst du." DieSchrift in Silber eingelegtest gut erhalten. Das Schwert stammt aus einem Privat-Museum und wurde von der Mainzer Judenschaft einem Kurfürsten von Mainz als Geschenk überreicht. Metz. Ein imposanter Leichenzug bewegte sich am 26. Febr. durch unsere Stadt. Der frühere Direktor der Hierselbst bestandenen Rabbinerschule, Herx Mayer Lazard, wurde zu seiner letzten Ruhestätte begleitet. Das Leichenbegängniß fand die regste Betheiligung. Der Verstorbene war 1793 geboren und war ein großer Gelehrter und Lehrer der meisten Rabbiner Frankreichs und Elsaß-Lothringens. Er hatte sich seit 1856 ins Privatleben zurückgezogen. Sein Sohn, Herr Felix Lazard, ist Rabbiner in Paris. In verschiedenen Trauerreden wurde ein getreues Lebensbild des Verstorbenen entrollt. n"2"tt"3n * Altona im März. Zwischen der Regierung und der Gemeindeverwaltung der hiesigen hochdeutschen Jsraelitengemeinde schwebten seit längerer Zeit Unterhandlungen, die zum Untergrund und leitenden Motiv die Reorganisation der -israelitischen Gemeindeschule in Altona hatten. Diese Angelegenheit ist nun in jüngster Zeit in ein neues Stadium getreten. Wie es heißt hat die Regierung nämlich betreffs der Anstellung der Lehrkräfte u. s. w. bestimmte Anforderungen gestellt, die, im Falle sie nicht in einer gegebenen Frist von der Verwaltung gutgeheißen würden, die Schließung der Gemeindeschule zu Folge haben werde. Bei den über dieses drohende Gewitter stattgehabten Berathungen ist man in den beiden Verwaltungskollegien verschiedener Ansicht gewesen, indem der Gemeindevorstand glaubte, die Forderungen der Regierung ablehnen zu müssen, weil nach seiner Auffassung die dadurch der Gemeinde zitsallenden Verpflichtungen die finanziellen Kräfte derselben übersteigen würden, während das Repräsentantenkollegium, welches dieser Auffassung nicht zustimmte, sich für die Reorganisation der Schule erklärte. Auf eine in dem letzteren Sinne abgefaßte und von mehreren hundert Gemeindemitgliedern unterschriebene Petition, ist seitens der Regierung bislang ein Bescheid nicht erfolgt, doch ist kaum anzunehmen, daß dieselbe von den einmal gestellten Forderungen (Anstellung nur geprüfter Lehrer auf Lebenszeit und mit Pensionsberechtigung) abgehen wird. — Zur Förderung des Fortbestandes der Gemeindeschule bestehen hier zwei Vereine, welche beide, wenn auch auf verschiedene Weise, den Kindern unbemittelter Eltern den Besuch der Schule zu ermöglichen resp. zu erleichtern sich dir Ausgabe gestellt haben. Der im Jahre 1861 gegründete „Ettlinger Verein" bezweckt die Bekleidung unbemittelter Schulkinder und die Sorge für deren weitere Ausbildung bezw. Unterstützung nach zurückgelegtem Schulalter; derselbe vertheilt alljährlich zweimal, zu Ostern und zum israelitischen Neujahrsfeste, an die Kinder bezw. Sommer- und Winteranzüge, sowie auch jährlich zwei Paar Schuhe, für deren Reparatur ebenfalls gesorgt wird. Der „Verein zur Förderung der israelitischen Gemeindeschule" dagegen hat sich die Aufgabe gestellt, die nöthigen Mittel zu sammeln, um für die Kinder unbemittelter Eltern das Schulgeld zu entrichten und auf diese Weise die Einnahmen der Schule vergrößern. Der letztgedachte Verein hielt am 22. 'v. Mts. — wie die „Reform" berichtet — seine Generalversammlung ab, in welcher zunächst der Kassenbericht für das verflossene Jahr vorgelegt wurde, welcher sehr günstig lautete. Die sodann vorgenommene Wahl zur Ergänzung des Vorstandes ergab als Resultat, daß das statutengemäß ausscheidende Vorstandsmitglied Herr I. I. Lübke als solches wiedergewählt wurde. Frankreich. Paris. Jüngst ist Hierselbst an Stelle des entlassenen Lombard der Polizeilieutenant Munck zum Dirigenten der politischen Polizei ernannt worden. Derselbe ist ein Sohn des bekannten in Glogau geborenen jüd. Gelehrten Salomon Munck, der im Jahre 1867 starb. England. London. (Eine historische Reminiscenz.) Im Jahre 1816, unter der nominellen Regierung Georg III. von England, zog sich der drittgeborene Sohn desselben. Eduard, Herzog von Kent, nach Brüssel zurück, weil seine finanziellen Verhältnisse an einem chronischen Derangement litten, und er den kostspieligen Aufenthalt in England und am Hofe mit dem wohlfeileren auf dem Continente vertauschen wollte. Im Jahre 1818 heirathete er, 41 Jahre alt, die verwittwete Fürstin von Leiningen, welche auf ihrem Schlosse zu Amvrbach im Odenwalde residirte, und das junge Ehepaar zog sich eben dahin zurück. Hier besuchte Moses Montefiore den Prinzen, mit dem er von früher persönlich bekannt war, um Geldgeschäfte mit ihm zu ordnen, Montefiore lenkte die Aufmerksamkeit des Herzogs auf eine in Aussicht stehende Veränderung in der englischen Krone und rieth ihm nach England zurückzukehren. Der Prinz war indessen krank und schob seine Rückkehr hinaus, er wollte seine Wiederherstellung abwarten, ehe er seine Gemahlin in England bei Hofe einführte. Montefiore wandte sich nun privatim an die junge Herzogin und führte ihr die Thatsache zu Gemüthe, daß nur ein in England Geborener Thronerbe sein könne, daß sie daher unter den obwaltenden Umstünden es sich selbst und ihrem zu erwartenden Kinde schuldig sei, unverzüglich nach England zurückzukehren. Man erinnere sich, daß damals der Tod Georg III. in naher Aussicht stand, daß der bisherige Prinz-Regent, der als Georg IV. den Thron bestieg, kinderlos war, nachdem seine einzige Tochter Charlotte 1817 gestorben war, und daß der dann zur Thronfolge nächstberechtigte Sohn Georg III., der spätere William IV., nie Kinder gehabt hatte. Sonach kam dann die Reihe an den Herzog von Kent und dessen Nachkommenschaft. Alle diese Möglichkeiten setzte Montefiore der Herzogin mit der obenerwähnten Clausel auseinander; die Dame verstand ihn und begriff die Sache vollkommen, sie beschloß daher, unverzüglich die Reife nach England anzutreten, So begab sich denn das Ehepaar nach Sidmouth, einem Badeorte in Derbyfhire, und wurde von da an den königlichen Hof geleitet. Im Kensington-Palaste genas die Herzogin von Kent am 19. Mai 1819 eines Mädchens, welches den Namen Victoria erhielt. Im nächsten Jahre starb der Herzog von Kent, ebenso der Großvater, Georg III., es regierte dann Georg IV. bis 1830 und William IV. bis 1837. Achtzehn Jahre alt bestieg dann Victoria den Thron. Das war das Resultat des weisen Ratbes, den Moses Montefiore gegeben hatte, und dies erklärt zum Theil die Achtung, in welcher der nachherige Baronet bei allen Parteien, ebenso wie bei Hofe steht. (Israel. W.) Hüll. Für das folgende Jahr ist Rath S. Cohen einstimmig zum Gouverneur des Kingston- Upon Hüll Jncorporation kor the Uoor^gewählt worden. für Arme, Schwache, Alte, Wittwen und Waisen. „Ich bin ein Jude", sagte er, „und bitte für Juden." Esterka wollte sich nicht aufhalten und beschleunigte ihre Schritte. Der Bettler that desgleichen und wiederholte seine Bitte. Ungeduldig befahl Esterka ihren Leuten, ihr den zudringlichen Menschen vom Hals zu schaffen. „Wohin eilt Ihr denn so?" rief der Bettler in einem Ton, welcher die Gattin Kasimir's erbeben machte. Sie glaubte diese Stimme zu kennen, obwohl die Züge des Bettlers ihr fremd waren. Schüchtern antwortete sie: „Ich eile in's Schloß zurück!" „Jn's Schloß des Königs?" „Des Königs, meines Gemahls." „Zu spät, glückliches Weib!" rief der Bettler. „Horch diesen Lärm. Der Adel ruft Ludwig von Ungarn zum König von Polen aus. Kasimir ist todt!" Bei diesen Worten zitterte die Unglückliche an allen Gliedern und rannte wie toll vorwärts, um sich mit , eigenen Augen von der Wahrheit des Gehörten zu \ überzeugen. Athemlos drängte sie sich in den Schloßhof durch eine bestürzte Menschenmenge, deren Seufzer verriethen, daß Kasimir verschieden war. Sie wollte % ein Mal die Leiche sehen und umarmen. An der X trat ihr ein abgemagertes Weib, gleich einem Hier ist die Wohnung des rechtgläubigen Königs Ludwig von Ungarn und Polen. Dieser heilige Wohnsitz wird nicht mehr durch die Gegenwart einer Ungläubigen besudelt werden!" Esterka achtete nicht auf die Ausbrüche einer ohnmächtigen Wuth. Aber beim nächsten Schritt vertraten ihr ungarische und polnische Edelleute den Weg und wiesen sie aus einem Palast, in welchem sie eine Stunde vorher noch geherrscht hatte. „Mein Kind!" rief die Unglückliche. „Mein Sohn! Gebt mir meinen Sohn; ich gebe Euch Eure Krone zurück!" „Die verworfenen Königssöhne haben keine Mütter," sagte der Bettler, der ihr nicht von der Seite kam. „Die Tage Deines Kindes sind gezählt. Du wirst es nicht wieder ehen." „Du bift's, Ben Josef!" rief Esterka und warf sich an seine Brust. „Gnade! Erbarmen!" „Gnade? Erbarmen für Dich? Hast Du Erbarmen gehabt mit Deinem Vater? Hat Dein Volk Gnade gefunden in Deinen Augen? Komm mit und höre!" Ben Josef zog sie in die Nähe eines Herolds, der Folgendes ablas: „Wir Ludwig von Gottes Gnaden König von Ungarn und Polen, thun kund jedermänniglich: Alle von dem in Gott ruhenden König Kasimir O_ > . rv t .. j tv> jr.i.n.-C für immer abgethan. Die Ungläubigen sollen insgesammt sich zum römisch-katholischen Glauben bekehren. Wo nicht so müssen sie Krakau verlassen und ihre Güter werden eingezogen. Und damit man auf den ersten Blick die Feinde des Glaubens erkenne, sollen sie auf dem Rücken ein Stück gelbe Leinwand tragen." „Komm weiter!" sagte Ben Josef und zog die Unglückliche mit sich in die Stadt. Hier sah sie, wie die Edelleute mit dem Säbel in der Faust, begleitet von Priestern mit dem Kreuz, die Juden austrieben. „Tochter Ben Himmels! sprach ihr Begleiter, „Gemahlin Kasimirs! Sind die Juden nicht glücklich? Raufe Deine Haare aus, denn dies Unheil ist Dein Werk und wird noch fünfhundert Jahre dauern!" Ben Josef verschwand im Gedränge und ward nicht mehr gesehen. Esterka ward von den Adeligen verhöhnt und von den Ihrigen zurückgestoßen. Sie bekam ihr Kind nicht mehr zu sehen und ward nach kurzer Zeit aus dem Grabe ihres Vaters todt gefunden. Ende.