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Der israelitische Bote · 1879-03-27 · 13 (27.3.1879) · p. [Seite 6]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
13 (27.3.1879)
Date
1879-03-27
Page
[Seite 6] (sequence 6)
Language
German
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M,' Von». 24. März. Wir taffe» hier einen ausführlichen Bericht über das seltene Fest, das wir bereits am 19. F'br. signalifirten. folgen. Dem Hrn. Einsender mit der Bitte um Entschuldigung wegen des verspäteten Abdrucks den besten Muk. Bietz, 9. März Heute fand in dem Messer', schen Restaurant Hierselbst, unter Theilnahme einer großen Anzahl der Familienglieder, die Feier der 70jährigen (eisernen) Hochzeit des Rentier, ehemaligen Bice-Rabbiner Simon Silberstein'schen Ehepaares statt. Zu diesem denkwürdigen Tage traf aus dem Cabinet Sr. Majestät des Kaisers nachstehendes Glückwunschschreiben ein: Berlin, den 8. März 1879. Es ist zur Kenntniß Seiner Majestät des Kaisers und Königs gelangt, daß Sie am 9. d8. Mts. mit Ihrer Ehegattin das Fest Ihrer 7OjShrigen Hockzeit feiern werden. Ein so äußerst seltenes Familienfest, wie eS nur sehr Wenigen beschicken ist, mögen Seine Majestät nicht vorübergehen lassen, ohne dem allgemein geachteten, würdigen Jubelpaare Allerhöchst Ihre Theilnahme daran zu bezeigen. Ich bin daher beauftragt worden, Ihnen und Ihrer Ehegattin zu diesem frohen Tage Seiner Majestät beste Glückwünsche auszusprechen und dabei der Hoffnu 'g Ausdruck zu geben, daß sich der Jubel-Hochzeitstag für Sie im Kreise Ihrer Kinder und Kindeskinder zu einem recht heiteren, freudevollen gestalten, und daß Ihnen unter Gottes gnädigem Schutze auch ferner ein ruhiger, unqetrübter, glücklicher Lebensabend in treuer Gemeinschaft mit einander vergönnt fein werde. Es gereicht mir zur besonderen Freude, mich des Allerhöchsten Befehls durch diese Mittheilung zu entledigen. Der Geheime Cabinetsratb Wirkliche Geheime Rath v. Wilmowsky. Aus dem Kabinet Ihrer Majestät der Kaiserin ging neben einem Präsent — eine kostbare Compotiere aus prächtig decorirtem Porzellan mit vergoldetem Griff —, folgendes Anschreiben ein: Ihre Majestät der Kaiserin-Königin haben Ihnen zu ihrem morgigen Ehrentage das beifolgende Geschenk als Andenken zu bestimmen geruht. Berlin den 8. März 1879. Der Cabinets-Secretair Ihrer Majestät der Kaiserin-Königin V. Knesebeck. Der Vorstand der Synagogen-Gemeiude aus Landsberg a. W. übersandte ein kunstvoll kalligraphirtes Gedenkblatt folgenden Inhalts: Gedenkblatt gewidmet Herrn und Frau Silberstein in Vieh. Unsere Lebensjahre, die find siebzig Jahre und bei großer Kraft achtzig Jahre und ihr Sturm ist Müh' und Unheil, denn schnell eilt's und wir fliegen dahin. Pialm 90 Vers 10. pflegte. Nahm er es auch gerade mit den Gesetzen des Mein und Dein nicht ganz so genau, besonders bei Eßwaaren und derlei, so begnügte man sich, ihm eifrig nächzugehen und ihm, um seiner andern Tugenden willen, wie Andern feines Gleichen, etwas nachzusehen. Mit diesen Funktionen, die fick in noch gar viele andern Nebenverrichtungen verästelten, die alle zu neMen weder nöthig noch schicklich wäre, waren, auß-r gutem Boten- und Taqlohn und den obligaten „Schabbetzkreuzern für's Schüren" noch so manche Emolumente und ungezählte Accidenzien verbunden, mit Hilfe deren sich DÜmling, der Junggeselle war und bleiben wollte, ganz gut fottbrachte. Dahin zählte vor allem ein ansehnlich Stück Sabbath-Brod aus jedem Haus und ein desgleichen von der bekannten Sabbath-Mehlspeife, Kugel genannt, hie und da noch andere Ueberbleibsel. Ferner manches trefa*) gewordene Huhn oder eine durch andre religionsgesetzwidrige Vermischung in diese Kategorie gefallene Speise, dann das Reuegeld für den Scheinverkauf alles Gesäuerten über Pesach und endlich noch viele abgelegte Kleidungsstücke, wobei ihm noch persönlich das gut zu statten kam. daß die Röcke des Parnoß ihm wie angemessen standen und die et. was zu langen Schöße durch die landesübliche Tracht der christlichen Einwohner ausgeglichen wurden. Von dieser Lebensstellung hatte Johann DÜmling — Johann in Hans üblicher Weise verwandelt, und der bei den Juden üblichen Aussprache deS Wortes „Schabbes" entsprechend — den Namen „Schabbes-Hans" erhalten, den auch die Christen acceptitt chatten. Seinen vollen Namen, den er nur hörte, wenn er zu Gericht geladen würde, oder sonst etwas unterschreiben sollte, gebrauchte im Leben Niemand gegen ihn. und er hatte sich daran gewöhnt, auf jenen zu hören, wenn er gleich innerlich damit nicht zufrieden war. Fortsetzung folgt. *) Nach dem Speisegesetz e ungenießbar. Diese Worte des Königlichen Sängers zeigen, Ihnen, geehrter Herr und geehrte Frau Silberstein, in welchem hervorragenden Maaße ^hngn die Gnade des allmächtigen Gottes zu Theil geworden ist. Siebzig Jahre ist ein Hohrs Lebensalter, achtzig ein feltenes, und Ihnen hqt der Allgütige verliehen, nicht nur dieses hohe Alter vereint weit zu überschreiten, son» dern Er hat es Ihnen vergönnt, in siebzigjähriger Ehe treu verbunden zu bleiben, Leid und Freud' ge. meinschaftlich zu tragen. Wir wünschen Ihnen sehr geehrter Herr und sehr geehrte Frau, daß die Güte des Allmächtigen Sie ferner geleiten möge; möchten Ihnen uoch recht viele Lebensjahre in Freuden dahinfließen, und wenn Oie einst am Ende Ihrer Laufbahn einen Rückblick in die Vergangenheit werfen, möchten Sie dann Freuden und Wohlergehen in Fülle auf ihrem weiten Wege gefunden haben. Als Nachbargemeinde erlauben wir uns, Ihnen die. sen Glückwunsch zu ihrem seltenen und schönen Feste auszusprechen. Landsberg a. W.. den 9. März 1879. Der Vorstand der Synagogen-Gememde. Fränkel. Heinrich'Pick S. F. Levy. H. PinthuS. Ferd. Bendix. H. Landsheim. Gustav Cohn. Salomon Cohn. Carl Bergmann. Der evangelische Geistliche des Ortes. Herr Prediger Richter, beglückwünschte in herzlichsten Worten am Morgen des Festtages persönlich das Jubelpaar und sagte, auf die an ihn ergangene Einladung, zu. im Laufe des Tages noch einmal vorzusprechen, wurde jedoch — wie er dies in anerkennenswerther Ausmerfamkeit den Festgenoffen schriftlich mittheilte — zum großen Bebauern aller Anwesenden amtlich daran behindert. Leider entbehrte dies eigenartige Fest viel feiner Weihe dadurch, daß von den beiden jüdischen Geistlichen, welche 7on außerhalb eingeladen waren, um die Festrede zu halten im letzten Augenblick abschlägiger Bescheid eintraf, so daß es nicht mehr möglich war einen anderen Rabbiner herznbescheiden. An deren Stelle übernahm es der älteste Sohn des Jubelpaares, Herr Meyer Silberstein von hier, eine kurzeherzliche Ansprache über die Bedeutung dieses so hoch, wichtigen Tages an das Brautpaar in deffen Wohnung zu richten, worauf der Wortlaut des Gedenkblattes des Cynagogenvorstandes aus Landsberg a. W. feierlichst verlesen wurde. Nunmehr ordnete sich der Zug zum Gange nach dem Festfaale. Der Jubelbräutigam, ein Greis im 93sten Jahre, d-m dieser Weg zu anstrengend zu werden drohte, wurde von den Enkeln in feinem Sessel voraufgetragen, die Jubelbraut dagegen, 89 Jahre alt, folgte, geschmückt mit dem goldenen Kranze, von ihren Enkelinnen geführt, rüstig zu Fuß. Während der Tafel erst trafen die oben erwähnten GratulationSschreiben Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin ein, deren Inhalt den sich von ihren Sitzen erhebenden anwesenden Gästen ebenfalls feierlichst vorgelesen und hierauf ein begeistertes, dreifaches Hoch aus das Wohl der Kaiserlichen Majestäten ausgebracht wurde. In frohester Feststimmung blieben die Theilnehmer dieser außergewöhnlichen Feier, ausschließlich Kinder, Enkel und Urenkel aus der auf 145 Personen geschätzten Familie bis Nachts 12 Uhr zusammen. Aus allen Weltgegenden, wohin diese große Familie zerstreut, trafen eine ganz bedeutende Anzahl Glückwunsch- Telegramme ein, ebenso aber auch von vielen Freunden. Bekannten und Verchrern drs Jubelpaares, sowie voy den Schülern des ehemaligen Vice- Rabbiners. — Aus Berlin schreibt man: Auf dem jüdi. Kirchhof fand in voriger Woche ein gleich erhebender wie ergreifender Auftritt statt. Es wurde die Frau des frühern Privatlehrers L. begraben, und als der greise Mann am Grabe seiner Frau stand, da konnte man es seinem bleichen und thränenlosen Gesichte ansehen, daß er auch schon am Abschlüsse des Lebens stehe und von irdischem Schmerz nicht mehr berührt werde. Etwas entfernt vom Grabe stand ein noch ziemlich j'mger Mann mit einer Frau und einem Knaben vom etwa 5 Jahren. Obgleich ihre tiefe Trauerkleidung verrieth, daß sie zu den Leidtragenden gehörten, hielten sie sich doch von aller ceremoniellen Betheiligung zurück. Als die letzte Scholle Erde aus den Sarg geworfen war und der greise Mann nebst seinem Anhang die Ruhestätte seiner Frau verlaffen wollte, da fiel fein Blick auf die drei Personen, die noch immer mit thränenden Augen dastanden und ein leises Gebet sprachen. Der alte Mann schien von diesem Anblicke tief ergriffen zu sein; er bat feine Umgebung, ihn allein aa»>r V--, -■ zu lasten und als er nach wenigen Minuten ohn Zeugen dieser Gruppe gegenüber stayd, da verli^ alle Kraft, und er wäre fast am Gxabe zusammengr. funken, wenn nicht der Knabe in demselben Augenblick mit dem Rufe: „Großvater — lieber Großvater seine Knie umklammert und ihn sestgehalten hätte. Diese Worte schienen einen förmlichen Zauber auf den alten Mann auSzuüben, denn er schritt bald darauf, den Knaben an der Hand führend, mit säst jugendlicher Kraft auf das Paar zu. Der junge Mann fiel ihm um den Hals und küßte voll Ehrfurcht die Stirne und die Silberlocken des Greiser. ES war sei» Sohn, von dem er sich vor mehreren Jahren loSgesagt, weil er wider feinen Willen eine Christin geheirathet hatte. DaS tief menschliche Empfinden trug aber an dieser weihevollen Stätte den Sieg über alle religiösen Verschiedenheiten davon, und an dem kaum zugeschütteten Grabe seiner Frau reichte der alte, othodoxe Jude dem Sohne und der christlichen Schwiegertochter in Versöhnung die Hand. (Wir können er uns nicht versagen dem Obigen die Bemerkung folgen zu laffen, daß die momentane Er, regtheit einer Greises, wie es hier der Fall, unS durch, aus noch nickt berechtigt, die Mischehe als mit den Prineipien des wahren Jndenthums übereinstimmend darzustellen. D. Redi) — Aus zuverläßiger Quelle gehen unS noch immer die traurigsten Nachrichten über die Noth im heiligen Lande zu. Es wird um rasche Hülfe gebeten. — In Galizien, so berichtet der Wiener Israelit, wurde eine ganze jüd. Familie bestehend aus Mann, Frau, drei Kindern Und der Dienstmagd am 24. v. M. ermordet. Fünf und zwanzig des MordeS verdächtige Bauern wurden verhaftet. Dresden. Von hier berichtet man ein Heldenverk eines Reformhelden. Am 22. Februar hat Rabbiner (?!) Dr. Ritter aus Berlin die Copulation eines Christen mit einem hiesigen jüdischen Mädchen vollzogen!! Wahrlich, sehr bezeichnend für einen Rabbiner. Wer den Sabbath auf den Sonntag verlegt, dem find auch derartige Institutionen nicht mehr heilig. München, im Februar. Kürzlich wurde ein hiesiger jüdischer GerichtsfKreiber zum Landgerichtsasteffor ernannt. Es ist dieses das zweite Mal, daß ein Israelit zur Ausübung des Richteramtes berufen wurde. Mainz. Anfangs dieses Jahres hat sich hierselbst ein schöner Verein constituirt, was allgemeine Nachahmung verdient. Dieser Verein zur Unterstützung ortsangehöiiger israelitischer Schulkinder"besteht bereits aus 130 Mitgliedern, die sämmtlich dem jugendlichen Alter angehören, und hat sich als Aufgabe gestellt, armen Kudern Kleider, Schulgeld und Schulutensilien zu beschaffen. Manchen armen Eltern ist durch diesen Verein in der Erziehung ihrer Kinder eine Erleichterung geboten. Berlin. Das pneumatische Institut am hiesigen jüd. Krankenhanse Auguststr. 14/15 ist am 1. Jan. cr. in das fünfte Jahr feines Bestehens getreten. Die Frequenz der dasselbe aufsuchenden Patienten hat abermals zugenommen, ist in steter Steigerung begriffen. Wie diese Behandlungsmethode durch gute Erfolge in immer weitere Kreise unter den Patienten gedrungen ist, so ist auch die praktische Einrichung dieses Instituts bei -er Gründung ähnlicher Anstalten, wozu sich Vorstände von Staats- und Privat-Krankenhäusern mehrfach bewogen fühlten, al gemejn als maßgebend und mustergiltig anerkannt worden. Die hier mit Erfolg behau» delten KranDejtep bezogen sich zumeist auf chronische Affektionen der ÄthmungSorgane, Lungmkatarrh, Asth. ma re. rc. Daneben kamen die schweren Formen von Blutarmuth und ÄleWucht mit günstigem Resultat zur Behandlung. Das Jystitut selbst ist zwar zu. nächst als Appendix deS KcankenbaufLs dem Letzteren Hur PersÜgung, soll aber nach wie vor ambulanten Kranken zugängig bleiben, die fich in der Mittagsstunde zwischen 12 bis 2 Uhr bei dem dirigirenden Arzt zu melden haben. — Padua. Herr Benjamin Luzatto, Sohn des Samuel David Luzatto, s. A., ist vom Minister für Cultus und Unterricht auf Vorschlag der hiesigen Universität zum Professor für specielle Pathologie ernannt worden. Als besonders anerkennenswerth ist die Thatsache hervorzuheben, daß, als ihm auch die Professur für klinische Medizin dazu angeboten wurde, er dieses letztere Anerbieten abgelehnt, um feineKxäfte nicht zu zersplittern. Briefkasten der Redaktion. Wir sehen unS wiederholt zu der Erklärung veranlaßt, daß wir «» nicht mit unserem Prinzipe vereinigen können, Annoncen aufzunehmen, die unserer Tendenz entgegen sind. So wurden wir unter Anderem noch kürzlich mit einem großen Austrage beehrt, betreffs des Werke» eines ReformrabbinerS a. D. Da wir der Ueberzeugung sind, baß eine solche Annonce einen sehr zweifelhaften Nutzen habe, wir auch unfern gesch: Lesern reformistische Werke in keiner Weise empfehle« möchten, so haben wir von der Ausführung dieses Auftrages Abstand genommen. Auch für Füll-Annoncen haben wir keinen Raum.

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