Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Bote · 1879-03-27 · 13 (27.3.1879) · p. [Seite 5]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
13 (27.3.1879)
Date
1879-03-27
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620169-9625151-9623997--125-9624002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Beilage zu Nro. 13 des Israelitischen Boten. Vierter Rechenschafts-Bericht der Tal^mn-Thora-Schul e zu Burgpreppach für das Jahr 1878. Am Schlüsse unseres vorjährigen RechenschaftSbe. richtes mußten wir den edlen Freunden und opferbereitwilligen Gönnern unserer Thalmud-Thora die unangenehme Mittheilung machen, daß durch eine hohe Königliche Regierungs. Entschließung die Errichtung eines ganz neuen SchullokalS als unerläßliche Bedingung für die Existenz unserer Anstalt bestimmt wurde, daß die unbedingt notwendige Ausführung^ besagter Entschließung uns immense Opfer auferlege, Opfer, welche so groß und zahlreich, daß wir nur dann im Stande seien, sie zu bringen, wenn wir uns der allseitigen. opferfreudigen Sympathien unserer mildtätigen Brüder und ^Schwestern zu erfreuen haben. Obwohl wir das größte Zutrauen zu'^der nie ver» fiegendemWohlthätigkeitsliebe unserer Glaubensgenosten, zu dieser stets blühenden und überall duftmden Rationaltugend Israels hegen, obwohl wir von der erhebenden üeberzeugung durchdrungen, daß ganz besonders reichlich und bereitwillig die Spenden und Beitrügender Nachkommen der großen ^Erzväter fließen, wenn es gilt die höchsten und heiligsten Nationalgüter zu Pflegen, so gingen wir desten ungeachtet nur mit Beklemmung und mit Bangen an^diefHerstellung eines Gebäudes, das mehr als Mark 11,000 erfordert, in einer Zeit.Hwie^dieffgegenwärtige.^m^der eine so lange anhaltende, verhängnisvolle Krisis alle Zweige dcs geschäftlichen Lebens?fo^fehr? alterirtF und so furchtbar erschüttert, in welcher zugleich die mildthätigen Hände ununterbrochen und sehr weit sich öffnen müsten um die drückende Roth, um daS gräßliche Elend, um den furchtbaren Jammer zu lindern, welchen die schrecklichen Erschütterungen der traurigen Ereignisie fast in allen Gemeinden, besonders aber in größeren Städten in so zahlreicher Weise hervorgerufen haben. Doch zu unserer großen Freude und zum Ruhme unserer Nation wollen wir gestehen, daß unsere Befürchtungen sich als unbegründete erwiesen haben. Ein Ausruf, mit welchem wir uns um Uterstützung zur Erfüllung unserer schwierigen Verpflichtungen bittend an unsere theuren Brüder und Schwestern gewandt, fand allenthalben trotz der so ä ißerst ungünstigen Zeitverhäl^n'ste günstige Aufnahme und man beeiferte fick in vielen Gemeinden, nach Kräften ein Scherflein zu der sofortigen Ausführung dieses Gebäudes, das für die Erhaltung unserer Anstalt zur Roth. Wendigkeit geworden, beizutragen. So ist es nun mit der Hülfe des Allgütigen gelungen, in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit, ein neues Unterrichtslokal nach einem Plane, der von der Kgl. Regierung selbst entworfen wurde, errichten zu lassen. Wir besitzen nun sehr gesunde, Helle, freundliche und geräumige Sckulzimmer, die sowohl in technischer als auch in hygenischer Beziehung allen Anforderungen vollkommen Rechnung tragen, welche die hohe, bairische Staatsregierung mit ganz besonderer Sorgfalt und Rigorosität als conditio sine qua non stellt, Schulzimmerdie für mehr als 100 Zöglinge Raum bie. ten, die unserer Thätigkeit keine so enge Grenze mehr stecken, die uns erlauben, sobald wir über die erforderlichen Mittel disponiren, einer noch weit größeren Anzahl von lernbegierigen Jünglingen Aufnahme zu gewähren. Ueberdies besitzt das erwähnte Hau? noch 8 recht hübsche Zimmer, die theils zur Wohnung eine- Lehrers, theils als Logis für Zöglinge dienen. Wir find nun in der angenehmen Lage, daß wir einer sehr großen Anzahl der Zöglinge, die sich zu ihrer Aus. bildung hier befinden, Logis in den beiden Häusern, welche dem lalmnä-Miora-Vereine gehören, anweisen können. Wir find nun n'cht mehr den vielen und lästigen Unannehmlichkeiten ausgesetzt, die eia ununterbrochener Wechsel der Wohnungen verursacht. Obgleich der Grund zu dem besagten Gebäude erst im Monat Juli gelegt werden konnte, so war dasselbe Anfangs November so weit vollendet, daß abgesehen von verschiedenen Einrichtungen außerhalb dieses Lokals w. z. B. Herstellung eines Turnplatzes und Umzäunung des Raumes desselben, welche wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr in Angriff genommen werden konnten, es am 12. d. M. schon seiner Bestimmung übergeben wurde. Der hiesige Rabbiner als Präsiden! des Talmud- Ibora-Vereins, als Gründer und Leiter dieser Anstalt, benützte diesen feierlichen Moment, sittt ein Protokoll aufzunehmen, um dadurch diesem Gebäude sowohl für die Gegenwart, als auch für di« ferne Zukunft feinen großen Zweck und seine würdige Widmung zu sichern, dann um dem himmlischen Vater seinen innigen Dank auszusprechen für die große Gnade, die er ihm erwiesen, indem er gelingen ließ, in so wenigen Monaten ein so entsprechendes Lokal, als Pflanzstätte für Thora, für wahre Religiosität, für Wissenschaft und Bildung erstehen zu lafs-n, und um dessen Segen zu erflehen für alle jene edlen Glaubensgenossen, die mit Vergnügen bereit waren, diesem Werke der Humanität ihren Beistand zu leisten. Er fügte hinzu: Möge der Lenker der Geschicke seine besondere Huld in allen Zeiten und allen Verhältniffen dieser Anstalt widmen, so daß sie ununterbrochen diesem hehren Zwecke geweiht sei. Mögen die Zöglinge, die in derselben ihre Erziehung und Ausbildung erhalten, in allen Perioden sich durch gründliche Kenntniß im Hebräischen, durch gediegenes, allgemeines Wissen, durch Reinheit des Charakters, durch Begeisterung für unsere heilige R-ligion und für alles Edlr auszeichnen, mögen sie sich später mit aller Li be, Aufrichtigkeit und Energie ihrem schwierigen aber heiligen Berufe als Lehrer und Führer ihrer Gemeinden hingeben. So wird es nach und nach gewiß auch gelingen, die so große Unwissenheit in religiösen Angelegenheiten, die wir jetzt leider fast überall finden und den verderblichen Jndifferentismus, der durch dieselbe groß gezogen und, der so furchtbare Dimensionen angenommen, immer mehr zurückzudrängen und endlich ganz und gar zu beseiti-! gen und an die Stelle dieser so sehr entehrenden I Zeiterfcheinungen, die das Judenthum seiner kostbarsten Schmuckes zu berauben drohen, dafstlbe wieder mit seinem alten, ewig glänzenden Diadem, das allen Epochen und Stürmen Trotz bietet zu zieren und wieder allgemeine umfaffende Kenntnisse der jüdischen Religion in engem und innigem Vereine mit Bildung und Opferbereitwilligkeit zu verbreiten- Dies zu bewirken waren die Motive, welche die Gründung der hiesigen Talmud-Thora, welche als Präparandenschule die Genehmigung der hohen Kgl. Regierung von Unterfranken erhalten hat, und die direkt unter der Leitung besagter Kreisregierung steht, veranlaßt haben. Dies find aber auch die erhabenen Momente, welche mich sowohl als auch die übrigen Lehrer an unserer Anstalt beseelen, uns mit allem Eifer, mit aller Aufrichtigkeit und Hingabe der sorgfältigen Erziehung und dem gewiffenhaften Unterrichte all derjenigen zu widmen, die sich hier auszubilden beabsichtigen. Wenn dieses Ziel in solch einem Höhenpunkt erreicht und behauptet werden soll, wenn wir bewirken wollen, daß unsere Lehrer es soweit bringen, daß sie in allen Zweigen ihrer zahlreichen Unterrichtsfächer sich selbstständig weiter fortbilden können, so ist hiezu die Ausdauer und Opferbereitwilligkeit der Eltern, sowie der entschiedene Fleiß und der gute Wille der Zöglinge unbedingt nothwendig. Ganz besonders ist aber die Erfüllung dieser Bedingung unerläßlich hinsichtlich der Ausbildung in den hebräischen DiScislinen, welche allerdings eine viel schwierigere als jene in allen übrigen Fächern ist, und welche in unserer Zeit absolut diesen Grad zu erlangen hat, weil jetzt die Lehrer um so mehr Führer und Leiter der Gemeinden sein müssen, indem die jüdischen Gelehrten, die sich früher fast in allen Gemeinden vorfanden, die in j?der religiösen Angelegenheit tonangebend waren, nunmehr leider zu den Seltenheiten gehören und indem die Rabbinat«; bezirke zu groß und ausgedehnt find, so daß es zu störend und umständlich ist, über Alles eine Anfrage an den betreffenden Rabbiner zu stellen, und zweitens indem die Praxis in so drastischer Weise lehrt, daß so mancher junger Lehrer, welcher diesen Punkt in seiner Ausbildung nicht erlangt hat, die Lust und Liebe zum Selbststudium und zur Fortbildung in den hebräischen Fächern verliert nachdem er eine Anstellung erhalten, und so nach einigen Jahren den größten Theil seiner Kenntnisse im Hebräischen, auf welche er so viele Zeit und so große Energie verwendet, wieder vergeffen hat. Sowohl hinsichtlich der Erziehung als auch hinsichtlich des Unterrichts war dies das Ziel, welches erreichen zu helfen, wir mit aller Gewissenhaftigkeit und mit rastloser Thätigkeit anstrebten; es werden aber auch dies die Principien sein, die für die Zukunft stets unser Wirken in dieser heiligen Angelegenheit bestimmen sollen. (Fortsetzung folgt.) Der Schabbas-Hans, oder: Der Zauberspirgel. „kaß deine Schellen, theurer Manns klingen Vor unserer Freude wohlvertrautem Ohr — Geh', schöner Jude, aus dem Druck hervor — Doch laß die Dummen nimmer zu uns dringen." I. Schabbes-Hans. Wer ist ein unbrauchbarer Mann? Der nicht 'befehlen und auch nicht gehorchen kann- „Schabbes-Hans!M ein ganz eigenthümlicher Name! wird der?geschätzte Leser ausrusen. Nun, in der Landstadt L o b h e i m in Bayern hatte man einem Individuum, Namens Johann Dümling, diesen originellen Namen beigelegt. Dümling war ein guter protestantischer Christ, d. h., er ging jeden Sonntag in seine Kirche, mit billiger Ausnahme jedoch all der vielen Fälle, in denen er durch seine vielen Berufsgeschäfts daran gehindert war, auch ging er ein- oder zweimal jährlich in ernster Stimmung zum Abendmahl und trank am Sonntag Nachmittag feine Maaß Bier, wieder jedoch mit Ausnahme der Fälle, da es einen Leihkauf und dergl. gab, oder wenn sonst Jemand die Zeche bezahlte, in welchem letzteren Falle er's auf eine erklecklich höhere Zahl zu bringen vermochte. In solchen Ausnahmefällen trat er dann in einer etwas strammeren Haltung, verbunden mit einer sonst nicht gewöhnlichen Heiterkeit und Gesprächigkeit auf, wobei man es mit den Anforderungen an eine richtige Satz, bildung und eine Consequenz der Grundsätze nicht ge. nau nehmen durfte. In allen andern Beziehungen aber liebte und lebte er mit den Mitgliedern der kleinen israelitischen Gemeinde des Ories. Da lag ihm, wie dies das Ges-Necht der Dümlinge von jeher gethan, in erster Linie ob, deren sämmtliche Wohnungen an Sabbathtagen zur Winterzeit mit dem Frühesten zu Heizen und das Feuer den Tag über zu unterhalten. bei Sabbathausgang oder in sonstigen Ausnahme, fällen Licht anzuzünden, oder auch auszulöschen, kurz alle diejenigen Arbeiten und Verrichtungen in den Wohnungen der Juden wahrzunehmen, welche diesen eine strenge Sabbathfeier verbietet. Licht anzünden und noch häufiger es auszulöfchen, lag ihm auch in der Synagoge ob, und war er namentlich am großen Versöhnungstage so eigentlich im buchstäblichen Sinne des Wortes ein ,,Diener des Lichtes; denn da ging er den ganzen Tag über ab und zu, und in der Nacht hielt er Wache im Gotteshaus, damit, wie er als Reminiszenz seines Vetters, der seines Zeichens ehrsamer Nachtwächter der guten Stadt Lobheim gewesen war, sagte, „durch Feuer und Licht, kein Schaden nicht geschicht". Dabei nahm sein sonst gerade nicht geistreiches, mit einer Stumpsaase geziertes, gerötheteS Ge- < sicht, eine sehr ernste, wie er sagte, kirchliche Miene an. und aus seinem schneeichten Haupt trug er zur Feier des Tages eine srischgewaschene Zipfelkappe, und legte er eine desgleichen Schürze jedesmal neu um. So sollte seine äußere Erscheinung mit feiner Umgebung in Harmonie treten, denn in der Synagoge waren an diesem Tage alle Ständer weiß belegt, die Thorarollen weiß bekleidet, und die Gemeindeglieder mit den weißen Eterbegewändern angethan. Ja, er legte sogar, gleich den Betern, an diesem Abend die Schuhe ab und bewegte sich ganz unhörbar, die eigens dazu gehaltene, alterthümliche Lichtscheere in der Hand, durch die Reihen der Andächtigen, um nicht bloS de» Kronleuchtern, welche von der De cke herabhingen, sondern auch den zahlreichen Wachskerzen auf den eisernen Gestellen an der Wand, — allwo für ein jedes Familienglied eines angebracht war, — in ihrem Werk der Erleuchtung zweckdienlich nachzuhelfen. Nebenbei war es auch seine Aufgabe, das Holz der Gemeindeglieder zu spalten, ihre Garten, und Feld, arbeiten mit zu bestellen, Botengänge zu thun und dgl. Es war dies ganz besonders im Hause des Vorstehers, von Juden und Christen hergebrachter Weise noch Parnoß genannt, der Fall, dem er auch Hausknecht und nach Umständen Kutscher war, und der ihn deshalb scherzweise^ seinen „Kol bo"*) zu nennen i *) Ein alles enthaltenes Gebetbuch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.