Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 12 (20.3.1879)
- Date
- 1879-03-20
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark. Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeil« oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate wordeu dir Dirnstag erbeten. v. Jahrgang. Aon«, 20. Mrz 1879 (5639). Mo. Bonn. 14. März. Am 22. d. feiert unser allergnädigster Kaiser, unser hochverehrtester Landcsvater sein 82. Geburtsfest. Mil Ihm freut sich das ganze deutsche Volk und danket Gott, daß er ihm seinen greisen Heldenkaiser so viele Jahre hindurch erhalten hat. Wir hoffen und sind überf zeugt, daß alle Rabbiner, Prediger und Religionslehrer in ganz besonderer Weise dieses Festes gedenken werden und, wie P immer, das jüdische Volk nicht zurückstehen wird, einzustimmen in die Lob- und Dankr Worte seiner Führer. Ein Jahr hat der 5 allverehrte Monarch hinter sich, das traurige Ereignisse mit sich brachte, um so mehr $ müssen wir durch die hohe Verehrung Ihn die ertragene Unbill vergessen machen. Das deutsche Volk wird eins sein in dem Rufe: „Gott erhalte uns den Kaiser, König Wilhelm von Preußen, den Kaiser der Deutschen!" Auch feiert unser Kaiser am 11. Juni d. I. seine „goldene Hochzeit". Es wird unseres Wissens das erste Mal sein — wir glauben darin sicher zu sein — daß ein Monarch auf dem Brandenburgischen oder Preußischen Throne das Fest des fünfzigjährigen Ehe-Jubiläums feiert und es ist schon an sich eine außerordentliche J Seltenheit, daß auf einem Fürstenthron ein w solches Fest gefeiert wird. Die letzte goldene Hochzeit, die ein Fürstenpaar beging, war die des Königs Johann von Sachsen im r Jahre 1872. Se. Majestät hat sich nun alle persönlichen Geschenke verbeten, wir? glauben deshalb tun so mehr, daß das 5 deutsche Volk durch mildthätige und humanitäre Stiftungen und Errichtungen von $ Wohlthätigkeitsanstalten seine Huldigung und Verehrung bezeigen wird. £ Wir glauben schon heute den Gedanken anregen zu sollen, daß sich vor diesem hohen Festtage sämmtliche Rabbinen des $ deutschen Reiches vereinigen möchten, \ um aus ihrer Mitte, aus jeder Provinz je r einen Delegirten zu wählen und daß alsdann die so gebildete Deputation im Namen der Israeliten Deutschlands dem Jubelpaare seine Glückwünsche darbringen möge. Das ist ein würdiges, schönes und erhabenes Zeichen der Verehrung unseres Kaiserpaares! Mögen deshalb diese Worte überall Be- - achtung finden! Aie Medaktion. Leitender Artikel. Zur Doppel-Sidra Mit der dieswöchentlichen Doppel-Sidra beschließen wir eines der gehaltvollsten Bücher des Pentateuchs. Welch große und erhabene Ereignisse hat dieses zweite Buch Moses, mDtr (Exodus) uns vorgeführt! Wie herrlich finden wir die Verheißungen, die der Herr dem Abraham gegeben, bewährt. Die nach Egypten gewanderte, 70 Seelen zählende Patriarchenfamilie sehen wir zu einem Volke heranwachsen, das aber unter das Joch der Egypter gezwängt wird. Doch wie schwer auch die Sklavenketten sind, die das übermüthige Egypten, dem jungen, im Entstehen begriffenen Volke Israel anlegt, mit welcher Wucht es auch Israel niederdrückt und seine mächtige Hand es fühlen läßt, der Allmächtige ist es, der auf die wunderbarste Weise die Sclavenketten bricht und aus niederen, arg gedrückten und gepeinigten Sclaven freie, selbstständige Männer macht, der jene mächtige Hand erlahmen läßt, den Uebermuth und den Stolz bricht und die zur Anerkennug seiner Größe, seiner Macht und Erhabenheit zwingt, die ihn gänzlich verleugneten, ja verhöhnten. Wo finden wir die Allmacht und Größe Gottes herrlicher bewährt, als bei dem großen Momente, da er durch Moscheh das von ihm erwählte Lieblingsvolk, das er seinen erstgeborenen Sohn nennt, aus der Knechtschaft zur Freiheit führte, aus Nacht zum Licht! Ein Wunder nach dem andern überzeugt uns einerseits von des Herrn wunderbarem Walten, andrerseits von der Liebe zu dem Volke, das er unter seinen besonderen Schutz genommen. Der erhabenste und großartigste Moment ist, da der Herr diesem jungen, freien Volke seine beglückenden und beseeligenden Lehren spendet, und damit ihm die heilige Mission zuertheilt, Licht zu verbreiten, da wo des Götzendienstes Finsterniß waltete und die Erkenntniß und Verehrung des einzigen, ewigen Gottes zu verbreiten. Doch sind die Eindrücke, die diese junge Nation aus dem Lande ihrer Dienstbarkeit erhalten, noch nicht verwischt, ist ihr Sinn noch nicht so erstarkt, daß sie sich von den Einflüssen egyptischer Gewohnheiten völlig lossagen und ganz und gar dem Willen Gottes sich hingeben und dem eben erst feierlichst geschloffenen Bunde treu bleiben konnte, denn kaum hat ihr Führer Moscheh sie auf eine Weile verlassen, da wird das eben erst gegebene Versprechen gebrochen und das goldene Kalb angebetet, göttlich verehrt. Da bricht der Zorn des Allmächtigen, der Israel erwählt vor allen Völkern, der es beschützte, es liebte, und es mit seinem köstlichen Schatze, dem erhabenen Kleinode, die heilige Lehre beglückte und auszeichnete, über dasselbe herein, und Moscheh, der treue Leiter weiß den Zorn zu besänftigen und die Verzeihung des Herrn zu erlangen. Nachdem nun der Herr sich offenbart, will er auch unter Israel wohnen, will er eine Stätte haben, die ihm und seinem Dienste ganz und gar geweiht sein soll. Aus dem Grunde geht der Befehl an das Volk, Material zur Herstellung der Stiftshütte zu liefern. Die Ausführung dieses Befehles, die Anfertigung der für die Aufstellung der Stiftshütte nothwendigen Theile, die Aufstellung der Stiftshütte durch Moscheh und die Einsegnung durch denselben ist der Inhalt der heutigen Doppel-Sidra. Drei Punkte sind es, die uns aus derselben besonders entgegentreten. Zunächst ist es die Freudigkeit, die Bereitwilligkeit, mit welcher gespendet würde. Kaum war der Befehl ertheilt: NX Mb ^2 uvu ‘ib nDinn Dsnxö ini? ."tdi ntrroi spn nnt '*7 nDnn Nehmet von euch eine Hebe für den Ewigen, jeder, der von seinem Herzen dazu getrieben wird, bringe sie, die Hebe des Ewigen, Gold und Silber und Kupfer u. s. w., als auch alles Volk in reichem Maaße das Seinige beitrug. Alle, alle wollten an der Förderung des heiligen Werkes sich betheiligen, alle zur würdigen Vollführung des göttlichen Befehles das Ihrige beitragen. Niemand wollte zurückstehen, ja 7X2>7 □'»ttOXPI bv D^xn auch die Frauen, deren Pflichtenkreis in dieser Beziehung gewissermaßen ein beschränkter ist, ließen es sich angelegen sein, dem göttlichen Willen nachzukommen. Da war nichts zu kostbar, mit freudigem Herzen wurde selbst das Köstlichste für den heiligen Zweck dahingegeben. Wenn auch der Herr die Größe der Spende dem Ermessen eines jeden Einzelnen überließ, wenn er auch sagt 72^ 1^3 „jeder, der von seinem Herzen dazu getrieben wird," also keinem irgend einen Zwang und eine Nöthigung auferlegt, so war die Betheiligung eine so umfassende, widmete man in so ausgedehntem Maaße seine Kunstfertigkeit dem heiligen Werke, daß der Vorrath die Bedürfnisse weit überragte und Moscheh den Befehl ertheilen mußte: .tjnpn nönrfc nsx^D to iw i?x nw „Mann oder Frau sollen nicht mehr eine Arbeit verrichten zur Hebe des Heiligthums." Ja selbst den Fürsten in Israel war (nach unseren Weisen) der Eifer, die rege Betheiligung überraschend. Warum haben sie nicht gleich mitgespendet? Sie sagten: „Wir wollen warten, bis alles Volk das Seinige beigetragen haben und was dann an dem erforderlichen Material fehlt, wollen wir spenden." Aber das Volk ließ ihnen nichts zu spenden übrig. Was widmeten sie da dem göttlichen Dienste? Es waren die köstlichsten Edelsteine, die den Hohepriester beim heiligen Dienste zierten. Ist eine solche Opferfreudigkeit nicht wohlthuend! Wahrlich, sie könnte der Gegenwart als ein leuchtendes Muster hingestellt werden. Wie oft tritt nicht die Gelegenheit an uns heran, von unserer Opferfreudigkeit Zeugniß ablegen zu können. Wie oft tritt nicht auch "an uus die Forderung heran, zum Dienste des Herrn das Unsrige beizutragen. Wo ist da jene Freudigkeit, jene Bereitwilligkeit zum Spenden, die unsere Vorfahren aufs Schönste bewährt haben. Nicht allein daß wir uns so oft drängen und nöthigen lassen, das Unsrige zur Erhaltung heiliger Institutionen beizutragen und sie vor dem Verfalle zu bewahren, nein, die Spende an und für sich erscheint uns zu groß, und unser Herz ist so eng, daß wir nur schweren Sinnes von dem uns trennen können, was wir dem heiligen Zwecke widmen müssen, wodurch gar oft Hader und Zank heraufbeschworen und der Bestand erst kurz bestehender Vereinigungen, die die Förderung und die Pflege des Göttlichen, des Religiösen zum heiligen Zwecke haben, gefährdet wird. Bei unseren Vätern war es die innige Liebe zu dem heiligen Dienste, zu dessen Förderung sie das Köstlichste mit Freuden spendeten, war es die Sorge für die Einrichtung heiliger Institutionen zur Belebung des religiösen Sinnes. Wo ist aber bei uus diese innige Liebe zum heiligen Dienste, die Sorge für die Einrichtung heiliger Institutionen. Der Jndifferentismus hat bei uns schon zu mächtig Wurzel gefaßt, er hat schon zu große Dimensionen angenommen, als daß wir einer solchen Liebe fähig wären, als daß eine solche Sorge uns zum Wirken anspornen könnte. Das Religiöse tritt bei uns so oft ganz in den Hintergrund, die Förderung, Belebung und Pflege desselben liegt uns nicht so sehr am Herzen. O, möchte doch jener Jndifferentismus, jene Lauheit und Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse schwinden und eine innige Liebe dafür in Aller Herzen Platz greifen. Dann wird die Opfersreudigkeit überall bekundet und somit auch das gekräftigt und gepflegt werden können, was zum heiligen Dienste des Herrn erforderlich, was zur Erhaltung unserer Religion nothwendig ist. Neben dieser Opferfreudigkeit bekundet das Volk bei der Ausführung des göttlichen Willens eine große Gewissenhaftigkeit und eine seltene Ausdauer. Da wurde die L-tiftshütte in allen ihren Theilen genau nach der Vorschrift, welche der Herr dem Moscheh gegeben, angefertigt. Jegliches eigene Urheil über irgend ein Einzelnes, jede Meinung von der Zweckmäßigkeit oder Nichtzweckmäßigkeit irgend eines Theiles trat da ganz zurück, nur die Anordnung des Herrn war maßgebend und bei der Ausführung bestimmend, wie auch die Schrift sagt: NX "“I TO N^X rnnyn bs nx ^xw wv p. „Ganz so, wie der Herr dem Moscheh besohlen, so vollführten die Kinder Israels die ganze Arbeit. Der Eifer, der Jeglichen erfüllte, herrschte noch in seiner vollen Gluth. Das Volk ließ sich nicht allein von der ersten Erregung des Herzens gefangen halten, die, so sie schwindet und eine reifliche Ueberlegung Platz dafür greift, die Verhältnisse gar oft ihres Glorienscheines entkleidet erscheinen läßt. Die hingebende Liebe zu Gott war es, die unter allen Umständen und in allen Verhältnissen sich gleich bleibt, und ein gottgefälliges Werk mit demselben Eifer, mit derselben Freude zu Ende führt, wie es begonnen wurde; die beim Wirken und Schaffen im Dienste des Herrn die größte Ausdauer erkennen läßt und nicht die dienstfertige Hand sinken läßt, wenn es gilt, selbst schwere Opfer, gro^