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Der israelitische Bote · 1879-02-06 · 6 (6.2.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
6 (6.2.1879)
Date
1879-02-06
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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I 7 „»ifl Abonnement: Vierteljährlich 2 Marl, Ausland vierteljährlich 2 Marl 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. v. Jahrgang. Bonn, 4. Zan. Bezugnehmend auf eine Notiz in der vorigen Nummer, betreffend „Preßprozeß," wurde gestern in 2. Instanz sowohl unsere Berufung als auch die des öffentlichen Ministeriums als unbegründet abgewiesen. Dagegen wurde das erste Urtheil vom 19. Dezember v. Z. bestätigt, dahin lautend: 100 Mark Geldbuße für den Artikel in Nr. 26 und 50 Mark für den Artikel in Nr. 27. Ob unsrerseits eine weitere Einsprache erhoben werden wird, können wir heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Die ganze Verhandlung der Appell-Instanz, welche wir durch unseren Stenographen bereits wörtlich vor uns haben, bietet nichts weniger, als überhaupt die ganze Sache, des Interessanten genug dar. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn, 2. Febr. Nachdem unsere vorige Nummer bereitabgedruckt, erhielten wir ein Telegramm über das Hinscheiden des Rabbiners Dr. TreuenfelS in Stettin, Herausgeber und Redakteur der „Jsr. Wochenschrift". (die Redaction hatte der Verstorbene vor einigen Monaten niedergelegt, welche nunmehr von dem Rabbiner Herrn Dr. Rahmer zu Magdeburg fortgeführt wird.) Schon lange war der Hingeschiedene an's Krankenbett gefesselt, bis derselbe von seinen Leiden endlich durch den Tod befreit wurde. Nicht allein seine Familie trifft dieser schwere Verlust, sondern auch die Gemeinde Stettin, seine Collegen unb Freunde verlieren in dem Verstorbenen ihren Rathgeber und Helfer, seine Amtswürde stand rein und lauter da, wenn er auch die in der dortigen Synagoge mit der Orgel verbundenen neuen kultuellen und von den Strenggläubigen pcrhorrescirten Einrichtungen nicht zu behindern im Stande war. Im Uebrigen war er — wie wir aus sicherer Quelle erfahren — ein eben so großer Talmudift, als emsiger, wisienschaftlicher Forscher und gewandter Redner. Treuenfels studirte auch auf der hiesigen Universität. Ausführlicheres über das Begräbniß und seine Biographie sind wir noch erwartend. Möge in einem besinn Leben der Lohn seines Wirkens ihm zu Theil werden! Der Dauernkönig und die IM». (Von Johann Czynski.) Die Stunde war noch nicht gekommen, in welcher der Sohn Josefs dem König seinen Wunsch vortragen wollte. Dies sollte erst am folgenden Tag geschehen Er wollte weiter gehen, da bemerkte er neben sich ein Weib, bleich wie ein Gespenst, mit dem Ausdruck rasender Eifersucht in den verstörten Zügen. Es schien, als wollte sie mit ihren Blicken die Neuvermählte durchbohren. Dabei zitterte und wankte sie, und sie wäre umgesunken, hätte der Bischof von Krakau, welcher zufäsiig herbeikam, sie nicht unterstützt. Willenlos ließ sie sich von dem ehrwürdigen Greis hinwegführen. Ben Josef erkannte in der Unglücklichen Rokiczana, die verlassene Geliebte des Königs. Ihr Zustand machte einen lebhaften Eindruck auf ihn. Er konnte sich nicht des Bewußtseins erwehren, mit an ihrem Unglücke schuld zu sein und ihre Erscheinung däuchte ihm eine Sache von übler Vorbedeutung zu sein. Verwirrt durch diesen Gedanken, vernahm er plötzlich von einer andern Seite Seufzer. Er näherte sich und erkannte Ben Himmel, den Vater der glücklichen Braut. _V C i Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Jznserate: Dir Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden dir Dirnstag erbeten. Expedition: Petersstratze Nr. 8. Aon«, 6. Aeöruar 1879 (5639), Wro. 6 Berlin. Die schon mehrfach zur Anregung gekommene Frage, ob ein Geschworener mosaischen Glaubens verpflichtet ist, am jüdischen Sabbath an den Verhandlungen deS Schwurgerichts sich zu betheiligen, wurde am Freitag wieder einmal bei dem hiesigen Kreisschwurgericht ventilirt, indem ein jüdischer Geschworener um seine Dispensation für den Samstag nachsuchte, unter der Begründung, daß er nach seinen Glaubenssatzungen an diesem Tage keinerlei Geschäft oder Schreibwerk verrichten dürfe. Der Gerichtshof erklärte sich zu seinem Bedauern nicht in der Lage, dem Gesuche zu willfahren, da weder in dem Gesetzte vom 3. Juni 1849, noch in der Verordnung vom 3. Mai 1852 eine hierauf bezügliche Bestimmung enthalten sei. — Am zweiten März feiert die hiesige jüdische WohlthätigkeitS-Stiftung „Magine Reim" ihr fünfundsiebzigstes Stiftungsfest. Für diesen Tag werden nun ganz besondere Vorbereitungen getroffen und die Gesellschaft, die über eine überaus stattliche Mitgliederzahl und außerdem über bedeutende Geldmittel verfügtwird diesen Tag außer durch eine ernste, noch durch eine sehr heitere Feier begehen. Die Mittel zu derselben werden natürlich die Wohlthätigkeits-Fonds der Gesellschaft in gar keiner Weise schmälern. Aus diesen Fonds sind in dem dreiviertel Jahrhundert viele, viele Hunderttausende von Thalern — vielleicht mehr als eine Million — an kranke nnd nothleidende Israeliten vertheilt worden. Die Stiftungsfeier, für die man sich in den besten Israelitischen Gesellschaftskreisen lebhaft interessirt, wird in ihrem heiteren Theil u. At allerlei lustige Veranstaltungen, von denen eine eine gewiffe Aehnlichkeit mit der 'ves bekannten Salingr6-Abends haben wird, bringen. Uebrigens wird auch der Hofopernsänger Herr Ernst und der Hofschauspieler Herr Klein bei der betreffenden Feier Mitwirken. B. C. — 28. Jan. In der verflossenen Nacht ist der Commiffionsrath S. Jaff6, früher in Posen, seit geraumer Zeit aber in Berlin lebend, in seinem 85. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene erfreute sich der außerordentlichsten Hochachtung in allen kaufmännischen Kreisen und es verdient erwähnt zu werden, daß er wohl als der eigentliche Begründer des großen und seither so schwunghaft gewordenen Holzgeschäftes in der Provinz Posen speciell desjenigen Holzgeschäftes, das sich auf den Import von Polen bezieht, gewesen ist. Der Sohn des Verstorbenen ist der Commerzimrath Samuel Jaffs in Posen, der Inhaber eines der bedeutendsten Holzgeschäfte, die es in Deutschland überhaupt giebt, der zugleich das von seinem Vater geführte Geschäft fortgesetzt hat. In dem Verblichenen geht ein ebenso ehrbarer wie tüchtiger Kaufmann zu Grabe. Die Hinterbliebenen des Verstorbenen haben der Armen-Direction 1500 Mark zur Vertheilung an arme Familien überwiesen, welche am Donnerstag, dem Tage der Beerdigung des Verstorbenen, an 100 Familien zu je 15 Mark erfolgt ist. Er ruhe in Frieden. — (Unlieb versp.) Dem Bericht über die Sitzung des preußischen Abgeordneten-Hauses vom 18. Januar entnehmen wir: „Zu Titel 3 zur Verbesserung der äußern Lage der Geistlichen aller Bekenntnisse 3305731 Mark, beantragt Abg. Windthorst (Meppen) den Zusatz, "und der jüdischen Religionsdiener" und theilt mit, daß der Landrabbiner in Hohenzollern, ein siebzigjähriger, ehrwürdiger Mann mit zahlreicher Familie, welcher der Unterstützung dringend bedürfe, wegen mangelnder Fonds auf verschiedene Petitionen stets abschlägig beschieden worden sei! Der Regierungs commissar Ministerialdirector Lucanus erwiderte, daß auch ferner eine Berücksichtigung dieser Petitionen nicht in Aussicht zu stellen sei, da unter Geistlichen nach dem Landrecht nur christlicheReligionSlehrer zu verstehensei." Es ist wünschenswerth, daß die Beseitigung des gerügten Vertheilungsmodus, welchem ein Landrechts- Paragraph, den andern Gesetzen widerspricht, zu Grunde liegt, im Wege einer allgemeinen Petition angestrebt werde. Event, würde dem D. I. Gemeindebunde gebsten, zur rechten Zeit in wichtigen Dingen zu handeln. B. Berlin. Der Brillantring im Grabe. Eine eigenthümliche Exhumirung ist jüngst auf dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde in Berlin vorgenommen worden. Der Commerzienrath L. wohnte daselbst einem Leichenbegängniffe bei und warf hierbei, alS letzte Ehrenbezeugung, die er dem Verstorbenen erwies, die üblichen drei Hände voll Erde mV das Grab. Im Begriff, den Gottesacker zu verlaffen, bemerkte Herr L., daß ihm der überaus kostbare Brillantring, den er am Finger trug, fehle, und die Vermuthung lag nahe, daß derselbe beim Aufnehmen der drei Erdschollen vom Finger geglitten und mit in's Grab gerathen sei. Herr L. machte einem Friedhofsbeamten Mittheilung von seinem Verluste uud der Vermuthung und der Beamte ließ mit aller Vorsicht und der gebotenen Schonung die Erde aus dem Grabe wieder ausheben und dann durch ein Sieb sichten. Hierbei gelang es in der That, den begrabenen Schatz wieder an das Tageslicht zu bringen. Für die mühsame Arbeit hat Herr L. dem Beamten 200 Mark als Belohnung aushändigen lassen. Breslau. Von hier wird geschrieben: Einem hiesigen Kaufmann, der sich an einen Referendar im Caff6 X. mit der Frage wendete, „ob der Stuhl frei sei," und von diesem die verächtliche Antwort erhielt: „Ja, selbst für einen Juden" ist auf die diesfällige Beschwerde an den Präsidenten des hiesigen AppellationsgerichtS unter dem 28. Decbr. 1878 folgender „Was ist Euch, Vater?" fragte er ihn, indem er ihn bei der Hand faßte. Der alte Jude verstummte und erwiederte dann: „Ich vergieße Freudenthränen." Der Ausdruck im Gesicht des Greises und sein Zittern strafte diese Antwort Lügen. „Ben Himmel," sagte der Sohn Josefs, „wollt Ihr Euerem Freunde die Wahrheit verhehlen? Scheut Ihr Euch, Dem Euer Herz zu öffnen, der vielleicht morgen die Welt verlassen wird?" „O nein!" antwortete der Greis. „Ich will Dir Alles sagen. Kannst Du Dir den Schmerz eines Vaters vorstellen, der nicht der Hochzeit seiner Tochter beiwohnen darf? — der am Vermählungsfest sein Kind nicht segnen kann?" „Wie? Kasimir hätte Euch weggewiesen?" „Ach! wenn Kasimir es gethan hätte, würde ich mir gesagt haben: Ertrage es, denn Du bist nur ein armseliger Bettler, und Dein Schwiegersohn ist ein mächtiger König. Deine Lumpen passen nicht zur Pracht des Hofes. Aber nicht Kasimir hat mich zurückgewiesen, sondern Esterka." „Esterka?" wiederholte Ben Josef. „Ja, Esterka, das Kind, welches ich auf meinen Armen von Paris bis Frankfurt getragen, welches ich im Schweiß meines Angesichts ernährt und mitten unter den Feinden unseres Glaubens und unseres Geschlechtes erzogen habe. „DaS hat Esterka gethan?" „Ja. Ich war in’S Schloß gekommen, um mich wie die Andern über das Heil zu freuen, welches Israel in meiner Tochter zu Theil geworden war. Die Wache ließ mich durch, die Höflinge verbeugten sich vor mir, wie einst die ägyptischen Großen vor dem Vater Josefs. Ich war vergnügt und zufrieden in dem Gedanken, daß die Zeiten der Erniedrigung vorüber wären. Da erblickte mich Esterka. „Was thut Ihr hier in Euren schwarzen Kleidern?" fragte sie und stellte sich vor mich, damit der König mich nicht sähe. „Geht nach Hause. Ich will Euch prächtige Kleider schicken, und wenn Ihr sie angezogen habt, dann kommt wieder, und in Gegenwart des ganzen Hofes will ich Euch zu Füßen fallen." Ich antwortete ihr, da ich in diesen Kleidern vor Gott erschiene, so könnte ich in ihnen auch vor dem König erscheinen. Sie aber bat mich dringend, fortzugehen, und als der König auf uns zu kam, ward sie roth und blaß und zitterte an allen Gliedern. Ben Josef! die Tochter schämt sich ihres Vaters! Ich habe sie verlassen. Ich habe kein Kind mehr: Ich will ihr nicht fluchen, aber ich kann sie nicht segnen I"

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