Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 2 (9.1.1879)
- Date
- 1879-01-09
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*1, 30. Dec. (Priv.-Mitth.) Der hier n bestehende israelitische Krankenpflegegs-Verein „Brüder-Verein" beging ge- Royal sein Stiftungsfest. Die Civilaf concertirte; darauf wurde ein gemüthliches Abendessen eingenommen und zum Schluß ein Tänzchen gemacht. Als Ehrengast war der Rabbiner Dr. Gebhardt erschienen. Der Verein zählt 71 Mitglieder. Filehne. Prov. Posen. (Priv.-Mitth.) Der Rabbiner der hiesigen Gemeinde Dr. S. Stiebe! ist an die Stelle des Rabbiners Dr. Gronemann nach Straßburg (West-Preußen) berufen worden. Zu Ehren des Scheidenden veranstalteten mehrere Gemeindemitglieder ein Festessen. Die Besetzung des vacanten Rabbinats muß in kurzer Zeit im Interesse der Gemeindemitglieder erfolgen, da der Rabbinats-Assessor Gabriel Herzbergwelcher während früherer Vakanzen die Funktionen des Gemeinde-Rabbiners übernahm, vor einigen Tagen gestorben ist. Die Beerdigung desselben fand unter allgemeiner Betheiligung der Gemeinde statt. Im Trauerhause sprach der Sohn des Verblichenen, Kaufmann Abraham Herzberg, am Bethamidrasch, wo der Leichenzug anhielt, rief Seminarlehrer Dr. Berliner aus Berlin, ein Verwandter des Verstorbenen, demselben ehrende Worte des Lobes und der Anerkennung nach. Am Grabe sprach im Aufträge des Bethamidrasch-Vorstandes der Rabbiner unserer Nachbargemeinde Schönlanke, Wäldler; Letzterer wieß darauf hin, daß unsere Gemeinde, einst eine Pflanzstätte jüdischer Wissenschaft, heute gegen die orthodoxen Vorschriften der jüdischen Religion sich gleichgültig zeige und forderte die Gemeinde auf, einen Seelsorger zu wählen, der im Sinne des conservativen Judenthums lebe und wirke. Jnowrazlaw, 29. Dec. (Priv.-Mitth.) Heute fand hier das seltene Fest der diamantenen Hochzeit des I. Oppenheim'schen Ehepaares statt, welches O. im Alter von 80 und seine Ehefrau im Alter von 79 Jahren stierte. Um 10 Uhr erschienen der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde im Hause des Jubelpaares, wobei Rabbiner Dr. Cohn eine Anrede hielt. Der Jubilar istwie Redner hervorhob, seit 18 Jahren Vorsteher des Bethamidrasch- Vereins, welcher, als O. dies Amt übernahm, kaum über ein Vermögen von 150 Mark zu verfügen hatte, heute aber ganz vorzüglich situirt ist. Außer einer Menge von Legaten, von denen der Verein die jährlichen Zinsen zieht, besitzt dieser ein Baar-Vermögen von über 16000 Mark. Aus diesem Fonds wird eine Menge von ärmeren Handwerkern rc. durch ^i^gfretc Darlehne unterstützt. Zum Schluß überreichte Dr. Cohn im Namen des Beihamidraschvereins dem Jubelpaar einen prachtvoll gearbeiteten silbernen Fruchtkorb als Zeichen der Anerkennung. Oppenheim ist bereits -56 Jahre königlicher Lotterie-Einnehmer und hat auch durch Verleihung des Kronen-Ordens vierter Klasse eine Auszeichnung erhalten. Um 12 Uhr Mittags erschienen die Vertreter der Communalbehördender 'Stadtverordneten-Vorsitzende, Rechtsanwalt Höniger, hielt an das Jubelpaar eine herzliche Ansprache, von der alle Anwesenden tief ergriffen waren, und überreichte dem Jubilar O. den Ehrenbürgerbrief der Stadl Jnowrazlaw, welcher folgendermaßen lautet: „Wir, der Magistrat der königlich preußischen Kreisstadt Jnowrazlaw, urkunden hierdurch, daß wir im Einverständnis! mit der Stadtversammlung und auf Grund des § 6 der Städteordnung vom 30. Mai 1853 dem königlichen Lotterie-Einnehmer, Ritter des Kronen-Ordens vierter Klasse, Herrn Jakob Oppenheim Hierselbst, weil er sich um die hiesige Stadt verdient gemacht hat, das Ehrenbürgerrecht ertheilt haben. Jnowrazlaw, 15. December 1879. „Der Magistrat." Oppenheim dankte in freudiger Aufregung, worauf ein Enkel des Jubelpaares das Wort ergriff und in längerer Rede der Vertretung der ^>tadt für die seinen «Großeltern erwiesene Ehre den Dank aussprach. Unter den vielen herbeigeströmten Gratulanten waren auch der Oberstlieutenant v. Bohl, der Direktor Auerbach aus der Waisenanstalt zu Berlin, Kaufleute aus Bromberg- Thorn, Berlin- Stettin u. s. w. Geschenke, Depeschen und Briefe liefen heute in großer Menge *<m das Jubelpaar ein. Oesterreich. Wien. (Priv.-Mitt^.) Ein Beitrag zu „die Juden in der Musik" (Ein Wunder im Concertsaal.) Wunderkinder haben zwar schon seit langem ihren einstigen Credit verloren, man glaubt nicht mehr gerne an sie; wenn sich aber die Natur ein und das andere mal in einem gar zu auffallenden Spiele gefällt, läßt sie sich denn doch nicht völlig ignoriren. Da erschien, wie das „N. W. T." schreibt, am vorgestrigen Abend im Saale Bösendorfer ein Knirps von knapp 6^ Jahren, um sich auf dem Klavier zu produciren, und bei jedem, der das kleine Geschöpf sah und anhörte, war mit einem Schlage jeder Zweifel, daß es Wunderkinder und musikalische Wunderkinder giebt, behoben. Das sechseinhalbjährige Mädchen heißt Ilona Eibenschütz und ist das jüngste Kind eines in dürftigen Verhältnissen lebenden, mit noch sieben anderen Kindern gesegneten Vorbeters in Pest. Im vorigen Jahre begann das Kind unter der Leitung des Militärcapellmeisters Marek auf den Tasten des Piano herumzufahren, und vorgestern Abends spielte es ein Präludium von Bach auswendig und die 0-äur-Sonate Beethovens; die kleine Ilona spielt ferner Brahms- Mendelssohn und Raff. Ihre Füßchen konnten natürlich das Pedal nicht erreichen, den Pedaldienst mußte also ein daneben sitzender junger Mann versorgen. Wenn das Kind erschien, sich vor dem Publikum verbeugte und auf den Sessel schwang, lachte man im Saale, wenn es aberspielte, war man verblüfft, und jedesmal, wenn es zu Ende war mit einem Stücke, wollte der Beifall nicht aufhören. Da merkte man nichts von Dressur und Abrichterei, in dem zarten Geschöpfe lebt und wogt alles von einem seltenen, ganz mysteriösen Naturel, von einem Naturel, das wohl noch viel von sich sprechen machen wird» Ilona Eibenschütz bleibt in Wien und ist der musikalischen Pädagogik des Professors Schmidt anvertraut. Zwei edle Damen aus der Finanzaristokratie haben sich erbötig gemacht, für den Unterricht der Kleinen zu sorgen, das andere wird sich hoffentlich sinden. Frankreich. Paris. Die „Archives Jsraelite" kündigen an, daß sie von Neujahr ab als Wochenblatt erscheinen werden. (Bisher zweimal monatlich.) Italien. Florenz. Ein Mitglied der israelitischen Gemeinde starb letzthin und hinterließ ein Legat von 1,200,000 Franken zur Erbauung der neuen Synagoge, die schon sehr vorangeschritten ist. Türkei. — Der H. Großrabbiner von Adrianopel, sowie die anderen israelitischen Mitglieder der Verwaltungsräthe sind von der russischen Regierung decorirt worden, eine Auszeichnung, die nur der jüdischen und türkischen Gemeinde ertheilt wurde. — Bei Ankunft des Generals Totleben in Adrianopel sind^einige Zöglinge der Talmud-Tora und der H.11ian66-Schule ihm entgegen gegangen, und ein Schüler der letzteren hat ihm eine französische Adresse vorgelesen. Als H. Cazös ihm einige Tage später in Begleitung des H. Großrabbiners einen Besuch machte, sagte der General zu ihm: „Nach dem, was ich gesehen habe, ist die israelitische Gemeinde hier weiter vorgeschritten, als die anderen; einer Ihrer Zöglinge hat mir eine Adresse vorgelesen, die so schön verfaßt gewesen und so schön vorgetragen wurde, daß ich wirklich ganz entzückt davon war." Rumänien. Bottochani. Dem „Arch. isr." wird von hier geschrieben, daß die Anstifterin der Ausschreitungen gegen die Israeliten zu Darabany, die berüchtigte Frau Cimarra, welche vor einiger Zeit zum Erstaunen der ganzen Welt von dem Schwurgericht freigesprochen worden war, nunmehr die Absicht habe, die dortigen Juden wegen Schadenersatz von 45,000 Ducaten zu verklagen und daß nach der gegenwärtigen hier herrschenden Stimmung auch Aussicht vorhanden sei, diesen unerhörten Proceß zu gewinnen und in diesem Falle die Juden gezwungen wären, Hab' und Gut zu verkaufen, um diese Summe bezahlen zu können. Griechenland. Athen. Der Herr Oberrabbiner Levi aus Corfu weilte vor einiger Zeit hier und richtete an den König und an die Deputirtenkammer das Gesuch, die Vorsänger und Synagogendiener vom Militärdienste zu dispensiren, was auch einen günstigen Erfolg hatte. Das Gesuch wurde nicht allein berücksichtigt, sondern die jüdischen Soldaten erhielten auch die Erlaubniß, nach Corfu reisen zu dürfen, um dort die Feiertage zu verbringen. Der König zeigte sich dem Oberrabbiner gegenüber höchst wohlwollend. Er sandte ihm die königl. Equipage, um ihn nach dem Schlöffe zu bringen, unterhielt sich mit ihm über eine Stunde und versicherte ihm, daß er den Tag, an dem er des Oberrab. Bekanntschaft gemacht, als einen der glücklichsten zähle, und es ihn außerordentlich freuen würde, wenn ein Israelit einen Sitz in der Deputirtenkammer erhalten würde. So oft der König nach Corfu kommt, besucht er die Synagoge daselbst und bei jedem Empfang erhält der Oberrabbiner zur Rechten des Königs Sitz. Literarisches. Juda, von Friedrich Christian Benedict Av6-Lallemant. 3 Bde. Dresden, Wilhelm Baensch 1879. In einer Zeit, in welcher die wunderlichsten Auswüchse des alten Judenhasses sich in der Tagesliteratur breit machen, gereicht es zur doppelten und dreifachen Befriedigung auf eine Erscheinung verweisen zu können, die, wie das vorliegende Buch als rühmliche Ausnahme sicher nicht verfehlen wird, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ist es schon an und für sich erfreulich, die Anerkennung, Berechtigung, ja geradezu Verherrlichung des Judenthums und seiner Bekenner aus nichtjüdischem Munde zu hören, so steigert sich diese Freude noch, wenn es durch einen so rühmlichst bekannten Forscher und tüchtigen Hebräisten geschieht, als welcher Herr Av6-Lallemant allgemein bekannt ist. Bei einem Verfasser dieses Schlags hat man natürlich keinen glatten Roman von dem gewöhnlichen Schlage zu erwarten. So spannend und vollendet auch die äußere Form ist, so versteht es doch der gelehrte Autor eine ganze Fülle seiner reichen Erfahrungen und Lebensanschauungen in seinem Werke niederzulegen, ohne deshalb in einen didactischen Ton zu verfallen. Besonders findet die moderne Legislatur sowie sie das Verhältniß zwischen Staat und Kirche zu regeln sucht, und speciell die sogenannten Maigesetze, die ja doch die neuesten Vorgänge, die öffentliche Meinung gerade jetzt in hervorragender Weise beschäftigen, eine sehr eingehende Würdigung von den verschiedensten Gesichtspuncten aus. Wie der Verfasser über die Juden denkt, dafür möge hier nur ein Citat aus dem 3. Bande (8: 90) sprechen: Wer kann den Juden von sich weisenwenn auch der eigene Vater Jude war? Was der Einzelne nach seiner subjectiven Auffassung zugiebt oder abweist, kann nicht als maßgebende Entscheidung für das ganze Judenvolk mit dem Gedanken seiner Religion und Sitte gelten, um so weniger, als das Urtheil schon durch viele Jahrhunderte hindurch in entsetzlicher Einmüthigkeit gesprochen und durch die Geschichte von Geschlecht zu Geschlecht getragen worden ist. An dieser Verurteilung und Geschichte des ganzen Volkes hat jeder einzelne Jude als an seiner eigenen besonderen Geschichte furchtbar zu tragen, weil das Judenthum in seiner göttlichen Offenbarung so einzig, voll und ganz ist, daß es von jedem Juden, wie das in keiner anderen Reliaionsgesellschaft möglich ist, allein mit seiner ganzen Fülle von Verheißung und Hoffnung getragen wird. Es ist eine klägliche Einsicht in diese Judenwelt und Judengeschichte und zieht die Einsicht zum jammervoll spreizenden Begriff der sich doch zur unabweislichen Erkenntniß drängenden Nothwendigkeit herab, wenn das mahnende christliche Gewissen die vielhundertjährige Sünde gegen das Judenthum mit der sogenannten Emancipation lediglich als Trieb und Werk christlicher Barmherzigkeit, oder auch nur als humanes Zugeständniß des hochgefeierten Culturjahrhunderts aufstellt, und dann in der kargen und mißtrauischen Ausführung dieser Emancipation das herrliche große Deutschland mit seiner höchst weltculturhistorischen Berufung zur bloßen Versuchs- und Acclimatifationsstation für das exotische Judenthum, ohne Gewährleistung der wahren vollen gesicherten Freiheit herabwürdigt. Das ist der Grund unserer Verkümmerung, das der Grund, warum der Jude sich in scheue Gruppen verkriecht und es tragen muß, daß in blöder Verwahrlosung des Judenthums mit der längst geschwundenen jüdischen Nationalität der Jude mit ekelhaft greller, künstlicher Färbung aufgestellt und im bürgerlichen Leben wie auf dem Theater, sei es als Ideal, hochherzige Erscheinung oder als kläglicher Packenjude, oder als verschmitzter Gauner dem platten Witz und rohen Spott der hohen wie niedrigen Pöbelmenge preisgegeben wird. So lange aber diese verlogenen, karrikirten Zerrbilder nicht aus dem Leben und vom Theater verschwinden, bleibt die Emancipation Unwahrheit, zugleich aber auch eine schwerwiegend? Mahnung, daß neben der Verspottung des Judenthums auch das aus ihm hervorgegangene Christenthum bedenklich gefährdet werden kann, wie das die in bacchantischer Raserei gesprochenen Reden der neuesten socialdemokratischen Mänaden in Berlin lehren." Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß auch manche der äußern Gedanken und Anschauungen, die dem Leser in dem Buche geboten werden, nicht überall seine volle Anerkennung finden werden. Aber das Werk enthält so viele Züge eines edlen theilnehmenden Herzens, eines scharfen, tiefdenkenden Geistes, daß es Niemand ohne wahre Befriedigung aus der Hand legen wird. E.