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Der israelitische Bote · 1876-07-27 · 30 (27.7.1876) · p. [Seite 4]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
30 (27.7.1876)
Date
1876-07-27
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German
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irrten, entwendet; außerdem bemächtigten sich die Einbrecher I auch mehrerer kostbarer Thorarollen und einer prachtvollen Silberschatulle, die zahlreiche Münzen von beinahe unschätzbarem archäologischen Werthe enthielt. Die auf die erstattete Anzeige seitens der Sicherheitsbehörde gepflogenen Recherchen blieben, Dank einem Zufalle, nicht lange erfolglos. Zn der bei Lemberg gelegenen Ortschaft Kulikow wurden nämlich gestern die Thater (zwei „gläubige Diözesanen" des Belzer Rabbi), die sich in einem Wirthshause beim Meth (Kulikower Specialität) gütlich thaten und im trunkenen Zustande ihren Tischgenossen ein reumüthiges Bekenntniß ihrer Schuld ablegten, festgenommen und dem dortigen Gerichte eingeliefert. Bei den Verhafteten Hatte man auch einen großen Theil der entwendeten Kostbarkeiten vorgefunden. Die „Gläubigen" suchen natürlich die Entdeckung der Thäter dem Einflüsse des gottbegnadeten Rabbi zuzuschreiben. Lemberg. Eine polnische Rational-Zechschuld. Der bekannte polnische Emissär Theophil Wisniowski, in den vierziger Jahren einer der thätigsten Volksaufrührer, welcher nach seiner Gefangennehmung 1847 wegen Hochverrats in Lemberg hingerichtet wurde, fand einige Jahre zuvor auf seinen Agitationsreisen, von den Behörden hart verfolgt, ein sicheres Versteck und freundlichen Schutz bei dem israelitischen Wirthshauspächter Pinkus Flachs in Jozefowka. Nachdem er sich längere Zeit im Hause des Letzteren aufgehalten, hatte und als gefürchteter Gast gehörig verpflegt wurde, reiste er eines Tages plötzlich ab, ohne seine Zeche zu bezahlen, hinterließ jedoch dem genannten Wirthshauspächter als Entschädigung hierfür nachstehende Zahlungs-Anweisung an die Nation: „Lebe wohl, lieber Pinkus, wegen plötzlicher Abreise kann ich nicht mehr schreiben, nur so viel sage ich Dir, daß, wenn ich, Gott behüte, nicht mehr zurückkehren sollte, Du zu allen Gutsbesitzern unseres Landes hingehen und ihnen erzählen kannst, daß Du bis zum letzten Augenblicke mir anhänglich warst, und ich versichere Dich, daß keiner der Herren Dir eine Belohnung dafür abschlagen wird." Gegenwärtig, nach 32 Jahren, nachdem der Pächter alt und arm geworden, präsentirte er jüngst vorstehende Zahlungsanweisung der galizischen Nation, indem er diedieselbe einem dortigen Blatte zur Veröffentlichung übersandte. Letzteres kommt dem nach und schließt unter Anderm mit den Worten: „Wenn es Jemand wünschen würde, diese schöne, moralische Schuld dem „ehrlichen Juden" zurückzuzahlen, so kann er sich hierzu unserer Vermittlung bedienen." Und in der Thal sind gleich Tags darauf, am 15. v. M., beim erwähnten Blatte in der Metropole Lemberg von vier Spendern ganze vier Gulden zu obigem Zwecke eingegangen, am 16. jedoch wieder gar nichts! Man ersieht daraus, daß auch eine polnische National-Zechschuld nicht viel heißen will. Lemberg, 28. Juni. Es geschehen hier Zeichen und Wunder! Der hiesige Gemeinderath hat den Beschluß gefaßt, den Herrn Ignaz Fried, Kunsthändler von hier, das Bürgerrecht der Stadt Lemberg zu verleihen. Es ist für einen Juden viel leichter, in den erblichen Adelsstand erhoben und noch größerer Auszeichnung theilhaMg, als wie Bürger der Stadt Lemberg zu werden. Wir haben hier viele decorirte Israeliten, viele jüdische Gemeinderäthe, aber bis jetzt hatten wir nur 2 jüdische Bürger der Stadt, nämlich die Herren Dr. Joseph Ko lisch er und Thom. Zu ihnen gesellt sich nun als Dritter Herr Ignaz Fried. Der Ausgezeichnete ist ein allgemein geachteter Bürger unserer Stadt, aus einer der besten hiesigen Familien, der am hiesigen Platz ein ausgebreitetes Bilder-und Spiegelgeschäft besitzt und durch Fleiß und Sparsamkeit sich ein Vermögen erworben. Durch sein musterhaftes Familienleben, seine gut angebrachte Wohlthätigkeit und seinen Gemeinsinn hat er sich seines ihm verliehenen klangvollen Ehrentitels: „Bürger der Stadt Lemberg" würdig gemacht. Holland. Rotterdam. (Qrig.-Corr.) Die Alliance Israelit© Universelle hat endlich auch hier festen Boden gefaßt. Lange blieb man hier kalt und gleichgültig gegen Interessen, die das Gesammtjudenthum betrafen. Seit den letzten Jahren ist die Kälte gewichen, und an ihre Stelle ist jene warme Theilnahme getreten, die bereits günstige Resultate zu Tage gefördert und noch schönere verheißt. Diese schönen Erfolge sind vor Allem den unermüdlichen Bemühungen eines Mannes zu verdanken, der theils durch seinen Beruf, theils durch anderweitige segensreiche Wirksamkeit bereits viel Gutes gestiftet hat. Der Name dieses Mannes ist: Herr Dr. med. Denekamp. Herr D. hat bereits während des deutsch-französischen Krieges in den deutschen Lazarethen sich derart verdient gemacht, daß er von dem deutschen Kaiser mit dem Kronenorden decorirt wurde. Im Interesse der A. I. U. hat er einen warmen, große, ungelheilte Liebe für Juden und Judenthum bekundenden Artikel veröffentlicht, der von bedeutendem Erfolg gekrönt wurde. Es wurde diese seine segensreiche Thätigkeit auch in der letzten Sitzung derA. 1.17. wohlverdienterweise anerkannt. Wir zweifeln nicht, Herr Dr. D. wird in diesem Sinne und in diesem Geiste fortfahren zu wirken für unsere bedrängten Glaubensgenossen auf dem weiten Erdenrunde, und der ihm gebührende Dank wird ihm auch von dem Central - Comite in Paris und allen Denjenigen, deren Herz für Leid und Wehe, das Menschen widerfährt, warm.schlägt, nicht vorenthalten werden. Das Gemeindeleben in unserer Stadt geht seinen alten Gang. In letzterer Zeit wurde an Stelle des verstorbenen berühmten Obercantors Schnitzler Herr Schönberg aus Groningen gewählt, dem ein guter Ruf vorangeht. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß auch alsbald die Oberrabbinerfrage einer Erledigung entgegengeführr werden wird. Es geht doch nicht gut an, daß solch' eine große Gemeinde wie Rotterdam nicht einen Rabbiner in ihrer eignen Mitte besitzt. Wir wollen hoffen, daß mit der im Herbst stattfindenden Vorstandswahl auch die Rabbinerfrage eine Berücksichtigung finden wird. H. B. Rumänien. Aus KotuschllN. Wie von dort gemeldet wird, hat die französische Regierung den Handelsvertrag mit Rumänien deswegen nicht abgeschlossen, weil in demselben das schimpfliche Ausnahmsgesetz gegen Israeliten stipulirt wurde. Die französische Regierung zeigt auch hier, daß sie noch immer an der Spitze der Civilisation einherschreitet, daß sie als Mandatar jenes Volkes gehandelt, welches im vorigen Jahrhundert Europa die modernen Grundrechte der menschlichen Gesellschaft gelehrt. Die französische Negierung hat in Erfassung ihrer Culturmission sich an keinen verlockenden und vergänglichen Gewinn gekehrt, um den Schein nicht aufko mmen zu lassen, daß sie ihren großen Grundsätzen untreu geworden, sie nahm daher ihre nur geringe Anzahl von jüdischen Unterthanen in der Moldau mit aller Entschiedenheit in Schutz, als mancher Staat, der sich immer einen gleich hohen Beruf vindicirt, dessen Staatsbürger einer Provinz das Gesammtisrael des französischen Reiches übertrifft. Leider hat man hier nur liberalschillerndes Phrasengeflunker statt energisches Non possumus dem Barbarismus des Nachbarlandes entgegengesetzt. (Lemb. Jsr.) Amerika. (Zur amerikanischen Eentennial-Feier.) Die Pariser „Alliance Jsraelite Universelle" hat an den Präsidenten der Union folgende Adresse zu der Feier des 4. Juli gesendet: Herr Präsident! Die Vereinigten Staaten von Nord- Amerika werden demnächst die hundertjährige Feier ihrer Unabhänigkeit begehen, ein großes und glanzvolles Fest, das alle Völker in einem gemeinsamen Gefühl allgemeiner Sympathie vereinigt. Die Alliance Jsraelite Universelle" verlangt, sich demselben anzuschließen. Gegründet, um die Israeliten in den Ländern, wo sie noch Verfolgungen erdulden, die unsere Zeit nicht begreifen kann, zu unterstützen und aufzurichten, wirft sie auf Ihr Land Blicke voll der lebhafl testeten Dankbarkeit. Uns kommt es namentlich zu, sich mit Freude daran zu erinnern, daß Ihre Nation die erste von allen gewesen, welche den großen Grundsatz der religiöse» Freiheit, ohne Unterschied der Glaubensbekenntnisse, verkündet hat. Ein Jahrhundert ist es her, daß Amerika die Israeliten, welche damals noch in allen europäischen Staaten Ausnahmsgesetzen unterworfen waren, als Brüder zur Gleichheit der politischen und bürgerlichen Rechte berief. Unter dem Schutze dieses Gesetzes hat man sie in jenem großmüthigen Vaterlande rasch an Wachsthum zunehmen, umfangreiche Bethäuser, große Unterrichts- und Wohlthätigkeits-Austalten errichten gesehen. Neben denjenigen, die unter Ihrem Himmel geboren sind, haben die Israeliten unserer Gegenden, welche den Ocean überschritten, jene Emancipation empfangen und haben ihren Antheil an jener großen Wohltat gehabt. Und bei wie vielen Gelegenheiten haben nicht die Vereinigten Staaten durch ihre internationale Politik, durch das Auftreten und die Wahl ihrer diplomatischen Agenten den eurowäischen Israeliten glänzende Beweise ihrer Sympathie gegeben! Präsident der Republik der Vereinigten Staaten, gestatten Sic dem Central-Comitä der „Alliance Jsraälitö Universelle" Ihnen, dem Congreß, allen Bürgern Amerikas die Wünsche auszusprechen, welche es für die Wohl fahrt großer^W^^^^^^^^W^^Mo ihrer hundertjährigen Lebenso^^^^^^^^^^Wplatz in der zeitgenössischen Geschichte er^^^^^^^RBanner trägt Sterne, welche in unserer heil^WWWWU die Symbole des göttlichen Segens sind. Möchte mit diesem glückverheißenden Sinnbild, das Ihnen voranleuchtet, jener göttliche Segen sich von Tag zu Tag strahlender über Sie, über Ihre Republik ergießen durch Jahrhunderte des Friedens, der nützlichen Arbeiten, der Eintracht unter den Menschen, der Brüderlichkeit unter den Nationen! Das Schriftstück ist von Cremieux, dem Präsidenten der Pariser „Alliance Jsraelite", und vom Wiener Prediger Dr. Jellink, als dem Anreger der Adresse, unterzeichnet. Feuilleton Ein Jom Kipur in München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. Gott erleuchtete mich endlich mit einem rettend en Gedanken. Ich habe es unserem Rabbi erzählt, in welcher Weise auf den Beichtvater eingewirkt wurde, und wie dieser sichj in der sichern Erwartung mich zu stürzen, freiwillig erbot, den Kurfürsten unter Bedingungen seines Wortes zu entlaffen. Vor einigen Tagen ließ mich der Kurfürst rufen, er war sehr ernst. „Ich will ihm 'etwas sagen, Eichthal," sprach er, „ich bin kein Tyrann, kein Despot, ich will recht handeln, so weit das eben ein Mensch vermag; — ich bin katholischer Christ und Fürst des deutschen Reiches; — ich habe meinem Beichtvater das Wort gegeben, die Juden aus Bayern auszuweisen, er hat mein fürstlich Wort, und kein Mensch auf Erden außer ihm — auch der Papst in Rom nicht — hat das Recht, mich von meinem Versprechen loszulösen. — Daß ich, der ich sein Fürst und Herr bin, mich bei ihm, der mein Unterthan ist, so entschuldige, beweist ihm, wie werth er mir ist. Die Bedingung, unter welcher ich meinen Entschluß ändere und seine Glaubensgenossen in Bayern belassen will, ist nicht von mir, ist von meinem Beichtvater gestellt worden, aber er hat in Folge meines Versprechens das Recht und die Macht die Bedingung zu stellen, und ich bin gebunden. — Also höre er: Die Juden dürfen in Bayern bleiben .... wenn der Hofbanquier Eichthal — der Kurfürst machte eine lange Pause, es fiel ihm selbst schwer weiter zu sprechen — am kommenden Samstag, auf welchem. sein Versöhnungstag fällt, — bei mir, seinem Kurfürsten speist." Als ich überrascht schwieg, fuhr der Fürst fort: „Ich habe es ihm schon gesagt, ich bin kein Despot; — aber ich will es als einen Wink des Schicksals betrachten. — Wird er mit seinem Gewissen fertig, will er einmal bei mir an seinem höchsten Fasttag speisen, ... gut — Kann er das nicht oder will er das nicht — ich zwing ihn nicht dazu — so bleibt es bei meiner Enffchließung. — Er kann unter allen Umständen mein Hofbanquier bleiben." „Ich kann Eurer kurfürstlichen Durchlancht nicht sogleich antworten, entgegnete ich, ich muß mich darüber mit meinem Rabbiner berathen." „Gut," erwiderte der Kurfürst, „ich schicke Samstag um drei Uhr meinen Wagen zur Synagoge, — er hat dann noch immer die Wahl — ich zwing ihn snicht .... Thu' er nur das, was er für Recht hält . . . Seiner GlaubenSbrüder Schicksal liegt in seinen Händen; aber thu' er doch nur das, was er vor seinem höchsten Richter zu verantworten vermag!" Mit einem gnädigen Kopfnicken war ich entlassen. — Ich wandte mich an meinen Lehrer, an unseren hochverehrten Rabbi — und befahl mir, das geforderte Opfer zu bringen. Eine Vertreibung der bayrischen Juden hätte über diese furchtbares Elend gebracht, und es wären auch zahlceiche Menschen zum Opfer gefallen: Greise, Säuglinge, Kranke auf weiter beschwerlicher Reise! Der Rabbi hatte mir zugesagt, mit dem N^pü-Gebet zu warten, bis ich zurückkomme, und ich entschloß mich, in's Schloß zu fahren, als der Kurfürst nach mir sandte." (Schluß folgt.) Zwischen einem alten Ehepaare, das bereits viele Jahrzehnte mit einander verlebt hatte, Mann und Frau hatten die Siebenzig schon erreicht, stand es nicht immer richtig: Die Frau schmälte ihren Mann aus und beklagte sich bitter: Gott, was habe ich für einen Schlemihl bekommen! „Wie," rief der Mann aus, „vierzig Jahre verheirathet und noch immer Charotho (Reue) auf den Schidduch (Ehe)?" Druck der Langen'schen Buchdruckerei (Albert Ahn).

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