Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 30 (27.7.1876)
- Date
- 1876-07-27
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnement: Vierteljährlich 2 M., Ausland vierteljährlich 2 M. 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. II. Jahrgang. Wir ersuchen höflichst um gefall. Einsendung des rückständigen Abonnementsbetrages. Diejenigen, welche jetzt bei der Post auf unsere Wochenschrift 'abonnirt haben, belieben dies durch einfache Verweigerung des zunächst eintressenden Exemplars unter Kreuzband uns zu erkennen zu geben. Die Expedition Cöln, Humboldt straße 4 Ein Mort zur Beherzigung am n"n "i2 'o "i n*o m mo mpn -pro itod rvon mn ntots? piriD „Sieh', o Ewiger, wie wehe mir ist, meine Eingeweide glühen, es kehrt sich mein Herz in mir um, da ich widerspenstig gewesen! Draußen wüthet das Schwert, drinnen der Tod I Also spricht sich unter Anderen der brennende Seelenschmerz des Propheten Jeremiah in seiner unvergleichlichen Elegioen aus, welche er ob der Zerstörung des ersten Tempels in herzerschütternden Weisen gesungen und die noch heute nach Jahrtausenden melancholisch widertönen an demselben Tage, an welchem auch der zweite Tempel verhängnißvoll ein Raub der Flammen wurde! Wer vermöchte es, di- Fülle der Gedanken, die Tiefe der Empfindungen, welche diese Elegioen in sich fassen, zu begreifen, wenn anders er sie nicht mit des Geistes geschärftem Auge und des Gemüthes edler Regung sähe? Wer wäre im Stande, diese monumentalen Denkmäler schmerzdarstellender Kraft und weheverkörpernder Beredtsamkeit aus dem Meere der Zeiten, das Zions Traun. (n"' 'i ns'x rfcao) nyon 'i'iin ympro nDirt Es entwich dem Himmelsbogen Die Sonne in ihrer vollen Pracht, Der schwarze Nachtgeist kommt gezogen Leisen Tritt's das Gespenst der Nacht. * Verblich'ne Gestalten wanken Irrend durch.das stille Dunkel, Streifen wandelnd wie Gedanken Bei dem blassen Sterngefunkel. TiefeS stummes Schweigen schreitet Gedankenvoll durch'n finstern Raum, Ein verhülltes Walten breitet Sich so schwermuthsvoll wie ein Traum. Von tiefer Stille umgeben Wandelt wüste jede Schauer, Es ruht geborgen jed's Leben Und erwacht ist alle Trauer. Im holden, süßen Schlaf gewiegt Sieht Niemand den nächtlichen Schmerz, Nur das Judenauge blickt Und der Gram erfüllt sein Herz. Ferne ragt eine Tempelmauer Von allen Höhen schwarz hervor, Hin winden in wildem Schauer Jehuda-Söhne sich empor. Sie wallen — mit heißen Thränen Weinend und wehklagend laut, Mit schmerzlichem bangen Sehnen Ihr Auge hin gen Himmel schaut. Sie wandern — wie verwaiste Söhne Zur Grabesstätt' ihrer Ahnen; Wohl benätzet manche Thräne Jene unglücksvollen Bahnen. Erscheint jeden Donnerstag. Redacteur und Herausgeber Moritz Baum in Cöln, Humboldtstraße Nr. 4. Expedition: Humboldtstraße 4. Cöln, 27. Juli 1876 (5636). sie nunmehr mit seinen Tiefen bedeckt, emportauchen zu sehen und bei deren Anblick noch heute mit innigster Wehmuth erfüllt zu werden, wenn anders in ihm der Sinn für alles Ideale erstorben, das Gefühl für alles Religiöse erkaltet wäre? Wie tief durchdacht und wie innig empfunden alle die Worte und Weisen sind, welche sich hier der Erhabenheit und der edlen Seele des Dichters entringen, wollen wir an der Bedeutung des nur einen an die Spitze gestellten Satzes nachweiseil, woraus wir leicht einen Schluß zu ziehen vermögen auf die Gediegenheit und den Werth, welche der gesummten Elegioen inne wohnt, dabei sei es aber der Hauptzweck unserer desfalsigen Betrachtung, den Gedanken, welcher hier ausgesprochen ist, uns zu Nutze zu machen und aufs Treueste zu beherzigen. Indem derselbe Prophet einmal an einer anderen Stelle der Zerstörung des Tempels überhaupt auf den Grund geht, vermag kein Mund der Weisen und keine Stimme der Propheten ihm diesen letzteren anzngeben und nur die göttliche Offenbarung selber ist es, welche ihm auf die Frage: „Warum geht das Land zu Grunde und ward verödet wie eine Wüste, die Keiner durchzieht," die Antwort ertheilt: „Weil sie meine Lehre verlassen haben und darum meiner Stimme nicht gehorchen. Diese Stelle aber erschließt uns das Verständnis für den im Eingänge erwähnten Ausruf des Propheten! Während all' die unsäglichen und unzähligen Leiden des Volkes vor das Auge des Gottesmannes hintreten, während der Würgengel der Hungersnoth vor seiner Seele steht, der eine so furchtbar reiche Ernte unter den Söhnen und Töchtern Israels gehalten, während der von Feindeshand geblendete König und die Hingerichteten Fürsten und Priester an seinem Geiste vorüberziehn, lvährend ihn das Feuermeer des blendenden Tempels und der lohenden Paläste den Qualen und Sie nah'n sich mit wilder Klage Den heiligen Ruinen zu, Und gedenken jener Tage Als sie gelobt in stiller Ruh. Könnte man das Weh ermessen, Ihre Pein und ihre Schmach, Bei dem Anblick alles dessen, Das der Feind in Wuth zerbrach? Bei Erinnerung jener Zeiten Als der Tempel noch bestand, Und mit allen Herrlichkeiten Gesegnet war das heil'ge Land? Niemand könnte doch ertragen All die Noth, all die schwere Pein-1 Ach! wie die Ruinen klagen Und wie es weinet das Gestein! Wie sie seufzen jene Schatten, Aus ihren Gräbern wild hervor! Die schon Jenseits geruht hatten, Sie stimmen an ein Trauerchor. Die Geister der Lewitenschaaren Mit den Harfen in ihrer Hand, Sie erscheinen in Talaren Und beweinen das Vaterland! — Die Propheten aus den Grüften Sie erheben sich mit Klagen — Bewegen sich in Trauerlüsten, Sie weinen laut und fragen: „In Gottes Heiligthum umher „Streifen jetzo wilde Horden? „Ach! Jerusalem so menschenleer! „Wie ist's nun zur Wittwe worden! „Ist dies die Stadt, die schöne? „O! wie wurde sie so tobt so leer! Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Zahlbar h rer. Wiederholungen mit Rabatt Inserate werden bis Montag erbeten. M 30 den Rauch in das in Trauer gehüllte Angesicht schlägt, wird er von dem Schmerze zwar hingerissen und es erglühen tn ihm die Eingeweide vor tiefem Wehe, gleichviel vermag noch seine Seele Trost zu schöpfen in dem Vertrauen auf die dereinstige Hülfe Gottes, welche das Volk wieder einmal aufrichten werde! Allein vollends geräth er außer Fassung und es kehrt sich das Herz gänzlich in ihm um bei dem Gedanken, daß Israel widerspenstig ist gegen das Gotteswort, weil dieses ihm abhanden gekommen. Denn hierin erblickte er die weit größere Gefahr für die Zukunft Israels, hierin sieht er den innern Krebsschaden, der immer weiter um sich frist, und für den kein Heilmittel vorhanden ist. „Draußen wüthet das Schwert" d. h. die äußeren Leiden eines Volkes sind nur dem Schwerte vergleichbar, vor welchem noch ein Entrinnen möglich ist; aber „drinnen der Tod" d. h. der innere Zersetzungsprozeß des Judenthums, der sich durch das Verlassen und Verläugnen der Gotteslehre vollzieht, ist ungleich gefahrvoller und droht mit völliger Vernichtung. Daher auch erbat sich zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels Rabbi Johanan ben Sakkai, als ihm vom Kaiser Vespasian ein Gnadengeschenk angeboten wurde, vor Allem die Erlaubniß, in Jabneh ein Lehrhaus errichten zu dürfen und die Lehre desselben am Leben zu lassen; (Siehe Gitthim 57 b.) denn er erkannte, daß nur durch die Pflege der Lehre das Judenthum für alle Zukunft erhalten werden könne! Indem wir aber am Tage der beidermaligen Tempelzerstörung uns der Trauer hingeben, wird man an uns fürwahr mit dem Vorhalten, daß diese längst der Geschichte angehören sollte und daher für unsere Gegenwart keine Berechtigung hätte, nicht mehr herantreten, wenn wir auch nur den einen Gedanken, welchen wir an unfern Tagesworten entwickelten, uns durch „Und finden Israels Söhne Hier jetzo keine Ruhe mehr?" Bei diesen Worten netz'n Zähren Zions blut'ge Augenlieder, Daß die Todten den Jammer hören Und es winseln ihre Glieder. Entsetzlich zucken die Gcb.ine, Zittern vor des Feindes Wuth Jammernd ächzen des Grabs-Gesteine, „Ach zerstört ist Zions Gut!" Alles klaget laut und weint In dieser schreckensvollen Nacht, In der einst der wilde Feind Noth und Unglück uns gebracht. Mit Unmuth und mit Mißgeschick Ist jedes Wesen übervoll. Selbst der düst're Gestirnenblick Ist erfüllt mit finsterm Groll. Mitten all' dieser Trauer Sinken Israels Kinder hin. Zur Erde bei der Tempelmauer Mit einem traurig öden Sinn. Zähren rollen fort herab, Von ihren blassen Wangen, Rinnen hin auf Zions Grab Das von Wehmuth stets umfangen. Doch einst trocknet Gott die Thränen Derer, die so tief gebeugt, Die verlassen izt sich wähnen Der Ew'ge ihnen Huld bezeugt. Ja, bald schwinden all die Leiden, Die geängstigt uns so viel Und wir jauchzen auf vor Freuden, Das wir entronnen dem Exil. Buczacz, W. Zeimer.