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Der israelitische Bote · 1876-07-13 · 28 (13.7.1876) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
28 (13.7.1876)
Date
1876-07-13
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Abonnement: Vierteljährlich 2 M., Ausland vierteljährlich 2 M. 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. II. Jahrgang. Leitartikel. Eine iatkttssantr Programmarlieit! Zn dem Programme des königlichen Gymnasiums Georgini und der mit demselben verbundenen höheren Bürgerschule zu Lingen vom Jahre 1875 ist eine wissenschaftlich Arbeit vom Oberlehrer Herrn Dr. Winkelmann enthalten, die wegen des interessanten Inhalts, des gediegenen Urtheils, der vorurtheilsfreien und gegen das Judenthum wohlwollenden gerechten Gesinnung eingehend studirt zu werden verdient. Die Überschrift der geistvollen Arbeit lautet: „Moses Mendelssohns Ansichten über Kirche und Religion." Indem wir uns Vorbehalten, auf alles das, was dort in Betreff der Gedanken Mendelssohns über „Kirche und Kirchenrecht" gesagt ist, ein ander Mal vielleicht zurückkommen, erscheint es uns opportun, die Stellung, welche der Philosoph Mendelssohn zum Judenthum, zu dem geistigen sowohl wie dem ceremoniellen Inhalte desselben in seinen Schriften einnimmt, hiermit nach der Zusammenstellung W. darzulegen! Wir meinen natürlich in den in deutscher Sprache verfaßten Schriften, aus denen allein ja der verehrte Verfasser der Programmarbeit die desfallsigen Ergebnisse zusammen zu fassen vermochte, während aus den trefflichen Arbeiten Mendelssohns in hebräischer Sprache dem jüdischen Kenner der pietätsvolle an der Integrität unseres schriftlichen und mündlichen Gesetzes unerschütterlich festhaltende Standpunkt des „jüdischen Philosophen" zur "Genüge bekannt ist! Wir erinnern hier nur an seine „ Anleitung in die 5 Bücher Mosis", die übrigens bereits im Jahre 37 von Dr. H. Jolowicz in's Deutsche übertragen wurde! In ebenso geistvoller wie überzeugender Darstellungsweise beweist er hier die göttliche Authenticität unserer geoffenbarten Lehre vom philosophischen, geschichtlichen und linguistischen Gesichtspunkte aus und an diesem Manne der Wahrheit sieht man, wie die philosophische Forschung mit der Wissenschaft des Judenthums Hand in Hand geht, ohne an die letztere mit dem Geiste der Verneinung heranzutreten und unsere Lehre nach dem modernen Repticismus, der meist mit crasser Unwissenheit in jüdisch theologischen Dingen verbunden ist zu einem menschlichen Machwerk zu stempeln! Feuilleton 8in Jom Kipur in München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. Der Raf ließ ihn nicht aussprechen, und seine Hand ergreifend rief er in die Synagoge herab: „Meine Frennde und Brüder! Gott hat uns heute aus einer großen Gefahr errettet, lobet und danket ihm dafür — und unser Bruder Eichthal war dazu ausersehen, ein schweres Opfer zu vollbringen, er war das Werkzeug in der Hand des Höchsten, wir, unsere Kinder und Kindeskinder müssen ihm ewig dankbar sein. — Dir aber, edler Freund und Schüler, sag' ich, ich beneide Dich — der hohe Priester zu Jerusalem kam an diesem Tage um diese Zeit aus dem Allerheiligsten, wo Gott der Unnahbare, der Fürst aller Fürsten, thront, Du kommst nur aus der Residenz eines Gewaltigen voll Fleisch und Blut, aber auch Du hast für das Volk Israel gewirkt! — Gottes reichster Segen über Dich!" „Also glaubt Ihr, Ras, daß ich doch>)«2N pbn haben werde?" „Ob Du xnn p^n haben wirst!" wiederholte der Ras begeistert, „selig der, dem Dein Loos zu Theil wird. Ein Thränenstrom erleichterte die Brust des Hofbanquiers. Alle fühlten, man sei einer großen Gefahr ent- *) Antheil am jenseitigen Leben. Erscheint jeden Donnerstag. Redacteur und Herausgeber Moritz Baum in Cöln, Humboldtstraße Nr. 4. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Zahlbar h:er. Wiederholungen mit Rabatt Inserate werden bis Montag erbeten. Expedition: Humboldtstraße 4. Cöln, 13. Juli 1876 (5636). Und jetzt zur Sache! Winkelmann schreibt, nachdem er die Mendelssohn'schen Ansichten über „Kirche und Kirchenrecht" resumirt: Das sind also Mendelssohns Gedankell über Kirche und Kirchenrecht. Sie waren dem Publikum nicht mehr unbekannt, als die erwähnte Schrift erschien: der Autor hatte sie, wenn auch weniger ausführlich in ^anderen Aufsätzen, namentlich in der Vorrede zu seiner Uebersetzung von Manaffeh ben Jsrael's „Rettung der Juden" bereits vorgetragen, und es konnte nicht fehlen, daß die „neuen und harten" Meinungen lebhaften Widerspruch hervorriefen. Mendelssohn meint indeß, es habe keiner seiner Gegner die Unrichtigkeit der aus dem Naturrecht hergeleiteten Sätze oder der^aus denselben gezogenen Schlüsse nachgewiesen Da ihm aber bei dieser Gelegenheit in einer anonymen Schrift der Vorwurf des Abfalls vom Judenthum gemacht worden, so fügte er der Betrachtung über Kirche und Staat einen zweiten Abschnitt hinzu, um zunächst eine seiner Auffassung entsprechende Darlegung des Judenthums zu geben und sich dadurch jenes Vorwurfs zu erwehren. Der Verfasser des anonymen, an Mendelssohn unmittelbar gerichteten Schreibens will die Vernunftmäßigkeit der Ansichten seines jüdischen Gegners nicht in Zweifel ziehen, glaubt aber, daß sie dem von Mose gestifteten jüdischen Religionssystem schnurstraks widersprechen „Moses," sagt er, bindet Zwang und positive Strafen an Nichtbeobachtung gottesdienstlicher Pflichten. Sein statutarisch Kirchenrecht befiehlt den Sabbathsübertreter, den Lästerer des göttlichen Mamensandere^ von-, sünem Efttz,mit Steinigung und Tode zu bestrafen. In wie fern können Sie, mein theurer Herr Mendelssohn, so fragt er zum Schluß, bei dem Glauben ihrer Väter verharren und durch Wegräumung seiner Grundsteine das ganze Gebäude erschüttern, wenn Sie das durch Mosen gegeben, auf göttliche Offenbarung sich berufende Kirchenrecht bestreiten? Mendelssohn gesteht nun in seiner Erwiderung, daß die hier gegebenen Begriffe vom Judenthum selbst von vielen seiner Glaubensbrüder dafür angenommen würden, behauptet aber, diese Auffassung beruhe auf einem Jrrthum. Man habe übernatürliche Gesetzgebung mit übernatürlicher Religionsoffenbarung verwechselt, ^ein Satz, der sich auch gegen gangen, und in allen Theilen des Gotteshauses ertönte erschütterndes Schluchzen der Rührung. „Und nun zum Gebete 1" rief der Rabbi, und der neunzigjährige Greis betete das vor; — und so wunderbarergreifend hatte das^) prachtvolle Gebet noch nie gewirkt! Spät am Abende dieses^) Tiso iJCttD waren die vornehmsten Männer der Münchener Gemeinde bei dem Raf versammelt. — Sie waren eingeladen worden, um Aufklärungen über die Vorgänge des heutigen reichbewegten Tages zu erhalten. Eichthal saß neben dem Raf, er sah zwar matt und abgespannt wie nach heftiger geistiger Aufregung, aber dennoch seelenvergnügt aus. Nachdem sämmtliche Eingeladenen erschienen waren, ergriff der Raf das Wort. „Das große Verdienst, das sich unser edler Freund Eichthal heute um uns erworben, soll kein Geheimniß bleiben. Ich will, daß Alles klar werde, und bitte Dich diesen würdigen Männern die Begebenheit ganz genau zu erzählen." Eichthal begann: „Der Kurfürst hatte sich in Folge Einflüsterung seiner beiden judenfeindlichen Günstlinge Stocknach und Pater Eusebius verleiten lassen, dem Letzteren im Beichtstuhl das Versprechen zu geben, sämmtliche bayerischen Juden, mich und die Meinigen ausgenommen, auszuweisen. Den nähern Entwicklungsgang dieser traurigen Begebenheit habe ich unserem Raf mitgetheilt. Ich erfuhr das unheil- 2) Schlußgebet. 8) Ausgang des Jom Kipurs. M 28 den sonst von unserm Autor Hochgeschätzten, hier nicht erwähnten Maimonides richtet. Mendelssohn will überall keine ewigen Wahrheiten anerkennen, als die der menschlichen Vernunft nicht nur begreiflich sind, sondern auch durch menschliche Kräfte dargethan und bewährt werden können. Durch Moses seien den Israeliten auf wunderbare und übernatürliche Weise Gesetze, aber keine Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten keine allgemeinen Vernunftsätze offenbart worden. Letztere offenbare Gott den Juden wie allen übrigen Menschen allezeit durch Natur und Sache, nie durch Wort und Schriftzeichen. Noch klarer sucht Mendelssohn seine Ansichten durch Unterscheidung, ewiger und zeitlicher oder Geschichtswahrheiten zu machen. Erstere zerfallen wiederum in nothwendige, zu welchen z. B. die Sätze der Mathematik und Logik gehören, die, weil durch den Verstand Gottes gesetzt, auch der Allmacht unveränderlich sind; neben ihnen stehen andere ewige, aber im Gegensatz zu ihnen zufällige Wahrheiten, welche, da sie wie z. B. die Sätze der Physik durch den Willen Gottes bestehen, durch seine Allmacht Ausnahmen erleiden können, sobald es nützlich ist. Von diesen ewigen Wahrheiten aber gewinnt der Mensch Einsicht und Ueberzeugung durch eigene Kraft, und zwar in Bezug auf die nothwendigen durch die Vernunft, in Bezug auf die zufälligen durch Vernunft und Beobachtung. Anders verhält es sich mit den geschichtlichen Wahrheiten. Diese müssen wir, da wir selten Augenzeugen sein können, meist auf Glauben annehmen. Daher stattet Gott, wenn es sich um wichtige EreigMe^handely die Zeugen mit der höchsten Glaubenswürbigkeit und besiegelt dlölhaisäMr auch durch Wunder, die nach der obigen Bemerkung über das Verhältniß der Naturgesetze zu dem Willen und der Allmacht Gottes möglich find, ewige Wahrheiten jedoch nach jüdischer Lehre niemals beglaubigen können. Ja, der Jude ist in der Schrift angewiesen, wenn ein Prophet Dinge lehrt oder anräth, die ausgemachten Wahrheiten zuwider sind, und wenn er seine Sendung auch durch Wunder bekräftigt, ihm zu gehorchen, sogar den Wunderthäter zu steinigen, wenn er zur Abgötterei verleiten will. Forts, folgt. volle Vorhaben vom Fürsten selbst. Er bereute eingestandenermaßen seine Uebereilung, aber all' mein Bitten war vergebens, er hatte sein Wort gegeben, und seine Fürstenehre gebot ihm, seinen Entschluß nur dann zu ändern, wenn der Hofvater unaufgefordert von ihm, ihn seines Wortes entband. — Ich brauche es Euch nicht zu sagen, das Unglück einer Judenvertreibung wäre ein furchtbares, ein entsetzliches gewesen. —Ich durchwachte gedankenschwere Nächte, um ein Mittel zu ersinnen, dieser drohenden Gefahr entgegen zu arbeiten. — Unmittelbar konnte ich auf den Beichtvater nicht einwirken, denn sein Haß galt in erster Linie eben mir, — die andern waren ihm Nebensache. — Ich verzweifelte schon, als mir, durch eine Fügung Gottes darf ich's wohl nennen, eine alte jüdische Chronik in die Hand fiel, in welcher eine ähnliche Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert, üblicher Zeitrechnung, erzählt wird, wo ein weiser, energischer, opferwilliger Mann, Mordechai Cohen Zemach aus Prag, in fast wunderbarer Weise die Absicht des Kaisers Ferdinand des I. erfahren hatte, und durch kluges Vorgehen seine Glaubensbrüder in Böhmen von dem traurigen Schicksale einer Verbannung errettet hatte.*) Ich schöpfte neue Hoffnung. — Zum Glück war der Entschluß des Fürsten noch ein Geheimniß geblieben, da Marmilian Josef es liebt, seine geistige Selbstständigkeit dadurch zu manifeftiren, daß er nicht nur sein Volk, sondern auch seine Minister plötzlich mit Edikten und Verordnungen zu überraschen pflegt. (Forts, f.) *) Vergleiche die hochinteressante Erzählung „der Retter" von demselben Verfasser. Diese Erzählung wurde vielfach in fremde Sprachen bertragen und nachgedruckt. Anm. d. Red.

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