Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 26 (29.6.1876)
- Date
- 1876-06-29
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seitdem das Gesetz vom 25. Mai 1868 den Uebertritt zum Judenthum in Oesterreich gestattet, sind, in einem Zeitraum von acht Jahren, allein in Wien nicht weniger als 767 solcher Fälle, also ungefähr 100 im Jahre, vorgekommen: beim Rabbiner Dr. Güdemann 207 Personen (103 Männer und 104 Frauen), und beim Prediger Dr. Jellinek 561 Personen (231 Männer und 330 Frauen.) Es ist überflüßig, zu bemerken, daß in all diesen Fällen nicht die geringste Spur von Proselytenmacherei in Anwendung kam, welche bekanntlich in unserem Religionsgesetze streng verpönt ist. (Siehe Tract. 47a). Frankreich. Paris, 8. Juni. Auf die vom Bien publique vorgebrachte Klage über die intolerante Behandlung protestantischer und jüdischer Soldaten antwortet ein Regierungsblatt, indem es die Thatsachen ableugnet. Jndeß wird man nicht dabei stehen bleiben, und man hat so viel Daten mit Belegen über die Herrschaft gesammelt, welche die Almoseniers in der Armee ausüben, ganz ähnlich wie zur Zeit der Restauration, daß man damit an die Deputirtenkammer gehen will. Daß auch in dieser Beziehung das clericale Joch, sobald es anfängt drückend zu werden, unter der Republik bald zerbrochen wird, wird sich auch hierin zeigen. Frankreich steht bereits mitten im Culturkampf. Großbritannien. London, 2. Juni. Lieutenant Conder, der Führer einer Vermessungsexpedition in Palästina, erstattete gestern bei einer wissenschaftlichen Conferenz zu South Kensington Bericht über seine Thätigkeit im heiligen Laude. In fünf Jahren sind von den 6000 (englischen Ouatradmeilen des Landes 4,600 vermessen und ungefähr 4000 Höhebestimmungen vorgenommen worden. Eben so viele historisch wichtige Namen als Ouadratmeilen sind festgestellt worden und ausführliche Karten des Landes werden angefertigt und sind der Vollendung nahe. Die Ortsnamen in Palästina sind dem Berichte zufolge nicht jüdisch, sondern canaanitisch, die Landessprache aber nähert sich mehr dem Hebräischen als dem Arabischen. Von 120 auf .einem Denkmal genannten Städten sind 100 als biblische Ortsname:: indentificirt und die Lage von drei Viertheilen der biblischen Städte ist endgültig bestimmt worden. Die Lage der Höhle von Adullam und der Täusfört in: Jordan. ist frstgestAlt^ Die letztere liegt nahe bei der Ebene von Basan und dem galilüischen See. Das alte Palästina war offenbar besser angebaut als das Land jetzt ist. Die Wälder in: Norden sind verschwunden, im Süden ist die Beschaffenheit des Landes nur dem Grade nach verschieden von den früheren Zuständen. London. Das „Montefiore-Fonds Comite" hat folgende Zuschrift eines „christlichen Bruders" der anonym zu bleiben wünscht, erhalten. Der Unterzeichnete übersendet beigeschlossen eine Note von fünfzig Pfd. St. als Beitrag zu den: Fonds, welche dem Andenken des edlen und hochsinnigen Sir Moses Montefiore gewidmet ist, dessen seit einer langen Reihe von Jahren bethätigtes Wohlwollen gegen seine Glaubensbrüder aller Länder, namentlich aber Palästinas, sowie seine unbeschränkte Liebe zu allen Menschen ihn Zahllosen zum Segen, Vielen zum Muster und nachahmenswerthen Beispiel gemacht haben." Einer vor Kurzem angestellten statistischen ,,Aufnahme zufolge, wohnen in dem Vereinigten Königreiche Großbritannien und Irland 51,250 Israeliten, von denen 39,833 allein auf die Stadt London entfallen. — In Nottingham hatte die jüdische Gemeinde von dem Oberrabbiner von England die Erlaubniß erhalten, eine Capelle zur Umwandlung in eine Synagoge zu kaufen. Jndeß ein hervorragendes und reiches Mitglied der Gemeinde hat sich, und bis jetzt mit Erfolg, dem Plaue widersetzt. Derselbe hat sich erboten, auf eigene Kosten eine neue Synagoge zu bauen. tiiifilniiii. Petersburg, im Juni. Auf dem im September d. I. in Petersburg stattfindenden Orientalistencongreß sollen u. a. folgende Fragen zur Verhandlung kommen: 12. Wie erscheint in den egyptischen Inschriften die Bevölkerung Palästinas vor der Invasion der Hyksos? 13. Inwiefern können die Wechselbeziehungen der arabischen Stämme dazu dienen, die politischen Verhältnisse der israelitischen Stämme zur Zeit der Richter zu beleuchten? Witna. Eine große Anzahl ausländischer Bücher und Zeitschriften, namentlich aus London dürfen in Rußland nicht eingeführt werden, und finden daher ihren Weg durch die Hände der Contrebandisten. Nun sind wahrscheinlich j in Folge einer Anzeige oder auch einer bloßen Vermuthung, j in den ersten Tagen des Peßachfestes sechs und dreißig > junge Israeliten arretirt worden, und diese Zahl vermehrt j sich noch alltäglich; am 20. April waren es bereits sechs und! fünfzig. Wenn dies auhält, so steht zu befürchten, daß bald! kein istaelitifcher Jüngling mehr frei in Wilna uuchergehen j wird. — Es ist dies eine Art Inquisition, denn man erj greift nicht allein diejenigen, bei welchen verbotene Bücher j vorgefuuden werden, sondern Alle, welche den Genödarmen in die Hände fallen. Die Gefangenen werden wie die größten Verbrecher behandelt. In Wilna bestand ein Talmud-Thora-Verein, ein Institut, wo sechzig arme Waisenkinder in der hebräischen und russischen Sprache unterrichtet wurden und alsdann irgend ein Handwerk erlernten Die Anstalt wurde natürlicher Weise ausschließlich von Israeliten unterhalten. Im vergangenen Monat ist dieselbe nun auf Befehl der Negierung geschlossen worden. — In dieser Stadt existirte seit bereits 126 Jahren eine berühmte hebräische Buchdruckerei, welche ebenfalls und zu gleicher Zeit polizeilich geschlossen wurde. Diese den Geist des Jahrhunderts und jegliche Civilifation verleugnenden Thatsachen bedürfen leider keines weiteren Commentars. Fokschan, 19. März. Mit Vergnügen kann ich Ihnen heute von einem sehr lobenswerthen humanen Charakterzug unseres Herrn Präfecten Dimitrache Neculaide Mittheilung machen. Die hiesige Primarie (Gemeinderath) beschloß nämlich, den Fleisch-Verschleiß an irgend einen Unternehmer gegen Garantie zu vergeben, damit man das Fleisch stets zu einem bestimmten Preise haben könne, und den Willkürlichkeiten der Fleisch-Verkäufer eine Schranke gesetzt werden solle. Nun beabsichtigte die Primarie ursprünglich zwei Preise einzuführen für Koscher- und NichUKoscherfleisch. Ersteres etwas theuerer, letzeres billiger. Dagegen legte der Präfect sein Veto ein, behauptend, daß man das koschere Fleisch der jüdischen Bevölkerung, das ja ohnehin durch die Gabella noch besteuert wird, nicht höher, als das der christlichen taxfrei: dürfe, und daß vielmehr die christliche Bevölkerung das Fleisch um einige Centimes theurer bezahlen solle, auf daß auch der Jude das koschere Fleisch zum selben Preise wie der Christ das seinige bekomme. So wurde denn auch vorige Woche die Fleisch. Entreprise mit 85 Centimes per Oka koscher und. nicht koscher vergeben. Solch erfreuliches Tolerauzzeichen verdient weit und breit öffentlich gerühmt zu werden, umsomehr, da es von einem hohen Vertreter der Negierung kommt, welche sich sonst um die jüd. Interessen wenig kümmert. Herr Neculaide hat während seiner vierjährigen Präfecten-Laufbahn bereits zu wiederholten Malen Zeugniß von seiner humanen Denkungsart an den Tag gelegt, er verfährt mit den Juden gelinde, ja liebevoll. — Er unterläßt^ auch nicht, hier und da einen! warnenden mahnenden Blick in die jüdischen Cultus-Angelegenheiten zu werfen, so ließ er z. B. vor einigen Monaten in dem zu unserem Districte (Putna) gehörenden Städtchen Nemalosa, wo sich ungefähr 40—50 jüdische Familien befinden, die seit lange baufällig stehende Synagoge versiegeln, um einem Unglücke vorzubengen; er forderte die dortige jüdische Bevölkerung auf, daß sie sich um ein neues Bethaus umsehen möge. Mögen sämmtliche hohe Staatswürdenträger ebensowenig von Vorurtheilen gegen die jüdische Race befangen sein, wie Herr Neculaide es ist, sodann wird der eingefleischte Judenhaß allmälig entschwinden. Marschau. Am 10. Mai (oder Jjar) starb der Professor der Medizin an hiesiger Universität, Dr. M. L. Hirschfeld. Derselbe war hier 1817 geboren, sein Vater war Schochet. Daß dieser den Sohn religiös erzog, Bibel und Talmud lernen ließ, ihn aber den Kampf mit Mangel und Noth bei dem Vorwärtsstreben auf der Bahn des Lernens nicht ersparen konnte, braucht nicht gesagt zu werden. Der junge Hirschfeld galt als Knabe für einen Jluj — es litt ihn aber nicht länger im Cheder, er ging nach Deutschland, studirte seit 1834 Medizin in Breslau und Berlin und kam dann nach Paris. Dort wurde sein Werth erkannt, er stieg zum Lehrer der Anatomie an der Universität und zu einer bedeutenden Stellung am Hotel Dien empor. Im Jahre 1859 wurde er zun: ordentlichen Professor an der Akademie und dann an der Universität seiner Vaterstadt berufen und nahm den Ruf aus Liebe zur Heimath an. Obgleich er der polnischen Sprache nicht mächtig war, fanden seine Vorlesungen doch großen Beifall. Eine Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen und Schriften ist hier nicht am Platze: er war eben ein gesuchter und glücklicher Chirurg, ein höchst uneignnütziger, edler Mensch, blieb trotz Ehren und Orden, deren er viele erhielt bescheiden, leutselig gegen Jeden — gegen seinen alten Vater höchst ehrerbietig, gegen seine Verwandten trotz ihrer langen Röcke und ihrer Zugehörigkeit zur Chassidimpartei, liebevoll und wohlthätig. Er ruhe sanft! Türkei. Constaniinopel. Das neue Ministeriun: ist, wie „Jew. Chron." vernimmt, den Juden recht günstig gesinnt. Wie es heißt, soll der Ministerpräsident, Midhat Pascha, dem Plane, die in Syrien angekauften Ländereien mit türkischen Obligationen zu bezahlen, seine Zustimmung gegeben haben. Amerika. Am 24. Mai trat eine Convention von Delegaten fast aller israelitischen Gemeinden der größeren Städte in den Ver. Staaten zusammen, um über geeignete Maßregeln zur Gründung eines israelitisch-theologischen Seminars zu berathen. In dem zur Beschickung dieser Convention aufsordernden Aufrufe wird u. A. gesagt: Trotzdem die Zahl kostbarer und eleganter Tempel sich zusehends vermehrt, trotzdem gelehrte und beredte Männer die heil. Schrift auslegen und trotz des vermehrten Eiuflusses der jüdischen Presse ist es augenscheinlich, daß der Glaube nicht mehr so fest im Herzen des Volkes wurzelt. Es ist daher um dem immer weiter u:n sich greifenden Uebel Schranken zu setzen, dringend nothwendig, Rabbiner in amerikanischen Instituten heranzubilden, welche gediegene Kenntnisse der jüdischen Geschichte, Literatur und Philosophie besitzen und fähig sind, die Kinder in diesen Fächern zu unterrichten. (Wir wünsche:: von Herzen, daß in den gegründet werdenden Instituten der Geist der jüdischen Gelehrsamkeit und Religiösität eine Stätte finden möge. Mögen sich auch die „jüdischen" Prediger, die des Sonntags so gerne ihre oratorischen Gaben in der Kirche brilliren lassen, immerhin vermindern, — der Glaube wird dann gewiß wieder festere Wurzel im Herzen des Volkes fassen. Red.) Sprüche und) Talmud und Midrasch von Adolph Oster in kanten. Dieser sieht kein Heil und kein Gelingen lind schafft und wirket Tag und Nacht, Jenem lacht das Glück in allen Dingen, Obschon er nie Geschäfte macht. Der Werth des Weisen und Gerechten Wird dann erst recht erkannt, Wenn längst die ird'sche Hülle berget Des Grabes enge Wand. Der mir Hülfe sollte bringen, Legte meinem Fuße Schlingen. Mit der Waffe, die er sich zum Schutze gemacht, Hat ihn der Mörder selbst umgebracht. O siehe, welcher Stolz, er glaubt) er wäre selbst der König, Und stand in seiner Nähe nur ein wenig. An der Blüthe erkennt man, Wie die Frucht wird werden, Auch dem Kinde merkt man's an, Ob's was Großes wird auf Erden. Wenn die Frau webt und spinnt, Man recht viel Geräusch vernimmt, Doch die Haspel thut dies nicht allein, Auch die Zunge will recht thätig sein. Auch von: ganz geringen Mann Nimm den Segen dankbar an, Seinen Fluch such' zu vermeiden, Daß Du nicht dadurch mußt leiden. Das beste Opfer, Gott geweiht, Ist Demuth und Bescheidenheit. Heute lebst Du noch, Vielleicht schon nicht mehr morgen, Drum mache Dir auch nicht Die Zukunft große Sorgen. Spricht das Herz nur durch den Mund,- Thut er Dir das Richt'ge kund. Briefk ast en. „In den jüdischen Briefen von B. A. Nr. 25 ist Spalte 2, Zeile 16 von oben nach nur hinzuzufügen: wenn er — also: „nur wenn er — nach dem Schriftworte" u. s. w (Andere geringer: Errata als z. B. in Anmerkung 5 Pichü statt Picke, in Spalte 2, Zeile 46 v. o. wo in ein Ziel, mit es breit zu drucken, „ein" unterstrichen war, habe ich nicht weiter beachtet. Druck der Langen'schen Buchdruckerei in Cöln.