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Der israelitische Bote · 1876-05-25 · 21 (25.5.1876) · p. [Seite 4]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
21 (25.5.1876)
Date
1876-05-25
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German
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Handlung. Kor kurzem fuhr der Pfarrer B. von N. im Postwagen von St. Goarshausen nach Nastätten. Als ihn der ihm gegenübersitzende Passagier gefragt, mit wem er die Ehre habe, und bei der gegenseitigen Vorstellung sich als Salomon O. von Nastätten zu erkennen gegeben hatte, überraschte ihn der Pfarrer mit der Frage: „Sie find also der sogenannte Halsabschneider O.?" Der so höflich Begrüßte, ein hochbetagter Mann, replicirter, er habe nie andere als ehrliche Geschäfte gemacht und Bedürftigen schon viele Wohlthaten erwiesen, wisse also nicht, wie er zu solcher Beschimpfung komme, worauf der Pfarrer sagte: Diesen Beinamen habe er einmal, er selbst habe seine Pfarrkinder schon vielfach vor ihm gewarnt; es sei bekannt, daß die Juden häufig Wohlthaten erweisen, um Verzeihung für ihre Schlechtigkeit zu erlangen, im klebrigen rathe er ihm, sich taufen zu lassen, denn das einzige Mittel für die Juden, nicht verdammt zu werden, sei der Uebertritt zum Christenthum. Herr O. strengte natürlich einen Jnjurienproceß gegen den bckehrungseifrigen Seelsorger an, der bei der heutigen Verhandlung sich mit Christus tröstete, der auch vor Gericht geschleppt sei; er würde, wenn umgekehrt er in dem Wagen geschmäht worden wäre, seinem Gegner verziehen haben u. s. w. Das Gericht verurtheilte ihn zu 50 Mark Geldbuße. Marburg, 8. Mai. (Verspätet.) Ein ebenso seltenes wie schönes Fest feierte am 1. d. M. der Lehrer der hiesigen israelitischen Gemeinde Herr I. Oppenheim, nämlich sein 25jähriges Dienstjubilärnn. Wenn die Feier weit über das bei solcher Gelegenheit liebliche hinausging, so hat dies seinen Grund darin, daß es sich, für alle dem Jubilar Näherstehende, nicht allein darum handelte, ihm die verdiente Anerkennung für sein erfolgreiches Wirken als Lehrer der Jugend zu zollen, sondern vorzugsweise auch darum, ihm den Tribut des Dankes für seine außerordlich segensreiche Thätigkeit als treuer Nathgeber darzubringen. Was aber gerade die verdienstvolle und mit so mancher schönen Frucht gekrönte Lehrthütigkeit betrifft, so ist es weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannt, daß die erzielten Erfolge bei nicht wenigen Schülern und Schülerinnen weit über das gewöhnliche Maß hinausgingcn und eine feste Basis für spätere treffliche Ausbildung gelegt haben. Dabei ist er der Mann, welcher in allen Verhältnissen des Lebens, so bald man seine Hülfe und seinen Rath in Anspruch nahm,, stets nach Kräften kbemüht war, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, und da zu wirken, wo es in seinen Kräften stand. Von diesen Gefühlen getragen, hat sich denn auch Alles bestrebt, den Festtag zu einem für den Jubilar, wie für die Theilnehmer gleich freudigen, und die Feier zu einer erhebenden zu gestalten. Von der hiesigen städtischen Behörde sowohl, als auch von den Spitzen der höheren Lehranstalt, den Freunden und ehemaligen Schülern, wurden ihm die herzlichsten Glückwünsche und zum Theil recht werthvolle und sinnige Geschenke dargebracht. Von) den letzteren erwähnen wir namentlich dagroße, prachtvoll ausgestattete Album, mit den Photographien der meisten Schüler des Gefeierten „zur bleibenden Erinnerung." Abends vereinigten sich mit dem Jubilar viele Gäste zu frohem geselligen Zusammensein, wobei die zuversichtliche Hoffnung zum Ausdruck kam, auch das 50jährige Jubiläum in gleich fröhlicher Weife begehen zu könnend) Wiesbedtk, 5. Mai. Der Kaiser gab am 3. ds. de« hier anwesenden Fürstlichkeiten zu Ehren des Königs von Belgien ein großes Abschieds-Diner, zu welchem vo» auswärtigen Rotabilitäten auch Frhr. Carl v. Rothschild in Frankfurt mit einer Einladung beehrt worden ist. jarxrver, im Mai. Am Tage vor j'h bewegte sich von der Langenstraße hier ein unabsehbarer Trauerzug nach dem jüd. Friedhöfe. Es galt, einer edlen Frau, der Gattin des bekannten Hotelier Herrn I. Spanier, die letzte Ehre zu erweisen. Die Hingeschiedene, Frau Henriette Spanier, war eine brave, edle Hausfrau und wahrhafte Verehrerin unserer heiligen Religion. Für ihre Familie sowohl, wie kür unsere Gemeinde ist sie viel zu früh gestorben. Den Armen gab sie reichlich von ihrem Vermö- * Auch wir bringen dem geerhrten Jubilar, dessen Verdienste um die Jugendbildung im Geiste echter Religiösitat wir anerkennen, nachträglich unfern herzlichen Glückwunsch, und sprechen unsere besondere Freude aus über ein Fest, das nicht minder die Veranstalter als den Jubilar ehrt. Möge letzterem die Zeit bis zum 50jährigen Jubiläum in ungetrübter Gesundheit und in B e r u f s f r e u d i gkeit dahinfließen. gen, ohne je nach der Religion zu fragen. Die Vorschriften j der Thora erfüllte sie mit ängstlicher Genauigkeit und gehörte noch zu denjenigen Frauen, welche man als Erste und Letzte in der Synagoge sehen konnte. Vor wenigen Jahren hatte sie das Glück, wenn auch sehr leidend, das Fest der silbernen Hochzeit zu feiern, und ihre 3 Tochter unter die N21N zu führen. 2 Rabbiner befanden sich hinter dem Sarge, der; eine, Herr Kreisrabbiner Goldmann aus Eschwege, als Verwandter, und Herr Landrabbiner Dc. Meyer, als fungirender Geistlicher. Am Grabe hielt Herr Dr. Meyer eine, allen Anwesenden zu Herzen gehende Rede, in der er sie mit Salomons verglich, mit dem Biederweibe, das keinen Hungrigen aus dem Hause entläßt, ohne ihn gesättigt zu haben, und lieber sich und den Ihrigen es abknappte, als einen Armen leiden zu sehen. Möge es nie an 'solchen Frauen in Israel fehlen zur Ehre und zum Wohle der Gemeinde und zur Freude ihrer Angehörigen! — (Israelitische Religionsschule.) Von dem erfreulichen Aufschwung, den die israel. Religionsschule seit ihrer Reorganisation auch der Zahl nach macht, liefert der Umstand den sprechendsten Beweis, das mit dem neu begonnenen Schuljahre ca. 63 Schüler derselben zngeführt wurden. Hoffentlich hat dieselbe alle die Vorurtheile. die berechtigten und unberechtigten, gegen die sie zu kämpfen hatte, bald überwunden und steht dann ihre Zahl mehr und mehr wachsen. B . . . Berlin. Die jüdische Bevölkerung der Louisenstadt ist dieser Tage durch einen engherzigen Beschluß des Kn chenvorstandes der Louisenkirche, wonach der Bff'uch des LouifengartenS, eines bekannten Erholuugsplatzes jener Gegend, den jüdischen Familien fernerhin nicht mehr gestattet sei« soll, in eine nicht geringe Aufregung versetzt worden. Alljährlich am 1. Mai werden zum Besuche des Louisengarteus 1000 Schüssel an die Bewohner der Gemeinde s. 3 Mark an Andere ä 6 Mark verabfolgt, von welcher Einrichtung auch viele jüdische Familien einen steten Gebrauch gemacht haben. Als dieselben indeß vor einigen Tagen auch für dieses Jahr den Gartenschlüssel vom Küster der Louisenkirche gegen Erlegung der üblichen Gebühren in Empfang nehmen wollten, eroffnete ihnen derselbe in sehr höflicher und theilnehmender Weise, daß er nach einer Anweisung des Vorstandens die Schlüssel nur noch an evangelischer Gememdemitglieder verabfolgen und Juden erst dann berücksichtigen dürfe,Mlsn^noch'SchüM^oisWm^k blieben--- D Unter den am 11. Mai a. c. publicirten Testamenten befand sich auch das des verstorbenen Herrn Isaak Heymann Jonas, laut welchem M. 1200 zu wohlthätigen Zwecken ausgesetzt sind. — Die Verwendung derselben steht den Herren Testaments-Exccutoren A. M. Heilbut und S. L. Jonas frei. B Hamburz. (Priv.-Mitth.) Die Chefs der hiesigen berühmten VerlagS-Firma Gebr. Berendsohn feierten das 25jährige Bestehen ihrer Firma. Der hies. Buchhändler- Verein überreichte denselben durch eine Deputation eine Glückwunschadresse. Fürstender g. Das seltene Fest der goldenen Hochzeit eierte hier unser langjähriges Vorstandsmitglied, Herr Joseph Zossenheim, nachdem sein Bruder, Herr Michaelis Zossenheim, schon im Mai vor. Jahres eben das seltene Fest gefeiert hat. Beide Ehepaare sind Gott sei Dank in sehr guten Verhältnissen und bei guter Gesundheit. D. — In München starb vor Kurzem ein sehr verdienst voller Mann, Abraham Wolfsheimer, dessen Tod dem dortigen Schulwesen eine tüchtige Stütze raubt. Er gründete vor 30 Jahren die dortige israelitische Schule und leitete dieselbe durch diesen ganzen Zeitraum hindurch mit ebenso vielem Eifer wie Geschick. Seine stete Anstrengung, sich in seinem Berufe zu vervollkommen, seine Leistungen und die Freundschaft, die er allen seinen Mitarbeitern widmete, sichern ihm ein dauerndes Gedächtniß. Frimlirelch. Karls, im Mai. Die Ausführung der neuen Gesetzesbestimmungen über die Recrutirung und Militärpflichtigkeit hat bekanntlich bei den naturalisirten Eingeborenen Algeriens große Unzufriedenheit hervorgerufen und sogar, an einzelnen Stellen mehr oder minder aufrührerische Bewegungen veranlaßt. Die Oberrabbiner Charleville und Isidor haben in Folge dessen einen Hirtenbrief erlassen, worin die algierischen Israeliten in einem eben so kräftigen, wie eindringlichen Tone ermahnen, auch in der oben erwähnten Hinsicht den Gesetzen des Mutterlandes zu gehorchen. / Dieser von einem warmen Nationalgefühl zeugenden Haltung der Oberrabbiner stellen die Arch. Jsr. die in s Lächerliche getriebene Intoleranz des Maires der . Stadt Auxerre gegenüber, welcher sein Amt niederlegte, weil . . . er einem Juden, dem unlängst zum Präfecten des Departements Panne ernannten Herrn Ernst Hendle, nicht untergeordnet sein wollte. — Ein anderweitiges Beispiel solcher gehässigen Unduldsamkeit wurde bei Gelegenheit der Candidarur des Herrn Camille See zur Mitgliedschaft der Zweiten Kammer von einem Wähler geliefert, der in einer am 14. April gehaltenen Wahlversammlung, sich kräftigst gegen diesen Candidaten verwahrte, weil er ein Jude sei und von einem andern Juden, dem Herrn Cromieux, unterstützt werde. „Ja," antwortete See hierauf, „ich gehöre durch meine Geburt zu jenem Volke, für welches die sransische Revolution so Viel gethan hat; ich fearsie, weil sie uns zu Bürgern erhoben und uns das Recht zu leben gewährt hat" Durch laute, allgemeine Beifallsrufe zu diesen treffenden Worten bewies die ganze Versammlung, daß sie keineswegs übereinstimmte mit der Ansicht jenes Wählers, der in den politischen Wahlkampf den Religions- Hader der vergangenen Jahrhunderte hineinschmuggeln wollte. Und als ein anderer Wähler, obzwar er die allgemeine Entrüstung theilte, den Mann durch die Annahme zu entschuldigen versuchte, daß jene Gehässigkeil ihm im Feuer der Improvisation entfahren sei, entgegnew Herr Säe, dies sei nicht der Fall, indem der Betreffende die Rede vom Papier abgelesen habe. Auch von andern Seiten wurde die Candidatur in gleich unwürdiger Weise bekämpft; aber alle diese dem Geiste unsres Jahrhunderts Hohn sprechende Handlungen habe« glücklicher Weise wenig genutzt, da, wie bereis in einer srühern Nummer gemeldet, Herr Säe mit bedeutender Majorität gewählt worden ist. HoÜMd. 'sGriwekhage, 3. Mai. Am l. d. M. beging unser Glaubensgenosse, Herr S. H. Hertzveld, welcher eine hohe und einflußreiche Stellung im Departement der Finanzen bekleidet, sein sünzigjährigeS Amtsjubiläum unter ehrenvollster Betheiliguug seiner Amtsgenossen und zahlreichen Freunde. Im Aufträge des Königs wurde dem Jubilar von Sr. Ercellenz dem Finanzministcr unter Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um das Vaterland die erfreuliche Mitiheiluug gemacht, daß er von Sr. zmw Ritter des Ordens der, Eichenkrone ernannt sei. — Herr Hertzveld hat sich/ namentlich" ^us dem Gebiete der Administration ausgezeichnete Verdienste erworben, das „ Reichs gesetzbuch der dir^tew KeKueU'ffAg.cku ttot Ni edenlau den" und „das Patentrecht" zeugen von seiner gründlichen Fachkenntniß und scharfen Urtheilrkraft. Nermischies. In der Stadt N. kam ein israelitisches Ehepaar znfammen, von welchem jedes mit einer Menagerie herumreiste. Der Mann ließ bei dem Zusammentreffen aus den Anschlag zettel setzen: Durch das Zusammentreffen mit meiner Frau hat sich meine Menagerie um ein Bedeutendes vermehrt. krrf Eski. Vertrau' auf Gott zu jeder Zeit Zu jeder Stund' in Freud' und 2eid, Auf keinen anderen sollst Du bauen, In Ihm allein nur Hoffnung schauen; Und in des Unglücks trüben Tagen, Wenn Sorg und Leid Du mußt ertragen, Dann denk' in Deinem innersten Herzen, Daß Gott umsonst nicht schicket Schmerzen, Daß nur sie sind uns zu belehren, Um reuig zu Ihm zurückzukehren. Und in des Glückes heiteren Stunden, Wenn noch kein Ungemach Du empfunden, Dann wirs mit andachtsvollem Sinn Dich betend vor Seinem Throne hin, — Daß er Dich nehme in seiner Hut Und Dich bewahr' vor Uebermutb, Daß Du nicht undankbar vergißt, Wer die Quelle Deines Glückes ist. Drum wollen wir Gott für Alles danken Und im Unglück nicht verzagen Und nicht übermüthig von Ihm wanken In des Glückes heitren Tagen. Adolph Oster. Dr«ck ser Lrngeii'schkn Buchdr«ckerei in Cöln. (Redaction.)

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