Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 21 (25.5.1876)
- Date
- 1876-05-25
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnement: Vierteljährlich 2 M., Ausland vierteljährlich 2 U. »0 Pf. DefieLungen nehmen ale Postanstalten entgehn. Erscheint jeden Donnerstag. Redakteur und Herausgeber Moritz Baum in Cöltt, Humboldtstraße 0!r. 4. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Wiederholungen mit Rabatt. Inserate werden bis Montag erbeten. Expedition: Humboldtstraße 4. II. Jahrgang. Cöln, M 21 ■■"LJgBB!..- 111 ■ ■ ■■■. •mmmm—m—mm—mm—mm—mmmm Leitartikel. Die Ke-hira. (Schluß.) Anerkennen ivir so, bafj Gott es ist, der gleichsam die Schlüssel des Himmels und der Erde in Händen hält mib raumen so jedem Tage zwischen dem Peßach- und Wochenfeste, zu welcher Zeit wir, wie oben erwähnt, zu dieser Anerkennung Gottes in der Natur mehr als jeder andere hingeleitet wergen, * b '' sderen Werth ein, so regt in uns das Zählen' deriei.veii Tage auch besondere Dankgesühle gegen den Gott in der Geschichte an für die Gnade, die er während dieser Zeit dereinst unseren Vorfahren erwiesen! Am Peßach feierten wir das Fest unserer Befreiung ans Aegypten, am Wochenfeste das Fest der Offenbarung! Unsere Befreiung sei da aber nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zwecke der Offenbarung, wie es auch also heißt: :N7PPP2 'bxn PK 'jTOyP "ID Wenn du das Volk herausgeführt haben wirst aus Aegypten, werden sie Gott dienen auf diesem Berge! Wie wunderbar und unbegreiflich ist dieThatsache in der Geschichle, daß ein Slavenvolk, das Jahrhunderte hindurch keinen freien Willen hatte, dessen Zwingherren selbst in die Nacht des Irrwahns und des Unglaubens versunken waren in so kurzer .^eit zur Sonne der Wahrheit und Gotteserkenntniß sein Auge emporzuheben vermochte. Sehen wir uns in der Eultrugeschichte der Menschheit nur een n enig nur, so finden wir,! daß andere Völker vielleicht eben so viele Jahrhunderte als hier Wochen brauchten, bevor sie sich von der niedrigsten Muse der Gesittung Md-Mkeyutu.sß Atk- ^rdlichen Höhe derselben emporzuschwingen vermochten! Mochten auch die alten Traditionen der Patriarchen ihren Anteil an dem sittlichen Fond der Israeliten gehabt haben, so war doch ein so schneller Um- und Aufschwung in den Geistern und Gemüthern ohne göttliche Vermittlung undenkbar, daher es auch heißt: 'bt DDPX K>2K1 DV-lttO ^32 bv D2PK KKW Und ich (Gott) führte euch aus Adlerfittigen einher und führte euch empor zu mir, d. h. zur Erkenntniß und Verehrung Gottes! Darum zählen wir die Tage dieser wun- Feuilleton Ein hm Kipur in München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. „Ter junge Baron Undolt, Rittmeister bei den Dragonern, einer der bravsten Offiziere . . . hat sich gestern Abend erschossen .... 27 Jahre alt ... . eine junge Wittwe, zwei Waisen, trostlose Eltern! — ach, ist das ein Unglück!" Der Sekretär wandte sein Gesicht ab, als wolle er seine höchst respectwidrige Rührung verbergen. »Ich bitt' allcrunterthänigst um huldreiche Entschuldigung, aber man ist Mensch. . . ah." «Warum hat er sich erschossen? wa.. hört man darüber?' Der Sekretär spielte stine Nolle meisterhaft. Er konnte zuerst vor Schluchzen nicht sprechen, als er sich endlich gefaßt hatte, antwortete er mit schwankender Stimme: „Der arme, liebe, gute Herr! er ist von den Juden schändlich bewuchert worden, — und die sollen ihn so unmenschlich — bald hält' ich gesagt — nnchristlich gedrängt haben . . . ." Der Kurfürst erbleichte. Der Selbsiinörder war ihm im Leben sehr nahe gestanden. Er war eine Zeit lang >sein dienstthuender Offizier gewesen, und hatte ihm vor drei Jahren bei einer Ebersagd das Oben gerettet. Daß Juden mit Offizieren und Cavalieren Geldgeschäfte treiben, war außer Zweifel, und welch' andere Grunde alS ———I | ■ 1111 ) '» I I ll.lll!■■■» _ Ml ” L'JIÜSJ— baren Lhatsache, um einem jeglichen derselben ein besonderes Gewicht beizulegen und einen vesonderen Einfluß einzuräumen, um gleichsam in jedem folgenden Tage den höheren Fortschritt zu feiern, den unsere Vorfahren auf dem Wege zur Wahrheit machten, deren Sonne ihnen nach sieben Wochen der Läuterung von den ägyptischen Schlacken aufging in lichter Reinheit, gleichwie der mit einer Unreinheit Behaftete dem Zustande der völligen Reinheit entgegenzählt sieben Tage von der Zeit an, da die Unreinheit von ihm gewichen! Wir versetzen uns zurück in die gottbegnadete Zeit unserer Vorfahren und empfinden mit ihnen den Seelenschmerz, der sie darüber erfüllte, daß sie nicht gleich beim Auszuge aus Aegypten befähigt waren, die Lehre zu empfangen! Wir begreifen auch, warum amjPeßach dieQpfergabe aus Gerste, am Wochenfeste aber aus Weizcnbroden bestand. Die Gerste ein Nahrungsmittel desThieres, sollte das Symbol sein, daß wir zu jener Zeit des Auszuges uns noch auf der Stufe bcsanden, aus der wir statt des Sitteugesetzes nur die Gesetze des thierischen Instinktes kannten, auf der die Vorstellungen von Gott und seiner Lehre noch nicht in unfern Geist zu dringen vermochten. Die Weizenbrodc als Speise der Menschen, ist das Symbol unseres Fortschrittin geistiger Richtung, unsexes Fortschritts zum wahrhaften Menschen, der sich als fähig erweist in's lichte Reich der Wahrheit eingeführt zu werden. Daher kommt es auch, daß wir bei der wiederkehrenden! Zeit der Sephira nicht wie bei derjenigen sonstiger freudiger Gelegenheiten in jenem allbekannten jauchzenden Segensspruch : „Gepriesen sei, hat lebend und wähler- ''yaM^erreichcrl"lassen dre^'7/.it" istisern Frohsinn zum Ausdrucke bringen, da wir wissen, daß es nicht im Gefühl der Wonne, sondern des Schmerzes für unsere Vorfahren war, nicht alsogleich zu-dem herrlichen Ziele schreiten zu dürfen. Dieser Grund erscheint triftiger, als derjenige, welchen Salomo ben Aderet darin erblickt, daß wir am heutigen Tage kein Omer mehr darüringen, denn in diesem Falle dürste man auch an allen Festtagen, weil heute die Opfer aufgehört haben den genannten Segensspruch anwmden. Aus der symbolischen Bedeutung des Omer ist es uns auch klar, warum die Herstellung desselben eine so quälende Geldverlegenheiten mochten einen jungen Offizier zu einern so vcrhängnißvollen Schritte treiben? „Wenn seine Mittheiluugen sich wirklich bestüligen sollten,- sprach der Kurfürst endlich mit vor Zorn bebender Stimme, „wenn meine Juden wirklich Schmuggler und Wucherer sein sollten — dann werde ich wissen, was ich zu thun habe.— Ich will, daß mir binnen 14 Tagen von allen Gerichten des Lande. angegeben wird, wie viel Prccesse von Juden gegen Adelige und Bauern in der Schwebe sind . . . Leg' er mir heute noch diese Ordre zur Unterschrift vor." Der Kurfürst verließ in höchster Aufregung das Cabinet. JI. Der Hosbanquier Eichthal schritt langsam, erhobenen Hauptes über die Straße dem kurfürstlichen Schlosse zu. Er rvar ein stattlicher schöner Mann von etwa fünf und vierzig Jahren. Er war nach der Sitte der damaligen Zeit schwarz gekleidet. In der Hand trug er ein B am busrohr mit goldenem Knopfe. Fast Jeder grüßte den Mann, der sich mit Recht deö vollsten Vertrauens seines Regenten erfreute. Oft blieb er stehen, um mit Offizieren und Cavalieren einige Worte zu wechseln. In der Nähe des kurfürstlichen Palastes begegnete er einem in Trauer gekleideten Herrn. Eichthal blieb stehen. „Herr Baron," sprach er, „ich rnnß Ihnen zrr dem Unglück condoliren, das Ihre Familie betroffen." „Ich danke," entgegnete Baron Undolt, ein Onkel des! Selbstmörders, „und bin vor Ihrer Theilnechme überzeugt. E< schmerzt mich tief,Jaß ich an dem Unglückstage von schwierige Arbeit erforderte und weshalb anläßlich desselben verlangt wird die Sorge dafür, daß es wohlgefällig ausgenommen werde Damit sollte angedeutet werden, daß bei der großen Geistesarbeit, der sich nufere Vorfahren nach dem Auszug aus Aegypten unterzogen, der Anfang das Schwerste war, und daß der gute Wille allein, welchen sie mitbrachte, ihnen zum Ziele half! Und wie der Arbeiter sehnsüchtig aus den Tag hofft, da er seinen Lohn empfangen soll, 1^2 mp1* T2120, also zählten auch unsere Vorfahren in sehnender Brust die arbeitsschweren Tage, also that es auch ihrem Herzen wohl, als sie den großen Tag herannahen sahen, da ihnen die Gotteslehre gegeben wurde. Darum heißt es auch, daß wir, die wir uns in die Seelenstimmung unserer Voreltern zurückversetzen sollen, herbeizählen sollenden fünfzigsten Tag üV D^trpn "N2 DP um in ihm den Tag der höchsten Erwartungen, den Ta^ in welchem die höchsten Grundwahrheiten uns verkündet wurden, den Tag, an welchem wir zum Gottesvolke geweiht wurden, in angemessener Seelensreude zu begehen! Wie wir aber die Tage zwischen dem Peßach- und Wochenfeste zählen und einem jeglichen ein besonderes Gewicht und einen besonderen Einfluß zuschreibcn sollen, also soll es auch unsere Sorge sein, die Tage unseres Lebens zu zählen, aus daß ein jeder von ihnen seine besondere Geltung, seinen wahren Werth habe, wie es also heißt: Lehre ununsere Tage zählen, aus daß wir ein weises Herz gewinnen! Eine Agitation gegen Inden nnd Menthum. Von I. W. Die Leipziger Volkszeitnng bringt in ihrer Nr. 29 eine Correspondenz aus „xt Berlin, 6. März," die ich unmöglich mit Stillschweigen übergehen kann, weil sie theils unwahr und theils unverstandene Verhältnisse der Juden und des Judenthums in hämischster Weise bespricht. „Mit Schrecken nimmt man wahr" — der Herr Einsender scheint sehr zarte Nerven zu besitzen — „obwohl man's ja weiß" — was man weiß, das setzt einen doch nicht mehr in Schrecken, oder nur hier ausnahmsweise? — „daß nicht München abwesend war, ich hätte ihm gern die paar hundert Gulden gegeben, das Deficit zu decken. — Sie wissen es ja, eS ist leider in die Oeffentlichkeit gedrungen, mein Neffe rvar leichrfinnig genug, aus der ihm anvertrauten Regimentskassa einen Betrag zu entlehnen, den er am Tage der Kaffa-Revision nicht ersetzen konnte — dem greisen Vater mochte er seine Schuld nicht entdecken— ich bin überzeugt, wenn er sich vertrauungsvoll an Sie, Herr Hofbanquier, gewendet hätte, Sie hätten ihm gewiß geholfen." „Ihr Resse," entgegnete Eichthal, „war ein sehr leichtsinniger Mensch, und mein Bedauern gilt, nur seinen würdigen Eltern, seiner bemitleidenswerthen Familie. Ich wußte nicht, daß er die Kassa angegriffen, das ist nie zu entschuldigen, aber wenn er zu mir gekommen wäre, ich hätte ihm irotzdem er mir 500 Dukaten schuldet, auf deren Zahlung ich nie rechnete — aus Rücksicht für seine Familie beigestanden; — übrigens war ihm nicht zu Helsen, diesmagerettet, wäre er das nüchstemal seiner Leidenschaftlichkeit! seinem heftigen unbändigen Temperamente erlegen." »Ich gehe eben zum Kurfürsten, ihn nnlerthänigst zu bitten, die Untersuchung allergnädigst niederznschlagen. Der Schaden wird ersetzt, mein Neffe ist tobt, ich hoffe, der Kurfürst wird ans Rücksicht für meinen Bruder und unsere Familie unsere Bitte gervähren. Auch hatte mein Neffe dem Kurfürsten einst das Leben gerettet." „Da gehen wir eines Weges, ick bin zu unserem gnädigsten Herrn befohlen, und mache bei dem schönen Wetter den kurzen Weg, rvie Sie, Herr Baron, zu Fuß." Forts, folgt.