Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 2 (1876)
- Issue
- 20 (18.5.1876)
- Date
- 1876-05-18
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Wie Viele deren sind, die in unserem heutigen aufgeklärten Zeitalter diese Tage dennoch nicht zählen, weil sie aus Unkenntnis; der Bedeutung dieses nur als ein müßiges Spiel ansehen, im Uebrigen auch ein weit größeres Gewicht legen aus das Zählen der gewonnenen Summe als aus dasjenige der in das Meer der Vergangenheit versenkten Zeitmomente, lassen wir dahingestellt; daß aber unter diesem Zählen von Tagen kein Zählen im alltäglichen Sinne des Wortes zu verstehen sei, daß das stetige Summiren der Tage und Wochen nicht wie ein mechanisches Additionscxempel angesehen werden dürfe, daß vielmehr das Zählen ein Wägen bedeute, und das Summiren ehtem, ZusammenMM höchst gewichtiger Momente gleichkoMÄe,'slnöze den,Aeaenstand unserer heutigen Betkach- _. r£tet der Midrasch % im welchem.^ <r das Omerzählen besprichst mit denl Salomonischen Spruche ein: 'j'nrP HD Ü7$b „Was ist des Menschen Gewinn bei aller seiner Mühe, womit er sich mühet unter der Sonne!" Denn derselbe Gedanke, der hier ausgesprochen wird, ist auch des Weiteren in der Sephira enthalten. Wendet der Mensch nur seine Kraft und Begabung, seine Mittel und Thätigkeit an die Erlangung der Güter, die unter der Sonne ihre Geltung und ihren Werth haben, d. h. der endlichen und vergänglichen allein, und vergißt er hierüber, was ihm Höheres und Größeres ausgetragen ist, so ist der Zweck des Lebens verfehlt, so bewegt er sich in Wahrheit in einem Fortschrittslosen Kreisläufe des Daseins, das ihm keinen Vorzug gewährt vor dem vernunstlosen Geschöpfe, so ist die Zahl der Tage, Wochen und Jahre, die er durchlebt, gegenstandslos für ihn und die Welt, weil er thatsächlich nichts zu seinem Frommen und demjenigen der Mitmenschen beizntragen vermag! Nicht so derjenige, der zunächst sein Augenmerk auf die höheren Ausgaben des Lebens richtet, der nach Licht und Erkenntniß strebt, der die Summe seilles sittlichen Könnens und Wollens und Handelns immer mehr zu vergrößeren, sich in das Göttliche und Ewige immer mehr zu vertiefcu bemüht ist, denn dieser trägt einen wahrhaften Gewinn von seiner Arbeit davon, bei diesem erweitert sich der Kreis seines Daseins immer mehr und mehr, und er hat ein Recht auf die Zeit seines Lebens, in der er immer weitere Fortschritte macht, und die dem eingeheimstcn Vorrathe immer neue Schätze zusühren. In diesem Sinne fleht die gotterfüllte Seele des Pfalunsten: /Ao mn p UW fflJDb laß mich wissen meinen Anspruch darauf, daß ich zählen darf meine Tage, denn dann gewinne ich ein weises Herz! Deshalb mahnt uns auch die Sephira, die Tage zu zählen, d. h. ein Leben zu führen, welches des wahrhaften Menschen würdig ist, ein Leben, in welchem kein Tag als werth- und gehaltlM mnzuselM ist. Wie aber ein solches Leben fejder in nähere Erwägung gezogen B' U tes, ^unserer geheiligten P^y;e,- > -;-4- §epyc«^ejuyair^"Daselbst „ So ihr in das Land koch int, das ich euch gebenMrde und darin Ernte, haltet, so bringet ein Omer von den Erstlingen zu dem Priester. Und er schwinge das Omer vor dem Ewigen, daß es wohlgefällig voll elich ausgenommen werde, an dem Tage nach beut Feste soll es der Priester schmiegen ss." „Und Brod und Mehl gerösteter und frischer Körner dürft ihr nicht genießen bis zu dem Tage, da ihr dargebracht das Opfer eures Gottes; dies sei eine ewige Satzung für eure Nachkommen an allen Wohnplätzen!" Und zählet also von dem Tage nach dem Feste, von! dein Tage, da ihr das Omer der Schiniegung bringet, sie-! ben volle Wochen. Bis zum Tage nach der siebenten Woche! sollet ihr fünfzig Tage zählen und darbringen nunmehr! aus euren Wohnplätzen (5. h. Palästina) zwei Brode zur Wendung ff!" Es ist selbstredend, daß ein Jeder, der seine Persönlichkeit iil der menschlichen Gesellschaft zur Geltung gebracht wissen will, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, genügende Sorge für die Erhaltung seiner selbst und seiner Angehörigen zu tragen! Er hat eine natürliche Berechtigung ja Verpflichtung dazu, Eigenthum zu erwerben, die ohne Verfügung über äußere Mittel ist nur ein fragmentarisches Handeln niöglich, bei dem eine sittliche Ausbildung nicht gefördert werden kann. Es ziemt auch dem Gewissenhaften unb Redlichen, sich über den Stand seiner Habe immer'auf dem Laufenden zu erhalten, zu wissen, ob .er weiter oder zurück gekommen, ob der Segen aus seinen Unternehmungen ruht oder fein Mühen des Segens entbehrt, denn darnach hat er feilt äußeres Leben und seine erwerbliche Thätigkeit einzurichten! Gleichwohl soll man in dem Streben nach äußerem Erwerb Maß halten, gleichwohl soll man über dasselbe niemals außer Acht lassen, daß derselbe nur als Mittel und Behelf zur Erlangung des eigentlichen und höheren Lebenszweckes dienen muß, zur Förderung im Fortschreiten auf religiös-sittlichem Gebiete! , Heben nach wahrhaft Großem und Gutem, Edlem uni.’* Erhabenem! Arbeiten war nur für das Mittel und die Behelfe, so gebtder Zweck darüber verloren. Wie di-' ReHte. - der Menschen die eigentliche Herrin ist, bei der Ausführung seines Willens, die Linke aber nur die Dienerin, also soll auch das Streben nach den höheren Gütern in uns der Herrscher, dasjenige aber, nach den vergänglichen Besitzthümern jenem nnterthan sein. Darum heißt es auch in den Sprüchen: „Dauer der Tage ist in ihrer Rechten, in der Linken Reichthum und Ehre!" Weise wird genannt derjenige, der diese richtige Auffassung vom Leben hat, ein Thor hingegen, der sie umkehrt: „Der Weise hat das Herz zu seiner Rechten, aber das Herz des Thoren ist zu Feuilleton Ein Jom Kipur tu München. Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gabriel. Fortsetzung. „Abends kommt richtig eine ganz stattliche Reihe von Frachtwagen angefahren; — aha! denken die Beamten die wollen uns mit vielem Visitiren ermüden, damit wir bei dem vorletzten Wagen schon sorglos vorgehen, wir wissen's besser, und wie der erste Fuhrmann stille halt, demüthig sein Hütet abzieht und bittet, man solle visitiren, wird lachend: Fahr zu! gerufen, — so geht es fort, bis der 38te Wagen kommt, genau wie in der-Anzeige angegeben, mit zwei starken Rappen bespannt — der wird angehalten, genau untersucht und — was findet man, ganz unschuldige Steine und Ziegel." „Oho!" rief der Kurfürst, der dem Erzähler gespannt gefolgt war, „da hat sich wohl Jemand einen schlechten Spaß gemacht, und wollte den Visitator aufsitzen lassen?" Ich bitte tausendmal ehrfurchtsvoll um Verzeihung," rief der Sekretär sich so Lies verbeugend, daß er bald zur Erde sank, „so war es nicht, es war ganz anders;'die ersten drei Wagen, die schon längst voraus waren, die waren voll der kostbarsten Contrebande — und die Zollwächler halten das leere Nachsehen und den Aerger." „Aber sie hätten gleich nachschicken und alle Wagen nochmals visiüren sollen." „Ja, Durchlaucht! Das war nicht zu verlangen; . . es dauerte ja einige Stunden, bis sie auf den Gedanken kamen, daß man sie in dieser Weise getäuscht habe; sie glaubten, man habe sie einfach zu Narren gehabt; — dann aber war es zu spät .... Die Schmuggler hatten in tiefer Nacht einen Vorsprung von einigen Stunden, — werden wohl auch so vorsichtig gewesen sein, das gefährliche Gut sofort abzuladen .... nein, das war un möglich." „Das ist ja infam!! ich werde auf allen Seiten betrogen! Wenn kein Zoll bezahlt wird, wie sollen dann die Staatsschulden getilgt und der Staat erhalten werden?" Der Kurfürst ging erregt im Zimmer umher. Plötzlich blieb er stehen. „Aber, Stocknach, er hat \a von Juden gesprochen, waren denn die Fuhrleute Juden? — oder . . . wie war das?! „Ach Gott! die Juden sind keine Fuhrleute, dazu ist ihnen die Arbeit zu schwer — und dann mit ihrem SchabbeS; will ja der Hofbanquier Eichlhal nicht einmal am Samstag . . . ." „Laß ec mir den Eichthal außer Spiel, verstanden!" donnerte jetzt der Fürst; „also wie kommen die Juden dazu? — er möchte, scheint es mir, gerne den Juden alle Schlechtigkeiten in die Schuhe schieben." „Ach, gnädigster Herr!- bebte der Sekretär respectvoll zusammen, „das ist ja allbekannt, daß nur für die Juden geschmuggelt wird — die lassen den armen verleiteten Paschern die Gefahr beim Schwarzen erschossen zn werden — und mästen sich mit dem fetten Gewinn — das weiß ja Jeder." „Bisher ist noch nie eine Anzeige gegen die Juden wegen Schmuggels erstattet worden, und der Eichthal sagt mir auch: — was macht er denn für wunderliche Gesichter, wenn ich vom Eichthal rede?" „Nichts, gar nichts, o, Gott!" entgegnete der Sekretär zerknirscht. „Der Eichthal ist ein braver rechtschaffener Herr, und das Volk, das auf ihn schimpft, verkennt ihn; aber zu gut ist er, und das ist auch ein Fehler, und wenn gegen seine Glaubensbrüder geklagt wird,' da weiß er so lange zu bitten und zu betteln, bis Euer kurfürstliche Durchlaucht imnier wieder verzeihen." Maxmilian Josef wurde nachdenkend. Das feine Gift der Verleumdung, was ihm von einem Manne, den er für einen treu ergebenen Diener hielt, täglich in kleinen Dosen eingeflößt wurde, begann nach und nach zu wirken. „Aber sag er mir nur, Stocknach, wer schimpft denn aus den Eichthal? Den lobt doch jeder Mensch, der Hospsarrer erzählt mir, daß er wöchentlich hundertArmen, christlichen Armen, Speisen verabreichen läßt, und der größte Wohlthäter in München ist. — Ich selbst habe in Erfahrung gebracht, daß er armen Beamten und pensionirten Offizieren beigestanden, Wittwen und Waisen unterstützt hat? Ist eö vielleicht nicht wahr? Hat er es anders gehört?" Stocknach vermochte nicht den Blick des Kurfürsten auszuhalten, er schlug das Auge zu Boden. „Nebrigens," fuhr der Fürst fort, „werde ich es strenge untersuchen lassen, ob sich bei den Juden geschmuggelte Waaren vorsinden; sollte dies der Fall sein — dann hätte meine Geduld ein Ende." Der Sekretär konnte bei aller Selbstbeherrschung ein Lächeln der Befriedigung nicht unterdrücken.