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Der israelitische Bote · 1876-05-11 · 19 (11.5.1876) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
2 (1876)
Issue
19 (11.5.1876)
Date
1876-05-11
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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* Abonnement: Vierteljährlich 2 Ll., Ausland vierteljährlich 2 Al. 50 kk. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden^omrerstLg. Inserate: Redacteur und Herausgeber Morttz BaUM in CölN, Die Petitzeile oder deren Raum 10 Psg. Wiederholungen mit Rabatt. HumboldtstrHe Rk- 4. Inserate werden bis Montag erbeten. .Expeditionen: Comödienstraße W? Klld Enggasse 6 — 8^. in Cöln. II. Jahrgang. Cöln, 11. Mai 1876 (5636). 19 Leitartikel. Unter der Ueberschrift „Jüdisches" IHM die Rundschau Nachstehendes mit: Welcher Intoleranz sich zuweilen auch jüdische Geistliche schuldig machen, und wie bereit sie sind, wo sie die Macht dazu besitzen, dieselbe Andere fühlen zu lassen, aber auch wie nachtheilig es ist, wenn die Verwaltung der Cultusangelegenheiten nur einer Hand anvertraut ist, zeigt folgender Vorfall, den wir der in Berlin erscheinenden „jüdischer, Presse" entnehmen. Ter Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Geestemünde, Herr Thorncr, dessen an einem Christen verheiratete, jedoch Jüdin gebliebene Tochter nach überstandenem Wochenbette, gewünscht hatte, daß bei ihrem ersten Besuch der Synagoge in derselben für sie ein Dankgebet gesprochen und ihrem Kinde ein jüdischer Name gegeben werde, hatte, als er diesen Wunsch dem dortigen Lehrer Gotthelf mittheilte, von diesem den Bescheid erhalten, daß er jenes Verlangen nicht erfüllen könne, weil er von seinem Vorgesetzten, dem Landrabbiner Dr. Meyer in Hannover, angewiesen worden sei, für die Folge bei derartigen Vorkommnissen 'jede Function zu unterlassen. Herr Thorner wandte sich hierauf an Herrn Dr. Meyer, wies darauf hin, daß, als unlängst in Geestemünde die Tochter eines Juden, ohne ihren Glauben zu wechseln, einen Katholiken geheiratet, der Pastor Wolf in -^aveii die Frage, ob er das Brautpaar wo! rde, bejaht habe, und bemerkte, daß, wenn ee Erfüllung des Wun-1 . .v gL -.in , sprechen zu lassen, abgeschlagen würde, derselben nichts übrig! bleibe, als aus dem Judenthum zu treten. Er als Vater freue sich, daß seine Tochter Jüdin geblieben und bleiben wolle, und verehre ihren Mann, weil er sie ruhig gewähren lasse; nunmehr aber wisse er nicht, was er seiner Tochter und deren Manne ob solcher Intoleranz antworten solle. Er könne sich nicht denken, daß dem Lehrer G. verboten worden sei, den Segen für eine Wöchnerin zu sprechen, und ersuche daher um gefälligen Bescheid. Der Landrabbiner erwiderte hierauf, daß er schon früher dem Lehrer G. bemerkt habe, wie die Synagoge von Familienereignissen, die außerhalb ihres Bereiches Vorkommen, leine Notiz nehmen könne, Ghabe aber das Ansinnen, für -ine in gemischter Ehe lebende Wöchnerin einen Mischeberach zu machen, um so mehr abzulehnen, als gar. nicht eünsta..rt, daß das Kind dem Judenthum werde zugeführt werden: eventuell habe G. die Betreffenden wegen alleAWDeren cm ihn zu weisen. Diese Entscheidung müsse er im.Vollen Maße aufrecht erhalten auf die Gefahr hin, der Intoleranz beschuldigt zu werden Ein Spiel mit dem Heils m und eine Religionsmengerei, bei der man nicht mehr wisse, ob die Betreffenden Juden oder Christen seien, gehen über die Grenzen einer vernünftigen Toleranz hinM.'s. Wenn indeß das fragliche Kind als Jüdin erzogen werden soll, was es der Geburt und dem Gesetz nach ist, (?) und von Seiten der Ellern eine betreffende Erklärung schriftlich oder zu Protokoll eingehändigt worden, so stehe nichts, im Wege, dem Kind auch in der Synagoge einen Mischen Namen zu geben. Es sei dann auch das Kind in die Deburtsliste der Synagogengemeinde einzutragen und dürste von der Ehrenhaftigkeit der Betreffenden erwartet werden, daß das Kind dann nicht nur dem Namen nach, sondern auch in derThat (?) als Jüdin erzogen und dereinst der jWschen Religionsschule zum Religionsunterrichte überwiesen werde. Hierauf entgegmte Herr Th., baß 'er nach Inhalt des ihm gewordenen Schreibens Na"- seiner Tochter veranlaßt sehe, auf die Nariiengebunl- Kindes in der Synagoge zu verzichten docr- 'ngender ersuchen müsst' den Lt-s " -rselbe Lei dem i-. das in der G^ .. .vc er, daß diesem Verlange. Scht gleiten werden in den Weg gelegt werden, da die nicht on ihrem Glauben abgefallene Wöchnerin am den Segen ihrer Religion in der Synagoge Anspruch mache und eine Verweigerung dieses Wunsches dem Ausschlüsse aus dem Judeuthume gleich käme.? Der Landrabbiner >rescribirte hierauf, daß er das Gesuch um so weniger bewilligen könne, als jetzt nicht einmal das Kind dem Judenthum zugeführt werden solle. ES thue ihm leid, daß er gezwungen sei, dem Selbstbewußtsein der Synagoge nicht ins Angesicht zu schlagen. Es handle sich einfach um die Frage, ob wir und unsere Kinder Juden bleiben wollen und sollen oder nicht. Mit dem Namen Jude — von dem nichts übrig bleibe als das Nichtgetauftsein — sei es doch wahrlich nicht gethan. Was anders bleibe dem positiven Judenthum bei den. Mischehen, die leider gerade in dortiger Gemeinde in so erschreckender Weise überhand nehmen? Die Synagoge kann weiter nichts thun, als diese Verhältnisse und ihre Consequenzen ignsriren. Sie schließt Keinen aus, der sich nicht selbst ausschließt, aber ihre Ehrer und Fürbitten kann sie nur Denen gewähren, die zu ist halten und in ihren Ehen — der letzten Grundlage alle religiösen wie sittlichen Lebens — dem Gesetze Moschef und Israels Folge leisten. Es erfülle ihn mit Schme daß gerade ein Mann, der so lange Jahre eifrig für Gemeinde gewirkt, in diese Lage komme. Er könne a nicht anders und wisse, daß Th. des Satzes gedenken wer „Kennt kein Ansehen der Person beim Urtheil", so l er auch, daß er ihm persönlich nicht nachtragen werde, er der Pflicht seines Amtes und den höheren Interesse? Jndenthums gemäß, ihm versagen müsse. Nach diesem Bescheide wandte sich Herr Th. ai Februar d. I. beschwerend an den Culrusminisicr, daraus hin, daß die von seiner Tochter geschlossene E vor den Staatsgesetzen gültige sei, theilte die Ana-' ' unter Beilegung der gewechselten Schriftstücke ausf mit und meinte, die Behauptung des Landrabbmers' Synagoge schließe Keinen aus "" nicht selk/ schlieüt" sei eine unwcchre. oder . ur an oem Dank men, sondern es als MDMuandlich angesehen ya^E^NS^ eine dem Glauben iyrer^Väter treu gebliebene Ehefrau, wenn auch eines christlichen Ehemannes, doch als Glied und Genossin der jüdischen Gemeinde ihre Andacht in der Gemeinde und nach dem Gebrauche ihres Volkes verrichtet hätte. Nicht die Gemeinde, die Synagoge schließe hier aus sondern der Landrabbiner, der sich hiernach für die Synagoge substituirt; von einer Selbstausschließnng könne bei seiner Tochter nach Recht und Gewissen keine Rede sein. Wenn aber, fährt Herr Th. fort, solch' willkürliche und un- Feuilleton Ei«?om Lipmj« Mache«?) Erzählt von S. Kohn, Verfasser des Gawriel. Kurfürst Maximilian Josef saß in seinem Arbeitskabinete. Vor ihm stand sein Geheimsekretär Stocknach. — Der Kurfürst war ein stattlicher starker Mann in den beginnenden Vierzig. Der Geheimsekretär, ein langer hagerer Mann mit bleichem bartlosem Gesichte, aus welchem zwei dunkle, kleine Augen blitzten, mochte in der Mitte der Fünfzig stehen. Maximilian Josef war ein Regent, der bei vielen Schwächen doch den großen Vorzug besaß, sich für das Wohl seines Landes lebhaft zu interessiren. — Nach Beendigung eines unglücklich geführten Krieges, wo ihm bei dem Friedensschlüsse dennoch ein großer Theil der verlorenen Provinzen zurückerstattet wurde, war er eifrig bemüht, das Staatswohl kräftig zu fördern. Er versuchte es, den Handel zu heben, Industrie einzuführen, den Boden urbar zu machen, Lehranstalten zu errichten und die Staatsschulden zu reguliren. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte eS auch, von seinem Geheimsekretär Stocknach allwöchentlich einen Bericht über die Vorgänge in der Residenz und dem ganzen Lande entgegenzunehmen, welcher unabhäng von den erlaufenden Polizeirapporten und Meldungen der Behörden, die sich der Kurfürst oft vorlegen ließ, eben dazu dienen *) Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzung-recht hat sich der Verfasser Vorbehalten. sollte, diese zucontrolliren. — Wirsinden ihn eben bei dieser Beschäftigung. „Also," sprach der Fürst, aus einer Tabakspfeife behaglich dichte Rauchwolken qualmend, „was hat er Neues Stocknach?" „Ich beginne erst mit dem Adel, gnädigster Herr," sprach dieser mit leiser Stimme, sich demüthig tief verbeugend. „Ich habe aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß der junge Graf Fugger im Auslande unmäßig viel Geld verbraucht und Schulden gemacht hat. — Da der alte Herr nichts mehr für ihn bezahlen will, hat er sich an seine reiche Tante, an das Stiftofräulein, gewandt; — ich habe noch nicht erfahren können, ob sie seinem Wunsche entsprochen hat." „Hm," brummte der Kurfürst, „Schade für das Geld, das im Auslande vergeudet wird, man könnt's besser zu Hause verzehren.... Thät bald Noth, man erließ ein Gesetz, daß kein Kavalier über einen Monat außer Landes bleiben darf." „Durchlaucht," wagte der Sekretär lispelnd zu bemerken, „es handelt sich um die Ausbildung und das Reisen . . . „Ah! was Ausbildung! Lasse ich mich's nicht genug kosten, daß man mit gutem Willen auch in Bayern etwas lernen kann? — Uebrigens sind die Fugger ein altes, gutes, adeliges Geschlecht!.Jugend muß auStoben, — weiter im Text." „Ein Kavalier ist eifersüchtig auf einen hier am Hofe accreditirten Gesandten, es ist vorgestern . . . „Kümmert mich nicht! — Jeder soll seine Hausehre schützen, so gut er kann — und gar ein fremder Gesandte — ich will nicht wissen, wer es ist. . nicht den Namen des Kavaliers und nicht jenen des Gesandten — weiter!" „Gestern bei einer Rauferei im Klosterbräuhause wurde ein Polizeidiener erschlagen ... cs mußte Militär requirirt werden." „Da soll ja gleich!"... fuhr der Kurfürst auf; „Hab ich denn die Polizei dazu da, daß man sie todtschlägt!? Die Thäter festhaltend? . . . was?" „Es wurde eine große Zahl der Anwesenden arretirt, einige sind entwischt .... man wird schon auf die Richtigen kommen." „Soll genau und strenge untersucht werden, notire er sich's, Stocknach, daß ich mir die Acten kommen lasse. Schöne Geschichten das! . . . weiter." „Die Jesuiten haben wieder einige Flugschriften in das Land eingeschwärzt, in denen sie sich vertheidigen und . . . ." „Und gegen mich ausreizen was?" rief der Kurfürst erregt; „aber wie kommt das? ich habe doch streng befohlen, daß man genau daraus achte, daß keine fremden Druckschriften in's Land kommen . . . habe ich denn keine treuen Beamten mehr?" Der Sekretär lächelte und antwortete mit »Merklichem Achselzucken. „Kurfürstliche Durchlaucht, auch der aufmerksamste Staatsdiener kann beim besten Willen von einem Schlaukopf überlistet werden."

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