Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt- und Schul-Magazin
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 176)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/7166791-9630800--1511-9623424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45L I. Um die heiligen Töne des Schofars zu verstehen, meine geliebten Zuhörer, was ist zuerst und vor Allem nothwendig? Wir müssen sie hören. — Wenn der Mensch diese Erde betritt, meine Freunde, wie schwach, wie ohnmächtig, wie unfähig ist er da. Wie in einem Schlummer landet seine Seele an der Küste dieser Erde. Da sollen denn alle die verhüllten Kräfte und Fähigkeiten geweckt werden, da soll er als ein freies, selstftändiges Wesen auftreten, soll handeln und wirken, sich in Recht und Pflicht üben, und durch Kämpfe, Entbehrungen und Mühen zur Sonnenhöhe der Tugend und Frömmigkeit emporschwingen. Wodurch erreicht er dies und kann er dies erreichen? Dazu übergab ihm sein Schöpfer als vorzüglichstes Mittel die Sprache! Diese-soll in ihm die schlummernden Gedanken, die verborgenen Gefühle wecken, diese soll in Freude und Schmerz, in Wohl und Weh, in Recht und Schlecht die Tiefen seiner Brust berühren, aufregen, leiten. Aber nicht blos die äußere Sprache, die durch das Ohr vernommen wird, sondern auch die Sprache der Augen, das innere Geflüster des Geistes und der Gedankenwelt mit sich selbst. Da spricht nun zu dem Menschen der Mensch, die treuen Eltern, die wachsamen Lehrer, die den Keim der Liebe und der Tugend in ihn verpflanzen, und pflegen, und beschützen. Da spricht die Natur zu uns in dem Frühling, der nach dem Winter kommt, in der Blume, die aus der Erde sprießt, in dem Vogel, der sich zum Himmel schwingt, in den Bergen, die nach oben zeigen, in dem Donner, der über unfern Häuptern rollt. Da spricht die Religion zu uns: Du sollst vor dem Ewigen deinem Gott Ehrfurcht haben, du sollst deine Eltern ' ehren, deinen Nächsten lieben, Recht ausüben, Barmherzigkeit pflegen. Da spricht der Vater im Himmel zu uns: Du sollst heilig werden, denn ich dein Gott bin auch heilig. — Alle diese sprechen mit Zungen zu uns, und unser Ohr ist geöffnet: wir hören sie. Kein Sterblicher kann sein Ohr verschließen vor diesen Sprechenden. Und wenn der eine