Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 22 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9623110--1903-9623126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
348 JUNG ISRAEL und Keller war sie unernüidlich tätig und fand immer noch Zeit, die jüngeren Geschwister zu beaufsichtigen. Der sechszehnjährige Joseph half seinem Vater im Geschäft. Der Bruder des Herrn Müller, der in Korndorf wohnte, hatte einen bösen Gichtanfall und konnte das Zinnner nicht verlassen. Joseph war schon seit Anfang des Winters bei ihm, um in seinem Spezerei- und Ellenwarengeschäft zu helfen und verlor die gute Laune nicht, obgleich der mürrische Onkel viel mit ihm brummelte. Aber mit den innrer kürzer werdenden Tagen stellte sich bei Joseph Heimweh ein, denn es nahte die schöne Channkazeit, die so herrlich in ihrem einsamen Haus verlebt wurde. Er sagte eines Tages: „Onkel, auf Chanuka kann ich doch nach Hause gehn?" „Au", schrie der Onkel und griff sich ans kranke Bein: „Ich kann Dich doch nicht entbehren, Tu wirst bei uns anzünden." Die Tante zog ihn aus dein Zinnner und streichelte seine Locken. „Mein Kind, sei brav, der Onkel kann sich ja nicht helfen, ich schenke Dir auch was Schönes." „Liebe Tante, das ist nicht nötig, aber ich wäre so gerne bei meinen Eltern und Geschwistern," und Tränen traten in seine Augen. „Nun, wenn Du so großes Heimweh hast, müssen wir Dir ein paar Tage Urlaub geben. Aber vielleicht besinnst Du Dich noch, es sind ja noch drei Wochen bis Chanuka." — Die Vorbereitungen für Chanuka fingen in der Familie Müller schon lange vor dem Feste an. Der Vater erzählte die Heldentaten der Makkabäer und erklärte alles dem kleinen Fritzchen, das voriges Jahr noch von Alterswegen zu dumm war. Es war ihnen nun allen nicht recht, daß Joseph an dem Feste nicht zu Hause sein sollte. Der war so lustig, kounte so schön singen, kurz, sie entbehrten ihn alle. Der Vater tröstete die Kinder: „Er ist beim kranken Onkel, dem er helfen muß, er konnnt aber bald wieder." — Es war richtiges Winterwetter. Der Wald in tiefen Schnee gebettet, die Landstraße glitzerte im Sonnenschein, daß das geblendete Auge sich wegwenden nnißte. Ein harter, klingender Frost, der Schnee knirschte unter den Füßen. Jetzt litten die Tiere im Walde bittere Not. Die Kinder hatten Mitleid mit den armen Geschöpfen. Sie