Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 22 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 343 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNG ISRAEL 343 der Beschäftigung mit dem Göttlichen und Heiligen ihre Armut vergaßen. So wird uns von Hillel I. erzählt, daß er täglich gearbeitet und nur vom Tagelohn gelebt habe; die eine Hälfte seines Verdienstes verwendete er zinn Ankauf der notwendigsten Lebensmittel, und die andere Hälfte gab er dem Pförtner des Lehrhaufes. Rabbi Gamliel, heißt es an einer anderen Stelle des Talmuds, war überrascht, als er bei einem Besuche des Rabbi Josua die Armut sah, in der dieser große Mann lebte; er konnte sich nicht genug darüber Wundern, wie man trotz solch' drückender Lage dennoch diese Schätze an Gelehrsamkeit besitzen könne. Rabbi Jochanan ben Gudgeda und Rabbi Simon ben Abba besaßen, so wird erzählt, eine so ungewöhnlich große Gelehrsamkeit, daß sie damit — wie der Talmud sich bildlich ausdrückt — das Meer ausmessen konnten, und dennoch waren sie so arm, daß es ihnen an trockenem^Brote, sowie an Kleidung mangelte. Rabbi Uschija und Rabbi hananja, die sich als Schuhmacher ernährten, wurden „die Heiligen des Landes" genannt. Die Gelehrsamkeit und die Frömmigkeit des Rabbi Chanina ben Dossa waren so groß, daß es allgemein von ihm hieß: Die ganze Welt wird wegen seiner Frömmigkeit gespeist; — und dabei war Rabbi Chanina sehr arm, häufig hatte er nichts, womit er seinen Hunger stillen konnte. Seine Armut hielt ihn jedoch nicht von der Ausübung seiner frommen Gesinnung ab; eines Tages, als er viele Leute seiner Stadt Geschenke nach Jerusalem tragen sah und er vergeblich in seiner leeren Hütte nach irgend einen: Gegenstände von Wert gesucht hatte, nahm er einen Stein, behaute ihn zierlich, glättete ihn und ließ ihn als seine Gabe nach dem Tempel in Zion bringen. Noch gar manche ähnliche Beispiele ließen sich aus der Geschichte unseres Volkes ansühren, doch die vorstehenden mögen genügen, um Euch, meine lieben jungen- Freunde, zu veranlassen, dem Armen mit Achtung zu begegnen; sie mögen Euch aber auch lehren, nicht in dem Erwerb von Geld und Gut, sondern in der Befolgung des Gottesgesetzes und in der Aneignung von Wissen Euren Menschenberuf zu erblicken. (Aus „Israel. Familienbl.") v