Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 22 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 342 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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342 JUNG ISRAEL Maaße gesprochen und sich nicht weiter erklärt habe. Die Frau versetzte nun, daß sie in diesem Zweifel lieber das Maaß gehäuft geben, und wenn dieses nicht die Absicht des Gemahls wäre, selbst das Mehr zulegen wolle. Die Männer kehrten, jubelnd über das große ungehoffte Almosen, zu dem Herrn zurück, um ihm zu danken und gaben ihm auch von dem Zweifel und der Großmut der Frau Kenntnis. Der Gemahl antwortete: „Bei meiner Treue, sie hat meine Worte richtig gedeutet. Meine Absicht war, so viel zu geben. Aber mit Erlaubnis, warum habt ihr so lange gezögert, zu mir zu kommen?" Die guten Männer erröteten, zauderten ein wenig, dann gestanden sie ihm offen, daß sie zufällig jenes Gespräch gehört und nicht gehofft hätten, in ihm, der ein fo karges und elendes Leben führe, Großmut zu finden. Der Wohltäter hörte alles, ohne weder Ungeduld noch Unwillen zu zeigen, dann sprach er: „Für mich kann ich nach meinem Belieben tun und sparsam leben, wie ich will; für meinen Nebenmenschen kann und darf ich es nicht." Hcbtet die Hrmen! „Habet Achtung vor den Armen, von ihnen geht die Lehre Gottes aus!" so sagen unsere Weisen im Talmud. „Die Reichen werden leicht stolz und hochmütig, wenn sich! zu ihrem Reichtum noch das Wissen gesellt; aber die Armen erhalten durch die Lehre die wahre emut und Bescheidenheit." 9 Wie unsere Weisen diese Wahrheit nicht nur zu lehren, sondern and) selbst zu üben verstanden, davon gibt ihr Leben und Wirken das beste Zeugnis. Die größten und würdigsten unter ihnen waren sehr arm, hatten viel mit der Not zu kämpfen und brachten es dennoch in ihrer geistigen Beschäftigung so weit, daß sie als Vorbild nicht nur für ihr Geschlecht, sondern für alle Zeiten dienen können. Das drückende Joch der Armut war nicht imstande, sie zu entmutigen und ihrem Geiste die Schärfe, Frische und Lebendigkeit im Forschen zu nehmen; — nein! die Armut verdoppelte ihre Kräfte, vergrößerte ihren Fleiß, und so kam es, daß sie im Studium des Gesetzes, in