Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 21 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9623085--1870-9623093- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
324 JUNO ISRAEL Haupte; grau fallen die langen Locken tief über den Gürtel hinab; er stützt sich auf einen großen Knotenstock. Er tritt heran, der Haufe schließt sich hinter ihm; er tritt ans Lager, breitet die Hände über des Knaben Haupt und spricht: „Sag' Deinen Namensspruch her, mein Knabe!" und den Lippen des schlummernden Knaben entfließen einige hebräische Worte. „Wohl, mein Knabe; so sollst Du werden eine Säule der Synagoge, eine große Leuchte iu Israel, die Krone der Lehre falle niemals von Deinem Haupte, werde immer größer durch Deine Schüler, aber von diesen werde keiner größer als Du, außer Deinem Sohne!" ... Er trat zurück und heran rauschte die Ahnsrau der Familie; o, eine stattliche Frau, eine goldne Mütze mit breiten Spitzen umsetzt, schloß eng um den schönen Kops der Greisin, der stolz aus dem Nacken sich hob, strenge Füge, aber die Liebe wohnte unter der Strenge und ward sichtbar dem tiesern Blick. Sie faßte prüfend die Troddeln des Arba Kansot, das auf dem Stuhl neben dem Bette lag, und befand sie wohl richtig, denn sie nickte nüt dem Kopfe. Sie legte die Hand auf die Stirn des Knaben und sprach: „Segen sei aut Dir, für und für!" Und als auch diese zurückwich, da teilte sich der Haufe noch einmal, und aus der hintersten Reihe desselben trat schnell eine viel jüngere Gestalt heran, ein Mann in der Blüte der Jahre, es war der Vater des Knaben, dahingeschieden, als der Knabe noch Kindlein war, und er kannte das Antlitz des Vaters gerade nur so viel, wie das des Urahns; er wußte im Traum der Seele, wer es ist, aber er kannte ihn nicht. Und siehe, der Knabe lächelte im Schlafe und lispelte ein Wort, ein Wort, das er wachend noch nie gesprochen, o jenes heilige, zweisilbige Wort, welches das Höchste, Ehrfurchtvollste bezeichnet in dieser Welt, denn im höchsten Schwünge der Seele hast Du auch für Gott nur dieses Wort — „Vater!" Und der Schatten kämpfte mit sich selbst eine lange Zeit, dann beugte er sich tief über den Knaben, fast bis zur Berührung, und sprach: „Aus allen Kämpfen, die Dir bevorstehen, gehe siegreich hervor, und die schwersten habe in Deiner Jugend zu kämpfen, und alle Deine Feinde sollen Deine Freunde werden! . . . ." Da streckte der Knabe die Glieder, und die Glocke schlug Eins an, und der Vollmond ging vorüber am Fensterchen, daß sein Strahl nicht mehr hineinsiel. Niemand war mehr im Dachkämmerchen, außer dem schlafenden Knaben.