Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 19 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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298 JUNG ISRAEL Sein Genosse von der anderen Seite der Straße, der machte sichs bequemer, der war anscheinend zn etwas Höherem geboren, wie unser Flügel ohne Neid und Schelteil selbst bescheiden anerkannte, niid der machte sichs auch danach. Weißbehandschuhte Diener standen bereit, sobald die vornehme Herrschast in der Equipage angefahren kam, und öffneten den Torflügel lautlos mit tiefer Verbeugung. Die Verbeugung galt natürlich ihiii, ineinte das eitle Goldtor, und es hatte auch das Recht, sie zu verlangeii. Es war aus einer ersten Kunstschmiede hervorgegangen, stamnite nicht von so einem gewöhnlichcn Schlosser ab wie das Nachbargesiudel. Verkehr pflegte es mit diesem denn auch gar keinen, reckte sich steif nnb kerzengrad empor und hielt es unter* seiner Würde, nur einen Knarregruß jemals zu beantworten. Die sollteii unter sich bleiben, wie sich das gehörte, er war gewiß nur durch einen Zufall in diese schwarze Gegend gekoinmen, in die er seiner ganzen Geburt, feinem ganzen Wesen, seiner gaiizeii Stellung, seinem ganzeii Aussehen iiach iiicht im Mindesten hineinpaßte. Das Leben ward ihni iiicht leicht in der Umgebung. Manchnial spürte er doch ein heimliches Behagen, wenn abends die Tore einaiider giite Nacht sagteii uni> vertraulich erzählten, wer ifjnen heute begegnet und was sie erlebt hatten. Aber sich ihnen zur Gesellschaft anbieteu, mit ihnen aufangen, sich ihnen zudrehen: das ging ihm gegen das Herz. Denn — man war doch vergoldet. Schließlich wußte er auch nicht, was er ihnen uiitteilen sollte. Was kümmerten ihn die Geschicke der reicheii Leiite, in deren Hos er feinen Posten hatte? Er hebte ja nur für sich allein. Viele Jahre waren so dahingegangeu. Der vergoldete Torflügel ward iiiimer srisch vergoldet, blieb immer gleich glänzend nach außen, gleich kalt im Innern. Der schwarze Torflügel verfiel und verkam. Der liebe Hausherr war längst ausgezogen, und der neue war ein Geizkragen, bei dem's einem gar keinen rechten Spaß machte, zn arbeiten. Wenn man so viel geleistet und so treu ansgeharrt hatte, nnißte man doch mindestens anständig behandelt, mindestens von Zeit zu Zeit mit einem neuen Gewand versehen und ausrecht gestellt werden. Allein das kostete Geld, und was Geld kostete, bannt hatte es bei dem jetzigen Besitzer gute Wege. Unser Torflügel tvurde verdrießlich, von Jahr zu Jahr verdrießlicher. So ganz kerngesund war er nicht mehr, es wackelte bei ihm an allen Ecken und Enden. Und auch in seinen Ansichten war er so schwach und gebrechlich geworden, wie