Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9623008--1805-9623028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 JUNG ISRAEL Der Bär und der Bauer. Ein Bauer war damit beschäftigt, sein im tiefsten, finsteren Walde belegenes Feld zu bebauen, als ein großer, mächtiger, brauner Bär des Weges kam. Neugierig sah der große Bär dem Bauern zu und fragte dann: „Was machst du denn da?" Der Bauer sagte: „Korn säe ich!" Der Bär schüttelte den Kops: „Ei wie dumm hier mitten im Walde, da werden dir ja die wilden Tiere dein Feld verwüsten! Weißt du was, ich will dir dein Feld treulich hüten, was gibst du mir aber dafür?" „Die Hälfte der Ernte!" sprach der Bauer nach einiger Ueberlegung. „Gut!" meinte der Bär. „Es bleibt dabei!" Und er bewachte das Feld sorgsam bei Tag und bei Nacht. Der schlaue Bauer aber säete Hafer, und als derselbe reis war, schnitt er den Hafer in der Mitte ab, nahm sich die obere Hälfte und ließ dem Bären mit den Worten: „Da hast du deine Hälfte!" die kahlen Stoppeln übrig. Aergerlich und mächtig brunnnernd trollte der überlistete Bär davon und nahm sich vor, keinem Bauern mehr zu trauen. Im letzten Frühjahr traf der braune Bär den Bauern wieder, als dieser eben sein Feld im Walde bebaute. Wieder sprach der Bär den Bauern mit den Worten an: „Was machst du denn da?" „Korn säe ich!" antwortete der Bauer. „Tie Tiere des Waldes werden dir das Feld verwüsten," versetzte der Bär. .„Was gibst du mir, wenn ich dir dein Feld hüte?" „Die Hälfte der Ernte!" war die Antwort. „Gut," meinte der Bär, „aber du gibst mir die obere Hälfte." „Der Bauer war einverstanden, und wieder bewachte der Bär getreu das Feld bei Tag und Nacht. Der Bauer aber säete Rüben. Als der Herbst kam, zog der Bauer seine Rüben aus der Erde und gab dein Bären, wie es verabredet war, die obere Hälfte —- die welken Blätter. Wütend trollte der Bär davon und sprach mit mächtigem Brummen: „Ich sehe schon, mit diesen schlauen Zweibeinigen ist es nicht möglich, in Freundschaft zu leben; nun will ich es in Zukunft mit der Feindschaft versuchen!" Und von dieser Zeit an ist der Bär ein reißendes Raubtier geworden, einer der gewaltigsten Feinde der Menschen.