Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 16 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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242 JUNG ISRAEL „Ist dies nicht,“ trug sie zuletzt, „Ein Knäblein aus dem Volke der Juden, das seine Mutter, Zu liebend, es nach dem strengen Befehl des Königs Den Händen der Mörder zu überliefern, Und doch auch zu furchtsam, es länger zu bergen, Dem glücklichen Zufall hier preisgegeben? Und ist dem auch so,“ sprach sie kühn entschlossen, „Wer könnt’ es der Tochter des Königs wehren, Dies niedliche Kind zu begnadigen und grosszuziehen, Als wär’s von jeher ihr Eigen? Ach seht nur, seht, Wie traulich, die runden Aermchen entgegenstreckend, Der holde Knabe mich anblickt! Ja komm an mein Herz, Mit goldgestickten, prächtigen Kissen Will ich dein ärmliches Lager vertauschen, Und liebliche Weisen singend, ln süsse Träume dich wiegen!“ So sprach die schöne Tochter des Königs, und holder, Von Thränen des Mitleids befeuchtet, Erglänzte ihr dunkles Auge. Du aber, o Nil, Hörtest gerührt die sanfte Rede und trugst die Worte Leise murmelnd von Land zu Land. Rasch zogen die Jahre dahin. Das hilflose Kind War längst zum Knaben geworden, und dieser zum Jüngling, Der unbekümmert um Lust und Freude, Die lauten Feste des Hofes fliehend, Gedankenvoll im Schilf oft sass und träumend Den Lauf deiner Wogen verfolgte. Heisse Thränen Entrollten seinem Aug’ und starre Trauer Wohnte in seinen Blicken; und du, o Nil, Du kanntest diese Thränen, galten sie doch Dem armen gedrückten Volke, dem er entstammte, Den geknechteten, entwürdigten Juden! Du aber lächelst jetzt dieser Thränen: sahst du ihn doch ln jener dunkeln Schreckensnacht, Die jede Erstgeburt getötet, Einherziehn an der Spitze der jubelnden,