Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 15 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9622931--1728-9622951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 JUNG ISRAEL ihm keinen Cent meines Vermögens verheimlichen. „Bykowski," würde ich sagen, „guter, alter, lieber Bykowski, da bin ich! Dreitausend Dollars Hab ich in der Tasche und neuntausend, in guten Staatspapieren angelegt, in Deutschland. Außerdem habe ich eine feine goldene Uhr und eine goldene Kette, sowie einen Ring, aber der Ring ist plattiert. Die Hälfte von allem, das ich besitze, gehört dir. Und dann werden wir einander umarmen und glücklich sein, o, so glücklich!" Ich fand Bykowski. Er war zwar nicht zuhause, als ich dort nach ihm fragte, aber er war in einem Cafe in der Nachbarschaft und spielte mit dein Besitzer Pinocle. Zärtlich sah ich ihn an. Er nahm keine Notiz von mir; da ich ihn aber sofort wiedererkannt hatte, schritt ich auf ihn zu, streckte ihm meine Hand entgegen und rief: „Bykowski! Alter, lieber Freund Bykowski!" Er blickte mich an und wurde über und über rot. „Aber," sagte ich mir, „ganz, wie ich's gedacht habe." Tann rief er: „Sorkin!" und wir umarmten uns. „Bykowski," begann ich dann, „ich habe eine Reise von vielen tausend Meilen gemacht, um den Vertrag, welchen wir in unserer Jugend geschlossen, einzuhalten. Du und ich, wir hätten ja vielleicht nicht mehr daran denken können, aber wir schworen auf die Thora, und deshalb wirst du es ebenso wenig zu vergessen vermocht haben, wie ich. Dreitausend Dollars habe ich in meiner Tasche und neuntausend, in guten Staatspapieren angelegt, in Deutschland. Außerdem habe ich eine feine goldene Uhr, eine goldene Kette und einen Ring, aber der Ring ist nur plattiert. Die Hälfte von allem, das ich besitze, gehört dir. Und ich hoffe — ich weiß, es ist selbstsüchtig von mir — ich hoffe, daß du arm bist, damit ich die Freude, mit dir teilen zu dürfen, voll und ganz empfinde." Dann sagte Bykowski: „Bitte, laß mich den Ring sehen!" Er betrachtete ihn genau und schüttelte traurig den Kopf: „Du hast Recht, er ist nur plattiert." „Wie geht es dir denn, lieber Freund?" fragte ich nun. „Sehr schlecht," erwiderte er. „Zeige mir, bitte, die Uhr und die Kette!" Innerlich mußte ich lachen: er machte sich offenbar einen Scherz mit mir. Und deshalb sagte ich: „Hier sind Uhr und Kette. Nimm sie und behalte sie als Zeichen unserer alten Freundschaft, — wir