Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
8 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 125 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9620171-9626617-9622752--1548-9622771
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUNG ISRAEL 125 Mann wird er kommen? VON LEO RAFAELS Am Tische des kleinen, niedrigen, einfenstrigen Zimmers sitzt die Mutter still und verträumt; sie hat die Arme um meinen Hals geschlungen, meinKopf ruht an ihrer Brust. Tie frülze Dämmerung des Tezembertages hat den engen Raum längst in Dunkel gehiillt; nur der Schimmer des Schnees im Hose und aus dem steilen Dache des gegenüberliegenden Häubchens fängt sich in den blankgeputzten Messinglenchtern und das weiße Tischtuch ist daS einzig Helle im Zimmer. Es isl so still und feierlich um uns zwei . . . Ich weiß ganz genau, daß die Mittler nicht schläft, denn von Zeit zu Zeit fühle ich ihre lieben Finger in meinem Haar, flüchtig, verstohlen: Mutter ist nicht gewohnt, ihre Zärtlichkeit zti verschwenden. Ich fiihle mich unsäglich wohl in der wunderbaren Stille . . . nicht eiumal die Uhr ist zu hören, sie wird ja inuner vom Vater am Freitag zum Stehen gebracht . . . Aber ich werde doch ungeduldig. So schön der Augenblick ist — ach! seht weiß ick erst, wie schön er war! — das Kind in mir sehnt sich twch dem Schöneren, nach dem Augenblicke, da die Mutter mit einem Seufzer sich erheben, zum Himmel hinaufsehen wird, um den ersten Stern zu sehen. Jeden Sabbathabend tut sic dasselbe tind jedesmal warte ich mit Herzklopfen auf den Moment. Heute dauert es gar so lange. Ich sehe schon einen Stern am Himmel, zwei, jetzt noch einen und noch einen und ans einmal blitzt vom Fenster des Nachbars her ein Licht auf. Jetzt kann ich mich nicht mehr halten. „Mutter, wann wirst du singen? Ich sehe schon viele Sterne am Himmel stehen und bei Reb Kalmen wird schon Licht gemacht." Tie Mutter hebt ein tvenig den Kopf, senkt ihn wieder, ich fühle erwas Warmes an meinem Ohre vorbeistreichen; dann dehnt sich ihre Brust und sie singt. Getraue ich mich, die Seele jenes Sabbathausgangliedes fassen zu wollen? Darf ich die wunderbaren Worte Profanen Augen zugänglich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.