Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 5 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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70 JUNG ISRAEL. Angelegenheiten, ja selbst für die Sterbetage der nächsten Angehörigen hat. So lange der alte Salomon lebte, wurde die Jahrzeit in gewohnter Weise abgehalten: Man ging abends und morgens ins Gotteshaus und sagte das Kadischgebet, man stattete dem Friedhof einen Besuch ab und schickte Spenden an die Armen. Jetzt aber- Als Salomon vor langer Zeit nach N. kam, hatte er bereits eine schicksalsreiche Vergangenheit hinter sich. Er hatte das Schriftsetzerhandwerk erlernt, natürlich verstand er sich nur auf hebräische Druckschrift; denn Deutsch konnte er weder lesen noch schreiben. Als er etwa 30 Jahre alt war, stand er als der einzige Geselle in einer kleinen hebräischen Druckerei einer größeren Proviuzialstadt in Arbeit. In demselben Orte waren mehrere größere Druckereien, die viele Setzer beschäftigten. Eines Sonntags nachmittags nach dem Quartal war eine sogenannte „Auslage" für die Setzer angekündigt, d. h. eine Versammlung der Gesellen zur Besprechung gemeinsamer Angelegenheiten. Salomon zog seinen Sabbatrock an. um auch au der Versammlung teilzunehmen. Als er dem Meister diese Absicht mitteilte, sagte dieser zu ihm: „Salomon, geh' nicht dorthin, du bist der einzige Jude dort, und die anderen können dir Unbequemlichkeiten bereiten." „Ach was," sagte Salomon, „ich habe keine Furcht! Hab' ich doch dort gute Bekannte, mit denen ich schon manchen Schoppen Bier getrunken habe. Die würden meiner spotten, wenn ich nicht zur Auflage käme und würden mir vorwerfen, ich scheute wohl die paar Pfennige, die es dort vielleicht kosten könnte. Und sollte mir einer zu nahe kommen, nun, dann Hab ich ein paar Fäuste, die mir schou durchhelfen werden." Die Warnung des Meisters mißachtend, ging Salomon zur Auflage. Bescheiden trat er in den Saal, wo ihm der Altgehilfe einen Platz unter den zahlreich versammelten Gehilfen anwies. Sein Platznachbar war ein rothaariger, wild aussehender Geselle. Als dieser den Ankömmling erblickte, stierte er ihn mit großen Augen an. Zornröte bedeckte sein mit zahllosen Sommersprossen bedecktes Gesicht. „Was!" schrie er, von seinem Platze aufspringend, „was, ein Jude unter uns? Soll das eine ehrliche Setzerauflage sein, und ein Jude ist unter uns! Hinaus mit ihm, wenn wir unsere Genossenschaft nicht in Verruf bringen wollen!" Und schon schickte sich der Rothaarige an, Salomon zu packen, um ihn hinaus zu bringen. Doch die kräftigen Fäuste Salomons wehrten den Angriff so wirksam ab. daß der Rothaarige zurückwich. Aber bald sammelte sich eine Rotte um ihn, und unter allen Gehilfen war nicht einer, der für Salomon Partei ergriff. Selbst diejenigen standen ihm