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Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 4 (1905) · p. Seite 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
4 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 56 (sequence 12)
Language
German
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56 JUNG ISRAEL. um es dem Gastfreunde so behaglich wie möglich zu machen. Das einzige Bett, das in der Wärme stand, das Himmelbett in der Stube für die Großmutter, wurde ihm eingeräumt, und bald schnatterte Lederherz, vom Fieber geschüttelt. Der Arzt kam glücklicherweise gerade ins Dorf, er besuchte den Kranken, und beim Weggehen, als Lipp kummervoll fragte, zuckte er die Achseln. Lipp wurde leichenblaß; aber zum Kranken zurückgekehrt, tat er sorglos und suchte ihn aufzumuntern. „Ich habe heute noch nicht gebetet," klagte der Kranke, „du weißt, wie ich meine Gebetriemen anlege; hilf mir, ich kann mich nicht regen." Lipp half dem Kranken die Gebetriemen um die Stirn und den linken Arm legen und sagte endlich lächelnd: „So, jetzt kannst du besser kutschieren." Mit schacher Stimme wehrte der Kranke ab: „Mach' jetzt keinen Spaß. Tu' das nicht, du versündigst dich. Ich nehme dir's aber nicht übel. Da, gib mir die Hand, und ich bitte dich, verzeih' mir auch alles, was ich dir je zu Leid getan oder geredet, und wenn' mich mein Bruder und die anderen nicht mehr am Leben treffen, sag' ihnen, daß ich allen verziehen habe .... wenn sie mir wissentlich oder unwissentlich etwas Böses getan ... sie sollen auch mir verzeihen. —" Er murmelte leise Gebete vor sich hin, dann ries er, wie irre redend, seinen Bruder: „Gib das Gebetbuch und sag' mir das Sch'mah! Das Sch'mah will ich hören! Das Sch'mah!" Dem Lipp wurde angst und bang, als der Lederherz nun immer heftiger schrie: „Warum sagst du nichts? Sag' das Sch'mah! Ist denn keiner, der mir die Liebe antun will? Seid ihr alle stumm und blind?" Angstvoll kam der Lipp zu mir ins Pfarrhaus und erzählte alles. „Und was will er denn nur mit dem Sch'mah?" fragte er zitternd. Ich erklärte ihm, daß das die Verse 4 bis 8 im fünften Buch Mose bedeutet. Diese Worte enthalten das Glaubensbekenntnis, und mit diesen Worten auf den Lippen hauchen sie gläubig ihren letzten Atem aus. „Was sollen wir tun?" fragte Lipp. „Was wir tun können," antwortete ich, nahm meine hebräische Bibel, suchte die Stelle und begleitete Lipp nach Hause. Als ich eintrat, rief der Kranke: „Kommt Ihr? Ich bin bereit!" Ich begann nun die Worte: „Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein einiger Gott. Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft ..." Als ich dies in hebräischer Sprache laut las, sah mich der Lederherz groß an. mit jenem wunderbar strahlenden Blicke, in dem das Menschenauge nur in der Todesstunde erglänzt.

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