Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 2 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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30 JUNG ISRAEL. Sonntags nach der oben erwähnten Unterhaltung vollendete der kaiserliche Hofmaler das Porträt des Vorstehers Michael Dreyfuß von Endingen. Der Prinz ließ darunter setzen: „Michael Dreyfus, die Religion in Person." Das Bild soll sich, heute noch in Wien in der kaiserlichen Bildergallerie befinden. Die Familie Dreyfus ist heute noch eine der ältesten und angesehensten Familien der Schweiz. Im Bundespalast zu Bern existieren viele von dieser Familie herrührende Akten; nach einem dieser Dokumente hatte schon obbenannter Wolf Dreysus sehr vertrauensvolle wichtige Missionen für sein Land zu erfüllen. Israels Hesang. Am vergangenen Sabbat rnv£' ist in allen Synagogen der Abschnitt der Thora verlesen worden, der uns von dem wunderbaren Durchzug der Kinder Israel durch das Schilfmeer erzählt und das Lied enthält, das die vor den Fluten des Meeres und dem nachjagenden Feinde Geretteten sangen. Dieses uralte — wohl älteste — Volkslied erregt unsere Bewunderung. Schon über die meisterhafte Form dieses Liedes muß man staunen. Und verwundert frageir wir uns: Wo hat dieses Volk von Sklaven den Gesang gelernt? Haben denn vielleicht muntere Lieder ihre Arbeiten in Lehm und Ziegeln und alle ihre schweren Arbeiten auf dem Felde begleitet? Hat wohl der grausame Pharaoh oder haben die herzlosen Fronvögte die Geknechteten im Gesang unterweisen lassen? Nun, derselbe Gesangeslehrer und -meister, der die Lerche und Nachtigall ihre herrlichen Lieder gelehrt hat, war auch der Lehrer dieser Sklaven. Den Gesang haben sie aus sich selbst geschöpft, aus ihrem eigenen nimmer versiegenden Quell des Herzens. Wie der Hirtenknabe David ohne jede Belehrung und Unterweisung „der liebliche Sänger Israels" gewordeiz, dessen Gesänge noch heute alle Herzen ergreifen, so entrang sich einst am Schilsmeer ein herrliches Lied der dankbaren Brust Israels ohne jede Anleitung, was und wie es singen sollte. Wenn man an die unsäglichen Leiden und Martern unseres Stammes besonders in der Zeit des grauen Mittelalters denkt, dann muß man darüber staunen, daß das jüdische Volksleben so reich an wahrem Frohsinn,