Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 11 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622299--1079-9622304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wies er eine so wunderbare Geschicklichkeit, daß der dankbare Monarch ihm den Baronetstitel anbot, den er aber in seiner vielgerühmten Bescheidenheit höflichst ablehnte. — Was lehrt das Beispiel dieses Mannes? Man soll gegen jedermann höflich unb zuvorkommend fein; man sei hülfreich, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Solche Mühewaltung mag ja bisweilen störend und zeitraubend sein, aber gerade dann kann man wahre Höflichkeit zeigen. Man soll ferner diese Tugend nicht üben um eines Vorteiles willen, den man durch die kleine Dienstleistung zu erlangen hofft. Wer sich bei solcher Gelegenheit mehr oder minder gut bezahlt machen will, handelt eigennützig. Welchen ritterlicher: Edelmut bewies dagegen der junge Adair, als er ganz unerwartet in die Lage tarn, das Gebot wahrer Nächstenliebe zrr erfüllen! Und habt ihr errch rricht gefront, als ich euch vorhin erzählte, daß er von der Dame reich belohnt wurde, weiter studieren konnte und infolgedessen eine hohe Lebenssrellurrg erlangte? Seht, wie es diesem Manne erging, kann es jedem wahrer: Menschenfreunde ergeherr. Was wäre das auch für eirre Welt, wenn jeder aus Beqrremlichkeit oder Eigennutz nur fi'rr sich selbst sorgte und sich um andere, um ihr Ergehen und ihre Gefühle rricht kümrnern wollte! Da gäbe es nur Krieg und wieder Krieg, Streit urrd Not unter der: Merrschen. So wollte es aber der allgütige, barmherzige Vater im Himmel nicht. Er hat uns nicht rnrr geboten, arrdere in Friede«! zu lassen, sie in: Genüsse ihres Glückes nicht zu störerr, sondern sie auch zu lieben, wie «vir uns selbst lieben, und das heißt doch: Wir sollen uns auch nur einander kümmern, uns steuert mit den anderen und an deren Schrnerze teilnehnren: rvir sollen, rvo es not thut, manchmal auch ohne direkte Aufforderung, rms eines Mitnrenschen annehmen, sei er uns bekannt oder fremd. Oft genügt ein bloßer Rat, um ihm aus augenblicklicher Verlegenheit zu helferr, aber rnan rnuß auch kräftig Hand anlegen, wenn Not an Mann ist, auch mit seinem Gelde nicht kargen, wenn ihm damit fiir den Augenblick gedient ist. Siehe, da liegt ein Greis kraftlos am Boden, er ist über seinen Stab, auf den er sich gestützt hat, gefallen. So eile denn zu ihn:, «virs alles vor: dir, was dich in der Eile hindert, steh ihm bei und richte ihn auf. Das ist ein Fall unter vielen, die im täglichen Leben Vorkommen, und für alle gilt das Goethesche Wort: „Edel sei der Mensch, hülsreich und gut, das rnrterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen." So sei aber immer! Nicht dann und wann, nicht nur wenn die That Gewinn und Lohn verheißt. Der Trieb zum Helsen komnre stets geradeswegs aus dem Herzen. Ebensowenig wie Eigennutz und Bequemlichkeit dürfen Stolz und Hochmut dich manchmal hindern, höflich und gütig zu sein. Eitler Stolz! Du siehst so hochmütig herab aus die gequälten Menschenkinder, gönnst ihnen, wie einem Ameisenhaufen, Wohl zuweilen einen prüfenden Blick aus Neugierde, zumeist aber gehst du gleichgiltig an ihnen vorüber.