Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 6 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622194--0984-9622209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
93 Als dem Kaiser einmal eine Liste derjenigen Offiziere vorgelegt wurde, die ihres vorgerückten Alters wegen zur Disposition gestellt werden sollten, entgegnete er auf die Bemerkung des Vortragenden, „dass die Armee keine Invaliden gebrauchen könne“: „Aber, mein Lieber, dann müssten wir ja mit mir zuerst anfangen!“ * * * Es war in Clermont im Jahre 1870, wo einige Tage nach der blutigen Schlacht von Sedan sich das grosse Hauptquartier befand. Wie immer galt der Befehl, dass im (Hauptquartier nicht requiriert werden dürfe. Ein bayerischer Hauptmann, der mit seinem Regiment den ganzen Tag im heftigen Regenwetter marschiert hatte und in Clermont einquartiert war, hatte dringendes Verlangen nach einer Flasche Wein und gab seinem Burschen einen Thal er und den Befehl, eine solche zu kaufen. Lange sucht der Bursche nach einer Wirtschaft, endlich entdeckt er eine solche und freudestrahlenden Blickes tritt er in das Haus, trotz der beiden Schildwachen, welche vor demselben stehen. Er dringt im Innern vorwärts und klopft an eine Thür, welche ihm ein älterer höherer Offizier öffnet. Der Bayer trägt ihm sein Anliegen vor und verlangt eine Flasche Wein für seinen Ilauptmann. Bald darauf kehrt der freundliche Offizier in Begleitung eines Lieutenants zurück, der dem Soldaten eine Flasche Wein giebt, aber den angebotenen Thal er entschieden zurückweist. Als der Soldat jedoch darauf besteht, den Wein zu bezahlen, sagt der ältere Offizier: „Sage nur Deinem Ilauptmann, den Wein schickt ihm der König von Preussen, er lässt ihm guten Appetit wünschen!“ Der Bursche trollt von dannen. Im Quartier angekommen, stellt er die Flasche Wein auf den Tisch und legt den Thaler daneben. „Kerl, habe ich dir nicht gesagt, Du sollst nicht requirieren. Warum hast Du den Wein nicht bezahlt?“ „Zu Befehl! Aber der Herr, der mir den Wein gab, sagte, er sei der König von Preussen und lässt Ihnen a guat Gr’sundheit wünschen.“ Paris hatte capituliert, und der Waffenstillstand war geschlossen; die deutschen Truppen waren in die feindliche Hauptstadt eingezogen. An einer Landstrasse vor den Thoren von Paris sassen in einer kleinen Weinwirtschaft eine Anzahl Blousenarbeiter, die noch \or einigen Tagen als Franctireurs1) die Deutschen bekämpft hatten. Pferdegetrampel wird hörbar, und die Blousenarbeiter treten vor das Haus und erkennen unsern Kaiser, der nur von einem Hofjäger begleitet ist. Ehrfurchtsvoll ziehen die Replubikaner den Hut und begrüssen stumm den Monarchen, der J) Franctireur Freischütze, französ. Freischärler.